Skip to main content
Springer Nature - PMC COVID-19 Collection logoLink to Springer Nature - PMC COVID-19 Collection
. 2021 May 19;32(5):34–35. [Article in German] doi: 10.1007/s15016-021-9154-1

Praxis und Warteliste quellen über - was tun?

Gunther Carl 1,
PMCID: PMC8108736

Die Zahl der Patienten, die einen Termin in unseren Praxen haben möchten, ist stark gestiegen. Lesen Sie, wie Sie mit dem Andrang, der gewachsenen Anspruchshaltung sowie den echten und vermeintlichen Notfällen umgehen können.

graphic file with name 15016_2021_9154_Fig1_HTML.jpg

Ein häufiges Thema in nervenärztlichen, neurologischen und psychiatrischen Qualitätszirkeln sowie in den einzelnen Praxen sind die zunehmenden hausärztlichen Überweisungen und auch direkten Anfragen von Patienten nach Behandlungsterminen. Die Patienten beklagen sich, dass sie telefonisch trotz mehrerer Versuche nicht durchkämen. Wenn der Hausarzt persönlich anruft, ist es meist besonders dringend, aber die "Notfall-Slots" der Praxis sind begrenzt. Unsere Praxismitarbeiterinnen am Telefon sind dabei mit den unterschiedlichsten medizinischen Problemen und Dringlichkeiten befasst. Sie müssen nach einem möglichst medizinisch ausgerichteten System priorisieren beziehungsweise die Patienten auf das Ende der Warteliste vertrösten. Diese kann durchaus auf mehrere Monate anwachsen. In diesem Fall hat die Praxis in der Folge möglicherweise vermehrt mit nicht wahrgenommenen Bestellterminen oder gehäuften Absagen zu kämpfen. Denn entweder fand der Patient indessen einen Termin bei einem anderen Fachkollegen oder das Problem wurde doch hausärztlich gelöst, beziehungsweise mittels Spontanremission. In dieser angespannten Situation ruft zu allem Überfluss auch noch der Lokalredakteur der regionalen Tageszeitung in der Praxis an, um zu fragen warum es keine Termine bei Fachärzten gebe oder ob für unser Fachgebiet zu wenige Ärzte vorgesehen seien (was natürlich zweifellos stimmt).

Fallzahlenanstieg um ein Viertel

Bei weitem nicht erst seit der COVID-19-Pandemie steigen die Terminanfragen von Neupatienten in unseren Praxen für Neurologie und Psychiatrie kontinuierlich an. Untermauert wird dies durch die Zahlen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) und des Zentralinstitutes für die kassenärztliche Versorgung (ZI). Lagen die bundesweiten Durchschnittsfallzahlen bei Nervenärzten und Neurologen vor etlichen Jahren im Bereich von etwa 800 Patienten, verzeichnen wir gegenwärtig circa 1.000 Patienten pro Quartal. In reinen Psychiatriepraxen wurden früher durchschnittlich 400, heute über 500 Fälle pro Quartal verbucht. Die Gründe hierfür sind vielfältig und treffen übrigens auch auf manche andere Fachgruppe zu, zum Beispiel auf fachärztliche Internisten (Rheumatologen, Hämatologen, Gastroenterologen und Kardiologen). Die diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten und auch die Erfolgsaussichten bei neuropsychiatrischen Krankheiten haben sich in den letzten Jahren wesentlich verbessert. Auch nimmt die Anspruchshaltung der Patienten zu, während die Anzahl der Hausärzte ebenso sinkt wie deren "Allroundkompetenz" für ZNS-Erkrankungen. Dies führt zu erhöhten Überweisungszahlen.

Vor allem in ländlichen Gebieten finden sich für die Übernahme nervenärztlicher, neurologischer und psychiatrischer Praxen immer seltener Nachfolger, sodass Praxen stillgelegt werden. Etliche Praxen unserer Fachgebiete (übrigens auch Neurologen und Nervenärzte) verlegen sich aus ökonomischen, Neigungs- oder Spezialisierungsgründen beinahe ausschließlich auf Richtlinienpsychotherapie. Andere lassen sich von Krankenhaus-MVZ anstellen und fungieren als stationäre oder neurochirurgische OP-Zulieferer. Damit gehen sie der Standardregelversorgung verloren und die steigenden Patientenzahlen verteilen sich auf die übrigen Kollegen. Ob die mit der neuen Bedarfsplanung 2020 zusätzlich ermöglichten Sitze für Nervenärzte, Neurologen und Psychiater mit der Zeit eine Entlastung bringen, müssen wir abwarten. Zumal die Finanzierung dieser Sitze bisher nicht durch die Krankenkassen, sondern über die Ärzteschaft erfolgt - im Extremfall über unseren eigenen Fachgruppentopf der Nervenärzte, Neurologen und Psychiater.

"Aufnahmestopp" ist keine Lösung

Wie kann nun die einzelne Praxis mit der Flut von Patienten vor allem im ländlichen Bereich umgehen? In der Außenwirkung sehr ungünstig ist sicher die Mitteilung am Telefon "Wir haben Aufnahmestopp und nehmen keine Neupatienten, die Praxis ist voll". Das wirft ein schlechtes Licht auf die gesamte Fachgruppe wie auch auf die eigene Praxis. Wir sollten mit der Problematik medizinisch sinnvoller und angemessener umgehen. Manche Praxen bieten Notfallsprechstunden an, zum Beispiel an einem halben Tag pro Woche, andere halten mehrere "Notfall-Slots" pro Tag im elektronischen Terminkalender frei, die dann von den Helferinnen ab einem bestimmten Zeitpunkt eigenverantwortlich - oder auch nur mit Zustimmung des Arztes - belegt werden dürfen. Hierbei hilft ein praxisspezifischer Fragenkatalog, die medizinische Dringlichkeit und Wichtigkeit einzuschätzen.

Online-Termine über die Praxis-Homepage können die Patienten nicht filtern und sind wenig nützlich. Andere verweisen die Patienten auf den Hausarzt, der durch einen persönlichen Anruf oder per Fax die Dringlichkeit bestätigen muss. Die allermeisten Patienten haben Verständnis, dass im Rahmen einer Notfallbehandlung nur die Essentials kurz abgeklärt werden können. Bei vielen chronischen Patienten lässt sich auch das Intervall zur Wiedereinbestellung noch weiter verlängern.

Manchmal hilft die Delegation bestimmter Aufgaben an die MFA, den sozialpsychiatrischen Dienst, eine Selbsthilfegruppe, die Familienberatungsstelle oder es wird die Soziotherapie eingebunden. Nicht selten ist es vorteilhaft und "nervenschonend", bevorzugt Patienten aus Hausarztpraxen zu versorgen, mit denen die Zusammenarbeit gut ist, was sich unter anderem in zuverlässig mitgelieferten Vorbefunden, Laborkompetenz und Weiterverordnung unserer Medikationsvorschläge äußert. Vor allem auf dem Land, wo die Arztdichte geringer ist, kann es auch helfen, die Annahme von Patienten auf den eigenen Landkreis zu beschränken.

Dr. med. Gunther Carl.

Stellvertretender Vorsitzender des BVDN

Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie

Friedenstraße 7

97318 Kitzingen

E-Mail: carlg@t-online.de


Articles from NeuroTransmitter are provided here courtesy of Nature Publishing Group

RESOURCES