Zu den Opfern der SARS-CoV-2-Pandemie gehören auch viele Kongresse und andere Präsenzfortbildungen. Was Kammern und KBV unternehmen, um Ärzte vor einem Defizit auf ihrem Punktekonto zu bewahren, erläutert Dr. med. Günther Matheis. Er ist Präsident der Landesärztekammer Rheinland-Pfalz und Vorsitzender der Ständigen Konferenz "Ärztliche Fortbildung" bei der Bundesärztekammer.
Die Corona-Pandemie hat dafür gesorgt, dass Präsenzfortbildungen wie Kongresse oder Qualitätszirkel monatelang ausgefallen sind. Hat sich das auf den CME-Punktekonten der Ärzte bemerkbar gemacht?
Dr. med. Günther Matheis: Wir haben damit gerechnet, dass es einen größeren Einbruch geben wird und Ärzte, deren 5-Jahres-Nachweiszyklus in Zeiten der Pandemie endet, ihre notwendigen 250 Punkte nicht erreichen. Dies ist bisher aber noch nicht so eingetreten, wie wir das befürchtet haben. Die meisten Ärzte werden erst im kommenden Frühjahr und Sommer betroffen sein, weil viele, die ihre Punkte bis zum Jahresende 2020 benötigt hatten, ihr Punktekonto bereits vorher kontinuierlich gefüllt haben.
Welche Vorkehrungen haben die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und Ärztekammern getroffen, um den 2021 drohenden Punktemangel abzupuffern?
Matheis: Die KBV hat im März 2020 beschlossen, die Frist für den Fortbildungsnachweis bis zum 30. September zu verlängern. Danach kam von der KBV der Vorschlag, dass der Nachweis ausnahmsweise schon bei 200 und nicht erst bei 250 Punkten erfüllt ist. Die Bundesärztekammer hat der Fristverlängerung zugestimmt. Es hat sich aber zügig gezeigt, dass diese Fristverlängerung nicht ausreicht. Ich habe dann vorgeschlagen, dass wir allen Ärzten - ob niedergelassen oder angestellt - im Jahr 2020 50 Punkte zubuchen. Das vor dem Hintergrund, dass wir ja alle jeden Tag etwas gelernt haben: Wir haben Fieberambulanzen aufgebaut, neue Organisationsstrukturen geschaffen, "Corona-Krankenhäuser" etabliert und jeden Tag einen Podcast von Professor Christian Drosten gehört. Ich bin überzeugt, dass Fortbildung nicht besser gelebt werden kann als in dieser Zeit. Wir haben die Idee anschließend in der Bundesärztekammer diskutiert. Knapp die Hälfte der Kammern, unter anderem Rheinland-Pfalz und Niedersachsen, hat sich dem Vorschlag angeschlossen, allen Ärzten 50 Punkte dazu zu buchen.
Die KBV hatte zwar eine weitere Fristverlängerung bis zum Jahresende 2020 gewährt. Ich halte aber den Punktezuschlag für sinnvoller, weil wir das derzeitige System - Nachweis der Fortbildung mit Kammerzertifikat bei 250 Punkten - nicht verändern müssen und keine IT umgestellt werden muss. Das Problem, das viele Ärzte dieses Jahr haben werden, weil Punkte von großen Kongressen fehlen, können wir durch die Zubuchung vermeiden. Ich bin der festen Überzeugung, dass wir damit niemandem etwas schenken. Wir wollen auch nichts geschenkt haben, aber wir wollen auch nicht benachteiligt werden - alle anderen Berufsgruppen sind von der Politik unterstützt worden. Wir haben es als Selbstverwaltung in der Hand, wie Fortbildung stattfindet.
Die Ärztekammern haben auf die erschwerte Fortbildungssituation auch mit Ausnahmeregelungen bei der Anerkennung von Fortbildungsmaßnahmen reagiert. Was hat sich hier geändert?
Matheis: In der Vergangenheit haben wir zum allergrößten Teil auf Präsenzveranstaltungen gesetzt. Die Formate Webinar oder Hybridveranstaltung sind erst jetzt richtig aufgekommen und aufgeblüht. Ich bin überzeugt, dass wir in Zukunft viel stärker auf solche Settings abheben müssen. In der Fläche lassen sich damit viel mehr Personen erreichen. Eine Online-Veranstaltung ist familienfreundlicher als eine Veranstaltung, zu der die Teilnehmer am Abend 60 km hin- und zurückfahren müssen. Das wird uns in Zukunft sicher begleiten und ich finde das auch richtig gut. Viele Kammern haben ihre Satzungen schon dahingehend geändert, dass nicht nur Fortbildungen, sondern auch andere Sitzungen als Hybridveranstaltungen angeboten werden können.
Wie kann man Veranstaltungen der Kategorie A, bei denen es keine Lernerfolgskontrolle gibt, in ein virtuelles Format übertragen? Braucht man irgendeine Form der Anwesenheitskontrolle?
Matheis: Auch bei großen Kongressen können wir nicht unbedingt kontrollieren, ob und wie lange jemand tatsächlich im Sitzungssaal war. Für Live-Online-Veranstaltungen brauchen wir aber schon eine gewisse Kontrolle. Es muss gewährleistet sein, dass der Teilnehmer tatsächlich am Computer sitzt und auch "dabei" ist. Hier gibt es auch bereits entsprechende IT-Lösungen, beispielsweise, dass man nach einer gewissen Zeitspanne eine Taste drücken muss.
Lässt sich bei den Fortbildungsformaten, die im letzten halben Jahr für den Erwerb von CME-Punkten genutzt wurden, schon eine Veränderung feststellen?
Matheis: Ja, das können wir. Zum Beispiel hat unsere Akademie für Ärztliche Fortbildung in Rheinland-Pfalz Veranstaltungen, bei denen bis zu 100 Teilnehmer vor dem Bildschirm sitzen. So hohe Teilnehmerzahlen haben wir früher bei Präsenzterminen nie gehabt. Das geht anderen Akademien und Veranstaltern genauso.
Gibt es auch bei Veranstaltungen der Kategorie C, also Arbeitsgruppen, eine Verlagerung ins Internet?
Matheis: Das kann ich noch nicht genau abschätzen. Ich kann mir aber vorstellen, dass sie auch im Netz stattfinden können. Wir werden einen Digitalisierungsschub erleben und das gehört einfach dazu. Wenn man sich kennt, etwa in Arbeitsgruppen, kann man per Videokonferenz sehr gut und unter Umständen sogar besser zusammenarbeiten, als wenn für eine spezielle Fragestellung eine Präsenzveranstaltung stattfindet. Dieses Format ist übrigens auch bei Ausschusssitzungen der Bundesärztekammer in der Coronazeit fast zur Regel geworden.
Welche Vorteile hat es, wenn ärztliche Fortbildung vermehrt online stattfindet?
Matheis: Online-Fortbildungen lassen sich leichter in den Alltag integrieren. Es ist eine ganz andere Situation, ob Sie sich abends von 19 bis 20 Uhr vor den PC setzen, einen Vortrag hören und vielleicht noch Fragen stellen können oder ob Sie eine Stunde Anfahrt haben, sich registrieren und einen Platz suchen müssen und dann am Ende um 22 Uhr wieder zu Hause zu sind.
Geht dabei eventuell auch etwas verloren?
Matheis: Wir brauchen natürlich auch nach wie vor Präsenzveranstaltungen. Sich Auge in Auge gegenüberzustehen oder sich einmal bei einer Tasse Kaffee zu unterhalten, das kann durch Digitalisierung nicht ersetzt werden. So etwas ist als vertrauensbildende Maßnahme ein ganz wesentlicher Baustein.
Erwarten Sie, dass die durch Corona herbeigeführten Veränderungen in der ärztlichen Fortbildung auch nach der Pandemie noch Bestand haben?
Matheis: Ja, ganz sicher.
Plant die Bundesärztekammer, die Rahmenbedingungen für die ärztliche Fortbildung dauerhaft zu ändern?
Matheis: Die Rahmenbedingungen in der (Muster-)Fortbildungsordnung haben wir noch nicht verändert. Die Landesärztekammern werden prüfen müssen, ob ihre aktuellen Regelungen dem neuen und zukünftigen Bedarf gerecht werden. Neue Fortbildungsformate mit entsprechenden Qualitätskriterien müssen unter Umständen explizit Eingang in die Regelungen finden, damit diese von den Landesärztekammern auch einheitlich zertifiziert werden können. Ich glaube, dass sich der Schwerpunkt verschieben wird und Online-Fortbildungen einen anderen Stellenwert bekommen werden.
Vielen Dank für das Gespräch
Das Interview führte Dr. Beate Schumacher.
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Dr. med. Günther Matheis.
Präsident der Landesärztekammer Rheinland-Pfalz und Vorsitzender der Ständigen Konferenz "Ärztliche Fortbildung" bei der Bundesärztekammer

