Deutschland befindet sich zur Zeit in der zweiten Welle der COVID-19-Pandemie. Aufgrund der hohen Inzidenz können Infektionsketten häufig nicht mehr nachvollzogen werden, und es entwickelt sich ein "diffuses" Infektionsgeschehen. Um insbesondere gesundheitlich gefährdete Menschen zu schützen, wären Screeningverfahren auf COVID-19 in Krankenhäusern oder Altenheimen wünschenswert. Fieber könnte dabei ein mögliches Warnsymptom.

Zur Fieberdetektion werden aktuell Infrarot-Thermometer, Wärmebildkameras und Durchgangsdetektoren beworben. Der Vorteil dieser Geräte ist die berührungslose Temperaturbestimmung durch die Messung der vom Körper abgegebenen Infrarotstrahlung.
Ein Screening auf Infektionserkrankungen mittels Temperaturmessung wurde auch während der SARS-Pandemie 2002/2003 durchgeführt. Allein in Peking erfolgte bei ca. 14 Millionen Menschen in Flughäfen, Bahnhöfen und bei Straßenkontrollen ein Fieberscreening [1]. Nur bei 12 Personen lag möglicherweise eine SARS-Infektion vor. Somit konnte eine Verbreitung von SARS durch ein Massenscreening mittels Temperaturmessung nicht verhindert werden. Auch bei anderen Infektionserkrankungen wie Ebola hat sich gezeigt, dass ein Screening mittels Temperaturmessung die Verbreitung der Viren auch über die Landesgrenzen hinaus nicht stoppen kann [2].
Bei SARS-CoV-2 wurde in einigen Studien untersucht, ob möglicherweise der Einsatz von Infrarot-Thermometern in Altenheimen und in Krankenhäusern zum Infektionsschutz sinnvoll ist.
Viele Patienten bekommen gar kein Fieber
Dazu wurden in amerikanischen Altenheimen von März bis April diesen Jahres insgesamt 7.325 Bewohner auf eine SARS-CoV-2-Infektion im Rahmen eines Screenings getestet [3]. Bei 6% der Bewohner (n = 453) wurde eine SARS-CoV-2-Infektion festgestellt. Im Beobachtungszeitraum von 14 Tagen entwickelten 27% der SARS-CoV-2-positiven und 3% der SARS-CoV-2-negativen Bewohner mindestens einmalig eine Körpertemperatur von ≥ 38 °C - hatten also mindestens einmalig Fieber. Bei 73% der Altenheimbewohner hätte auch eine tägliche Temperaturmessung eine SARS-CoV-2-Infektion nicht angezeigt.
Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt eine australische Studie mit 17.517 Krankenhauspatienten [4]. Dort wurde retrospektiv untersucht, ob Patienten mit einer SARS-CoV-2-Infektion (n = 279) zum Zeitpunkt der PCR-Testung Fieber entwickelt hatten. Bei einer einmaligen Messung im Temporalbereich wurde bei 19% der Patienten Fieber festgestellt. Bei mehrmaliger Messung innerhalb von 24 h erhöhte sich die Prävalenz auf 24%. Da viele Patienten kein Fieber im Rahmen der SARS-CoV-2-Infektion entwickeln, ist ein effektives Screening durch regelmäßige Temperaturmessungen nicht gegeben.
Welchen Einfluss hat die Messmethode?
Auch die Messmethode könnte einen Einfluss auf das Screeningergebnis haben. Haimovich et al. verglichen in 1.292 Patientenfällen einer Krankenhausnotaufnahme die Ergebnisse der Infrarotmessung im Bereich der Temporalaterie mit dem Goldstandard, der rektalen Temperaturmessung bei Vorliegen von Fieber (≥ 38 °C) [5]. Dabei ergab sich eine Sensitivität von 0,27 (95%-Konfidenzintervall [KI] 0,27-0,31) und eine Spezifität von 0,98 (0,96-0,99). Das bedeutet, dass durch die Infrarotmessung nur einer von drei Patienten mit Fieber erkannt wird.
Zudem hat gerade in der kalten Jahreszeit der Untersuchungsstandort der Infrarotmessung einen erheblichen Einfluss auf die Screeningergebnisse. In einer österreichischen Studie wurde bei jeweils 46 Männern und Frauen die Temperatur im Stirnbereich unmittelbar nach Eintritt in das Krankenhaus gemessen [6]. Im Studienzeitraum März und April 2020 lagen die Außentemperaturen vor dem Krankenhaus zwischen -5,5 °C und 0 °C, im Krankenhaus war die Raumtemperatur konstant 20,5 °C. Direkt nach Eintritt in das Krankenhaus lag die tiefste Temperatur im Stirnbereich bei 33,17 ± 1,45 °C. Erst nach 60 min normalisierte sich die äußere Körpertemperatur. Somit würde die Körpertemperatur bei niedrigen Außentemperaturen durch ein Screening mittels Infrarotmessung deutlich unterschätzt werden.

Anschrift des Verfassers: Prof. Dr. med. Markus Bleckwenn.
Leiter der Selbstständigen Abteilung für Allgemeinmedizin der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig Philipp-Rosenthal-Straße 55, Haus W, D-04103 Leipzig E-Mail: Markus.Bleckwenn@medizin.uni-leipzig.de
Fazit für die Praxis.
Ein Fieberscreening ist bei SARS-CoV-2 nicht sinnvoll.
Die meisten Menschen haben trotz nachgewiesener SARS-CoV-2-Infektion zum Zeitpunkt der Untersuchung kein Fieber.
In der kalten Jahreszeit erschwert zudem die Umgebungstemperatur eine exakte Temperaturbestimmung mit den häufig eingesetzten Infrarot-Thermometern.
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