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. 2021 Apr 1;163(6):18. [Article in German] doi: 10.1007/s15006-021-9760-7

"Wir brauchen ganz schnell Impfstoff gegen Immun-Escape-Varianten"

Beate Schumacher 1,
PMCID: PMC8007652  PMID: 33783776

Die Corona-Situation in Deutschland wird heute schon von der ansteckenderen britischen SARS-CoV-2-Variante B.1.1.7 bestimmt. Noch mehr Sorgen bereiten Experten jedoch die Immun-Escape-Mutationen aus Südafrika oder Brasilien.

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Die britische Variante ist in Deutschland im Januar zum ersten Mal nachgewiesen worden, Anfang März wurde schon fast die Hälfte aller Neuinfektionen durch sie ausgelöst. "Beim Wildtyp(WT)-Virus sind wir in München aktuell auf dem Weg zum Stillstand der Epidemie, aber bei der Mutante aus England sehen wir einen steilen Anstieg", berichtete Prof. Michael Hölscher, Direktor des Tropeninstituts der LMU München. Stand 9. März gingen in der bayerischen Hauptstadt bereits 70% der neuen Fälle auf B.1.1.7 zurück. "Die Variante wird die Epidemie beschleunigen, bei Öffnungen wird es zu einem schnellen Anstieg der Infektionen kommen", prophezeite der Infektiologe bei den LMU Corona Lectures.

Für den Siegeszug des britischen Virus werden vor allem zwei Mutationen im Spike-Protein verantwortlich gemacht, also in dem Protein, mit dessen Hilfe das Virus an die Wirtszelle andockt. Die beiden Hauptmutationen von B.1.1.7 verändern das Spike-Protein so, dass es besser an menschliche Zellen binden und schneller produziert werden kann. Das Virus ist dadurch um 30-50% ansteckender als das WT-Virus. Ebenfalls um etwa 30% erhöht ist mit der Variante die Wahrscheinlichkeit, an der Infek-tion zu sterben.

"Noch besorgniserregender" sind laut Hölscher jedoch die Virusvarianten B.1.351 und P.1, die aus Südafrika bzw. Brasilien stammen. Bei ihnen handelt es sich um Immun-Escape-Varianten, beide tragen die Mutation E484K im Spike-Protein. Sie bewirkt, dass Antikörper, die nach einer Infektion mit dem WT-Virus gegen das Spike-Protein gebildet werden, nicht mehr so gut an das Protein binden und daher die Virusvermehrung nicht mehr verhindern. Das hat in Manaus dazu geführt, dass nach einer 1. Welle, in der sich 70% der Einwohner infiziert hatten, keine Herdenimmunität, sondern eine 2. Welle eintrat - ausgelöst durch P.1. Ähnliches wurde mit B.1.351 beobachtet. In Deutschland ist derzeit laut Hölscher nur dieses relevant. Es mache zwar noch weniger als 1% der Neuinfektionen aus, "mittelfristig müssen wir uns aber darauf einstellen, dass es sich auch in Europa ausbreitet".

Mit Blick auf die zugelassenen Impfstoffe sind die Immun-Escape-Varianten als kritisch anzusehen: Laut Hölscher funktioniert die Virusneutralisation in Zellkultur bei ihnen deutlich schlechter als beim WT-Virus oder der britischen Variante. Die Wirksamkeit der Impfstoffe ist gegenüber B.1.1.7 nur leicht vermindert, gegenüber B.1.351 aber z. T. deutlich reduziert. "Wir müssen deswegen die Ausbreitung des Südafrika-Virus unbedingt verhindern, bis wir neue Impfstoffe haben", mahnte Hölscher.

Quelle: LMU Corona Lectures, 9. März 2021

Noch eineinhalb Jahre Lockdowns

Wegen der mit der Zeit zurückgehenden Antikörper-Titer sind laut Hölscher ohnehin spätestens im Winter Auffrischimpfungen nötig. Der Infektiologe schlug vor, dafür ein Vakzin zu verwenden, das auch die südafrikanische Variante abdeckt. Die Regierung solle sich dafür möglichst jetzt schon Kontingente sichern. Trotz der Herausforderungen durch die mutierten Viren ist Hölscher sicher: "Langfristig gewinnen wir den Wettlauf, aber wir werden noch mindestens eineinhalb Jahre einen Wechsel zwischen Lockdowns und Öffnungen haben." Auch danach werden wir das Virus nicht mehr loswerden, dank jährlicher Impfungen werden gelegentliche Infektionen dann aber nicht mehr zu schweren Erkrankungen führen, so die Prognose von Hölscher.


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