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. 2021 Apr 15;33(2):59. [Article in German] doi: 10.1007/s15014-021-3736-z

Risiko Lockdown - warten bis zum Blinddarm-Durchbruch?

Anno Fricke 1,
PMCID: PMC8019286

Wurde aus Angst vor einer SARS-CoV-2-Infektion zum Teil zu lange mit dem Arztbesuch gewartet? Die DAK-Gesundheit hat Versorgungsdaten von Kindern aus dem ersten Corona-Lockdown 2020 analysiert, die teilweise fatale gesundheitliche Folgen aufzeigen.

Die COVID-19-Pandemie wirkt sich auf die Versorgung von Kindern und Jugendlichen aus. Im ersten Halbjahr 2020 mussten die Kinderstationen vermehrt schwere Verläufe von Krankheiten behandeln. Aus Angst vor einer Ansteckung hätten Eltern Untersuchungen bei Ärzten oft nicht oder erst spät veranlasst, hat eine Untersuchung der Universität Bielefeld im Auftrag der DAK ergeben. Mediziner erwarten nun einen Anstieg von schweren Verläufen bei chronischen Erkrankungen von Kindern, etwa bei Diabetes. Gleichzeitig ging wegen der Kontaktbeschränkungen im Untersuchungszeitraum die Zahl behandelter Infektionskrankheiten auch unter Kindern und Jugendlichen stark zurück.

Knapp jede zweite Operation entfallen

Die Sonderanalyse der Versichertendaten zeigt, dass während des ersten Lockdowns im März und April 2020 im Vergleich zu den Vorjahresmonaten bundesweit nahezu jede zweite Operation (45 %) bei Kindern und Jugendlichen weggefallen ist. Auch bei psychischen Erkrankungen machte sich eine Corona-Delle bemerkbar. Im ersten Halbjahr 2020 kam es den DAK-Daten zufolge im Vergleich zum Vorjahr bundesweit zu 12 % weniger Behandlungen von psychischen Erkrankungen von Minderjährigen, März und April für sich betrachtet waren es 35 %. Acht Wochen nach Ende des Lockdowns normalisierte sich laut DAK-Daten die Versorgungssituation wieder.

Regionale Unterschiede

In den Regionen weichen die Ergebnisse zum Teil deutlich vom Bundesschnitt ab. Die DAK hat Sonderauswertungen der Untersuchung für Hessen, Baden-Württemberg, Bayern, Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein veröffentlicht:

  • Hessen: Dort gingen die behandelten psychischen Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen im ersten Halbjahr 2020 mit 19 % deutlich stärker zurück als im Bundesschnitt. Der Lockdown im März und April sorgte zudem für einen Einbruch bei Krankenhausbehandlungen und Operationen. Im Vergleich zum Vorjahr fiel bei einem Rückgang um 39 % mehr als jede dritte Operation bei Kindern aus. Auf das ganze erste Halbjahr 2020 gerechnet verzeichneten die Krankenhäuser in Hessen bei Kindern und Jugendlichen 46 % weniger Infektionskrankheiten und 26 % weniger Atemwegserkrankungen. Auffällig war mit 58 % auch der Rückgang an virusbedingten Darmkrankheiten.

  • Baden-Württemberg: Im "Ländle" gab es allein im März und April 2020 bei Kindern und Jugendlichen 46 % weniger Operationen als in den Vergleichsmonaten 2019. Weil Eltern ihre Kinder trotz Beschwerden erst verspätet bei Ärzten vorgestellt hätten, seien Krankheiten "erst verzögert diagnostiziert und in komplizierten Stadien behandelt worden", berichtete der Vorstandschef des Klinikums Stuttgart, Professor Jan Steffen Jürgensen. In der Kindernotaufnahme seien deutlich mehr Blinddarmentzündungen, die bereits zu Durchbrüchen geführt hatten, registriert worden. Die Zahl der neu diagnostizierten Leukämien sei zunächst vermeintlich zurückgegangen, später aber als "Häufung fortgeschrittener Verläufe" erkannt worden.

  • Bayern: Auch in Bayern hat sich die Zahl der Operationen bei Kindern und Jugendlichen im ersten Lockdown mit 49 % fast halbiert. Insgesamt verzeichneten die Kliniken im Freistaat auffällig weniger Behandlungen von Kindern und Jugendlichen wegen Darminfektionen, Bronchitis und Alkoholmissbrauch. Klinikaufenthalte von Kindern und Jugendlichen wegen Belastungs- und Anpassungsstörungen nahmen gegenüber dem Vergleichszeitraum 2019 um 44 % zu, wegen Depressionen um 6 %.

  • Nordrhein-Westfalen: Dort gingen die Operationen während des ersten Lockdowns um 43 % zurück. Als besonders auffällig haben die Analysten den Rückgang an Klinikaufenthalten bei Diabetes Typ 1 notiert. Als "sehr auffällig und beunruhigend" ordnete BVKJ-Präsident Dr. Thomas Fischbach den "dramatischen Rückgang" bei der stationären Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit Anpassungs- und Belastungsstörungen in Nordrhein-Westfalen ein. An dieser Stelle ging die Hospitalisierungsrate den DAK-Angaben zufolge um 40 % gegenüber dem Vergleichszeitraum zurück.

  • Schleswig-Holstein: Im Norden sank die Zahl der Operationen bei Kindern und Jugendlichen gegenüber dem Vergleichszeitraum um 42 %. Bei den Einzeldiagnosen fiel der Rückgang von 53 % bei Alkoholmissbrauch Jugendlicher besonders auf.


Articles from Pädiatrie are provided here courtesy of Nature Publishing Group

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