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. 2021 Mar 17;93(3):302–304. [Article in German] doi: 10.1007/s00115-021-01101-4

Pandemiemanagement in einer psychiatrischen Versorgungsklinik

Pandemic management in a psychiatric care hospital

SARS-CoV-2 antibody tests as a tool for risk estimation

M Rentrop 1,2,, T Winkler 1, T Wandersleb 1, P Zwanzger 1,3
PMCID: PMC7967102  PMID: 33730182

Hintergrund

Unmittelbar mit Beginn der COVID-19-Pandemie im März 2020 kam es im kbo-Inn-Salzach-Klinikum, dem psychiatrischen Versorgungskrankenhaus der Region Südost-Oberbayern, zu Infektionen bei Mitarbeitenden und Behandlern (Abb. 1). Die nachfolgende Arbeit konzentriert sich auf das Pandemiemanagement bei Mitarbeitenden. Dabei stand seit Pandemiebeginn die Empfehlung regelmäßiger SARS-CoV-2-PCR Untersuchungen (Rachenabstriche mit Polymerase-Kettenreaktion Untersuchung zum Nachweis von Virus DNA) im Fokus der Maßnahmen [1]. Demgegenüber bleibt der Stellenwert von Antikörpersuchtests offen. Während eine belgische Studie einen begrenzten Wert nahelegt [2], berichtet eine spanische Arbeitsgruppe eine hohe Relevanz von Serumantikörpertests bei Krankenhauspersonal, insbesondere um PCR Untersuchungsstrategien in Folge anzupassen [3]. Mit dem Ziel, risikoadaptierte Teststrategien zu entwickeln und Hinweise auf unerkannte Risikogruppen innerhalb der Mitarbeitenden zu finden, wurde neben PCR-Untersuchungen bei den Mitarbeitenden auch deren Antikörperstatus ermittelt.

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Methoden

Das kbo-Inn-Salzach-Klinikum versorgt mit 1633 Mitarbeitenden 732 vollstationäre und 120 teilstationäre psychiatrische sowie 45 neurologische Behandlungsplätze. Mit Beginn der Pandemie wurde bei Mitarbeitenden im Falle einer Atemwegsinfektion, Temperaturerhöhung oder Kontakt zu COVID-19-infizierten Personen, durch geschulte Kollegen eine PCR-Untersuchung durchgeführt (Sensitivität / Spezifität: 71–98 %, respektive 95 % [4]). Bei zunehmender Verfügbarkeit von Tests und Laborkapazitäten wurden vermehrte PCR-Testungen in Risikobereichen sowie Reihentestungen bei Ausbruchsgeschehen veranlasst. 14 von 33 Stationen galten als Risikobereiche (Patienten > 65 Jahre, somatische Erkrankungen, Bewohner stationärer Einrichtungen und /oder hohe Aufnahmefrequenz). Risikopersonen waren Mitarbeitende dieser Stationen sowie alle Personen, die regelmäßig in verschiedenen Bereichen der Klinik tätig sind (z.B. Dienstärzte). Im Mai 2020 konnte die Klinik einen qualitativen Antikörpertest anbieten (ELICA, Roche GmbH, Deutschland). Das Immunoessay-Untersuchungsverfahren wurde in einem einzeitigen Ansatz allen asymptomatischen Mitarbeitern angeboten [5]. Der Test weist qualitativ alle Anti-SARS-CoV-2 Antikörper im Serum nach (Sensitivtät 100%, ab Tag 14 nach PCR-Bestätigung, Spezifität bei 99,8 %). Allen Mitarbeitenden war freigestellt, die Untersuchungsergebnisse zur pseudonymisierten wissenschaftlichen Auswertung zur Verfügung zu stellen, bzw. einer Auswertung zu widersprechen, ohne, dass ihnen daraus Nachteile entstanden. Die Ergebnisse wurden zentral ausgewertet. Alle Teilnehmer gaben ihr Einverständnis zur Teilnahme. Die Studie wurde von der Ethikkommission der TU München genehmigt.

Ergebnisse

Von den ca. 800 zwischen März und Juni 2020 durchgeführten PCR-Untersuchungen erwiesen sich insgesamt 61 als positiv. Point-of-Care Antigen Tests (PoC-Tests) standen zu diesem Zeitpunkt noch nicht zur Verfügung. Bei 1342 Mitarbeitenden (82,2 % aller Beschäftigten) wurde im Rahmen der Studie eine Antikörpertestung durchgeführt, 118 (8,8 %) wiesen Antikörper auf. Fünf von 61 PCR-positiven Mitarbeitenden nahmen nicht an der Studie teil. Von den verbliebenen 56 Mitarbeitenden wiesen alle bis auf vier Personen Antikörper auf. Eine Antikörperbestimmung vor Serokonversion kann für die Kohorte durch Wahl des Zeitpunktes der Blutentnahme weitgehend ausgeschlossen werden. 66 Mitarbeitende zeigten einen Antikörpernachweis, ohne dass ein positiver PCR-Test vorlag. Eine COVID-19 Infekion war somit bei 4,9 % aller Mitarbeitenden unentdeckt geblieben. Tabelle 1 zeigt eine Gegenüberstellung von PCR-Testergebnis und Antikörperstatus differenziert nach Berufsgruppen und Fachbereichen der Klinik. Dabei findet sich ein Zusammenhang von Tätigkeiten mit unmittelbarem Patientenkontakt und Infektionsrisiko. Es zeigen sich auch Hinweise auf ein Risiko des Eintragens der Infektion durch Mitarbeitende.

Variable Antikörper positiv
(n)
Antikörper negativ
(n)
Gesamt
(n)
Alle Mitarbeiter 118 (8,8 %) 1224 (91,8 %) 1342
PCR positiv 52 4
Keine PCRb 66 1220
Pflegepersonal 72 (11,1 %) 574 (88,9 %) 646
PCR positiv 37 3
Keine PCRb 35 571
Pflegeschüler 12 (24,5 %) 37 (75,5 %) 49
PCR positiv 3 0
Keine PCRb 9 37
Ärzte 10 (9,4 %) 96 (90,6 %) 106
PCR positiv 7 0
Keine PCRb 3 96
Psychologen/Sozialpädagogen 6 (5,4 %) 105 (94,6 %) 111
PCR positiv 2 0
Keine PCRb 4 105
Ergo‑/Körpertherapie 5 (8,8 %) 52 (91,2 %) 57
PCR positiv 1 0
Keine PCRb 4 52
Reinigungsdienst, Bufdi, Stationsassistenten 8 (5,1 %) 148 (94,9 %) 156
PCR positiv 2 0
Keine PCRb 6 148
Verwaltung (Ø Patientenkontakt) 5 (2,3 %) 212 (97,7 %) 217
PCR positiv 0 1
Keine PCRb 5 211
Aufteilung nach Fachbereichen
Allgemeinpsychiatrie / Psychosomatik 6 (3,9 %) 149 (96,1 %) 155
PCR pos.a 2 0
Keine PCR 4 149
Klinische Sozialpsychiatrie 12 (7,7 %) 135 (92,3 %) 147
PCR pos.a 6 0
Keine PCR 6 135
Suchtmedizin 5 (4,7 %) 102 (95,3 %) 107
PCR pos.a 0 0
Keine PCRb 5 102
Neurologie 6 (8,7 %) 63 (91,3 %) 69
PCR pos. 5 2
Keine PCRb 3 59
Forensik 19 (9,7 %) 176 (90,3 %) 195
PCR pos.a 10 0
Keine PCR 9 176
Zentrum für Altersmedizin 46 (27,7 %) 122 (72,3 %) 168
PCR pos.a 25 1
Keine PCRb 21 121

Ergebnisse aller Mitarbeiter sowie aufgeschlüsselt nach Berufsgruppen

aPCR-Untersuchung nach Kontakt/Krankheitszeichen durchgeführt

bKeine PCR oder negatives Ergebnis

Diskussion

Die Ergebnisse unterstreichen die Bedeutung der regelmäßigen PCR-Reihenuntersuchungen sowie der Ermittlung des Antikörperstatus. Trotz einer Vielzahl von PCR-Abstrichen einschließlich Reihenuntersuchungen, wurde bei 66 Mitarbeitenden erst mittels Antikörpertest ein COVID-19 Kontakt nachgewiesen. Diese Gruppe stellt ein besonderes Risiko zur Weiterverbreitung der Infektion dar [7]. Im Zeitraum der Untersuchung hat sich die Strategie der Testung von Mitarbeitenden grundlegend verändert. Konnten anfangs aufgrund geringer Testkapazitäten nur in begründeten Verdachtsfällen Untersuchungen erfolgen, sind im Verlauf dieTestkapazitäten deutlich erweitert worden. Zudem blieb es initial häufiger bei nur einer PCR-Untersuchung, während im Verlauf PCR-Untersuchungen in unklaren Fällen wiederholt wurden. Beide Faktoren könnten als mögliche Erklärung für die hohe Zahl positiver Serumnachweise dienen, bei denen im Vorfeld keine Infektion bekannt war. Zu diskutieren ist, ob Mitarbeitende mit leichten Erkältungssymptomen zu Beginn der Pandemie eine Testung vermieden haben könnten oder positive Ergebnisse vielleicht nicht mitgeteilt wurden. Da bereits früh im Verlauf der Pandemie alle Mitarbeitenden in Rahmen vielfältiger Informationsveranstaltungen auf die hohe Infektionsgefahr hingewiesen und umfassende Regelungen zu erforderlichen Schutzmaßnahmen getroffen wurden, erscheint dies jedoch eher unwahrscheinlich. Anlassbezogene PCR-Untersuchungen erfolgten häufig außerhalb der Klinik, diese wurden in ein verpflichtendes Meldesystem einbezogen, um die vom örtlichen Gesundheitsamt geforderte Dokumentation beibringen zu können.

Berufsgruppen mit unmittelbarem Patientenkontakt weisen ein höheres Infektionsrisiko [4] auf, dieses ist für Psychologen und Sozialpädagogen geringer als für Pflegepersonal und Ärzte, Ergo- und Körpertherapeuten. Mitarbeitende des Zentrums für Altersmedizin weisen eine deutlich höhere Seroprävalenz auf. Das belegt, dass mit medizinisch-pflegerischen Maßnahmen, z. B. Unterstützung von Körperpflege und Verrichtungen mit geringem körperlichen Abstand, erhöhte Infektionsrisiken verbunden sind [8]. Die Ergebnisse aus den Fachbereichen Forensik und Klinische Sozialpsychiatrie weisen eher in Richtung einer Ansteckung der Mitarbeitenden außerhalb der Klinik. Bei vier Mitarbeitenden war eine COVID-19 Infektion mittels PCR nachgewiesen, sie zeigten jedoch in der Serumuntersuchung keine Antikörper. Die Bedeutung dieser Konstellation ist offen, der Stand der Diskussion findet sich z. B. bei Eckert [6].

Besonders bemerkenswert ist die hohe Seroprävalenz bei Krankenpflegeschülern. Neben der klinischen Tätigkeit und relativ häufigen Wechseln des Einsatzbereiches spielen als weitere Risikofaktoren möglicherweise die Unterrichtssituation, das Wohnen im Wohnheim sowie eine oftmals erhöhte soziale Aktivität eine wichtige Rolle.

Limitationen der Untersuchung liegen darin, dass nur ein Zentrum einbezogen wurde und nur 82 % aller Mitarbeitenden in die Studie eingeschlossen werden konnten. Bei der Gegenüberstellung ist zu berücksichtigen, dass im Unterschied zur Antikörperuntersuchung keine PCR Reihen-Untersuchung stattfand, die eine ähnlich große Zahl an Mitarbeitenden abbilden würde. Symptom- und anlassbezogen hatten manche Mitarbeiter in diesem Zeitraum mehrfache PCR-Untersuchungen, der überwiegende Teil jedoch gar keine. Ein statistischer Vergleich der beiden Gruppen „PCR-Untersuchung“ versus „Antikörper-Test“ ist daher nicht möglich.

Fazit für die Praxis

In psychiatrischen Kliniken kommt einem regelmäßigen PCR-Screening in Risikobereichen sowie bei Risikopopulationen höchste Bedeutung zu. Besonderes Augenmerk muss auf Personen gelegt werden, die abteilungsübergreifend arbeiten oder ausbildungsbedingt Einsatzbereiche wechseln. Junge Mitarbeitende mit vielen Sozialkontakten sollten hinsichtlich pandemieprophylaktischer Maßnahmen besonders geschult werden. Eine breit angelegte Untersuchung der Seroprävalenz kann helfen, PCR oder PoC-Screenings rational und risikoadaptiert einzusetzen.

Interessenkonflikt

M. Rentrop, T. Winkler, T. Wandersleb und P. Zwanzger geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Literatur

  • 1.Rivett L, Sridhar S, Sparkes D, et al. Screening of healthcare workers for SARS-CoV-2 highlights the role of asymptomatic carriage in COVID-19 transmission. eLife. 2020;9:e58728. doi: 10.7554/eLife.58728. [DOI] [PMC free article] [PubMed] [Google Scholar]
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