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. 2021 Mar 18;69(3):224–227. [Article in German] doi: 10.1007/s15011-021-4540-3

Jedes zehnte Kind hat Neurodermitis

Corona-Impfempfehlung für erwachsene Betroffene

Mario Gehoff 1,
PMCID: PMC7943409

HAMBURG - Rote Flecken, trockene Haut, teils unerträglicher Juckreiz: Nahezu jedes zehnte Kind in Deutschland unter 15 Jahren ist von Neurodermitis betroffen. Das geht aus dem Neurodermitisreport hervor, den die Techniker Krankenkasse (TK) gemeinsam mit dem Institut für Versorgungsforschung in der Dermatologie (IVDP) am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) und der Universität Bremen veröffentlicht hat.

Mit 9,4 % betroffenen Kindern unter 15 Jahren und 5,5 % betroffenen 15- bis 20-Jährigen ist Neurodermitis - auch atopische Dermatitis oder atopisches Ekzem genannt - ausweislich des Neurodermitisreports* die häufigste chronische Krankheit bei Kindern und Jugendlichen. Bei den über 20-Jährigen liegt die Verbreitung der entzündlichen Hauterkrankung der TK-Auswertung zufolge immer noch bei 3,3 %.

* Online unter: https://www.tk.de, Suchnummer: 2099546

"Neurodermitis ist bei Kindern eine der häufigsten chronischen Erkrankungen und kann die Lebensqualität stark einschränken. Das ist nicht nur für die Kinder sehr belastend, sondern auch für die Eltern", sagt Dr. Jens Baas, Vorstandsvorsitzender der TK. Deshalb sei es auch besonders wichtig, dass die Krankheit früh erkannt und entsprechend behandelt wird. Und Prof. Matthias Augustin, Mitherausgeber des Berichts, betont: "Viele Betroffene verzweifeln zunächst bei der Diagnose Neurodermitis. Ärzte sind dann gefragt, die Krankheit genau zu erklären und Ängste zu nehmen. Denn es gibt mittlerwei- le gute Therapiemöglichkeiten, die die Beschwerden lindern."

Die Auswertungen zeigen: Während im Alter bis 15 Jahre Jungen und Mädchen in etwa gleich stark betroffen sind, leiden im Jugend- und Erwachsenenal- ter Frauen häufiger unter Neurodermitis. So bekamen bei den 15- bis 19-Jährigen 6,3 % der jungen Frauen und 4,8 % der jungen Männer eine Neurodermitisdiagnose. Von den über 20-Jährigen sind nur noch 4 % beziehungsweise 2,5 % betroffen.

Jeder Dritte bekommt Kortisonsalbe

Beim Blick auf die medikamentöse Behandlung erhielten Versicherte mit Neurodermitis am häufigsten Kortison. Der Auswertung zufolge bekam mehr als jeder Dritte eine kortisonhaltige Salbe verschrieben, etwa jeder Zehnte Kortisontabletten. Bei Kortison ist der richtige Umgang entscheidend, sagt Facharzt Augustin: "Tabletten sind eine Notfallmaßnahme, eine Creme kann etwas länger angewendet werden. Als Basistherapie ist es jedoch sehr wichtig, die Schutzfunktion der Haut mit wirkstofffreien Cremes zu stärken."

Der Report zeigt zudem den Bedarf an hochwirksamen Medikamenten für schwere Neurodermitisformen. "Es ist wichtig, dass es gute, neue Medikamente für Betroffene gibt. Wir sehen aber auch hier, dass die Kosten für die Versichertengemeinschaft geradezu explodieren. Die Jahrestherapiekosten für neue Medikamente liegen mittlerweile im fünfstelligen Bereich und haben sich damit in kurzer Zeit fast verzehnfacht", sagt Baas.

Der Großteil der verordneten Arzneimittel wird dabei in 28,3 % der Fälle von einem Dermatologen und in 26,7 % von einem Allgemeinmediziner verschrieben. Kinderärzte und Ärzte der Inneren Medizin nehmen in der Versorgung von Patienten mit Neurodermitis einen Verordnungsanteil von 19,1 % beziehungsweise 11,9 % ein. Dabei sind es die Allgemeinmediziner, die am häufigsten auf systemische Kortisonpräparate als antiinflammatorische Arzneimittel zurückgreifen. Das Systemtherapeutikum Methotrexat, das meist mit stärkeren Nebenwirkungen einhergeht, wird hingegen häufiger von Internisten verordnet. Im Vergleich dazu verschreiben Dermatologen deutlich öfter das Erst- linientherapeutikum Ciclosporin.

Auffällig ist auch der vergleichsweise hohe Anteil an hausärztlicher Versorgung mit systemischen Antibiotika und Antihistaminika. Der Grund dafür könnte sowohl eine bakterielle Infektion als auch eine allergische Rhinitis sein. Gleichzeitig, so die Reportautoren, könn- ten beide Wirkstoffe auch fälschlicherweise eingesetzt worden sein. In der antiinflammatorischen Systemtherapie ist zudem der sehr hohe Anteil an Glukokortikosteroiden auffällig, die bestenfalls kurzzeitig und nur als Ausnahmemedikation eingesetzt werden sollten. Augenscheinlich ist hier der vergleichsweise hohe Anteil an Verordnungen durch Allgemeinmediziner und Internisten. Auch hier appellieren die Autoren an reflektierende Therapieentscheidungen.

Regionale Unterschiede in der Versorgung

Wird die Versorgung von Arzneimitteln bei Neurodermitis regional betrachtet, zeigen sich in Deutschland markante Unterschiede: Die meisten Verordnungen stammen aus dem Saarland, aus Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein, in diesen Ländern auch besonders häufig durch einen Allgemeinmediziner ausgestellt. Auch in dieser Analyse auffällig: der sehr hohe Anteil an Glukokortikosteroiden.

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Die höchsten Verordnungsanteile an topischen Glukokortikosteroiden (TCS) der Klasse I und II bei Erwachsenen lagen vorrangig in den west- und süddeutschen KV-Bereichen. Bei Kindern und jungen Erwachsenen unter 20 Jahren zeigt sich ein ähnliches Bild. Hier verzeichnen Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz (Klasse I) sowie Bremen und Hessen (Klasse II) die höchsten Anteile. Dabei verordnen Kinderärzte in diesen Bundesländern die meisten TCS der Klasse I. TCS der Klasse III und IV hingegen wurden häufiger in Schleswig-Holstein, Hamburg und Berlin verschrieben. Trotz Leitlinienempfehlung wurde im Gebiet der KV Nordrhein vergleichsweise selten auf Tacrolimus oder Pimecrolimus zurückgegriffen, hingegen häufiger auf TCS der Klasse I und II.

Vom Hautarzt zum Hausarzt

Die medizinische Versorgung von Menschen mit Neurodermitis wird in der überwiegenden Zahl der Fälle durch einen Hausarzt oder einen Dermatologen erbracht. Etwa 37 % der Patienten suchen zu Beginn der Erkrankung (im ersten Beobachtungsquartal) einen Dermatologen auf, knapp 34 % einen Allgemeinmediziner. Es folgen Kinderärzte (24 %) und Internisten (12 %). Spannend dabei: Mit der Zeit wechselt ein Teil der Patienten von Dermatologen zu Allgemeinmedizinern. Zwei Jahre (acht Quartale) nach Ausbruch der Erkrankung werden nur noch 25,4 % der Patienten mit Neurodermitis von einem Dermatologen behandelt, wohingegen der Anteil an Allgemeinmedizinern wie auch an Internisten an der Versorgung von Patienten mit Neurodermitis über die Zeit betrachtet kontinuierlich zunimmt (38,4 % bzw. 18,3 % im 8. Quartal).

Dies verdeutlicht, dass die ambulante Versorgung von Patienten mit Neurodermitis zu größeren Teilen durch Hausärzte erbracht wird. Zudem verdeutlichen die Ergebnisse, dass fast 63 % der Patienten, die neu an einer Neurodermitis erkranken, nicht fachärztlich von einem Dermatologen behandelt werden. Vor dem Hintergrund, dass bis heute viele Menschen mit Neurodermitis nicht adäquat therapeutisch behandelt werden, sollte zum Krankheitsbeginn jeder Erkrankte eine dermatologische Meinung einholen.

In der Gesamtschau zeigt sich, dass die Versorgung von Menschen mit Neurodermitis in Deutschland noch besser laufen könnte. Und wie dieser Bericht der TK erstmals in voller Breite zeigt, ist die Schaffung einer Datengrundlage dabei essenziell. Diese Berichtsdaten sind natürlich noch um primäre Daten zu ergänzen, beispielsweise mit denen der Studienreihe AtopicHealth. In dieser Reihe können wichtige Indikatoren der guten Versorgung wie die Lebensqualität der Patienten, die klinischen Schweregrade und die Perspektive der Ärzte weitaus differenzierter dargestellt werden als mit den Sekundärdaten einer einzelnen Krankenkasse.

Empfehlung für Impfung gegen Coronavirus

Zum Abschluss ebenfalls gut zu wissen: Nach allen bislang vorliegenden wissenschaftlichen Daten infizieren sich Menschen mit Neurodermitis nicht häufiger mit dem SARS-CoV-2-Virus. Auch erkranken sie nicht häufiger an schweren COVID-19-Formen. Insofern gelten für diese Menschen dieselben Vorsichtsmaßnahmen wie für den Großteil der Bevölkerung. Möglicherweise gibt es jedoch ein erhöhtes Risiko durch eine schlecht behandelte Begleiterkrankung, beispielsweise auch für diejenigen, die neben Neurodermitis auch unter einem schweren allergischen Asthma leiden.

Grundsätzlich gilt auch, dass sowohl topische wie auch systemische Behandlungen bedenkenlos fortgesetzt werden können - solange keine akuten Infektionszeichen vorliegen. Selbst Neueinstellungen können und sollten vorgenommen werden. Eine besondere Belastung kann für Menschen mit Neurodermitis und einer dadurch besonders empfindlichen Haut aber vor allem das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes sein. Hier sind eine gute Hautpflege und weitere Hautschutzmaßnahmen anzuraten, ferner auch eine frühzeitige antientzündliche Behandlung eines sich anbahnenden Ekzems.

Zudem raten die Autoren dringend dazu, dass sich auch Betroffene gegen SARS-CoV-2 schnellstmöglich impfen lassen. "Ich kann nahezu allen Betroffenen ab 16 Jahren mit Neurodermitis uneingeschränkt und dringend die Impfung mit den in Europa zugelassenen Impfstoffen empfehlen, auch eine Arzneimitteltherapie steht dem nicht im Wege", so Augustin. Patienten mit bekannten Unverträglichkeiten gegenüber Bestandteilen der Impfstoffe oder bekannten schweren allergischen Reaktionen in der Vorgeschichte sollten sich vorab ausführlich von einem Arzt beraten lassen.

Mario Gehoff.

Wissenschaftlicher Projektmanager

Institut für Versorgungsforschung in der Dermatologie und bei Pflegeberufen

Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf

Martinistr. 52

20246 Hamburg

E-Mail: cvderm@uke.de


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