Nach COVID-19-Erkrankung bestehen nicht selten weiterhin Symptome. Und das, obwohl sich die Lungenfunktion meist normalisiert. Geachtet werden sollte auf neurologische Symptome.
Es gibt auch gute Nachrichten in Bezug auf COVID-19: Bei den meisten stationär behandelten Patienten mit überstandener Erkrankung normalisiert sich die Lungenfunktion im weiteren Verlauf, radiologisch sichtbare Veränderungen der Lunge bilden sich zurück, unabhängig vom Schweregrad der akuten Erkrankung. Das berichtete Prof. Michael Dreher von der RWTH Aachen beim virtuellen Internistenkongress. Nach seinen Erfahrungen bestehen drei Monate nach Entlassung aus dem Krankenhaus meist keine wesentlichen Lungenfunktionseinschränkungen mehr, allenfalls mild bis moderat ausgeprägte Diffusionsstörungen. Die meisten Patienten seien auch kardial nicht eingeschränkt. Fast 50 % berichten dennoch über Abgeschlagenheit und Fatigue und sind nicht mehr in der Lage, ihren Alltag zu bewältigen. Das bei hospitalisierten COVID-19-Patienten deutlich erhöhte Thromboembolie-Risiko müsse auch nach Abklingen der Akuterkrankung weiter beachtet werden, so Dreher. Erfolgreich Behandelte neigen aber offenbar nicht dazu, in der Nachsorge gehäuft Thromboembolien zu entwickeln, so die Aachener Erfahrungen.
"Das CRP explodiert innerhalb weniger Tage"
Der Weg nach Hause ist für stationär behandelte COVID-19-Patienten aber lang, mit unter Umständen kritischen Phasen, die Therapie ist aufwändig. In der ersten Pandemiewelle waren Patienten auf Normalstationen im Median zwölf Tage in Behandlung mit über lange Zeit erhöhten Entzündungsparametern, sagte der Internist. Bei Intensivpatienten waren es im Median 38 Tage. Von ihnen benötigten drei Viertel Bauchlagerung, jeder Vierte eine extrakorporale Membranoxygenierung (ECMO).
Außer der Lunge und dem Gefäßsystem sind weitere Organe vom Virus befallen: Leber, Herz und vor allem die Nieren. In einer Hamburger Autopsie-Studie konnte das Virus bei 60 % der gestorbenen Patienten in den Nieren nachgewiesen werden. "SARS CoV-2 ist ein Multiorganvirus", sagte Prof. Tobias Huber, Uniklinikum Hamburg-Eppendorf. Nierenversagen sei das zweithäufigste Organversagen und damit einer der wichtigsten Morbiditäts- und Mortalitätsfaktoren bei COVID-19.
Der Organtropismus lässt sich als Indikator für einen schweren Krankheitsverlauf nutzen. So deutet ein positiver Urinstix bei Krankenhausaufnahme bereits auf eine schlechte Prognose hin, ein negativer Test auf eine eher günstige Prognose. Damit könnte der Test ggf. zur Planung nötiger Behandlungsressourcen beitragen, gerade in Ländern mit eingeschränkter Versorgung. Außer den Nieren zeigt auch die Leber einen ausgeprägten Virustropismus. Viele COVID-19-Patienten haben erhöhte Leberenzym-Werte, z. T. auch noch nach Klinikentlassung. Analysen der Hamburger Forscher weisen auf veränderte molekulare Profile und aktivierte Entzündungssignalwege hin. Diese Muster ähnelten jenen einer niedrig aktiven Hepatitis C, sagte Huber. Welche Folgen das für den Langzeitverlauf hat, ist noch unklar.

Die Hyperinflammation bei schwer Erkrankten ist beeindruckend. "Das CRP explodiert innerhalb weniger Tage", berichtete Prof. Andreas Schwarting von der Universitätsmedizin Mainz. Teilweise konnte der Zytokinsturm mit Immunsuppressiva wie einem Interleukin-1-Blocker gebändigt werden. Noch gilt es aber, die pathophysiologischen Hintergründe der Erkrankung genauer aufzuklären. Aus therapeutischer Sicht sei es wichtig, die Hyperinflammation rechtzeitig zu erkennen, so Schwarting. "Das Inflammasom scheint ein sehr wichtiger Therapieansatzpunkt zu sein". Nach seinen Angaben laufen derzeit mehr als 4.800 interventionelle Studien zur COVID-19-Therapie. Ein wichtiger Punkt scheint der jeweils richtige Zeitpunkt für bestimmte Therapieprinzipien zu sein.
Der Rostocker Neurologe Prof. Andreas Hermann forderte dazu auf, bei stationär behandelten Patienten aktiv nach neurologischen Symptomen zu suchen, v. a. bei Enzephalopathie. Hier sind gehäuft ischämische Schlaganfälle, Enzephalitis, Hirnblutungen und andere Komplikationen beobachtet worden. Neurologisch Vorerkrankte haben nach seinen Angaben zudem ein erhöhtes Risiko, an COVID-19 zu erkranken, verbunden mit erhöhter Morbidität und Mortalität. Hermann betonte zugleich, dass eine neurologische Vorerkrankung keine Kontraindikation für die Schutzimpfung gegen SARS-CoV-2 sei.
Quelle: Bericht vom 127. Kongress der DGIM 2021
