Auch in der Kardiologie wurde das Jahr 2020 infolge der COVID-19(„coronavirus disease 2019“)-Pandemie zu einem Jahr mit ungeahnten Herausforderungen. Bereits in der ersten Welle der Pandemie wurde das Thema „COVID-19“ von uns in einem eigenen Herz-Themenheft 4/2020 und einem zugehörigen Editorial aufgegriffen [1]. Die Pandemie hat seitdem auch in der Herz-Kreislauf-Medizin relevante Kollateralschäden hinterlassen. Wir wissen, dass SARS-CoV‑2 („severe acute respiratory syndrome coronavirus 2“) nicht nur die Lunge, sondern auch Herz und Gefäße schädigen und Thrombosen auslösen kann. Sehr bedauerlich war das paradoxe psychologische Phänomen, dass Patienten mit akuten Herzinfarkten und Schlaganfällen aus Angst, sich im Krankenhaus mit SARS-CoV‑2 zu infizieren, im Notfall viel seltener als zuvor ärztliche Hilfe in Anspruch genommen haben. Weltweit wird seit dem Ausbruch der Pandemie in allen Akutkrankenhäusern und Herzzentren ein signifikanter Rückgang der Notfallaufnahmen von Herzinfarkt- und Schlaganfallpatienten um bis zu 40 % berichtet. Viele Patienten kommen entweder gar nicht oder viel zu spät zu einer lebensrettenden Reperfusionstherapie in die Klinik. Das Phänomen dürfte auch längerfristige Auswirkungen auf die kardiovaskuläre Morbidität und Mortalität haben. Beim Schreiben dieses Editorials im November 2020 befindet sich Europa in einer zweiten Infektionswelle mit einem erneuten „Lockdown“ wegen der rapide ansteigenden Infektionszahlen. Nach Informationen der Johns Hopkins University wurden bis zum 30. Oktober 2020 weltweit 46.118.051 Menschen mit SARS-CoV‑2 infiziert. Weltweit sind bisher 1.196.020 Menschen an oder mit der Erkrankung COVID-19 verstorben [2]. In Deutschland wurden bis zum gleichen Zeitpunkt 539.530 Menschen infiziert, 10.494 Todesfälle im Zusammenhang mit der Erkrankung COVID-19 waren zu beklagen.
Wegen der COVID-19-Pandemie konnten im Jahr 2020 auch kardiologische Kongresse einschließlich der Jahrestagung der European Society of Cardiology (ESC) nicht mehr als Präsenzveranstaltungen, sondern nur noch als Faculty-Veranstaltungen oder virtuelle Onlinekongresse stattfinden. Da die Planung neuer ESC-Leitlinien eine Vorlaufzeit von mehr als 2 Jahren hat, waren das Virus SARS-CoV‑2, die Erkrankung COVID-19 und deren Einfluss auf die Kardiologie bei der Leitlinienplanung für das Jahr 2020 noch vollkommen unbekannt. Im Rahmen des Onlinekongresses der ESC im August 2020 wurden 4 neue Leitlinien zu folgenden Themen vorgestellt und zeitgleich online im European Heart Journal publiziert: die „2020 ESC Guidelines for the management of acute coronary syndromes in patients presenting without persistent ST-segment elevation“ ([3]; 79 Seiten Volltext), die „2020 ESC Guidelines for the management of adult congenital heart disease“ ([4]; 83 Seiten Volltext), die „2020 ESC Guidelines for the diagnosis and management of atrial fibrillation developed in collaboration with the European Association of Cardio-Thoracic Surgery (EACTS)“ ([5]; 126 Seiten Volltext) und die „2020 ESC Guidelines on sports cardiology and exercise in patients with cardiovascular disease“ ([6]; 80 Seiten Volltext). Zu allen 4 ESC-Leitlinien 2020 sind wie immer kürzere Pocket-Guidelines erhältlich. Diese Pocket-Versionen sind gebührenpflichtig und müssen bei einer Mindestabnahmemenge von 10 Exemplaren bei der ESC angefordert werden.
Wegen der bedrohlichen Entwicklung der COVID-19-Pandemie und deren hoher Relevanz für kardiovaskuläre Erkrankungen hat die ESC nach der ersten COVID-19-Welle zusätzlich ein Positionspapier mit dem Titel „ESC Guidance for the diagnosis and management of CV disease during the COVID-19 pandemic“ ([7]; 119 Seiten, letztes Update 10. Juni 2020) herausgegeben.
Die Intention des vorliegenden Leitlinienhefts ist es, erneut eine schnellere Verbreitung der recht umfangreichen ESC-Leitlinien im deutschen Sprachraum zu erreichen. Die Aufgabenstellung für die deutschsprachigen Autoren war erneut die komprimierte Beantwortung der Frage: „Was ist in den ESC-Leitlinien 2020 neu, und was ist besonders wichtig?“
Für die Bearbeitung der „2020 ESC Guidelines for the management of acute coronary syndromes in patients presenting without persistent ST-segment elevation“ konnten wir die Autoren H. Thiele und A. Jobs aus Leipzig gewinnen. Unser Mitherausgeber der Zeitschrift Herz, Prof. Thiele, ist einer der beiden „lead authors“ dieser ESC-Leitlinie. Die „2020 ESC Guidelines for the management of adult congenital heart disease“ wurden von F.J. Ruperti-Repilado, C. Thomet und M. Schwerzmann aus Bern kommentiert. A.S. Shamloo, N. Dagres und G. Hindricks aus Leipzig haben die „2020 ESC Guidelines for the diagnosis and management of atrial fibrillation“ bearbeitet, wobei Herr Prof. Hindricks gleichzeitig der „lead author“ der zugrunde liegenden ESC-Leitlinie ist. Die „2020 ESC Guidelines on sports cardiology and exercise in patients with cardiovascular disease“ wurden von Herrn Prof. Halle aus München bearbeitet. Es sind die ersten Leitlinien der ESC zur Sportkardiologie.
Die Kommentierung der ebenfalls sehr umfangreichen „ESC Guidance for the diagnosis and management of CV disease during the COVID-19 pandemic“ hat Herr Prof. Maisch, Mitherausgeber von Herz, übernommen.
Die Herausgeber dieses Leitlinienhefts 1/2021 wünschen den Lesern der Zeitschrift Herz in diesen schwierigen Zeiten v. a. Gesundheit und Sicherheit, ein baldiges Ende der Pandemie und erneut viel Freude bei der Lektüre dieses Hefts.
Ihre
Dr. med. Rolf Dörr
Prof. Dr. med. Bernhard Maisch
Interessenkonflikt
R. Dörr und B. Maisch geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.
Literatur
- 1.Maisch B, Dörr R. COVID-19—what we know and what we need to know: there are more questions than answers. Herz. 2020;45(4):311–312. doi: 10.1007/s00059-020-04929-9. [DOI] [PMC free article] [PubMed] [Google Scholar]
- 2.Johns Hopkins University (2020) Johns Hopkins Coronavirus resource center. https://coronavirus.jhu.edu. Zugegriffen: 30. Okt. 2020
- 3.Collet JP, Thiele H, Barbato E, et al. 2020 ESC guidelines for the management of acute coronary syndromes in patients presenting without persistent ST-segment elevation. Eur Heart J. 2020 doi: 10.1093/eurheartj/ehaa575. [DOI] [PubMed] [Google Scholar]
- 4.Baumgartner H, De Backer J, Babu-Narayan SV, et al. 2020 ESC guidelines for the management of adult congenital heart disease. Eur Heart J. 2020 doi: 10.1093/eurheartj/ehaa554. [DOI] [PubMed] [Google Scholar]
- 5.Hindricks G, Potpara T, Dagres N, et al. 2020 ESC guidelines for the diagnosis and management of atrial fibrillation developed in collaboration with the European Association of Cardio-Thoracic Surgery (EACTS) Eur Heart J. 2020 doi: 10.1093/eurheartj/ehaa612. [DOI] [PMC free article] [PubMed] [Google Scholar]
- 6.Pelliccia A, Sharma S, Gati S, et al. 2020 ESC guidelines on sports cardiology and exercise in patients with cardiovascular disease. Eur Heart J. 2020 doi: 10.1093/eurheartj/ehaa605. [DOI] [PubMed] [Google Scholar]
- 7.European Society of Cardiology (2020) ESC guidance for the diagnosis and management of CV disease during the COVID-19 pandemic. https://www.escardio.org/Education/COVID-19-and-Cardiology/ESC-COVID-19-Guidance. Zugegriffen: 30. Okt. 2020
