Eine angemessene und nachvollziehbare Eigenkapitalrendite zu ermitteln, ist für jedes börsennotierte Unternehmen von besonderer Bedeutung. Seit 2019 werden die Rufe nach einer Reform der bisherigen Berechnungsmethodik lauter. Ein praktikabler und flexibler Lösungsansatz ist der Einsatz von heuristischen Modellen.
Nach seiner Zusammenkunft Ende August 2019 verkündete der einflussreiche Business Roundtable, ein Zusammenschluss von rund 200 Vorstandsvorsitzenden der größten US-amerikanischen Unternehmen wie Apple, Walmart oder Bank of America, in seinem "Stakeholder Commitment"-Statement, Unternehmensaktivitäten nicht länger ausschließlich nach den Interessen der Eigenkapitalgeber zu gestalten. Vielmehr sind auch die Interessen anderer Stakeholder zu stärken, allen voran die ihrer Kunden und Mitarbeiter (vergleiche Business Roundtable 2019).
Dies ist insofern erstaunlich und stellt einen Paradigmenwechsel dar, da der Business Roundtable seit 1997, mehr als 20 Jahre lang, die Eigenkapitalgeber explizit in den Vordergrund der Unternehmensaktivitäten gestellt hatte. Die "New York Times" betitelte die neueste Ergebnisveröffentlichung als "Shareholder Value Is No Longer Everything" (New York Times 2019).
Kritik am Shareholder-Value-Ansatz ist keineswegs neu. Allerdings waren die Rufe aus der Unternehmenspraxis nach Alternativen nie zuvor so prominent. Um der neuen Zielsetzung gerecht zu werden, müssen Unternehmen ihre strategische Ausrichtung im Finanzbereich überdenken und weitere Stakeholder am Unternehmensgewinn partizipieren lassen. Eine Option ist, die Renditeanforderungen der Eigenkapitalgeber mithilfe einer Heuristik zu ermitteln und das Ergebnis dem Status quo gegenüberzustellen. Reduzieren sich unter Anwendung des heuristischen Modells die Eigenkapitalzinsen, kann das Unternehmen die Differenz nutzen, um sie auf andere Stakeholder zu verteilen.
Eigen- und Fremdkapitalmarktzinsentwicklung
Seit über zehn Jahren gehen die Entwicklungen des Basiszinssatzes und der Zinsen der Eigenkapitalgeber auseinander. Gemäß einer Studie von KPMG beträgt die Differenz zwischen fünf und inzwischen sieben Prozentpunkten (vergleiche KPMG 2018). Anders ausgedrückt ist der Eigenkapitalzinssatz damit mehr als dreimal so hoch wie der Basiszinssatz. Demnach haben die Eigenkapitalgeber aufgrund ihrer zusätzlichen beziehungsweise anders gearteten Risiken und trotz der eingeräumten Mitspracherechte einen enormen Aufschlag erhalten, dessen Höhe sich auch mit kapitalmarkttheoretischen Modellen nicht erklären lässt. Gerechtfertigt erscheint demnach lediglich ein Aufschlag von etwa einem Prozentpunkt gegenüber dem Basiszinssatz. Dieses ungewöhnlich hohe Auseinanderfallen der Renditen ist bereits für zahlreiche Länder sowie langfristige Zeithorizonte nachgewiesen worden und wird als "Equity Premium Puzzle" bezeichnet (vergleiche Mehra 2006, S. 4.).
Heuristiken im Finanzbereich
Eine Heuristik beschreibt allgemein die Suche nach Vorgehensweisen, mit denen sich Problemstellungen bei begrenzten Informationen pragmatisch und mit vergleichsweise geringem Aufwand lösen lassen. Die mittels einer Heuristik ermittelten Ergebnisse basieren dabei auf mutmaßlichen Schlussfolgerungen oder auch Faustregeln. Im Gegensatz zu analytischen Lösungsverfahren, wie beispielsweise einer linearen Optimierung, weichen die Ergebnisse von einer optimalen Lösung regelmäßig ab. Dafür zeichnen sich Heuristiken durch ein hohes Maß an Flexibilität aus. Die Modelle können meist problemlos angepasst oder erweitert werden (vergleiche Hermann/Nierhoff 2019, S. 1 f.).
Im Finanzbereich kommen Heuristiken unter anderem bei institutionellen Investoren zum Einsatz, wo Entscheidungen häufig unter Zeitdruck getroffen werden. Zum Beispiel schätzen sie Aktienkursentwicklungen anhand weniger exogener Einflussfaktoren, wie etwa eines bestimmten Rohstoffpreises (vergleiche Schulte/Garz 2012, S. 107 ff.).
Ein Ansatz, die Renditeforderungen der Eigenkapitalgeber mithilfe einer Heuristik zu bestimmen, geht auf Lingnau/Fuchs (2018) zurück. Im Zentrum ihrer Überlegungen steht der real existierende, unternehmensindividuelle Fremdkapitalzinssatz, in dem bereits Markt-, Branchen- und unternehmensspezifische Risiken durch die Fremdkapitalgeber eingepreist sind. Die darüber hinausgehenden Risiken der Eigenkapitalgeber werden mit individuell hergeleiteten Zuschlagssätzen berücksichtigt. Die Zuschläge teilen sie dabei in drei Dimensionen, die die Höhe der Renditeanforderungen legitimieren sollen (vergleiche Lingnau/Fuchs 2018, S. 35 ff.):
Nachrangigkeitszuschlag
Eigenkapitalgeber werden im Falle einer Insolvenz gegenüber Fremdkapitalgebern nachrangig bedient. In diesem Fall ist ihnen folglich ein höheres Risiko zu attestieren.
-
2.
Renditezuschlag
Während Fremdkapitalgeber konstante Zahlungen auf ihren geleisteten Kapitaleinsatz erhalten, schwanken bei Eigenkapitalgebern sowohl die Kurse der Anteilsscheine als auch die Dividendenzahlungen. Hier existieren neben Risiken auch Chancen.
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3.
Restzuschlag
Unter dieser Zuschlagsdimension sind Risiken zu subsumieren, die weder in einer der beiden zuvor genannten Dimensionen noch im Fremdkapitalzinssatz enthalten sind, wie zum Beispiel das Risiko einer entschädigungslosen Verstaatlichung oder auch eine Verwässerung der eigenen Anteile durch eine Kapitalerhöhung.
Insgesamt konnten Lingnau/Fuchs mit diesem Heuristik-Modell in einer ersten Untersuchung einen maximalen Zuschlag in Höhe von 10,5 Prozent auf den Fremdkapitalzinssatz ermitteln, der auf den historischen Daten deutscher börsennotierter Unternehmen zwischen 2013 und 2017 basiert (vergleiche Lingnau/Fuchs 2018, S. 37 ff.).
Diese Heuristik ist dabei keineswegs auf historische Daten begrenzt, sondern kann auch zukunftsgerichtet sowie unternehmensindividuell ausgestaltet werden. Zudem lässt sie sich zu einem geregelten Prozess ausbauen, bei dem dem Management eine aktive Rolle zukommt. Schließlich werden die so ermittelten Renditen auch gegenüber aktuellen sowie potenziellen Anlegern verwendet, um sie von dem eingeschlagenen Kurs des Unternehmens zu überzeugen. Dem Controlling als Business Partner obliegt es hierbei, den Prozess zu koordinieren sowie die Heuristik durch weiterführende Analysen argumentativ zu untermauern. Werden dazu Modelle oder externe Daten herangezogen, sollten diese allgemein anerkannt beziehungsweise für Dritte zugänglich sein. Werden interne Daten verwendet, ist auf die strategische Unternehmensplanung abzustellen. Sofern dabei neben Risiken auch Chancen existieren, sind diese separat voneinander zu ermitteln und anschließend wieder miteinander zu verrechnen. Idealerweise basieren der zugrunde liegende Fremdkapitalzinssatz und die herangezogenen Daten dabei auf äquivalenten Laufzeiten. Überdies ist es naheliegend, eine Verknüpfung mit dem Chancen- und Risiko-Management herzustellen. Abbildung 1 fasst die aufgezeigte Vorgehensweise zusammen.
Beispiel zur Anwendung in Unternehmen
In unserem Fallbeispiel möchte ein börsennotiertes Unternehmen den Empfehlungen des Business Roundtables folgen und die aktuelle Gewinnverteilung prüfen sowie gegebenenfalls eine Umverteilung der Gewinne vornehmen. Dazu sollen die bisher mit dem Capital Asset Pricing Model (CAPM) ermittelten Mindestanforderungen der Eigenkapitalgeber in Höhe von 8,45 Prozent durch die heuristische Vorgehensweise neu bewertet werden. Das Unternehmen legt Wert auf eine langfristige Finanzierung und hat hierzu die in Tabelle 1 aufgeführten Fremdkapitalinstrumente eingesetzt.
| Finanz- instrument | Restlaufzeit (in Jahren) | Volumen (in Mio. €) | Zinssatz (in %) |
|---|---|---|---|
| Anleihe I | 5,0 | 500 | 3,25 |
| Anleihe II | 7,8 | 300 | 2,50 |
| Konsortialkredit | 6,3 | 900 | 2,75 |
| Minimum/Summe/gewichteter Mittelwert | 5,0 | 1.700 | 2,85 |
Quelle: eigene Darstellung
Die minimale Restlaufzeit von fünf Jahren repräsentiert den zukünftigen Zeitraum mit sicheren Finanzierungskonditionen. Dieser Zeitraum deckt zugleich die Unternehmensstrategie ab und dient als Basis für die Ermittlung relevanter Parameter. Um die für das Heuristik-Modell zu empfehlende Laufzeitäquivalenz sicherzustellen, sollten die weiterzuverarbeitenden Daten folglich einen zukunftsgerichteten Zeitraum von fünf Jahren umfassen. Bei der genannten Laufzeit entspricht der gewichtete Fremdfinanzierungssatz 2,85 Prozent.
Bestimmung des Nachrangigkeitszuschlags
Die Bestimmung des ersten Zuschlagsatzes für die Nachrangigkeit des Eigenkapitals im Insolvenzfall erfolgt anhand der strategischen Zielsetzung des Unternehmens, eine Einstufung im Recovery Rating der Kategorie 3 der sechs möglichen Kategorien anzustreben. Recovery Ratings zeigen dabei die Deckungsquote beziehungsweise das Ausfallrisiko, das Gläubiger im Insolvenzfall eines Unternehmens tragen (vergleiche Tabelle 2).
| Kategorie | Bezeichnung | Deckungsquote |
|---|---|---|
| 2 | wesentliche Deckung | 70 %-90 % |
| 3 | bedeutsame Deckung | 50 %-70 % |
| 4 | durchschnittliche Deckung | 30 %-50 % |
Quelle: vergleiche Standard & Poor's 2014, S. 16
Gemäß der vom Unternehmen angestrebten Kategorisierung beträgt die Deckungsquote im Insolvenzfall durchschnittlich 60 Prozent. Der mögliche Insolvenzfall ist allerdings bereits im Fremdkapitalzinssatz berücksichtigt, sodass das zusätzliche Risiko der Eigenkapitalgeber zu extrahieren ist. Laut Zahlen des Statistischen Bundesamtes wurden Fremdkapitalgebern zwischen den Jahren 2010 und 2017 im Schnitt lediglich sechs Prozent ihrer Forderungen aus der Insolvenzmasse beglichen, während die Eigenkapitalgeber einen Totalverlust hinnehmen mussten (vergleiche Statistisches Bundesamt 2019; ähnlich Lingnau/Fuchs 2018, S. 37). Für die kommenden fünf Jahre geht das Unternehmen von einer konstanten Entwicklung dieses Wertes aus. Für die Ermittlung des Zusatzrisikos der Eigenkapitalgeber ist die Zieldeckungsquote mit der Deckungsquote der Fremdkapitalgeber zu multiplizieren. Für die Nachrangigkeit der Eigenkapitalgeber ergibt sich nach dieser Berechnung ein zusätzliches Risiko in Höhe von 3,6 Prozent.
Bestimmung des Renditezuschlags
Zur Ermittlung des zweiten Zuschlagssatzes wird zunächst analysiert, wie sich Schwankungen des Aktienkurses auswirken. Hierzu zieht das Unternehmen Analysteneinschätzungen heran, die regelmäßig aus zukunftsorientierten Daten hergeleitet werden und vielfach eine auf die Unternehmensstrategie abgestimmte Laufzeit aufweisen. Anhand der jeweiligen Kurserwartungen kann sodann die Volatilität, die durch den Variationskoeffizienten ausgedrückt wird, zur Quantifizierung der Schwankungsbreite ermittelt werden (vergleiche Gleißner 2016, S. 21). Um das Management argumentativ zu unterstützen, gilt es, Chancen und Risiken separat zu ermitteln. Dazu werden bei der Ermittlung des Variationskoeffizienten positive wie negative Differenzen vom Durchschnittskurs zunächst getrennt voneinander betrachtet und sodann rechnerisch nach dem geläufigen Schema weiterverarbeitet. Anschließend werden die beiden Positionen wieder miteinander verrechnet. Überwiegen die Chancen die Risiken, deutet dies auf einen Vorteil der Aktionäre gegenüber den Gläubigern hin et vice versa. Im Falle des Unternehmens unseres Fallbeispiels überwiegen die Chancen die Risiken.
Des Weiteren müssen die Schwankungen aus Dividendenzahlungen berücksichtigt werden. Dazu verwendet das Unternehmen eine Monte-Carlo-Simulation, bei der wesentliche, auf das Geschäftsergebnis wirkende Treiber simultan verändert werden (vergleiche grundlegend Gleißner 2016, S. 16 ff.). Um die Sichtweise der Aktionäre einzunehmen, werden die Ergebnisse auf die Dividende je Aktie heruntergebrochen. Hierbei orientiert sich das Unternehmen an der Dividendenstrategie, die für die kommenden fünf Jahre eine anteilige Ausschüttung des erwirtschafteten Geschäftsergebnisses vorsieht. Auch hier werden positive wie negative Abweichungen separiert und anschließend wieder miteinander verrechnet. An dieser Stelle überwiegen die Risiken die Chancen (vergleiche Tabelle 3).
| Kursschwankungen | Dividendenschwankungen | |||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| # Daten-punkte | Kursziel (je Aktie in €) |
Differenz (zum Tageskurs) |
Chance | Risiko | Dividende (je Aktie in €) | Differenz (zum Mittelwert) |
Chance | Risiko |
| 1 | 25,66 | 8,16 | 8,16 | 0,239 | 0,056 | 0,056 | ||
| 2 | 19,00 | 1,50 | 1,50 | 0,216 | 0,033 | 0,033 | ||
| 3 | 12,00 | -5,50 | -5,50 | 0,098 | -0,086 | -0,086 | ||
| 4 | 13,00 | -4,50 | -4,50 | 0,181 | -0,002 | -0,002 | ||
| n | … | … | … | … | … | … | … | … |
| Volatilität | Tageskurs: 17,50 | 16,8 % | -14,4 % | Mittelwert: 0,1835 | 12,4 % | -16,6 % | ||
Quelle: eigene Darstellung
In Summe betragen die Risiken aus den Kurs- und Dividendenschwankungen somit 31 Prozent, die Chancen 29,2 Prozent. Nach Gegenrechnung verbleiben für die zweite Zuschlagsdimension somit noch Risiken von insgesamt 1,8 Prozent.
Berechnung des Restzuschlags
Für den dritten Zuschlagssatz wird das Unternehmen den Anlegern einen Aufschlag in Höhe von zehn Prozent gewähren, da der Vorstand von der Hauptversammlung zur Erhöhung des Kapitals durch Ausgabe von neuen Aktien in diesem Umfang ermächtigt wurde. Dem Risiko einer möglichen Verwässerung der Anteile wird durch den Zuschlag somit Rechnung getragen. Darüber hinaus gibt es keine weiteren zu berücksichtigenden Komponenten.
Gewichtung der Zuschlagsdimensionen
Nach Ermittlung der einzelnen Zuschlagssätze müssen die drei Dimensionen noch gewichtet werden, da sie von unterschiedlicher Bedeutung für die Eigenkapitalgeber sind (vergleiche Lingnau/Fuchs 2018, S. 45). Dazu führt das Controlling zusammen mit dem Management einen Analytischen Hierarchieprozess durch. Zur Erstellung der Hierarchiekonzeption wird dabei auf Informationen des Chancen- und Risiko-Managements zurückgegriffen. Über mehrstufige Paarvergleiche werden zunächst die beiden Hauptkriterien - finanzielle sowie operative Chancen/Risiken - betrachtet, bevor in der nächsten Stufe deren Einzelausprägungen miteinander ins Verhältnis gesetzt werden. Letztlich wird jedes einzelne Risiko beziehungsweise jede Chance vor dem Hintergrund der drei genannten Dimensionen bewertet und so eine Gewichtung ermittelt (vergleiche grundlegend Saaty 2008, S. 85 ff.). Aus Tabelle 4 ist die Gewichtung zu entnehmen. Die zuvor ermittelten Zuschlagssätze für die Dimensionen Nachrangigkeit und Rendite sowie einen Restzuschlag sind nunmehr - gewichtet nach ihrer Bedeutung - zu addieren. Gemäß der vorgestellten Heuristik ist abschließend der Fremdkapitalkostensatz um den gewichteten Risikozuschlag zu erhöhen, um den Eigenkapitalzinssatz zu erhalten.
| Zuschlagssätze | Gewichtung | Zu-/Abschlag |
|---|---|---|
| Nachrangigkeitszuschlag | 52 % | +3,6 % |
| Renditezuschlag | 28 % | +1,8 % |
| Restzuschlag | 20 % | +10,0 % |
| Risikozu- (+)/-abschlag (-) | +4,40 % | |
| Fremdkapitalzinssatz | 2,85 % | |
| Eigenkapitalzinssatz (Heuristik) | 2,98 % | |
| Eigenkapitalzinssatz (CAPM) | 8,45 % | |
Quelle: eigene Darstellung
Im Vergleich zu der bisherigen Vorgehensweise fällt die Renditeforderung rund 5,5 Prozentpunkte geringer aus und beträgt nur noch rund ein Drittel des vorherigen Wertes. Betrugen die Eigenkapitalkosten in der Vergangenheit beispielsweise 100 Millionen Euro, die entweder an die Aktionäre ausgeschüttet oder im Unternehmen thesauriert worden sind, reduziert sich der Betrag auf etwa 35 Millionen Euro. Das Unternehmen kann die Differenz auf seine Kunden, Mitarbeiter und weitere Stakeholder verteilen.
Schlussbetrachtung
Das veröffentlichte "Stakeholder Commitment"-Statement des Business Roundtables stellt ein etabliertes und bedingungsloses Renditestreben infrage. Der Horizont vieler Unternehmen muss sich demnach erweitern. Andere, übergeordnete Ziele rücken in den Vordergrund. Beispielsweise könnte der Nachhaltigkeitsgedanke primär verfolgt werden und die Finanzierung dabei über eine vergleichsweise niedrigere Renditeforderung der Eigenkapitalgeber erfolgen. Der vorgestellte Heuristik- Ansatz zeigt, wie unter Zuhilfenahme von weiteren Heuristiken sowie betriebswirtschaftlichen Modellen ein individueller und der zukünftigen Unternehmensumwelt angemessener Eigenkapitalzinssatz ermittelt werden kann. Ein schöner Nebeneffekt dabei ist, dass ein so ermittelter Renditeanspruch intersubjektiv nachvollziehbar ist. Insofern lässt sich nicht nur die Akzeptanz der Aktionäre, sondern auch die weiterer Stakeholder gewinnen. Letztlich könnte sogar eine gesellschaftlich legitimierte Höhe der Renditeanforderung der Eigenkapitalgeber erreicht werden (vergleiche Lingnau/Fuchs 2018, S. 41). Voraussetzung dazu ist, dass seitens des Managements der aktive Diskurs mit den Stakeholdern geführt wird. Damit lässt sich auch der Nachteil der Heuristik, keine optimale Lösung zu bieten, überwinden. Gelingt all dies nicht, könnte zur Finanzierung der übergeordneten Ziele alternativ die Ausschüttungspolitik dahin gehend angepasst werden, dass beispielsweise zunächst die übergeordneten Ziele finanziert und nur ein Residualbetrag an die Anteilseigner ausgeschüttet werden darf.
Die Folgen der Corona-Pandemie dürften bei vielen Unternehmen und deren Stakeholdern zu einem Umdenken führen und andere Ziele als bisher in den Fokus rücken. Dazu könnte eine Reduzierung der Renditeforderung beitragen. Vor diesem Hintergrund ließe sich der hier diskutierte Paradigmenwechsel vermutlich leichter vollziehen als in wirtschaftlich prosperierenden Zeiten. Möglicherweise leistet ein solcher Schritt aber auch einen Beitrag zur Lösung des "Equity Premium Puzzles" sowie zu mehr Nachhaltigkeit in der Unternehmensführung.
Literatur
Business Roundtable (2019): Business Roundtable Redefines the Purpose of a Corporation to Promote An Economy That Serves All Americans', https://tinyurl.com/BRT-purpose-of-a-corporation (letzter Abruf: 29.10.2019).
Gleißner, W. (2016): Bandbreitenplanung, Planungssicherheit und Monte-Carlo-Simulation mehrerer Planjahre: Risikoaggregation - auch über die Zeit; in: Controller Magazin, 41 (4), S. 16-23.
Hermann, T./Nierhoff, J. (2019): Heuristik 4.0: Heuristiken zur Evaluation digitalisierter Arbeit bei Industrie-4.0 und KI-basierten Systemen aus soziotechnischer Perspektive, in: Hirsch-Kreinsen, H./Karačić, A. (Hrsg.): FGW-Studie - Digitalisierung von Arbeit 16, Düsseldorf.
KPMG (2018): Cost of Capital Study 2018: New Business Models - Risk and Rewards, https://tinyurl.com/kapitalkostenstudie-2018 (letzter Abruf: 21.10.2019).
Lingnau, V./ Fuchs, F. (2018): Das Ende der Einmütigkeit der Shareholder? Die Grenzen des standardökonomischen Ansatzes und ein verhaltenswissenschaftlicher Gegenentwurf, in: Lingnau, V. (Hrsg.): Beiträge zur Controlling-Forschung Nr. 28, Kaiserslautern.
Mehra, R. (2006): The Equity Premium Puzzle: A Review, in: Foundations and Trends® in Finance, 2 (1), S. 1-81.
New York Times (2019): Shareholder Value Is No Longer Everything, Top C.E.O.s Say, https://tinyurl.com/business-roundtable (letzter Abruf: 17.12.2019).
Saaty, T. L. (2008): Decision Making With The Analytic Hierarchy Process; in: International Journal of Services Sciences, 1 (1), S. 83-98.
Schulte, J./Garz, H. (2012): Theorie des Portfolio-Managements, in: Günther, S./Moriabadi, C./Schulte, J./Garz, H. (Hrsg.): Portfolio-Management: Theorie und Anwendung, 5. Auflage, Frankfurt am Main, S. 19-150.
Standard & Poor's (2014): Standard & Poor's Ratings Definitions, https://tinyurl.com/spratings-definitions (letzter Abruf: 27.11.2019).
Statistisches Bundesamt (2019): Gewerbemeldungen und Insolvenzen - Insolvenzverfahren von Unternehmen nach Höhe der Forderungen und finanziellen Ergebnissen, https://tinyurl.com/gewerbemeldungen-insolvenzen (letzter Abruf: 01.12.2019).
Zusammenfassung.
Das Shareholder-Value-Konzept soll nach Empfehlung des Business Roundtables künftig in den Hintergrund rücken, was zu einem Umdenken bei der Ermittlung der Eigenkapitalrendite führen muss.
Eine Heuristik setzt auf dem unternehmensindividuellen Fremdkapitalzinssatz auf und berücksichtigt die unterschiedlichen Chancen und Risiken der Eigenkapitalgeber durch spezifische Zuschlagssätze.
Ein Fallbeispiel zeigt, wie sich eine Heuristik in den strategischen Unternehmensplanungs- sowie Chancen- und Risiko-Management-Prozess integrieren lässt.
Handlungsempfehlungen.
Hinterfragen Sie die Spanne zwischen Eigen- und Fremdkapitalzinsen Ihres Unternehmens kritisch. Eruieren Sie, ob die Spanne vor dem Hintergrund der unterschiedlichen Interessen sowie Chancen und Risiken von Eigen- und Fremdkapitalgebern legitim ist.
Verknüpfen Sie die Heuristik zur Bestimmung der Eigenkapitalrendite mit bereits im Rahmen der strategischen Unternehmensplanung durchgeführten Analysen und Methoden.
Setzen Sie Heuristiken auch im Rahmen des Planungs- und Budgetierungsprozesses ein, beispielsweise zur Ermittlung von Top-down-Vorgaben für Investitions- und Instandhaltungsbudgets. Heuristiken schaffen gerade auf diesem Gebiet mehr Vertrauen bei den beteiligten Personen als statistische Optimierungsmodelle.
Biographies
Steffen Menze
war bis August 2019 Leiter Controlling - Methoden und Standards bei der K+S AG in Kassel. E-Mail: steffen.menze@gmx.net
Laura Wittich
ist Mitarbeiterin Controlling Systems bei der K+S AG in Kassel.
E-Mail: laura.wittich@k-plus-s.com
Dr. Torben Schmidt
ist Leiter Strategy & Planning bei der K+S AG in Kassel. 
E-Mail: torben.schmidt@k-plus-s.com
Contributor Information
Steffen Menze, Email: steffen.menze@gmx.net.
Laura Wittich, Email: laura.wittich@k-plus-s.com.
Torben Schmidt, Email: torben.schmidt@k-plus-s.com.

