Abstract
In diesem Beitrag für die Zeitschrift für Psychodrama und Soziometrie geht es um die Frage, wie bestimmte Spannungen im Zusammenleben der Menschen, deren Auswirkungen die Corona-Krise deutlich sichtbar gemacht hat, angemessen zu bewältigen sind. Es wird dargelegt, dass Kreativität das Potenzial bietet, diesen Herausforderungen zu entsprechen, wenn ein Leben gelingen soll. Zu diesem Zweck wird die Kreativitätstheorie Morenos skizziert sowie eine Philosophie des Glücks. Mit diesem psychodramatischen Blick werden dann folgende soziale Spannungen untersucht: Freiheit und Solidarität, Liebe und Streit, Vernunft und Gefühl, Streben und Sollen. Zum Schluss wird gezeigt, wie das Psychodrama dazu beitragen kann, kreatives Handeln zum würdevollen Umgang mit diesen Spannungen zu fördern in einer spätmodernen Gesellschaft.
Schlüsselwörter: Psychodrama, Corona, Covid-19, Glück, Kreativität, Kreativitätsdispositiv, Moreno, Spannungen des sozialen Lebens, Würde
Abstract
This article for the Zeitschrift für Psychodrama und Soziometrie deals with the question of how certain tensions in the coexistence of people, whose effects the Corona crisis has made clearly visible, can be adequately managed. It is shown that creativity offers the potential to meet these challenges, if life is to succeed. To this end, Moreno’s theory of creativity is outlined first, as well as a philosophy of happiness. With this psychodramatic view these social tensions are then examinated: Freedom and solidarity, love and conflict, reason and feeling, conation and ought. Finaly, it is shown how the psychodrama can contribute to the promotion of creative action to deal with these tensions with dignity in a late modern society.
Keywords: Psychodrama, Corona, Covid-19, Creativity, Dignity, Happiness, Moreno, Tensions of social life
Vorbemerkung (Stand: Mai 2021)
Als Corona im März 2020 nach Europa kam und von nun an meinen Alltag bestimmte, drängte sich mir die Frage auf: „Wie gehe ich selbst mit den Herausforderungen so um, dass sie angemessen, aber auch lebbar sind?“ Ich setzte meine psychodramatische Brille auf und begann, genauer hinzuschauen und das Entdeckte, meine Inspirationen und Überlegungen 13 Monate lang in einem Text für die ZPS zu ordnen.
Humanwissenschaftliche Forschung ist immer selbstreflexiv: Die Erkenntnisse über menschliches Leben generell betreffen somit auch die Forschenden, also auch mich selbst. Bei diesem kurzen Text kann es selbstverständlich nicht um eine umfassende Analyse des Corona-Geschehens gehen. Es geht lediglich um ungewöhnliche Einsichten durch spezifisch psychodramatisches Hinsehen. Der Text bewegt sich somit im Geist Morenos (1991) auf einer sozialphilosophischen Diskursebene zur lebenspraktischen wie gesellschaftspolitischen Orientierung.
Einleitung
Ein Virus hat vielfach miteinander verbundene Wirtinnen und Wirte gefunden, die ihm eine exponentielle Vermehrung und Mutation ermöglichen. Durch die damit verbundene exogene Todesdrohung für die gesamte Menschheit haben sich viele Lebensumstände in der Welt massiv verändert. Ich beziehe mich hier jedoch lediglich auf das gegenwärtige Menschenleben in Europa und Nordamerika, also in „spätmodernen Gesellschaften“ (Reckwitz 2020), beispielhaft auf das Leben in Deutschland. Wir mussten „aus dem Stegreif“ lernen, mit einem bedrohlichen Zufall umzugehen. Es bleibt aber die grundsätzliche Frage, wie auch in dieser Lage ein glückliches Leben möglich ist. So schreibt etwa der Philosoph Rainer Marten (2021, S. 105): „Werden die Corona-Zeiten von nicht wenigen Menschen in vielfacher Hinsicht als ernste Zeiten erfahren, dann liegt darin die Chance, nicht nur eine eigene Not vor Augen zu haben, sondern auch auf das Wunder aufmerksam zu werden, das der Mensch ist.“ Es gehe auch in dieser Lage um „das Glück, Mensch zu sein in seiner Einmaligkeit“.
Die Corona-Krise hat bei uns bestimmte Auseinandersetzungen hervorgebracht, die sich auf grundlegende Spannungen des sozialen Lebens zurückführen lassen. Etwa die Spannung zwischen immer neuen Erkenntnissen und emotionaler Betroffenheit. Oder die Spannung zwischen Selbstsorge und Rücksichtnahme. So tauchte bei mir gleich zu Beginn der Krise eine Idee auf: „Könnte es nicht sein, dass ein glückendes Leben ganz entscheidend davon abhängt, ob unvermeidbare soziale Spannungen angemessen bewältigt werden? Und uns dazu vor allem die Kreativität befähigt?“ Ich entschloss mich, diese Intuition genauer zu durchdenken.
Ausgehen bei meinen Überlegungen möchte ich mit einem Gedicht Morenos aus dem „Testament des Vaters“ von 1922 (Moreno 1922, S. 16 f.):
O ich habe Glück!
Was ich träume, hat Glück.
Was ich beginne, hat Glück.
Was ich berühre, hat Glück. (…)
In alle Zonen zieht mein Glück.
Schau in mein Auge, schau, siehst du das Glück.
Moosige Erde und Firn, nimm dir dein Glück.
Schwalbe, schwebender Reim, nimm dir dein Glück,
Wolke, rauchender Zwerg, nimm dir dein Glück.
Wer mich begehrt, der hat Glück.
Wer mir hilft, der hat Glück,
Wer mich berührt, der hat Glück.
Wer mich begräbt, der hat Glück.
In diesem Gedicht verheißt der Vater demjenigen Glück, der ihn begehrt, der ihm hilft, der ihn berührt, ihn aber auch begräbt. Diese mystisch-poetische Figur des göttlichen Vaters ersetzt Moreno später durch den abstrakten Begriff der Kreativität. Meine These ist: Obwohl diese direkte Verknüpfung der Kategorien Glück und Kreativität so explizit in Morenos wissenschaftlichen Schriften nicht mehr auftaucht, so lässt sich doch sagen: Sein gesamtes Werk dreht sich im Kern genau darum: Glück hat, wer sich für Kreativität öffnet und mit dieser Potenz die Möglichkeiten, die die Welt bietet, für ein gutes Leben mit seinen Mitmenschen ausschöpft.
Zunächst werde ich darlegen, was ich jeweils unter Kreativität, Glück und den Spannungen des sozialen Lebens verstehe, um dann besonders relevante Spannungen genauer zu untersuchen. Zum Schluss werde ich auf das „Kreativitätsdispositiv“ der Spätmoderne eingehen und zeigen, welche Aufgabe in diesem Kontext dem Psychodrama zukommt.
Kreativität, Glück und die Spannungen des sozialen Lebens
Kreativität
Meine Ansicht von Kreativität ist von Morenos Sichtweise geprägt (Buer 2010, S. 267–280, 2015). In seiner Wiener Zeit war Morenos Denken stark von der jüdischen Mystik beeinflusst. Ein Grundgedanke der Kabbala findet sich in seiner Kreativitätstheorie wieder:
Der Feuerstrom der göttlichen Gnade schüttete sich über die erstgeschaffenen Urgestaltungen, die die Kabbala Gefäße nennt, sie aber vermochten nicht der Fülle standzuhalten, sie zerbrachen in unendlicher Vielheit, der Strom zersprühte in Millionen von Funken, die von Schalen, wie die Kabbala sie nennt, umwachsen werden. So sind Gottes Funken in alle Dinge gefallen, sind aber von dem Mangel an Gotteskraft, von den Schalen, dem Übel, umgeben (…). Die Welt liegt erlösungsbedürftig zu Gottes Füßen. Aber in den Funken ist Gottes Herrlichkeit selbst in die Welt eingegangen, wohnt sie in ihr ein, was der hebräische Name Schechina bedeutet, wohnt inmitten der mangelbeladenen Welt, will sie erlösen. So hat Gott selbst sein Schicksal in der Welt. Gott wollte aus seiner Einheit die Anderheit, er wollte geliebt und gewollt werden, darum gab er die Welt frei, gab ihr die Freiheit, sich zu entscheiden, ihn zu wollen, ihn zu lieben (Kohn 1979, S. 79).
Gott tritt hier als Gnade, als Kraft, als Liebe auf, die eines ganz anderen Gegenübers bedarf. Das meint Moreno mit „Kreativität“. Aus den „Funken“ wird die „Spontaneität“, aus den „Schalen“ werden die „Konserven“. Heißt: Mit Hilfe der Spontaneität kann die Kreativität die einschränkenden Konserven immer wieder flexibilisieren. Dem Weltgeschehen ist somit ein dynamisches Potenzial eingeschrieben, das sich ohne die Mithilfe des Menschen nicht adäquat entfalten kann. Er hat die Entscheidungsfreiheit, sich für diese Lebenskraft zu öffnen. Dann wird er zum Co-Creator des Entwicklungsprozesses. Eine gute Lebensqualität für alle Lebewesen ist somit abhängig von den jeweils konkreten kreativen Handlungen eines jeden Menschen im jeweiligen Hier und Jetzt. Diese Gegebenheit überträgt ihm eine große Verantwortung.
1957 charakterisiert Moreno (1991) seine Theorie der kosmischen Kreativität durch folgende fünf Prinzipien:
Kreativität: Sie durchdringt das gesamte Universum. Sie ist das „operationale Prinzip par excellence“.
Spontaneität: Sie setzt kreative Prozesse in Gang.
Zufall: Damit macht Moreno deutlich, dass kreative Prozesse nicht erzeugt oder gesteuert werden können. Sie sind der Kontingenz unterworfen.
Konserve: Sie ist das Produkt der Kreativität. Sie kann Kreativität vorhalten, kann aber auch nach einer gewissen Zeit nicht mehr angemessen sein.
Tele oder universelle Interaktion: Alles ist mit allem verbunden. Die menschliche Interaktion stellt jedoch eine besondere Weise der Verbundenheit dar.
Als Beispiele für kreative Personen hat Moreno einerseits wegweisende Persönlichkeiten angeführt wie Buddha, Sokrates, Jesus von Nazareth, Franz von Assisi, Baalshem, Gandhi, andererseits hervorragende Künstler wie Michelangelo, Shakespeare, Goethe, Beethoven, Dostojewski, Tolstoi. Mit dem Psychodrama hat Moreno beide Ausprägungen kreativen Schaffens vereint: Das Psychodrama ist eine Kunst, durch die jeder Mensch seinen einmaligen, originellen Beitrag zur Weltgestaltung leisten kann. Erst dadurch wird die Welt lebenswert. Daher geht es neben rationaler Aufklärung ebenso um die „Verklärung“ des Lebens durch „Lebensteilungskunst, Denkkunst und Glaubenskunst“ (Marten 2021, S. 59). Was das nun je nach Situation und Weltlage von den Menschen fordert, das bedarf aber auch demokratischer Abstimmungsprozesse in den dazu eigens geschaffenen Institutionen (Moreno 1991, S. 33 ff.; Buer 2017a). Es geht also um Lebenskunst wie um Regierungskunst.
In dieser Sicht auf das Phänomen Kreativität sah Moreno sich bestärkt durch den amerikanischen Pragmatismus (Joas 1992; Hartmann 2003; Schubert et al. 2010). In jüngster Zeit hat der Psychologe Mihaly Csikszentmihalyi mit seinem Flow-Konzept das Versinken in einen schöpferischen Prozess besonders kreativer Menschen eindrücklich beschrieben (Csikszentmihalyi 2003), geht aber auch davon aus, dass kreatives Gestalten des eigenen Lebens jedem Menschen möglich ist (Csikszentmihalyi 2001).
Glück
Da die Kategorie Glück in der Beratung mit Menschen eine große Bedeutung hat, habe ich mich in den letzten 15 Jahren mit diesem Thema in Philosophie und Humanwissenschaften genauer befasst (Buer in: Buer und Schmidt-Lellek 2008, S. 103–133; Buer 2012, 2017b). Seit in der Unabhängigkeitserklärung der USA von 1776 „the pursuit of happiness“ zu den Menschenrechten gezählt wurde, ist das Glück wichtiger Maßstab allen Lebens in der Moderne (Bauman 2010, S. 11 f.). Als sich in den westlichen Gesellschaften ab den 1980-er Jahren eine Pluralisierung der Lebensstile durchsetzte (Reckwitz 2020), stellte sich die Frage nach einem glücklichen Leben auch für die kontinentale Philosophie in Europa neu (z. B. Fenner 2003; Thomä et al. 2011). Dabei geht es nicht um das Zufallsglück (engl.: luck), auch nicht um das Wohlfühlglück (engl.: pleasure). Es geht vielmehr um ein existentielles dauerhaftes Glück (engl.: happiness).
So hat schon Aristoteles (2006) überzeugend dargelegt, dass das höchste Gut, das alle Menschen letztlich anstreben, das Glück (altgr.: eudaimonia) ist. Voraussetzung für diese Glückserfahrung ist allerdings ein tugendhaftes Leben, in dem mit Weisheit (altgr.: sophia) und Klugheit (altgr.: phronesis) die Möglichkeiten des jeweiligen Lebens ausgeschöpft werden. Es geht somit um ein Vermögen, das dazu taugt, ein Leben zum Gelingen zu bringen. Dieses Gelingen aber ist eingebunden in die polis, in das gute Leben der jeweiligen Gesellschaft. Für Epikur (1988) ist die Basis des Glücks, Leiden vermeiden und Lust (altgr.: hedoné) steigern zu können. Lust soll aber so gelebt werden, dass sie Freude bereitet, nicht nur für einen selbst, sondern auch für diejenigen, mit denen man verbunden ist. Sie muss also kultiviert werden (Geyer 2004).
Auch im Pragmatismus spielt das Glück eine zentrale Rolle (Thomä et al. 2011, S. 255–263). Bei Dewey etwa ist es gebunden an die Erfahrung angemessenen Handelns. Wenn wir uns aber durch das Erreichen selbstgesteckter Ziel selbst weiterentwickeln, dann ergibt sich daraus die moralische Forderung, das auch anderen zu ermöglichen. Diese Fähigkeit muss herausgebildet werden, sie muss wachsen.
Eine aktuelle Theorie des Glücks hat der Philosoph Martin Seel (1999) vorgelegt: Formal zeigt sich das Glück als Wunscherfüllung oder als erfüllter Augenblick. Wenn diese episodischen Glücksmomente immer wieder auftauchen, wenn man sein Leben also selbstbestimmt so gestalten kann, dass sie es kennzeichnen, dann kann man von einem übergreifenden Glück sprechen. Das impliziert aber, dass man in der Lage ist, auf die Anforderungen, die die Welt an einen stellt, also auch auf die sozialen Spannungen des Lebens eine angemessene Antwort zu geben.
Diese Überlegungen zeigen: Wer glücklich sein will, muss sich entschließen, sich mit einem angemessenen Lebensstandard zufrieden zu geben. Denn das Streben nach immer mehr führt zu erneutem Glückskonsum und dem damit verbundenen Zwang, ihn auch immer aufwändiger zu finanzieren. Damit wird aber letztlich eine sich selbst beschleunigende Unglücksspirale in Gang gesetzt, die zwangsläufig zu einer maßlosen Vernutzung der äußeren wie der inneren Natur führt. Ein sinnvolles, glückliches, gutes, gelingendes Leben (Wessels 2011) hat allerdings Umstände zur Voraussetzung, die überhaupt Glück erleben lassen (Seel 1999, S. 83 ff.).
Mit dem Ritual des Psychodramas hat Moreno einen Weg gefunden, das kreative Potenzial eines jeden Menschen so zu wecken und zu fördern, bis er in der Lage ist, die Beschränkungen seines Lebens aufzuheben und Lebensweisen zu finden und zu sichern, die den Herausforderungen seines Lebens angemessen sind. Die Angemessenheit wird durch eine „existentielle Validierung“ festgestellt: Sie „respektiert das Faktum, dass jede Erfahrung in dem Augenblick, in dem sie gemacht wird – im Hier und Jetzt – wechselseitig befriedigend sein kann. Die Erfahrung von zwei Liebhabern oder zwei Freunden bedarf beispielsweise keiner Validierung jenseits der Zustimmung und der Freude der Beteiligten“ (Moreno in: Hutter und Schwehm 2009, S. 485). Diese Freude entspricht dem Glücksgefühl, von dem Epikur spricht. Und dieses gute Leben wird nicht individualistisch gedacht, es ereignet sich in einander zugewandten Begegnungen und in einem resonanzorientierten Umgang mit der Welt (Buer 2017b).
Die Spannungen des sozialen Lebens, die Kreativität und das Glück
Das menschliche Leben ist in unserer Gesellschaft durch den Einfluss von Gegensatzpaaren gekennzeichnet. Dabei ist zum einen von Gegensätzen auszugehen, die durch die Bewertung in gut und böse bzw. gut und schlecht oder positiv und negativ bewertet sind, wie etwa das Gegensatzpaar Krieg und Frieden. Nun gibt es aber auch Gegensätze, die nicht positiv/negativ konstruiert sind. Bei diesen Gegensätzen ist eben nicht eine Seite zu bevorzugen und die andere zu verwerfen. Es gilt, beide Seiten in Balance zu halten, so dass kein „extremistisches Verhalten“ weder zur einen Seite noch zur anderen hin praktiziert wird. Denn durch extreme Polarisierung ist ein als gerecht anzusehendes Zusammenleben wie ein gutes individuelles Leben erheblich gefährdet. Im Folgenden soll es um den Umgang mit einigen dieser komplementären, jedoch unauflösbaren Gegensatzpaaren gehen, die in der Corona-Zeit besonders auffällig waren.
Diese Balance kann aber nicht eindeutig rational ermittelt oder gar quantitativ errechnet werden. Sie muss in jeder Situation und jedem Moment immer wieder neu erfunden, erprobt und ggf. modifiziert werden. Genau dazu verhilft die Kreativität. Denn sie ist das Vermögen, beide Seiten dieser unvermeidlichen Gegensätze so zu vermitteln bzw. zu transzendieren, dass dadurch ein Leben in Würde glücken kann.
Das Corona-Leben unter Spannung
Freiheit und Solidarität
Wir alle leben einzeln und gemeinsam zugleich. In Morenos Worten: Das individuelle Selbst muss immer auch als soziokulturelles Atom in Rollenkonfigurationen und Telebeziehungen gedacht werden. Daraus ergibt sich eine Spannung zwischen Autonomie (Rössler 2017) auf der einen Seite und Solidarität (Bude 2019) auf der anderen. In der Corona-Krise konnten einige diese Spannung nicht aushalten. So sahen manche die Aufforderung zur Solidarität gerade mit den von der Krise besonders Betroffenen als repressive Einschränkung ihrer individuellen Interessen. Viele verlangten im Laufe der Zeit Lockerungen der staatlichen Normierungen und klagten ihre Freiheitsrechte ein. Andere nahmen die jeweiligen staatlichen Aufforderungen als Direktiven und unterwarfen sich resigniert.
Auch Moreno sieht in seiner Sozialphilosophie den Einzelnen in der Verantwortung für die Gemeinschaft. Seine individuelle Kreativität befruchtet das Wohl der ihn umgebenden Gruppierungen wie umgekehrt. Moreno spricht gar von einer „Autonomie der gegenseitigen Abhängigkeit“ (Moreno 1991, S. 35). Ihm geht es um das Glück eines jeden Menschen, aber ebenso um eine „therapeutische“, sprich: solidarische Weltordnung, die erst dieses Glück gewährleisten kann.
Sicher geben uns Routinen, soziale Rollen, eingespielte Netzwerke, soziale Institutionen Sicherheit. Diese Kulturkonserven können aber auch als Zwang wahrgenommen werden, wenn sie nicht mehr der jeweiligen Lebenslage angemessen sind oder gar aufgeherrscht wurden. Um herauszufinden, was Freiheit wirklich bedeutet, rät Moreno uns, sich auf die Ausgangslage eines Geschehens zu besinnen. Kann ich mich erneut in dieses Stadium der Geburt eines kreativen Impulses („status nascendi“), an diesen Ursprungsort („locus nascendi“) zurückversetzen, dann werden die begeisternden Bedingungen („matrix nascendi“) meines Lebensentwurfs wieder spürbar. Ich bin wieder frei für eine Glück versprechende Lebensweise.
Hannah Arendt vertritt einen ähnlichen Gedanken, wenn sie von der Tatsache ausgeht, „daß der Mensch zum Handeln im Sinne des Neuanfangs begabt ist.“ Und diese „Begabung für das schlechthin Unvorhersehbare“ beruht „auf dem alles menschliche Zusammensein begründenden Faktum der Natalität (..), der Gebürtlichkeit“ (Arendt 1992, S. 167). Im Austausch mit den anderen einzigartigen Menschen ist dann „public happiness“ möglich.
Liebe und Streit
Zweifellos sind in unserer Gesellschaft viele unserer Beziehungen von Hass, Destruktion, Antipathie oder gnadenloser Konkurrenz befallen. Dahinter scheint eine große Angst vor Versagen, Erniedrigung, Ausgrenzung zu stecken (Bude 2014). Als Gegenpol wird zur Liebe aufgerufen. Die Kategorie „Liebe“ kommt in Moreno’s Theorie zwar vor, spielt jedoch in ihr keine zentrale Rolle. Die empathische, gegenseitige, freundschaftliche, solidarische Liebe, die ich in diesem Zusammenhang meine, ordnet er der Kategorie „Begegnung“ zu (Buer 2016). Begegnung kann aber auch in einer Auseinandersetzung bestehen, die offen und ehrlich geführt wird (Moreno in: Hutter und Schwehm, S. 192). Man streitet sich fair darum, was denn richtig und gut ist. Begegnung versucht, Liebe und Streit auszubalancieren.
Diese anthropologisch gegebene Fähigkeit des Menschen zur Begegnung lässt sich auch durch historische Studien zur Menschheitsentwicklung wie durch sozialwissenschaftliche Forschung bestätigen. So zeigt etwa der Historiker Rudger Bregman auf, dass sich im Laufe der Evolution diejenigen Menschen durchsetzten, die sich freundschaftlich miteinander verbunden hatten, um kooperativ die jeweiligen Herausforderungen zum Überleben zu bewältigen. Er spricht gar vom „survival of the friendliest“ (Bregman 2020, S. 85). Auch Moreno setzt auf Kooperation, spricht von der „Freundlichkeit im sozialen Universum“ (Moreno 1991, S. 27).
So hörte ich in meinem Bekanntenkreis von einem Streit in einer Gruppe von vier Freundinnen, die schon seit über 40 Jahren miteinander verbunden sind. Ihre gemeinsame Sicht aufs Leben wurde erschüttert, als eine der Freundinnen entschieden bekundete, dass sie die gegenwärtigen Corona-Einschränkungen strikt ablehne. Das löste zunächst bei den anderen großes Entsetzen aus. Eine der Betroffenen hat das Gespräch gesucht. In der konfrontativen, aber doch freundlichen Auseinandersetzung per Telefon wurde schnell klar, dass diese endlich nach Jahren in Verhältnissen lebe, in denen ihr eine freie Gestaltung ihres Lebens möglich geworden sei. Diese gewonnenen Freiheiten sieht sie offenbar durch die gegenwärtigen Reglementierungen gefährdet. In diesem Gespräch hat eine Begegnung stattgefunden, in der in einer liebevollen Haltung ein fairer Streit möglich war. So konnten die nach wie vor unterschiedlichen Positionen bestehen bleiben, mussten aber nicht zur Beendigung der Freundschaft führen.
Liebe soll also nicht in grenzenlose Sympathie oder unterwürfige Hilfsbereitschaft ausarten, Streit nicht in Antipathie, Destruktion, Hass. Ein gelingendes Leben für alle bedarf daher einer kreativen Begegnungskultur, die in Anerkennung der Würde des Anderen Liebe und Streit verbindet.
Vernunft und Gefühl
Spätestens seit der Aufklärung sollen wir uns alle unseres Verstandes bedienen, um unser Leben angemessen zu gestalten. Wir sollen uns nicht an irrationalen Glaubensüberzeugungen oder gar an unseren unbewussten Intuitionen orientieren. Aber schon Friedrich Schiller war da skeptisch. In seiner Bildungstheorie von 1795 geht er von zwei konträren Trieben des Menschen aus, dem „Vernunftvermögen“ und dem „Gefühlvermögen“. Erst wenn beide Vermögen ausgebildet seien, böte sich die Möglichkeit eines humanen Lebens. Das aber gelänge vor allem im imaginären Spiel (Buer 2020). Auch Moreno setzt auf die Magie der spielerischen Imagination (Moreno in: Hutter und Schwehm 2009, S. 344). Sie speist sich aus der Spontaneität, für die er die Begriffe Inspiration oder Intuition synonym verwendet (Moreno 1991, S. 22). Heute hat vor allem der Psychologe Gerd Gigerenzer (2008) die Bedeutung der Intuition, des „Bauchgefühls“, für eine angemessene Entscheidung in einer unüberschaubaren Situation wie der Corona-Krise betont (Gigerenzer 2020).
Um das Einmalige eines Gegenübers zu erspüren, hat Moreno die Rollenübernahme bzw. den Rollentausch vorgeschlagen. Das geschieht im Psychodrama, indem eine berührende Geschichte eben nicht rational analysiert wird, sondern durch Inszenierung zum zweiten Mal leibhaftig nacherlebt wird. Durch die Unterbrechungen des spontanen Spiels werden aber auch etwa im Gespräch mit der Spielleitung die alten schlechten Erfahrungen wie die neuen guten reflektiert. So sind im psychodramatischen Prozess Erspüren und Nachdenken, Intuition und Analyse, Gefühl und Vernunft im rhythmischen Wechsel miteinander verbunden.
Einen angemessenen Umgang mit der Spannung zwischen diesen ganz verschiedenen Weltzugängen herauszufinden, war in der Corona-Krise ganz besonders gefordert. Ständig wurden neue wissenschaftliche Erkenntnisse über die Gefahren einer Erkrankung durch die Corona-Viren wie ihre Verbreitung veröffentlicht. Wie aber sollten wissenschaftliche Laien diese Erkenntnisse auf ihre Haltbarkeit hin überprüfen?
Zunächst einmal ist festzuhalten: Es gibt nicht die Wissenschaft. Es gibt ganz verschiedene Disziplinen, die einen bestimmten Gegenstand ganz verschieden definieren, untersuchen und betrachten. Innerhalb einer Disziplin gibt es wiederum ganz verschiedene Theorien, um anerkannte Forschungsergebnisse, also Fakten, kohärent zu interpretieren. Angesichts immer neuer Erkenntnisse und immer neuer Interpretationen können Theorien aber auch schnell veralten (Kuhn 1976). WissenschaftlerInnen beanspruchen qua Wissenschaftsethos sicherlich Wahrheit ihrer Erkenntnisse. Nun sind sie aber auch Menschen und haben somit auch noch andere Interessen. Zudem spielen auch in der Forschung Intuitionen eine gewisse Rolle. Das wissenschaftliche Geschehen ist darüber hinaus bestimmten sozialen Gegebenheiten unterworfen, von der Art der Zusammenarbeit im Forschungsteam über die technische Ausstattung bis hin zu Publikationsmöglichkeiten und den Erwartungen der Geldgeber (Knorr Cetina 2002). Und doch gibt es im Großen und Ganzen eine scientific community, die verantwortlich forscht und genau prüft, was denn nun als gesicherte Erkenntnis gelten kann, was Fakt ist.
Diese Komplexität der wissenschaftlichen Erkenntnisfabrikation ist für Laien schwer zu durchschauen. Es geht daher immer um Vertrauenswürdigkeit, die bestimmten fachlichen, aber auch politischen Autoritäten zugeschrieben wird. Wem nun aber diese Erkenntnisse und den daraus gefolgerten Normierungen nicht passen, der neigt dazu, sich ein eigenes Bild zu machen. Voller Misstrauen unterstellt mancher dann gern der Wissenschaft und der Politik das Interesse, die Bevölkerung und damit ihn ganz persönlich kontrollieren und beherrschen zu wollen. Um das zu „beweisen“, stapelt er vor allem aus dem Internet die Ansichten, die sein Bild bestätigen. Das Ergebnis sind dann Verschwörungstheorien (Butter 2018). Diese „Theorien“ basieren jedoch lediglich auf ungeprüften Meinungen, die gerade deshalb ein Sicherheitsgefühl verleihen, weil sie sich durch selektive Auswahl in Echokammern gegenseitig bestätigen. Mit der Fixierung auf diese Ansichten kann die Angst auslösende Verunsicherung in Wut über die vermeintliche Repression verwandelt werden. Unter Gleichgesinnten kann man sich dann auch wieder wohlfühlen. Ein vernünftiges Abwägen hat keine Chance, das empathische Einfühlen in die Infizierten wird zudem herzlos vermieden.
Die Politik muss entscheiden, welches wissenschaftliche Wissen jeweils relevant ist und wie es in Regierungskunst umgesetzt werden kann. Diejenigen Erkenntnisse erweisen sich als wahr, die sich in der Praxis bewahrheiten. Damit sind wir wiederum beim Pragmatismus. Entscheidend in diesem zirkulären Prozess von Forschung und Praxiserfahrung ist also nicht die „Wahrheit“ einer abstrakten Erkenntnis. Es ist nach James vielmehr das Glücksgefühl, das sich einstellt, wenn die Berücksichtigung einer bestimmten Erkenntnis ganz konkret ein gelungenes Leben ermöglicht hat. James spricht von „animal happy“, „gladness“, „joy“, „inner excitement“ (Thomä et al. 2011, S. 257 f.).
Sicher müssen gewonnene Erkenntnisse mit den bisherigen eigenen Erkenntnissen und denen anderer im gemeinsamen Diskurs abgeglichen werden. Ausschlaggebend ist jedoch die Erfahrung der Gültigkeit im eigenen Leben. Bevor ich mich aber auf eine neue Praxis einlasse, muss ich überzeugt sein, dass sich das auch lohnt. Ich muss an die Richtigkeit meiner Erkenntnisse glauben. In einem kreativen Flow bin ich dann davon ergriffen, dass ich genau das verantwortlich tun muss und auch tun kann. Indem James auf diesem Vorgang besteht, rehabilitiert er die Glaubensüberzeugung: Ganz liberal darf alles geglaubt werden, es muss allerdings tatsächlich zu einer guten Praxis verhelfen (James 1997). Genau diesen Zyklus von Selbsterforschung und Praxistest hat auch das Psychodrama institutionalisiert (Buer 2017a).
Auf der Suche nach Gewissheit (Dewey 2001) muss es gerade in der Corona-Krise darum gehen, bestimmte Erkenntnisse einem verantwortbaren Praxistest zu unterwerfen. Das ist riskant, kann aber nicht vermieden werden. Langfristig Sicherheit gebende Planungen waren eben nicht möglich, so unvorbereitet wir auf eine derartige Lage waren. So ist es verständlich, wenn ab März dieses Jahres immer häufiger verlangt wurde, endlich „pragmatisch“ vorzugehen. Das aber kann eine konservierte staatliche Bürokratie offenbar nicht gut genug leisten.
Streben und Sollen
Immer wenn durch die Verbreitung der Corona-Viren eine Überforderung unseres Gesundheitswesens zu befürchten war, verpflichtete die Politik die Bevölkerung zu einem Lockdown. Nun lösen aber Pflichten, die mit Einschränkungen verbunden sind, keine guten Gefühle aus. Deshalb musste parallel zur Verpflichtung immer auch Hoffnung verbreitet werden. Damit wurde das Sollen durch ein Anknüpfen an das Streben der Menschen nach besseren Zeiten ergänzt.
In der europäischen Geschichte ethischen Denkens steht das Sollen in der Tradition der moralischen Pflichten, das Streben im Kontext der Güterethik (Krämer 1995). Zwar können Moralforderungen kognitivistisch begründet werden. Dass eine entsprechende Einsicht aber auch zum entsprechenden Handeln führt, kommt allerdings wohl eher selten vor. Moralisches Handeln kann aber auch durch das Fürwahrnehmen „moralischer Gefühle“ erklärt werden. Diese entstehen, wenn man sich tatsächlich in eine andere Person hineinversetzt. So schrieb schon Adam Smith 1759 in seiner „Theorie der ethischen Gefühle“ (2004, S. 166 f.):
Wir billigen oder missbilligen das Verhalten eines anderen Menschen auf die Weise, dass wir uns in seine Lage hineindenken und nun unsere Gefühle darauf prüfen, ob wir mit den Empfindungen und Beweggründen, die es leiteten, sympathisieren (d. h. mitfühlen, F.B.) können oder nicht. Und in gleicher Weise billigen oder missbilligen wir unser eigenes Betragen, indem wir uns in die Lage eines anderen Menschen versetzen und es gleichsam mit seinen Augen und von seinem Standpunkt aus betrachten und nun zusehen, ob wir von da aus an den Empfindungen und Beweggründen, die auf unser eigenes Betragen einwirken, Anteil nehmen und mit ihnen sympathisieren können oder nicht.
Dieses Hineinversetzen kann als Konkretisierung der Goldenen Regel verstanden werden. Daher behauptet der Philosoph Ferdinand Fellmann, dass die so gemachte „Selbsterfahrung die einzige Quelle der Moral ist und dass alle Formen der Normenbegründung nichts anderes sind als Versuche, diese elementare Erfahrung ins Bewusstsein zu heben“ (Fellmann 2000, S. 46). Und weiter: „Zum Lebensgefühl gehört das Streben nach Glück, das bewirkt, dass wir bei der Lösung von Problemen auf unser Gefühl hören, wenn Gründe nicht weiterführen“ (Fellmann 2018, S. 81). Diese Lebensfreude ist aber daran gebunden, dass auch die Menschen glücklich sind, mit denen man zusammenlebt. Um aber zu erfahren, was sie glücklich macht, ist das Hineinspüren in den Anderen, ist Empathie notwendig. Aus Empathie kann dann gegenseitige Sympathie entstehen. Wenn aus diesen Erfahrungen heraus ein Verhalten resultiert, das den nahen und fernen Menschen gerecht wird, dann kann sich ein existenzielles Glücksgefühl einstellen.
Als sich im Februar 2020 im Landkreis Heinsberg Covid-19 rasant ausbreitete, hat der zuständige Landrat Stephan Pusch spontan gehandelt: Er gab sich nicht einfach damit zufrieden, die behördlichen Vorschriften zu exekutieren. Ihm war es zusätzlich wichtig, die Gefühlslage der betroffenen Bevölkerung angemessen zu berücksichtigen. Er veröffentlichte kontinuierlich Videobotschaften für die MitbewohnerInnen seines Kreises. So konnte er nicht nur vernünftig informieren, sondern auch Hoffnung geben. Er hat damit seine behördlichen Möglichkeiten kreativ erweitert. Durch diesen originellen Kontakt mit seinen MitbewohnerInnen hat er gezeigt, wie wichtig ihm persönlich ihr Wohlbefinden ist und konnte sie so zum Mitmachen motivieren.
Um mit den Herausforderungen der Corona-Zeit angemessen umgehen zu können, reicht es daher nicht, lediglich an eine vernünftige Moral zu appellieren. Wirksamer für ein gutes Zusammenleben sind vielmehr die Bereitschaft und die Fähigkeit, sich bedingungslos in die Gefühlslage der Anderen, vor allem in die der besonders Geschädigten, hineinzuversetzen.
Somit ist festzuhalten: Wer um die Unverfügbarkeit des Lebens (Rosa 2019) weiß und gelernt hat, mit Kontingenzen kreativ umzugehen, der konnte sich auch in Corona-Zeiten auf die verschärft auftauchenden Spannungen des sozialen Lebens angemessen einstellen. Das Bewältigen dieser Lage wie die Hoffnung auf eine neue Zeit konnte dann zumindest ein grundlegendes Glücksgefühl hervorrufen.
Aufgabe und Chance des Psychodramas in der Spätmoderne
Der Soziologe Andreas Reckwitz (2020) konstatiert mit Eintreten der spätmodernen Phase der bürgerlichen Gesellschaft seit den 1970-er Jahren das Entstehen einer neuen Mittelklasse, deren Lifestyle die Lebenskultur prägt. Sie lässt sich durch ein „Kreativitätsdispositiv“ kennzeichnen. Dabei geht es vor allem darum, immer wieder ästhetisch Neues und Exzeptionelles zu erleben, das intensive Glücksgefühle auslöst. Dieses Verhaltensdispositiv speise sich vor allem aus Ideen der Romantik von einer ästhetischen Lebensführung wie aus der Idee einer disziplinierten und souveränen Bürgerlichkeit (Reckwitz 2019a). Und diese Kombination soll möglichst einzigartig sein, Reckwitz (2019b) spricht von „Singularität“.
Morenos Kreativitätstheorie dagegen zielt nicht auf abgrenzende, selbstverliebte Singularität. Es geht stattdessen um anteilnehmende, schenkende Originalität. Es geht um Potenzialentwicklung, nicht um Potenzierung. Da Moreno „die Liebe zur Humanität“ (Moreno in: Hutter und Schwehm 2009, S. 457) als zentrales Motiv psychodramatischen Handelns ansah (Buer 2019a, 2019b), geht es darum, für alle Menschen, gerade auch für das von der Corona-Krise besonders betroffene „soziometrische Proletariat“ (Moreno 1991, S. 28) Lebensverhältnisse zu erhalten bzw. herzustellen, die das Leben menschenwürdig gelingen lassen.
Weil uns Pandemien und vergleichbare Herausforderungen, wie etwa die Klimakrise, weiterhin beschäftigen werden, ist auch in Zukunft eine humanistische Bildung notwendig, in der vorausschauend ein kreativer Umgang mit den sozialen Spannungen eingeübt wird. Das aber ist die Chance des Psychodramas. Denn in die entsprechenden Formate kommen Menschen, die bereit sind, ihr Leben zu ändern. Der dann notwendige Lernprozess erweitert implizit aber immer auch die Kompetenz, mit den genannten sozialen Spannungen adäquat umzugehen, da sie hier, wie gezeigt, praktisch auftreten, theoretisch bedacht sind und mit spontan-kreativem Schwung pragmatisch bewältigt werden.
Ferdinand Buer
Jg. 1947, Prof. Dr., Erziehungs- und Sozialwissenschaftler. Er lehrte bis 2012 an der Universität Münster und leitete von 1989–2011 das Psychodrama-Zentrum Münster. Daneben war er als Berater und Dozent vor allem in den Formaten Supervision und Coaching tätig. Als Autor beschäftigt ihn heute die Bedeutung des Psychodramas für die Herausbildung einer humanen Welt.
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