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. 2021 Apr 8;169(5):467–469. [Article in German] doi: 10.1007/s00112-021-01170-4

Dringender Appell zu gesetzlich geregelten Sicherheits- und Trainingsstandards

Urgent appeal for legally regulated safety and training standards

Jens-Christian Schwindt 1,, Hans Härting 2
PMCID: PMC8027702  PMID: 33846659

Leserbrief zu

Jung P, Mileder L, Hoffmann F et al (2020) Simulationsbasierte pädiatrische Notfallteamtrainings in Zeiten der SARS-CoV-2-Pandemie. Monatsschr Kinderheilkd 168:1130–1131. 10.1007/s00112-020-01055-y

Replik

Mileder L, Jung P, Hoffmann F, Heimberg E (2021) Gemeinsam sicher für unsere kleinen und kleinsten Patient*innen trainieren. Monatsschr Kinderheilkd. 10.1007/s00112-021-01171-3

Sehr geehrte Autorinnen und Autoren, liebe Freundinnen und Freunde,

die durch die „coronavirus disease 2019“ (COVID-19) verursachte Pandemie hat die Welt weiterhin fest im Griff, und es wird derzeit besonders deutlich, welchen hohen Stellenwert gut ausgebildetes und trainiertes medizinisches Personal für die Bewältigung dieser schwersten medizinischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Krise seit dem 2. Weltkrieg hat.

Mit großem Interesse haben wir daher die Stellungnahme „Simulationsbasierte pädiatrische Notfalltrainings in Zeiten der SARS-CoV-2-Pandemie“ in der Novemberausgabe der Monatsschrift Kinderheilkunde gelesen. Wir können den meisten der Punkte, die die von uns sehr geschätzten Kolleg*innen dargelegt haben, vorbehaltlos zustimmen. So stimmen wir selbstverständlich uneingeschränkt zu, dass die „bestmögliche Bewältigung eines medizinischen Notfalls von vielen Faktoren abhängig ist, v. a. aber auch von der guten und effektiven Zusammenarbeit des versorgenden Behandlungsteams“ [1]. Gewundert haben wir uns jedoch über die Schlussfolgerung in der Stellungnahme, dass es den Kolleg*innen „als Ärzten und Simulationstrainern schwerfällt, eine klare und ausschließliche Empfehlung für die Wiederaufnahme des regulären Trainingsbetriebs zu geben oder diese gar zu fordern.“

Hierzu möchten wir, ebenfalls als Ärzte, Patientensicherheitsexperten, Simulationstrainer und Anbieter von Simulations- und Patientensicherheitstrainings, unsere Gedanken kurz darlegen.

In zahlreichen Hochsicherheitsorganisationen, wie z. B. der kommerziellen Luftfahrt, sind Teamsimulationstrainings fester und gesetzlich vorgeschriebener Bestandteil der Aus- und Weiterbildung und damit eine vom Gesetzgeber festgelegte entscheidende Säule der betrieblichen Sicherheit. Auch die Trainingsintervalle der Crews sind gesetzlich vorgeschrieben und stellen eine Grundlage der Erlaubnis zur Berufsausübung bzw. für die Betriebserlaubnis der Fluggesellschaft dar. Während der Pandemie haben zahlreiche Fluggesellschaften ihren Flugbetrieb minimieren müssen und teilweise sogar komplett eingestellt. Die gesetzlich vorgeschriebenen Fristen für notwendige Trainings der Crews wurden daher geringfügig verlängert. Die Airlines sind jedoch verpflichtet, die Trainings und Checks der Crews innerhalb dieser festgelegten Intervalle zu gewährleisten, da die Berechtigung der Crews zum Betrieb eines Flugzeuges in Cockpit oder Kabine ohne die vorgeschriebenen Trainings, auch in Pandemiezeiten, erlöschen würde. Mit der Wiederaufnahme und Intensivierung des Flugbetriebes müssen darüber hinaus gesetzlich erforderliche „requalification trainings“ in einem festgelegten Ausmaß von jedem einzelnen Crew-Mitglied vollständig absolviert werden, um die Berechtigung zur Berufsausübung aufrechtzuerhalten bzw. wiederzuerlangen.

Im Gegensatz zur Luftfahrt wurde die medizinische Versorgung während der COVID-19-Pandemie nicht eingestellt, sondern musste, im Gegenteil, pandemiebedingt in vielen Bereichen sogar intensiviert werden, verbunden mit einer erheblichen zusätzlichen Arbeitsbelastung (und emotionalen Belastung!) für das betroffene medizinische Personal. Zunächst war teilweise zu beobachten, dass in Kliniken, in denen Training bereits einen Stellenwert vor der Pandemie hatte, zusätzliche Trainings zur speziellen Versorgung von COVID-19-Patienten durchgeführt wurden. Im weiteren Verlauf wurden jedoch, v. a. aus Sorge vor Infektionsübertragungen während des Trainings, zahlreiche Reanimations- und Simulationstrainings in Kliniken vorsorglich abgesagt. In der Luftfahrt wäre es, wie oben beschrieben undenkbar, dass aus Angst vor einer Ansteckung der Crew-Mitglieder im Rahmen eines Notfalltrainings Trainingseinheiten während einer Pandemie nicht durchgeführt würden, da die Team-Performance im Notfall nachgewiesenermaßen u. a. von regelmäßigem Simulationstraining im Team abhängig ist [2].

Haben also medizinische Simulationstrainings demgegenüber einen so geringen Stellenwert für die Performance von medizinischen Teams, dass wir es uns tatsächlich leisten können, medizinische Teamtrainings während einer Pandemie auszusetzen?

Dass es selbst Expert*innen im Bereich Simulationstraining und Patientensicherheit allerdings offensichtlich schwerfällt, sich auch in einer Pandemie klar und eindeutig für die Fortführung von simulationsbasierten Teamtrainings auszusprechen, hat nach unserer Ansicht mehrere Gründe:

  • Teamsimulationstraining wird in der Medizin weiterhin eben nicht als unverzichtbarer Bestandteil der Aus- und Weiterbildung angesehen. Die Durchführung und das Angebot von Teamsimulationstrainings hängen weiterhin vorwiegend vom Engagement motivierter Einzelpersonen ab.

  • Training hat weiterhin nicht den gleichen Stellenwert wie das klinische Arbeiten; eine Ansteckung im Rahmen eines Trainings würde daher wahrscheinlich derzeit anders bewertet, als wenn diese während des klinischen Arbeitens erfolgt, und deswegen eher als „unnötig“ angesehen.

  • Die Durchführung von simulationsbasierten Teamtrainings in der Medizin zur Gewährleistung der Patient*innen- und Mitarbeiter*innensicherheit ist weiterhin nicht gesetzlich geregelt. Die Entscheidung, ob Trainings stattfinden oder nicht, hängt damit nicht von gesetzlich festgelegten Erfordernissen ab, was Stellungnahmen, wie die vom Netzwerk Kindersimulation und PAEDSIM e. V., überhaupt erst notwendig macht.

Dass es in einem so sicherheitssensiblen Bereich wie der Medizin noch keine gesetzlichen Mindesterfordernisse für Notfalltrainings gibt, ist nach aktuellem Wissensstand und im Vergleich zu anderen Hochsicherheitssystemen nicht akzeptabel. Das durch fehlende Trainings entstehende Risiko wird auf die Mitarbeiter*innen und Patient*innen übertragen. Risikoeigner ist die Organisation, die zum Schutz der Patient*innen und Mitarbeiter*innen Trainings nach eigenem Ermessen und Budget durchführen kann oder nicht. Dies ist z. B. im System Luftfahrt unvorstellbar, denn hier verhindern klar festgelegte gesetzliche Trainingsintervalle, dass Sicherheitsstandards aufgrund von Konkurrenzdruck oder einer Fehleinschätzung der Risiken von Fluggesellschaften unterlaufen werden könnten.

In beiden Systemen bedeutet ein Trainingsdefizit aber gleichermaßen ein Risiko für die betroffenen Personen (Patient*innen, Pflegekräfte und Ärzt*innen, Crews und Passagiere, [2]). Ist es tatsächlich vorstellbar, dass Passagiere einen Verzicht auf das Training der Pilot*innen und Flugbegleiter*innen wegen der damit verbundenen möglichen Infektionsgefahr akzeptieren würden, und das so entstehende Sicherheitsrisiko letztlich einfach in Kauf genommen werden muss?

Wenn wir also auch medizinisches Simulationstraining als unverzichtbaren Bestandteil der Aus- und Weiterbildung von medizinischen Teams und als eine entscheidende Säule der innerbetrieblichen Sicherheit in Kliniken ansehen und insbesondere dem Training von seltenen Notfallsituationen den gleichen Stellenwert wie der klinischen Arbeit beimessen, bleibt aus unserer Sicht keine andere Möglichkeit, als sich auch während einer Pandemie klar für die Fortführung von medizinischen Simulationstrainings auszusprechen. Selbstverständlich müssen die Trainings, angepasst an die Pandemieaktivität, unter besonderen hygienischen Sicherheitsmaßnahmen (z. B. Masken der „Filtering-face-piece“[FFP]-Kategorie 2 für Trainer*innen und Teilnehmer*innen) durchgeführt werden. Theoretische Trainingsinhalte sollten, in Abhängigkeit von der Pandemielage, großzügig in den Onlinebereich verlagert werden, um die direkte Kontaktzeit der Trainingsteilnehmer*innen während der unverzichtbaren praktischen Hands-on-Trainingsteile auf das tatsächlich notwendige zu beschränken [3]. Solange jedoch die akute Patientenversorgung aufgrund z. B. eines zu befürchtenden kritischen Ausfalls von medizinischem Personal oder einer massiven Überlastung nicht gefährdet ist, muss aus unserer Sicht auch die Durchführung von Teamsimulationstrainings während einer Pandemie möglich sein. Auch wir hoffen dabei natürlich auf die Impfstoffe und eine möglichst rasche und lückenlose Durchimpfung des medizinischen Personals, um Trainings auch auf dieser Basis wieder sicher durchführen zu können.

Zusammenfassend hätten wir uns daher gerade vom Netzwerk Kindersimulation e. V. und PAEDSIM e. V., deren Vereinszwecke in der Erhöhung der Patientensicherheit durch medizinisches Simulationstraining für pädiatrische Patient*innen liegen, eine klare Empfehlung für die Durchführung von simulationsbasierten Teamtrainings auch während einer Pandemie gewünscht.

Wir sind uns durchaus bewusst, dass wir uns, wenn wir uns als Anbieter von Simulations- und Patientensicherheitstrainings für die Fortführung von Teamsimulationstrainings auch während einer Pandemie einsetzen, natürlich einen Interessenkonflikt vorwerfen lassen müssen. Wir sind eben auch Ärzte, Simulationstrainer und Experten für Patient*innen- und Mitarbeiter*innensicherheit und fühlen uns daher verpflichtet, unsere Einschätzung zu diesem Thema abzugeben. Nach unserer Auffassung ist es nun mehr denn je notwendig, klare gesetzlich geregelte Sicherheits- und Trainingsstandards, analog zu anderen Hochzuverlässigkeitsorganisationen, auch für das medizinische System, zu fordern. Nur durch eine gesetzliche Regelung lässt sich jedem gegenläufigen Konkurrenzdruck und jeder Fehleinschätzung von Risiken, auch im medizinischen System, grundsätzlich vorzubeugen.

Die aktuelle Situation wäre eine gute Gelegenheit für das Netzwerk Kindersimulation e. V. und PAEDSIM e. V. gewesen, um die Diskussion anzustoßen, welchen Stellenwert Training von medizinischem Personal in der Versorgung von kritisch kranken Kindern, nicht nur während einer Pandemie hat, sondern bisher grundsätzlich hatte und v. a. in Zukunft haben soll. Auch nach dem Ende der Pandemie muss diese Diskussion erneut aufgenommen und zielorientiert fortgeführt werden – zum Wohle der uns anvertrauten Kinder, ihrer Familien und der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im medizinischen System.

Biographies

Dr. Jens-Christian Schwindt

ist Geschäftsführer der SIMCharacters Training GmbH, Wien, Neonatologe, PAEDSIM-Gründungsmitglied und Mitglied des Vorstandes des Austrian Resuscitation Council (ARC).

Capt. Hans Härting

ist Geschäftsführer der AssekuRisk Safety Management GmbH, Wien, Kapitän auf einem Airbus A320 einer großen österreichischen Airline, verantwortlich für die „crew safety training standards“ eines großen europäischen Airline-Verbundes.

Interessenkonflikt

J.-C. Schwindt ist Geschäftsführer von SIMCharacters Training GmbH (Wien, Österreich), eines Anbieters von pädiatrischen Reanimations- und Simulationstrainings. H. Härting ist Geschäftsführer der AssekuRisk Safety Management GmbH (Wien, Österreich), eines Anbieters von Sicherheitstrainings.

Literatur

  • 1.Schmutz J, Manser T. Do team processes really have an effect on clinical performance? A systematic literature review. Br J Anaesth. 2013;110(4):529–544. doi: 10.1093/bja/aes513. [DOI] [PubMed] [Google Scholar]
  • 2.Müller M. Risikomanagement und Sicherheitsstrategien der Luftfahrt – ein Vorbild für die Medizin? Z Allg Med. 2003;79:339–344. doi: 10.1055/s-2003-41912. [DOI] [Google Scholar]
  • 3.Schwindt J, Pflanzl-Knizacek L, Nierscher FJ, Hoffmann P, Singraber E, Cardona F, Burda G, Koestenberger M, Egger A, Schlieber J, Baubin M Durchführung von Kursen zur Aus- und Fortbildung während der COVID-19-Pandemie. www.arc.or.at/covid/. Zugegriffen: 11. Dez. 2021

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