Fragestellung: Wie häufig sind Reinfektionen und deren Symptomatik nach durchgemachter SARS-CoV-2-Infektion?
Hintergrund: Im Zusammenhang mit SARS-CoV-2 gibt es noch viele unbeantwortete Fragen: Wie lange persistieren die Antikörper nach durchgemachter Infektion und wie lange besteht eine Immunität? Wie stark ist die Immunität im Vergleich zu der nach der Impfung? Wann nach einer Infektion sollte geimpft werden und wie oft? Und: Inwiefern schützt eine durchgemachte Infektion mit dem Wildtyp auch vor Reinfektionen mit den neuen Virusmutationen? All das ist derzeit noch Gegenstand intensiver Forschung. Eine Zwischenanalyse der SIREN-Studie lieferte erste Antworten.
Patienten und Methoden: Die multizentrische, prospektive Kohortenstudie basiert auf Daten von Mitarbeitern des NHS (National Health Service, Großbritannien). Bei allen Teilnehmern wurde im zweiwöchigen Abstand ein PCR-Test zum Nachweis von SARS-CoV-2 und ein Antikörper-Test alle vier Wochen durchgeführt. Ebenso wurde ein Fragebogen zur Exposition und zu Symptomen alle zwei Wochen versendet. Es erfolgte eine Einteilung in die positive Kohorte mit stattgehabter Infektion (bestätigtes ehemaliges PCR-Ergebnis oder positiver Antikörper-Status zu Beginn) und die negative Kohorte (negativer Antikörperstatus und bisher keine positive PCR-Testung) ohne nachgewiesene Infektion.
Eine Reinfektion wurde klar definiert, nämlich bei zwei positiven PCR-Tests im Abstand von mindestens 90 Tagen, oder bei Fehlen eines initial positiven Testes ein positiver PCR-Test mindestens vier Wochen nach erstmaligen Antikörper-Nachweis. Anschließend erfolgte eine Beurteilung der Reinfektion nach genomischen, serologischen und virologischen Gesichtspunkten, und damit eine Einteilung in die Kategorien "gesichert", "wahrscheinlich" und "möglich". Des Weiteren erfolgte eine Subanalyse mit Beschreibung der Symptomatik [1].
Diese Vorauswertung der Daten bezog alle Ergebnisse bis zum 24.11.2020 mit ein.
Ergebnisse: Von Juni bis November wurden in der positiven Kohorte von 661 Teilnehmern (männlich oder weiblich) 44 Reinfektionen registriert, in der negativen Kohorte 318 PCR-bestätige Erstinfektionen bei 14.173 Personen. Das entspricht einer kumulativen Inzidenz von 6,7 pro 1.000 in der positiven Kohorte, in der negativen Kohorte waren es 22,4. Von den 44 Infektionen wurden zwei als wahrscheinlich und 42 als möglich eingestuft. Insgesamt waren 15 symptomatisch. Die Zeit zwischen den Infektionen lag im Mittel bei 172 Tagen bei Vorliegen einer für COVID-19 typischen Symptomatik, bzw. bei 162 Tagen bei vorliegenden PCR-Ergebnissen. Im Vergleich war somit das Risiko der positiven Kohorte, einen erneuten Nachweis einer SARS-CoV-2-Infektion zu haben, um 83 % erniedrigt; für eine rein symptomatische Reinfektion war das Risiko sogar um 92 % niedriger.

Schlussfolgerungen: Die Autoren geben vor allem zu bedenken, dass keine Reinfektion die strengsten Kriterien des Protokolls erfüllte. Meistens lagen die Sequenzierungsdaten der Erstinfektion nicht vor, sofern überhaupt ein bestätigtes PCR-Ergebnis aus der Primärinfektion nachzuweisen war.
Möglicherweise seien einige PCR-Ergebnisse von der Erstinfektion zu Beginn der Pandemie falsch-positiv gewesen. Es wurden einige Probanden in die positive Kohorte ohne Antikörper-Nachweis aufgenommen, auf welche dies zutreffen könnte.
Ebenso bleibt anzumerken, dass man bei der Erstinfektion einiger Probanden nur auf den Antikörperstatus zurückgreifen konnte oder den Beginn einer Erkrankung mit der (für COVID-19 typischen) Symptomatik anstatt des PCR-Ergebnisses korrelieren musste.
Manche Reinfektionen schätzen die Autoren als wahrscheinlich residuelle RNA-Reste der Erstinfektion ein, da zu dieser Zeit insgesamt eine niedrige Prävalenz landesweit zu messen war.
Das Risiko für asymptomatische Infektionen war in der positiven Kohorte niedriger, damit einhergehend auch ein geringeres Übertragungsrisiko für nosokomiale Infektionen.
Die Autoren schlussfolgern, dass eine durchgemachte Infektion und damit das Vorliegen von SARS-CoV-2 Antikörpern vor einer Reinfektion schützt, und damit vergleichbar mit dem Schutz aus Zulassungsstudien der Impfstoffe erscheint [2, 3].
Kommentar von Dr. med. Jochen Rosenbruch und Prof. Dr. med. Stephan Sorichter.
Hygiene und Abstand auch nach durchgemachter COVID-19 nötig
Es bleibt zu beachten, dass diese Zwischenanalyse eine Preprint-Studie ist, die zum Zeitpunkt dieses Kommentars (Anfang März 2021) noch nicht begutachtet wurde. Wie die Autoren schreiben, erfüllte keine Reinfektion ihre strengsten Kriterien, da vor allem die Sequenzierungsdaten der Erstinfektion nicht vorlagen. Damit wird auch die Schwierigkeit angedeutet, eine Reinfektion zu definieren. Die Kriterien der Autoren (Abstand zwischen den Testergebnissen) sowie die Unterscheidung in die Kategorien "gesichert", "wahrscheinlich" und "möglich" erscheinen als plausibles und adäquates Instrument. Allerdings deuten sie in der Diskussion an, dass manche Ergebnisse möglicherweise RNA-Reste der Erstinfektion sein könnten. Ohne Sequenzierungsdaten von Erst- und Reinfektion ist ein detaillierterer Vergleich jedoch erschwert.
In der negativen Kohorte gab es 94 Serokonversionen, welche bei Fehlen eines positiven PCR-Test aus der Analyse ausgeschlossen wurden, da man nicht wisse, ob es diese Fälle auch in der positiven Kohorte gegeben habe. Hier lohnt sich nach Abschluss der Studie ein genauerer Blick in die Daten, um zu beurteilen, ob diese Probanden auch Symptome beschreiben und wie sich deren weiterer Verlauf (quantitativ der Antikörper sowie Reinfektionsrisiko) darstellt. Der Ausschluss dieser Daten ist bei fehlender Symptomatik der Probanden natürlich verständlich und nachvollziehbar, verringert in dieser Analyse aber auch die Rate an Reinfektionen.
Es bleibt festzuhalten, dass sich der Schutz nach einer durchgemachten Infektion im Bereich der bisher zugelassenen Impfstoffe zu bewegen scheint. Auch wenn damit das Risiko für asymptomatische Reinfektionen verringert ist, bleibt es natürlich zwingend erforderlich, dass jegliche Schutz- und Hygienemaßnahmen unverändert fortgeführt werden.
Ebenso sollte - gerade im längeren Verlauf - genau beobachtet werden, wie sich die Immunität und die Antikörpertiter nach einer durchgemachten Infektion und nach einer Impfung unterscheiden. Erste Labordaten zeigten bereits, dass der Antikörpertiter durch den mRNA-Impfstoff von BioN-Tech und Pfizer um mehr als das Siebenfache höher ist als nach einer Infektion [4].
Die Analyse läuft geplant bis Ende März dieses Jahres weiter. Es wird dann sehr interessant sein, wie die Daten dieser Zwischenanalyse im Gesamtkontext zu beurteilen sind.
Weiterhin wurde nach dieser Zwischenanalyse die Impfung zugelassen und der Einfluss der (sog. britischen) Variante B1.1.7 nahm zu. Hier werden die weiteren Daten noch spannende Analysen hervorbringen können.
Originalie.
Hall V, Foulkes S, Charlett A et al. SARS-CoV-2 infection rates of antibody-positive compared with antibody-negative health-care workers in England: a large, multicentre, prospective cohort study (SIREN). https://www.medrxiv.org/content/10.1101/2021.01.13.21249642v1.full#ref-36
inzwischen erschienen in: Lancet. 2021;397(10283):1459-69
Dr. med. Jochen Rosenbruch.
Klinik für Pneumologie und Beatmungsmedizin
RKK Klinikum - St. Josefskrankenhaus Freiburg
Sautierstr. 1, 79104 Freiburg
pneumologie@rkk-klinikum.de
Prof. Dr. med. Stephan Sorichter.
Klinik für Pneumologie und Beatmungsmedizin
RKK Klinikum - St. Josefskrankenhaus Freiburg
Sautierstr. 1, 79104 Freiburg
pneumologie@rkk-klinikum.de
Contributor Information
Jochen Rosenbruch, Email: jochen.rosenbruch@rkk-klinikum.de.
Stephan Sorichter, Email: pneumologie@rkk-klinikum.de.
Literatur:
- 1.Wallace S, Hall V, Charlett A et al. SIREN protocol: Impact of detectable anti-SARS-CoV-2 on the subsequent incidence of COVID-19 in 100,000 healthcare workers: do antibody positive healthcare workers have less reinfection than antibody negative healthcare workers? medRxiv. 18.12.2020; 2020.12.15.20247981
- 2.Polack FP, Thomas SJ, Kitchin N et al. Safety and Efficacy of the BNT162b2 mRNA Covid-19 Vaccine. N Engl J Med. 2020;383(27):2603-15 [DOI] [PMC free article] [PubMed]
- 3.Voysey M, Clemens SAC, Madhi SA et al. Safety and efficacy of the ChAdOx1 nCoV-19 vaccine (AZD1222) against SARS-CoV-2: an interim analysis of four randomised controlled trials in Brazil, South Africa, and the UK. Lancet. 2021;397(10269):99-111 [DOI] [PMC free article] [PubMed]
- 4.Tada T, Dcosta BM, Samanovic-Golden M et al. Neutralization of viruses with European, South African, and United States SARS-CoV-2 variant spike proteins by convalescent sera and BNT162b2 mRNA vaccine-elicited antibodies. bioRxiv. 7.2.2021 ;2021.02.05.430003.

