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editorial
. 2021 May 19;32(5):3. [Article in German] doi: 10.1007/s15016-021-9156-z

Soziale Verantwortung vor, während und nach der Coronakrise

Sabine Köhler 1,
PMCID: PMC8108734

Jeden Tag treffen wir Leute, die meinen, sie wüssten, wie man in der aktuellen Coronawelle (re-)agieren müsste, wie und ob ein Lockdown durchgesetzt werden sollte, wie die Impfungen zu organisieren und welche Fehler gemacht worden seien - meist gespeist von persönlichen Erfahrungen und Überzeugungen. Fassungslos erleben wir, dass nicht wenige Menschen ihre Balance in der Realität nur noch herstellen können, in dem sie diese leugnen, Verschwörungstheorien anhängen oder dafür kämpfen, dass ihre Kinder die Schule ohne Mundschutz besuchen dürfen. Wir sehen erleichtert, dass ein Überstehen der Erkrankung möglich ist und treffen hilflos auf Menschen, die erkrankt waren und sich kaum erholen. Die Botschaften der Intensivmediziner verhallen, wenn um die Kanzlerkandidatur gerungen wird und Oppositionsparteien nicht müde werden, Kritik am Geschehen zu üben, um ihre vermeintliche Überlegenheit in dieser komplexen Gemengelage zu demonstrieren. Wir erleben Verunsicherung auf allen Ebenen.

Deutliche Zunahme sozialer Ängste

Wir können hier ein Fels in der Brandung sein. Stehen wir doch für die Versorgung der Bedürftigen und sind trotz aller Klagen über ungenügende politische Unterstützung in einer sehr privilegierten Situation. Wir dürfen unsere fachliche Kompetenz täglich anwenden und verdienen unseren Lebensunterhalt unverändert. Gleichwohl bewegen wir uns in einer sich verändernden Welt, die es mit vielen Mitmenschen nicht so gut meint. Gastronomen, die ihre Restaurants seit einem Jahr kaum oder gar nicht bewirtschaften, Künstler, die nicht auftreten und Geschäftsinhaber, die keine Kundschaft begrüßen dürfen. Ferner Arbeitnehmer, die von Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit getroffen sind, weil ganze Branchen zusammenbrechen - das Leben wird für viele nach Corona anders sein als davor. Wir sehen eine Zunahme sozialer Ängste, die durchaus begründet und realistisch sind. Selbst wenn Menschen nicht direkt betroffen sind, wirkt sich diese Angst doch auf alle aus und wir müssen uns fragen: Wie können wir dieser Situation begegnen?

Eine wichtige Lehre aus dem Umgang mit früheren Epi- und Pandemien ist, dass eine umfassende Information aller in allen Phasen der Erkrankungswelle erfolgen muss. Die Information muss klar und in einer Sprache erfolgen, die auch Randgruppen unserer Gesellschaft erreicht. Da ist es wenig hilfreich, die Zahlen des Robert-Koch-Instituts mit vielen Nachkommastellen samt Hinweis auf die Unvollständigkeit zu veröffentlichen oder die Zahl der Impfkomplikationen prominent zu zeigen, deren Relativität aber im Kleingedruckten zu verstecken.

Post-COVID-Erkrankungen in den Fokus nehmen

Wir haben in den vergangenen Jahrzehnten eine Zunahme des Individuellen erlebt. Der Trend zur Selbstoptimierung hält an und erlebt immer wieder Bereicherung durch neue Methoden des "Mit-sich-selbst-Beschäftigen". Soziale Verantwortung als Grundfeste unserer Kultur tritt dabei in den Hintergrund. Dabei ist das die Stärke, die wir nutzen können, um die für alle bedrohliche Situation zu überstehen. Daher haben wir Fachärzte für Psychiatrie, Neurologie und Nervenheilkunde sowohl die akute somatische Gesundheit unserer Patienten im Blick, machen Impfaufklärung, führen motivierende Gespräche und achten auf somatische Folgeerkrankungen von COVID-19. Gleichzeitig sind wir einer Welle psychosozialer Probleme ausgesetzt, die nicht selten in einer Krankheit münden, die ebenfalls lebensbedrohlich sein kann. Wir sehen schon jetzt mehr und kränkere Patienten als vor Corona. Die Herausforderung ist die Versorgung dieser Menschen in ihrem Lebensumfeld. Dafür müssen wir die regionalen Ressourcen zusammenführen. Anders kann die Bewältigung der Post-COVID-Erkrankungen nicht gelingen. Intensivmedizinische und epidemiologische Expertise ist zur Beherrschung von COVID-19 unverzichtbar. Gleichbedeutend muss aber das Thema "Psychische Erkrankung" präventiv, akut medizinisch-psychotherapeutisch und rehabilitativ in den Fokus genommen werden. Darum bemühen wir uns politisch und berufspolitisch und sind für Ihre Anregungen und Kommentare dankbar. Informieren Sie sich über unsere Arbeit hier im NeuroTransmitter und auf unseren Webseiten: https://neurologen-psychiater-corona-praxishilfe.info/ sowie https://seelen-hirn-gesundheit-zns.de.

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