Frank Jorga, Chef und Gründer von Web ID, über alte und neue Verfahren der Identifikation, die digitale Identität sowie die Vernetzung von Kunden und Anbietern auf einer Plattform.

Herr Jorga, Ihr Unternehmen bietet Identifikationsverfahren an. Welche sind bei Geldhäusern am häufigstem im Einsatz?
Die Identifizierung von Kunden bei Banken und Sparkassen ist kein einfacher Vorgang, da sie die Anforderungen gemäß Geldwäschegesetz, kurz GwG, erfüllen muss. Wir bieten zwei Verfahren an, die laut Finanzaufsicht BaFin diese Anforderungen erfüllen. Das erste Verfahren ist die Videoidentifikation, die Web ID 2014 erfunden hat und die bei rund 60 Prozent der großen deutschen Banken mit Privatkundengeschäft zum Einsatz kommt. Damit wurde es überhaupt erst möglich, Online-Identifikationen durchzuführen. Als zweites Verfahren gibt es die voll automatisierte Identifizierung auf Basis von Onlinebanking, unser Web ID Konto Ident. Außerdem verwenden zahlreiche Banken unsere Lösung für Online-Vertragsabschlüsse, etwa zum Abschluss von Kreditverträgen.
Welche Institute gehören bei der Videoidentifikation schwerpunktmäßig zu Ihren Kunden?
Wir konzentrieren uns nicht auf die breite Menge der kleineren Geldhäuser, also Sparkassen und Genossenschaftsbanken, sondern auf die großen, internationalen Institute. Zu unseren Kunden zählen zum Beispiel die Deutsche Bank mit Postbank, die Targobank, Santander, die ING, aber auch die DKB.
Kunden wollen ihre Finanzgeschäfte bequem erledigen, weshalb digitale beziehungsweise videobasierte Ident-Verfahren schon vor der Pandemie für Banken kein Neuland mehr waren. Welche Corona-bedingten Folgen sehen Sie?
Zum einen zeigen die stetig steigenden Transaktionszahlen in unserem Hochsicherheitscenter, dass immer mehr Menschen die kontaktlosen Identifikationen etwa per Video vorziehen. Derzeit ist so mancher Kunde froh, wenn er für die Identifikation nicht vor die Haustür muss. Mit unseren Verfahren bauen wir Barrieren ab. Zum anderen werden Digitalisierungsprojekte, die vorher von den Banken langfristig geplant waren, nun beschleunigt. Ein vielleicht nicht offensichtlicher Aspekt betrifft den Einsatz von voll automatisierten Lösungen wie unserem neuen Produkt Konto Ident: Daneben, dass wir uns sehr bemühen, unsere Video-Agenten vor Infektionen zu schützen versuchen, bilden diese Verfahren einen wichtigen Baustein zur Aufrechterhaltung des Betriebs in Pandemiezeiten. Aber auch für unsere Video-Agenten, die für die Identifikation in einer äußerst sicheren Umgebung tätig sein müssen, hat die Finanzaufsicht die Arbeit aus dem Homeoffice zugelassen. Unsere Sicherheitsvorkehrungen für die Homeoffice-Arbeitsplätze unserer Video-Agenten haben wir zertifizieren lassen.
Um wie viele Jahre hat das Corona-Virus die Digitalisierung der Banken nach vorn gebracht?
Es gibt bereits digital ausgerichtete Institute, aber bei mancher Bank habe ich den Eindruck, sie hat die kommenden fünf Jahre übersprungen. Entscheidungen fallen plötzlich zwei- bis dreimal so schnell. Ich rechne allerdings damit, dass sich das Tempo wieder verlangsamen wird, sobald die neue Normalität Einzug hält. Alles andere wäre utopisch zu glauben.
Was hat Sie zu Ihrem neuem Produkt Konto Ident motiviert?
Von Partnern wie uns erwarten die Banken, dass wir von uns aus als Innovationstreiber neue Verfahren erfinden. Zugleich stellen die Institute auch Fragen, beispielsweise, welche Angebote wir für Kunden haben, die keine Videoidentifikation nutzen, etwa weil ihre Datenverbindung dafür nicht ausreicht oder weil sie kein persönliches Gespräch führen möchten. Also haben wir mit der Entwicklung begonnen und uns erneut mit der BaFin abgestimmt. Bis wir mit der Lösung durchstarten konnten, wie bei der Videoidentifikation übrigens wieder als die europaweit Ersten, hat es rund zwei Jahre gedauert.
Im Oktober haben Sie mitgeteilt, dass sich ein Drittel der Endnutzer für Konto Ident entscheidet. Wie sah die Nutzungsrate aus, als Sie das Angebot gelauncht haben?
Die erste Bank, die Konto Ident eingesetzt hat, war die SWK Bank. Als wir dort damit live gegangen sind und den ersten Kunden das Verfahren angeboten haben, haben es rund fünf Prozent genutzt. Mittlerweile sind wir bei der SWK bei einer Quote von über 50 Prozent, bei anderen Banken sogar bei 70 Prozent. Wir haben bei Konto Ident von Anfang an darauf hingearbeitet, eine hohe Kundenakzeptanz sicherzustellen, weshalb wir jetzt über alle Banken hinweg eine Nutzungsrate von mehr als 30 Prozent sehen. Das ist für uns ein Riesenerfolg, denn es zeigt, dass das Produkt rechtlich und sachlich funktioniert, aber auch vom Endkunden verstanden wird.
Wie wird sich die Nutzung der drei Hauptidentifikationsverfahren außerhalb der Bankfiliale - Post Ident, Video Ident und Konto Ident - künftig aufteilen?
Ich schätze, dass in Zukunft etwa zehn Prozent der Kunden noch zur Post gehen werden und der große Rest sich hälftig auf Video und Konto Ident verteilt.
Welche Innovationen können Sie sich in Ihrem Geschäftsfeld für die Zukunft vorstellen?
Wir arbeiten an zwei Innovationen. Die erste beschäftigt sich mit digitalen Identitäten. In diesem Zusammenhang tragen wir zur Meinungsbildung in Politik und Wissenschaft bei. Unter anderem, weil wir einem Endkunden, der sich über uns identifiziert, künftig die Möglichkeit bieten wollen, eine dauerhafte und sichere digitale Identität anzulegen.
Wie können wir uns das vorstellen?
Die digitale Identität legen wir in einen gepanzerten Container, den nur der Kunde öffnen darf. Schließlich gehört die Identität allein dem Kunden. Der Vorteil bei einer sicher verwahrten digitalen Identität ist, dass sich der Kunde damit künftig ohne Konto Ident, Video Ident oder ein anderes Verfahren ausweisen kann.
Und die zweite Innovation?
Die zweite Innovation ist die Global Trust Technology Platform, kurz GTTP. Darauf vereinen wir all unsere Produkte und die Datenbank mit den digitalen Identitäten. Außerdem schließen wir Drittanbieter an. Das gibt Endkunden, aber auch unseren Geschäftskunden die Möglichkeit, alles, was die Plattform bietet, zu nutzen. Denn uns ist klar, dass wir mit Web ID niemals selbst alle Identifikationsmöglichkeiten erfinden können und nie die digitalen Identitäten aller Menschen in unserer Datenbank haben werden. Deshalb ist unser Ziel die Vernetzung.
Ihr Haus ist Teil der Kooperation zwischen Amazon und Barclaycard. Das Institut bietet seit Mitte November die Finanzierung von Einkäufen bei amazon.de an. Beim Check-out wird der Kunde zum Videochat von Web ID weitergeleitet, wo seine Identität geprüft wird. Wie ist die Kooperation angelaufen?
Sehr gut. Der Black Friday etwa ist zur Zufriedenheit aller verlaufen. Das zeigt uns wieder, dass die Sicherheit der Videoidentifikation mit dem Nutzererlebnis vereinbar ist und zu einer Steigerung der Konversionsraten führt.
Das Gespräch führte Stefanie Hüthig.
Mehr, etwa zu der Expansion ins Ausland von Web ID, lesen Sie unter springerprofessional.de/link/18668822.
Kompakt.
Name: Web ID
Web: webid-solutions.de
Hauptsitz: Berlin
Mitarbeiter: 700 im Hochsicherheitscenter zu Videoidentifikation, rund 80 in den Fachbereichen
