Prof. Dr. med. Dr. med. dent. Dieter Weingart (Abb. 1) verstarb nach kurzer schwerer Krankheit am 13. August 2020, in seinem 67. Lebensjahr – ein herausragender Mund-Kiefer-Gesichts-Chirurg und charismatischer Klinikdirektor der MKG-Klinik am Katharinenhospital des Klinikums Stuttgart, dem die Mund‑, Kiefer- und Gesichtschirurgie wichtige Impulse verdankt.

Dieter Weingart, im badischen Pforzheim aufgewachsen, begann seine Berufsausbildung mit einer abgeschlossenen Zahntechnikerlehre in Karlsruhe. Danach studierte er von 1978 bis 1985 Human- und Zahnmedizin an den Universitäten Tübingen und Freiburg. 1984 erlangte er die ärztliche Approbation und promovierte zum Dr. med., 1985 zum Dr. med. dent. Von 1985 bis 1989 erhielt Weingart seine Facharztweiterbildung zum Mund-Kiefer-Gesichts-Chirurgen an der Universität Freiburg bei Prof. Wilfried Schilli. 1992 erhielt er die Zusatzbezeichnung „Plastische Operationen“. Weingart habilitierte 1993 zum Thema „Therapie des zahnlosen Kiefers – Knochentransplantate, enossale Implantate und implantatgetragene Suprastrukturen“. 1993 folgte er Prof. Ulrich Joos als Oberarzt und Leiter der Poliklinik an die Westfälische Wilhelms-Universität Münster und avancierte 1995 zum leitenden Oberarzt und C3-Professor.
1996 wurde Weingart im Alter von 42 Jahren Ärztlicher Direktor der MKG-Klinik im Katharinenhospital Stuttgart. Über 23 Jahre lang haben Weingart und ich als sein Oberarzt harmonisch zusammengearbeitet. Es ist mir ein Anliegen, Verdienste und Persönlichkeit meines Chefs – und Mentors – aus persönlicher Warte zu würdigen. Dabei können im vorgegebenen Rahmen nicht alle Aspekte erwähnt werden.
Weingart kam an das Katharinenhospital Stuttgart, um zu bleiben. Er war der Region und der Landeshauptstadt Baden-Württembergs verbunden und sah diese Klinik als berufliche Lebensaufgabe. Er leitete damit eine der größten außeruniversitären MKG-Fachabteilungen Deutschlands fast ein Viertel Jahrhundert lang und bewirkte, dass auch anspruchsvollste Fälle in unserem Haus der Maximalversorgung am Klinikum Stuttgart im Katharinenhospital MKG-chirurgisch versorgt werden konnten.
Das Gebiet der plastisch-rekonstruktiven Chirurgie beherrschte Weingart u. a. durch seinen ausgeprägten Sinn für Ästhetik sowohl in der ästhetischen Gesichtschirurgie als auch bei Rekonstruktionen durch Nah- und Fernlappenplastiken – so bei Gesichtshauttumoren. Frühzeitig führte er die Laserchirurgie ein. Er war ein erfahrener Mikrochirurg und hatte hohe Ansprüche an die funktionellen Ergebnisse, wenn es um Rekonstruktionen nach Tumoroperationen in der Mundhöhle ging. Seine Idee, in ausgesuchten Fällen mikrovaskuläre Transplantate über intraorale Anastomosen anzuschließen, zeigt seine Kreativität und war damals weltweit erstmalig. Er beschaffte Spitzenoperationsmikroskope, die uns die intraoperative Angiographie als Qualitätsprüfung der Anastomosen ermöglichten. Weingart war ein beherzter und sorgfältiger Tumorchirurg, er förderte früh die Interdisziplinarität und veranlasste 2011 die Gründung des Kopf-Hals-Tumor-Zentrums. Ganz besonderes Augenmerk legte er auf die Spaltchirurgie. Er führte die Delaire-Technik in Stuttgart ein und erreichte in wenigen Operationsschritten ausgezeichnete ästhetische und funktionelle Resultate. Die interdisziplinäre kraniofaziale Chirurgie bei Kraniosynostosen baute er in Stuttgart auf. Als eine der ersten Kliniken benutzen wir dabei routinemäßig resorbierbare Platten und Schrauben. Gelungene Rehabilitationen schwer verletzter Stuttgarter Spitzensportler durch Weingart fanden öffentliche überregionale Beachtung. Patientenindividuelle CAD-CAM-Implantate kamen bei uns auf sein Betreiben frühzeitig routinemäßig zum Einsatz.
Besonders souverän war Weingart auf dem Spezialgebiet der Kieferkammrekonstruktionen und der kaufunktionellen Rehabilitation mittels enossaler Implantate. Als gelernter Zahntechniker war er unter den deutschen MKG-Chirurgen dabei ein besonders fachkundiger Spezialist. Weingart war ein minutiöser Planer und ein Perfektionist. Dies äußerte sich z. B. in der liebevollen Akribie, mit der er klinische Fotos anfertigte. Nur Bilder, die seinen Ansprüchen genügten, schafften es in einen Vortrag, ein Poster oder eine Publikation. Die Vortragsfolien selbst wurden mit hohem ästhetischem Anspruch gestaltet und klinikintern dem „corporate design“ angeglichen. Jeder Vortrag wurde mehrfach geübt.
Durch seine gewinnende Persönlichkeit, die stets zielsicher den richtigen Ton fand, hohe fachliche Kompetenz und als Teamplayer machte Weingart unsere MKG-Chirurgie zu einer in der Region bekannten, von anderen medizinischen Fachdisziplinen nachgefragten Institution. Am Klinikum Stuttgart leitete er viele Jahre das interdisziplinäre Kopfzentrum. Als Klinikdirektor zeigte Weingart bemerkenswertes Geschick in der Menschenführung: Ohne Konfrontation oder Verletzung seines Gegenübers vermochte er meisterhaft durch beharrliches Überzeugen und positive Motivation diejenigen Veränderungen zu bewirken, die er für erforderlich hielt.
Weingart pflegte bewusst gute Beziehungen zur zahnärztlichen Kollegenschaft. Diese Nähe war ihm wichtig. Er blieb in der Zahnheilkunde verwurzelt und beriet die Kollegenschaft ohne Allüren. Er garantierte ihr u. a. die ständige Einsatzbereitschaft seiner Klinik im Rahmen des zahnärztlichen Notdienstes, jüngst auch als eine Covid-19-Ambulanz.
Das Potenzial der Wissenschaftlichen Vereinigung für Zahn‑, Mund- und Kieferheilkunde Stuttgart e. V. schätzte Weingart überaus: Er führte sie als korporative Gesellschaft der Deutschen Gesellschaft für Zahn‑, Mund- und Kieferheilkunde und organisierte unermüdlich wissenschaftliche Seminare zur zahnärztlichen Fortbildung für die Region mit relevanten Wissenschaftlern. Weingart gründete bereits 1998 einen Arbeitskreis für Implantologie samt eines Study Clubs und schuf daraus 2001 den Landesverband Baden-Württemberg der Deutschen Gesellschaft für Implantologie im Zahn‑, Mund- und Kieferbereich (DGI), den er als Vorsitzender lange leitete.
1992 hatte Weingart als Erster den André-Schroeder-Wissenschafts-Preis des International Team for Implantology erhalten. 1994 gewann er den Miller-Preis der Deutschen Gesellschaft für Zahn‑, Mund- und Kieferheilkunde. Er ermunterte auch sein Stuttgarter Team zu forschen und veröffentlichte selbst von 1996 bis 2020 zahlreiche Publikationen. Unsere Klinik konnte v. a. mit klinischen Studien zum wissenschaftlichen Fortschritt und zur Versorgungsforschung auf nationalen und internationalen Fachkongressen beitragen.
Von 2005 bis 2009 war Weingart Weltpräsident des International Team of Implantology. 2002 empfing er die deutsche Zahnärzteschaft zum Deutschen Zahnärztetag in Stuttgart als Tagungspräsident. Seine hervorragende Vernetzung im „Ländle“ ermöglichte es ihm, Lothar Späth als Festredner zu gewinnen.
2015 empfing Weingart die Deutsche Gesellschaft für Mund‑, Kiefer- und Gesichtschirurgen als Kongresspräsident zum Jahreskongress in Stuttgart. Er ließ es sich nicht nehmen, seine Gäste beim Kongressausflug zu seinem Weinberg unter dem historischen Württemberg in die Geheimnisse des Weinbaus einzuweihen und bewirtete sie in der Weinmanufaktur Untertürkheim aus eigener Lese. Wer ihn als Perfektionisten und Tüftler auf so vielen Gebieten kannte, wunderte sich im Übrigen auch nicht über die Akribie, mit der er eine kieferorthopädische Zange so modifizierte, dass sie durch ihren Einsatz im Weinberg den Ertrag seiner Reben noch zu mehren vermochte.
John Lennon sagte: „Das Leben ist das, was passiert, während du fleißig dabei bist, andere Pläne zu schmieden.“ Dieter Weingart konnte das Planen auch lassen und die Gegenwart genießen. Er war ein aktiver, vielseitiger und ehrgeiziger Sportler. Er führte gerne ausgiebige Gespräche. Er erfreute sich an den schönen Dingen des Lebens, regelmäßig auch mit unserem Klinikteam auf Festen, Ausflügen und Skifreizeiten.
Prof. Dr. Dr. Dieter Weingarts Lebenszeit war viel zu kurz. Sein plötzlicher Verlust nach schwerer kurzer Krankheit wiegt für seine Freunde, für seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und für unser Fach schwer. Dieter Weingart vermochte der MKG-Chirurgie in unserer Region – und weit darüber hinaus – durch sein Charisma ein besonders sympathisches Gesicht zu geben. Unser tiefes Mitgefühl ist bei seiner Familie. Wir werden sein Gedenken in Ehren halten.
