Skip to main content
Springer Nature - PMC COVID-19 Collection logoLink to Springer Nature - PMC COVID-19 Collection
. 2020 Dec 15;42(12):22–23. [Article in German] doi: 10.1007/s35114-020-0333-x

Digitale Lehrkonzepte flächendeckend etablieren

Peter Liggesmeyer 1,
PMCID: PMC7735804

Was genau ist digitales Lernen? Und wo entfaltet es sein größtes Potenzial? Antworten darauf könnten digitale Lehrkonzepte liefern; zumindest, wenn sie endlich über alle Bildungseinrichtungen hinweg entwickelt - und eingesetzt - würden. Ein Vorschlag.

Die Corona-Krise stellt das Bildungssystem in Deutschland vor enorme Herausforderungen. Wohl kaum eine Schule, Universität oder Fortbildungseinrichtung war zu Beginn der Pandemie gänzlich darauf vorbereitet, sämtliche Lehrangebote digital zur Verfügung zu stellen. Die Folge: In Teilen konnte der Unterricht aufgrund fehlender Konzepte und einer mangelnden technischen Ausstattung überhaupt nicht stattfinden. Und selbst Institute stießen an ihre Grenzen, die in der Vergangenheit bereits in die Digitalisierung investiert hatten.

: In Baden-Württemberg wird bereits seit einigen Jahren das Lernmanagementsystem "Moodle" an Schulen eingesetzt. Nachdem Anfang März jedoch rund 71.000 Userinnen und User gleichzeitig auf die Plattform zugreifen wollten, brach diese vorübergehend zusammen - für einen derartigen Ansturm reichten die Server-Kapazitäten schlichtweg nicht aus. Grund genug, sich nochmals eingehender mit den Herausforderungen infolge der Digitalisierung von Schulen, Hochschulen & Co. auseinanderzusetzen.

Unvollständige Digitalisierungs-Debatte

Seit Jahren führt die Diskussion über die Digitalisierung der hiesigen Bildungsinstitute am eigentlichen Kernthema vorbei. Anstatt die Entwicklung von digitalen Lehrkonzepten voranzutreiben, stehen oft allein die Infrastruktur sowie die technische Ausstattung der Einrichtungen im Fokus.

Zwar verfügt aktuell noch nicht einmal ein Drittel der deutschen Schulen über einen Gigabitanschluss, wie aus einer Anfrage an das Bundesverkehrsministerium hervorgeht. Die Grundinstallation allein nützt den Bildungseinrichtungen langfristig jedoch relativ wenig; nämlich vor allem dann nicht, wenn Lehrende gar nicht wissen, wie sie Lehrinhalte sinnvoll digital vermitteln können.

Auch das im Juli dieses Jahres verabschiedete Sofortprogramm der Bundesregierung für die digitale Unterstützung der Schulen sieht erneut lediglich Mittel für die Bereitstellung von Endgeräten vor. Ganze 550 Millionen Euro sollen seitens des Bundes und der Länder in die Anschaffung von Laptops und Tablets fließen. Konzepte für die Entwicklung digitaler Lerninhalte sucht man aber auch hier vergebens.

Doch was genau bedeutet eigentlich "digitales Lehren"? Und wo macht es Sinn? Die Beantwortung eben dieser Fragen stellt derzeit Angehörige des Bildungssektors vor große Herausforderungen. Denn: Digital ist nicht gleich digital. Während eine Lehrerin ein Übungsblatt mit Rechenaufgaben entweder nur einscannen und ihren Schülern digital schicken kann, könnte sie dieselbe Thematik beispielsweise auch mit einem Online-Rechenspiel vermitteln. Beide Varianten sind streng genommen "digital" - bei erstgenannter Version wird jedoch lediglich eine analoge Aufgabe auf ein digitales Medium übertragen. Das "Mathe-Game" hingegen stellt selbst einen digitalen Lerninhalt dar. Je nach Alter der Schülerinnen und Schüler ließen sich mit ebensolchen spielerischen Herangehensweisen erzielen.

Mangelnde wissenschaftliche Analyse

In der Theorie mag das plausibel klingen; in der Praxis ist jedoch noch immer die digitale Überführung analoger Aufgaben wesentlich stärker verbreitet. Der Grund: Ohne eine umfangreiche wissenschaftliche Analyse digitaler Lehrkonzepte ist es für viele Lehrende schlichtweg nicht greifbar, wann neue Unterrichtsmethoden Sinn machen - und welche Möglichkeiten sich hierbei überhaupt bieten. Darüber hinaus fehlt im Tagesgeschäft sicherlich auch die Zeit zur Erarbeitung geeigneter Konzepte.

Um an dieser Stelle keinen falschen Eindruck zu erwecken: Digitale Lehrinhalte um jeden Preis können keineswegs das Ziel sein. Eine Kombination aus analogen und digitalen Aufgaben gemäß dem sogenannten "Blended Learning" ist wesentlich sinnvoller. Denn: Je nach Thema sind analoge Übungen mitunter zielführender. Einem Chemie-Studenten oder einer Physik-Studentin einen praktischen Laborversuch rein digital näherbringen zu wollen, macht ähnlich wenig Sinn, wie eine Sportübung nur in der Theorie "auszuprobieren".

Entsprechend bedarf es dringend einer grundsätzlichen Aufarbeitung des Nutzens digitaler Lehrkonzepte sowie einer Übersicht darüber, welche Methoden überhaupt mit welchen Mitteln umsetzbar sind. Und genau hier kommt wieder die Kostenfrage ins Spiel: Sollen tatsächlich alle Bildungseinrichtungen hierzulande die Möglichkeiten der digitalen Lehre voll ausschöpfen können, müssen dafür vollständige - mitunter recht aufwendige - Konzepte erstellt werden.

graphic file with name 35114_2020_333_Fig1_HTML.jpg

Länderübergreifende Bildungscloud

Eine mögliche Lösung dafür: eine länderübergreifende Bildungs-Cloud gemäß dem Baukasten-Prinzip. Jede Lehrerin und jeder Hochschulprofessor könnten dabei je nach Unterrichtsfach und Lehrinhalt genau das Konzept aussuchen, das sie gerade benötigen. Die Lehrinhalte selbst müssten dafür nur einmal erstellt werden - und nicht für jedes Bundesland und für jede Bildungseinrichtung einzeln.

Bereits vor vier Jahren hat das Bundesbildungsministerium ein solches Projekt - zumindest in Teilen - schon einmal gewagt. Im Rahmen des 10. Nationalen IT-Gipfels in Saarbrücken hatte die Plattform "Digitalisierung in Bildung und Wissenschaft" unter der Leitung der damaligen Bildungsministerin Johanna Wanka eine sogenannte Schul-Cloud angeregt. Auf der Plattform sollten sämtliche Schulen bundesweit die Möglichkeit erhalten, Unterrichtsmaterialien einzustellen, auszutauschen und neue Inhalte zu entwickeln.

So weit, so gut. Noch vor der Covid-19-Pandemie stand die Schul-Cloud jedoch lediglich den rund 300 Schulen aus dem kooperierenden Exzellenznetzwerk MINT-EC zur Verfügung. Tatsächlich fand die Plattform sogar nur in Brandenburg, Niedersachsen und Thüringen bis dato tatsächlich Anwendung. Die übrigen 13 Bundesländer standen der Cloud eher skeptisch gegenüber; sie zweifelten daran, inwieweit sie die Inhalte darin selbst bestimmen könnten.

Inzwischen hat die Bundesregierung die Schul-Cloud in der Krise zwar deutschlandweit allen Schulen kostenfrei zur Verfügung gestellt. Trotzdem wird sie noch lange nicht flächendeckend genutzt. Insbesondere die wiederkehrende Kritik an möglichen scheint so manche Einrichtung noch immer abzuschrecken.

Fokus auf Datennutzungskontrolle

In diesem Bereich gibt es allerdings schon längst sinnvolle Lösungsansätze. Beispielsweise könnte im Rahmen einer Datennutzungskontrolle klar geregelt werden, welcher Teilnehmer und welche Teilnehmerin die entsprechenden Daten nutzen darf - und welche eben nicht. Das sorgt für zusätzliche Sicherheit, da es ungeregelte Datenzugriffe in einer solch groß angelegten Cloud-Lösung verhindert.

Zudem sollte das Thema Bildungs-Cloud nicht allein auf Schulen beschränkt sein - auch Fachhochschulen, Universitäten, Berufsschulen oder berufliche Fortbildungsinstitute könnten von einer übergreifenden Plattform enorm profitieren. Der Anstoß dafür müsste jedoch von der Politik kommen. Es wird Zeit, sich den wachsenden Bedürfnissen der Bildungseinrichtungen zu stellen und deren Ressourcen zu bündeln. Bildung darf an keiner Landesgrenze enden; sie muss Lehrenden und Lernenden aus allen Bundesländern gleichermaßen zur Verfügung stehen.

Prof. Dr. Peter Liggesmeyer

ist Leiter des Fraunhofer-Instituts für Experimentelles Software Engineering IESE in Kaiserslautern und Informatik-Professor an der TU Kaiserslautern.graphic file with name 35114_2020_333_Figb_HTML.jpg


Articles from Innovative Verwaltung are provided here courtesy of Nature Publishing Group

RESOURCES