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. 2021 Apr 26;43(4):30–31. [Article in German] doi: 10.1007/s35114-021-0625-9

Wie Hamburg die Pandemie managt

Arne Schneider 1,, Falko Droßmann 2
PMCID: PMC8071607

Die Hansestadt Hamburg hat zu Beginn der Corona-Krise in Eigenregie einen Pandemie-Manager entwickelt, um die Abläufe in der Bearbeitung von Corona-Fällen zu optimieren. Welche Erfahrungen innerhalb eines Jahres gemacht wurden und welche Vorteile die Synergie mit der Lösung SORMAS bringt.

Die erste Corona-Welle traf Hamburg bereits Anfang März 2020 und damit früher als die meisten anderen Länder in Deutschland. Viele Hamburgerinnen und Hamburger hatten die Frühlingsferien genutzt, um in den Ski-Urlaub zu fahren, und brachten die Pandemie mit zurück. Die Gesundheitsämter arbeiteten zu diesem Zeitpunkt noch mit Handakten, in denen die persönlichen Daten der Infizierten und Kontaktpersonen abgeheftet wurden.

Angesichts des hohen Drucks auf die Gesundheitsämter, die Prozesse für die Abarbeitung der massenhaften Fälle zu gestalten, schaute sich die Verwaltung nach einer geeigneten Software für das Pandemie-Management um, wurde aber nicht fündig. Deshalb entwickelte die Hansestadt, ergänzend zum bestehenden Meldeverfahren, auf Basis eines eigenen Frameworks den Hamburger Pandemie-Manager (HPM) im Rekordtempo selbst.

Die Fachkonzeption entstand im Bezirksamt Hamburg-Mitte zusammen mit der Digitalfabrik des Landesbetriebs Kasse.Hamburg, die sich um die Technik kümmerte. Die Anwendungsentwicklung erfolgte durch den Dienstleister Dataport. Bereits Anfang April konnte den Gesundheitsamtsleitungen die Unterstützung durch den HPM vorgestellt werden. Heute arbeiten fast 1.000 Beschäftigte aller sieben Gesundheitsämter und des Zentrums für die Unterstützung der Kontaktnachverfolgung (ZUK) in Hamburg mit dieser Software. Die Anwendung erlaubt das Arbeiten von mehreren Gesundheitsämtern in der Applikation mit nach Zuständigkeit abgegrenzten Datenbeständen. Um auf neue Anforderungen kurzfristig reagieren zu können, werden die Funktionalitäten des HPM ständig erweitert. Der HPM unterstützt die Gesundheitsämter dabei, die eingehenden Testergebnisse mittels der Schnittstelle zum Deutschen Elektronischen Melde- und Informationssystem für den Infektionsschutz (DEMIS) effektiv und zeitnah zu verarbeiten, die getesteten Personen über das Ergebnis zu informieren sowie notwendige Quarantänemaßnahmen auszusprechen und zu begleiten.

Einheitliche Prozesse

Der HPM verwaltet unter anderem den Namen des/der Infizierten, Datum, Art und Ergebnis des Tests, Kontaktpersonen, mögliche Ansteckungsorte, Zeitpunkt des letzten Anrufs und eine automatische Wiedervorlage. Der aktuelle Bearbeitungsstand ist für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Gesundheitsamt stets einsehbar. Getestete Personen können so zeitnah informiert und betreut sowie gegebenenfalls Quarantänemaßnahmen eingeleitet oder beendet werden.

Insbesondere für die Prozesse rund um die Positiven- und Kontaktpersonenbetreuung gibt es auftragsbasierte Workflows und damit auch vollelektronische Kommunikationswege innerhalb der Stadt. Darüber hinaus wurden und werden weitere Spezialprozesse, wie Anbindung einer sogenannten Fast-Track-Teststrecke, Einrichtungsmanagement für Pflegeheime, Krankenhäuser sowie Schulen und Kitas, abgebildet. Externe Dienste und Schnittstellen werden ebenfalls integriert. Webbasierte Symptomtagebücher und Kontaktlisten werden von den Bürgerinnen und Bürgern selbst geführt.

Der HPM vereinheitlicht die Prozesse in der Stadt und unterstützt dabei die Steuerung und die Engpasserkennung in den Gesundheitsämtern. Dazu erlaubt er ein schnelles Einbinden zusätzlicher Ressourcen und das Umlenken von Workflows. Mit dem HPM war es im Oktober 2020 möglich, kurzfristig ein Zentrum für die Unterstützung der Kontaktnachverfolgung (ZUK) aufzubauen, um sicherzustellen, dass die Kontaktnachverfolgung auch bei weiter wachsenden Fallzahlen aufrechterhalten werden kann.

Bereits in der Grundkonzeption wurden die papierlose Aktenführung und die Auftragsverwaltung im Rahmen der Pandemie über Gesundheitsamtsgrenzen hinaus berücksichtigt. Gesicherte Übermittlungswege für Dokumente, wie Testergebnisse und Schnelltests, sind über die Online-Service-Infrastruktur (OSI) von Dataport realisiert, die den datenschutzrechtlichen Anforderungen zur gesicherten Übermittlung entsprechen. Mit der Integration der Daten aus der Digitalen Aussteigerkarte (DEA) des Bundes kann eine stringente Nachverfolgung der Einreisenden erfolgen.

Parallel zum HPM wurde vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung eine spezialisierte Version des digitalen Geschäftsmanagementsystems zur Epidemiebekämpfung SORMAS (Surveillance Outbreak Response Management and Analysis System) für das Management von Kontaktpersonen und Kontaktketten im Rahmen der SARS-CoV-2-Pandemie entwickelt. Mitte November 2020 beschlossen die Regierungschefinnen und -chefs der Länder in ihrer Konferenz mit der Bundeskanzlerin die Integration eines digitalen Symptomtagebuchs zur Betreuung und Verwaltung der isolierten und quarantänisierten Personen in SORMAS. Zudem sollte das System mit einer Nutzerrate von über 90 Prozent bis zum Ende des Jahres 2020 in den Gesundheitsämtern eingeführt werden. SORMAS ist ein Open-Source-Produkt, das mit SORMAS L aktuell in circa 285 Gesundheitsämtern bundesweit lokal installiert ist.

Synergiepotenziale nutzen

Das System bietet auch Hamburg erhebliches Potenzial, da es den integrierten Datenaustausch über die Stadtgrenzen hinaus ermöglicht. Aus diesem Grund haben die Verantwortlichen des HPM bereits im Jahr 2020 mit den Verantwortlichen von SORMAS die Zusammenarbeit und die weiteren Entwicklungsperspektiven von SORMAS besprochen. Allerdings können die HPM-Funktionen wie die integrierte Annahme der Testergebnisse, das Führen von digitalen Kontaktlisten und die Anbindung der Digitalen Aussteigerkarte zur Quarantäneprüfung sowie die Koppelung mit dem Impfmanagement kurzfristig nicht in SORMAS integriert werden. Deshalb besteht für Hamburg die Lösung in einer Integration mittels einer Schnittstelle, um so die Vorteile der übergreifenden SORMAS-Version zu nutzen und gleichzeitig die hamburgspezifisch notwendigen Funktionen des HPM zu gewährleisten.

Im Januar 2021 haben die Regierungschefinnen und -chefs beschlossen, dass künftig alle Gesundheitsämter SORMAS nutzen sollen. Bis Ende Februar soll SORMAS in allen Gesundheitsämtern installiert und ein Verfahren zur Anbindung beziehungsweise Integration der derzeit genutzten Softwaresysteme verabredet werden. Der Vorteil für Hamburg ergibt sich, wenn mit der Version SORMAS X ein Austausch insbesondere mit den Landkreisen in der Metropolregion Hamburg möglich ist. Aktuell wird SORMAS X bundesweit in fünf Gesundheitsämtern als Pilot- beziehungsweise Produktivsystem eingesetzt.

Vor dem Hintergrund einer serviceorientierten Anwendungsentwicklung, gerade in komplexen Szenarien wie bei einer Pandemie, ist es kein Widerspruch, die Hamburger Lösung beizubehalten und SORMAS flächendeckend auszurollen. Es ist vielmehr eine im Rahmen moderner Applikationskomposition normale Lösung mit Synergien für beide Seiten. So können die hamburgspezifischen Funktionen des HPM beibehalten werden und über Schnittstellen kommuniziert werden. Hierzu beteiligt sich Hamburg aktiv an der Entwicklung der entsprechenden Schnittstelle, die kurzfristig zur Verfügung stehen wird. Auch SORMAS kann durch den stetigen Austausch mit der HPM-Entwicklung von bereits umgesetzten Lösungen profitieren. Wenn SORMAS in der Zukunft die Hamburger Spezifikationen komplett abbildet, kann auf den HPM verzichtet werden.

Kompakt.

  • Hamburg hat zu Beginn der Corona-Pandemie 2020 den Hamburger Pandemie-Manager (HPM) entwickelt.

  • Das Tool unterstützt die Gesundheitsämter dabei, Corona-Fälle zu managen und Kontakte nachzuverfolgen.

  • Das digitale Geschäftsmanagementsystem des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung, SORMAS, wird über Schnittstellen angebunden.

  • Wenn SORMAS in der Zukunft die Hamburger Spezifikationen komplett abbildet, kann auf den HPM verzichtet werden.

Biographies

Arne Schneider

ist Haushaltsdirektor der Freien und Hansestadt Hamburg. graphic file with name 35114_2021_625_Figb_HTML.jpg

Falko Droßmann

ist Leiter des Bezirksamts Hamburg-Mitte.graphic file with name 35114_2021_625_Figc_HTML.jpg


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