Corona wirkt sich auf die Berufsunfähigkeits-Versicherung (BU) aus. Das gilt für die Policen-Annahme und für den Streit um Leistungsverweigerungen. Praktiker weisen auf weitere Probleme der BU hin: extreme Berufsdifferenzierung und Wissensdefizite. Nur sozial Bessergestellte in risikolosen Berufen können BU-Schutz erhalten. Immerhin hat sich der Grundfähigkeitenschutz verbessert.
Viel Feind, viel Ehr. Nach dieser Devise hat das Berater- unternehmen Premium Circle Deutschland (PCD) zumindest die "Welt am Sonntag" instrumentalisiert. So titelte Anette Dowideit, Ressortleiterin Investigativteam: "Bei Corona-Spätfolgen droht Ablehnung durch Versicherer." Im Kern behauptet der Beitrag gestützt auf Aussagen von PCD, dass unklare Gesundheitsfragen zu Corona das Anzeigepflichtverletzungs-Risiko für Kunden und Vermittler erhöhen. So könnten Corona-Erkrankte später beispielsweise angeblich keine BU-Renten erhalten, weil sie sich die Infektion durch eine private Reise in ein Corona-Risikogebiet zugezogen haben. "Hier werden wieder Klischees bedient", ärgert sich Robert Zubcic. Gegen die Behauptung der generellen Leistungsverweigerung in der BU müssten Vermittler täglich kämpfen, so der Chef der Vorsorge Concepte GmbH aus Singen. Er fordert, die Gründe für Nichtleistungen immer fundiert herauszuarbeiten. "Für den Leistungsfall haben bereits mehrere Gesellschaften signalisiert, dass es im Rahmen der Leistungsprüfung keine Besonderheiten bei Corona im Vergleich zu sonstigen Erkrankungen gibt", stellt Philipp Weber von der Four-quarters Finanz- und Versicherungsmakler GmbH aus Nürnberg klar.
Laut dem Verein "Zukunft für Finanzberatung" (ZfV) lassen sich die Aussagen von PCD durch die Versicherungsbedingungen nicht belegen. Wer seine Corona-Erkrankung mit Arztunterlagen dokumentiert, würde das Risiko einer vorvertraglichen Anzeigepflichtverletzung ausschließen. Es gibt laut ZfV keinen Unterschied zu anderen Erkrankungen. Sehr problematisch sehen alle Kritiker, dass nur sieben Versicherer an der Befragung durch PCD teilgenommen haben und nur einer alle Fragen beantwortete. "Covid-19 ist nicht problematischer als andere Vorerkrankungen, die noch laufende Beschwerden verursachen. Hier ist der mediale Fokus aus unserer Sicht völlig übertrieben", kommentiert der Bayreuther Paul-Harry Fritzsche. Er arbeitet seit 25 Jahren bundesweit als Versicherungsmakler mit dem Schwerpunkt biometrische Absicherung. Ähnlich sieht dies Matthias Helberg aus Osnabrück. "Covid-19 ist 'nur' eine in der BU versicherte Krankheit mehr. Deswegen muss meines Erachtens aktuell auch nichts bei den Gesundheitsfragen im Antrag oder bei der Leistungsfallprüfung geändert werden", so der BU-Experte.

Klar ist, dass aktuell Corona-Kranke mit Problemen beim Abschluss rechnen müssen. Denn die Versicherer prüfen den Gesundheitszustand ehemalig Infizierter sehr genau. Bei Langzeitfolgen kann der Abschluss einer zusätzlichen BU-Police schwierig bis unmöglich werden. Entscheidend ist der Einzelfall. Das haben Verbraucherschützer ermittelt. Laut "Stiftung Warentest" und dem Informationsportal "Finanztip" gibt es bei der Gesundheitsprüfung kein einheitliches Vorgehen. Viele Versicherer stellen aber Anträge erst einmal zurück. Laut "Stiftung Warentest" müssen die ehemaligen Corona-Patienten mit einer Antragswartezeit von drei bis sechs Monaten rechnen. "Finanztip" hat sogar Aufschubzeiten von bis zu zwölf Monaten ermittelt. Unter anderem differenzieren die Versicherer danach, ob der Corona-Patient sich lediglich in Quarantäne auskurierte, stationär behandelt wurde oder sogar beatmet werden musste. Das kann bis zu einer Ablehnung gehen, wie die Debeka aus Koblenz bestätigt. Weit überwiegend könnte derzeit in der Praxis aber normaler Versicherungsschutz geboten werden, da es sich um reine Infektionen oder um milde Krankheitsverläufe handelt. Beim Antrag zu einer BU-Versicherung muss der Kunde unbedingt wahrheitsgemäße Angaben zum Gesundheitszustand machen. Sonst kann die Assekuranz später, sollten Falschangaben auffallen, die Leistung verweigern.
Um eine private BU-Versicherung zu erhalten, muss in der Regel ein Arzt die folgenlose Ausheilung bestätigen. Versicherungsmakler und -berater können über anonyme Voranfragen ermitteln, welcher Versicherer individuell die besten Konditionen in Bezug auf Preis und Leistung bietet. Notfalls müssen Kunden, die aufgrund ihrer Corona-Vorerkrankung keinen Vertrag bekommen, Alternativen suchen.
Deutlich mehr psychische Erkrankungen
Mit Corona könnte sich zudem noch ein neues Problem ergeben. Die lange Pandemie mit ihren starken Beschränkungen des öffentlichen und privaten Lebens soll zu deutlich mehr psychischen Erkrankungen führen, auch wenn es laut "Stiftung Warentest" noch keine statistische Erfassung gibt. Doch wer sich wegen seelischer Leiden behandeln lässt, muss wiederum damit rechnen, später keine BU-Absicherung zu bekommen. "Wer mit der Diagnose Depression, Angststörung, Psychose oder einer Suchterkrankung BU-Schutz abschließen will, bekommt in der Regel keinen Vertrag", warnen die Berliner Verbraucherschützer. Selbst eine depressive Episode, die ein Arzt vielleicht aufgrund von Schlafstörungen diagnostiziert hat, könnte ein Hindernis für den Versicherungsschutz sein.
| Anbieter | Tarif | Verlust von Fähigkeiten durch Krankheit, Unfall oder Kräfteverfall | Zahlbeitrag | Tarifbeitrag | |||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Mindestdauer in Monaten | Wahrnehmung/Kommunikation | Bewegung | geistige Fähigkeiten | Nutzung v. Transportmitteln | Pflege | pro Monat in Euro 2) | |||
| Aachen- Münchener | Grundfähigkeits- Versicherung | 6 | ja | teilweise | nein | nein | nein | 76,60 | 88,10 |
| Allianz | Körperschutzpolice | 6 | ja | höhere Leistung | ja | ja | ja | 84,10 | 98,90 |
| Die Bayerische | Existenzplan Aktiv | 6 | ja | ja | teilweise | ja | ja | 78,70 | 98,30 |
| Die Bayerische | Existenzplan Kreativ | 6 | ja | höhere Leistung | ja | ja | ja | 85,10 | 106,40 |
| Canada Life | Premium Grundfähigkeitsschutz | 6 | ja | höhere Leistung | ja | ja | ja | 66,30 | 66,30 |
| DEVK | Grundfähigkeits- Versicherung Basis | 12 | ja | ja | nein | nein | nein | 69,30 | 101,80 |
| DEVK | Grundfähigkeits- Versicherung Plus | 12 | ja | ja | ja | ja | nein | 84,60 | 124,30 |
| Die Dortmunder | Plan D - Die 9 | 6 | ja | teilweise | ja | nein | ja | 59,20 | 83,30 |
| Die Dortmunder | Plan D - Die 12 | 6 | ja | teilweise 1) | ja | nein | ja | 70,80 | 99,70 |
| Die Dortmunder | Plan D - Die 15 | 6 | ja | teilweise 1) | ja | nein | ja | 80,00 | 112,70 |
| Gothaer | Basis | 12 | ja | teilweise | ja | nein | ja | 65,30 | 87,00 |
| Gothaer | Plus | 6 | ja | ja | ja | nein | ja | 86,20 | 116,50 |
| Gothaer | Premium | 6 | ja | höhere Leistung | ja | höhere Leistung | ja | 95,70 | 129,30 |
| Huk-Coburg | Existenzschutz- Versicherung | 12 | ja | höhere Leistung | ja | ja | ja | 80,30 | 118,00 |
| Nürnberger | Comfort | 12 | ja | höhere Leistung | ja | nein | ja | 78,90 | 105,20 |
| Nürnberger | Premium | 6 | ja | höhere Leistung | ja | ja | ja | 93,50 | 124,70 |
| R+V | Grundfähigkeits- Versicherung Classic | 6 | höhere Leistung | ja | nein | nein | nein | 64,40 | 100,60 |
| R+V | Grundfähigkeits- Versicherung Comfort | 6 | höhere Leistung | ja | ja | höhere Leistung | ja | 85,90 | 134,30 |
| R+V | Grundfähigkeits-Versicherung Premium | 6 | höhere Leistung | ja | höhere Leistung | höhere Leistung | ja | 111,30 | 182,50 |
| Signal Iduna | SI Worklife Komfort | 6 | ja | teilweise 1) | ja | nein | ja | 58,60 | 83,70 |
| Signal Iduna | SI Worklife Komfort-Plus | 6 | ja | höhere Leistung | ja | höhere Leistung | ja | 80,60 | 115,20 |
| Stuttgarter | Grundschutz + | 6 | ja | teilweise 1) | teilweise | teilweise | ja | 67,20 | 101,80 |
| Stuttgarter | Grundschutz + Zusatzpaket Fit | 6 | ja | höhere Leistung | teilweise | teilweise | ja | 75,50 | 114,40 |
| Swiss Life | Vitalschutz Power | 6 | ja | höhere Leistung | nein | höhere Leistung | ja | 85,80 | 107,30 |
| Swiss Life | Vitalschutz Spirit | 6 | ja | höhere Leistung | ja | höhere Leistung | ja | 93,00 | 116,30 |
| 1) Tarif bietet grundsätzlich weniger Schutz, hat aber gleichzeitig Mehrleistungen, weil zusätzlich Fingerfertigkeit, Tastatur bedienen oder Schreiben abgesichert ist. 2) Der Jahresbeitrag wurde zur besseren Vergleichbarkeit auf einen Monatsbeitrag umgerechnet. Der Beitrag bei monatlicher Zahlung kann daher höher liegen, weil die Versicherer einen Ratenzuschlag verlangen können. | |||||||||
Bis zur Herdenimmunität ist es noch weit
Insgesamt dürfte Corona die Bevölkerung hinsichtlich einer Gesundheitsabsicherung aber deutlich sensibilisiert haben. "Aus meiner Sicht ist Covid-19 in allererster Linie ein zusätzlicher Grund, eine BU abzuschließen - eben weil die Folgen einer Infektion noch nicht so klar sind", so Makler Helberg. Erste Daten sind jedenfalls erschreckend. Denn laut Lars Schaade, Vize-Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI), weisen rund zehn Prozent der Erkrankten das so genannte Long-Covid-Symptom auf. Bei mittlerweile 3,7 Millionen Infizierten bis Juni 2021 leiden somit rund 370.000 Betroffene schon heute längerfristig unter Corona. Und die Pandemie ist wohl noch lange nicht zu Ende. Denn bis zu einer Herdenimmunität ist es noch weit. Sie tritt nach Erkenntnis des RKI erst ein, wenn 70 Prozent aller Einwohner voll geimpft sind. Anfang Juni lag die Quote der doppelt geimpften Menschen erst bei 17,6 Prozent - rund 68 Millionen Menschen müssen sich somit noch weiterimpfen lassen.
Da könnte schnell die Idee entstehen, mit der Pandemie für die BU die Werbetrommel zu rühren. "Mit Covid-Werbung rauszugehen könnte ein interessanter Gedanke sein", sinniert Christian Geier vom FP Finanzpartner. "Wir möchten den Leuten aber keine Angst machen", so der Versicherungsmakler. Schon der gesunde Menschenverstand sage doch den meisten, dass sie Arbeitskraftschutz brauchen. Zudem könne man sich ja auch auf Verbraucherschützer berufen, die regelmäßig feststellen, dass es ohne BU-Schutz nicht geht. "Wir sind der Meinung, dass man sich schon in der Kindervorsorge um den BU-Schutz kümmern muss. Denn je später, desto mehr Sportverletzungen oder auch psychische Leiden haben die Kunden", so Geier.
Ähnlich argumentieren Ingo Sterk und Lars Unger von Sterk Financial Planning. Da die Langzeitfolgen einer Corona-Infektion und auch die Schwere des Krankheitsverlaufs sowie bleibende Schädigungen durch Corona nicht klar seien, sei der Abschluss eines BU-Schutzes vor einer Erkrankung auf jeden Fall zu empfehlen. "Diese Empfehlung gilt jedoch für jede Altersgruppe und lässt sich nicht auf 'junge' Kunden beschränken", so Unger. Und Sterk ergänzt: "Die künftige Entwicklung des BU-Marktes in Bezug auf die Beitragsentwicklung, Risikoprüfung sowie Bedingungsanpassungen infolge von Corona ist zum aktuellen Zeitpunkt nicht verlässlich zu prognostizieren." Gerade deshalb gelte nach wie vor für die Arbeitskraftabsicherung die Devise "Je früher, desto besser". Für Skeptiker unter den Eltern hat der Versicherungsmakler Gerd Kemnitz aus Stollberg im Erzgebirge einen pragmatischen Vergleich parat. "Mit dem Abschluss einer Motorradversicherung können ihre Kinder warten, bis sie ein Motorrad besitzen. Warten Schüler mit der BU-Versicherung, bis sie einen Beruf erlernen, ist es häufig zu spät." Wer später einen körperlich oder psychisch anstrengenden Beruf anstrebt, etwa Handwerker, Künstler oder Sportler werden will, muss nämlich mit einer Einstufung in eine teure und riskante Berufsgruppe rechnen. "Damit die Beiträge dauerhaft niedrig bleiben, muss jedoch ein Tarif gewählt werden, bei dem keine Nachmeldung bei Beginn einer Berufsausbildung oder Berufstätigkeit gefordert wird", erläutert Kemnitz, der sich mit seinem Vergleichsrechner "Bu-Portal24.de" auf die Beratung von Arbeitskraftschutz spezialisiert hat.

Absicherungsquote von 21,5 Prozent gegeben
Mehr Aufklärung ist also heute wichtiger denn je. Noch immer sind die Absicherungsquoten in der BerufsunfähigkeitsVersicherung mehr als schlecht. Dies zeigt eine 2021 veröffentlichte Umfrage von Statista (siehe Tabelle auf Seite 18). Nach der Verbrauchs- und Medienanalyse hatten 2020 in der deutschsprachigen Bevölkerung ab 14 Jahren rund 15,2 Millionen Personen eine BU-Versicherung im Haushalt. Das entspricht hochgerechnet einer Absicherungsquote von 21,5 Prozent. Seit 2014, damals lag der Wert bei 19,7 Prozent, hat sich der Schutz der Arbeitskraft in der Bevölkerung kaum verbessert. Zwei Hauptgründe sind der Hemmschuh: Die hohen Prämien und falsche Vorstellungen über die Leistungen der BU-Versicherung. Dies zeigt eine repräsentative Umfrage im Auftrag der Continentale Lebensversicherung. So verwiesen die Autoren der Studie "Berufsunfähigkeit - das unterschätzte Risiko" schon im Jahr 2019 darauf, dass viele Menschen nur glauben, sie hätten eine private BU. Oftmals würde die Vorsorgeform verwechselt. Beispielsweise würde auch privater Unfallschutz als vollwertiger Arbeitskraftschutz angesehen.
| Jahr | ohne Absicherung | mit Absicherung | Absicherungsquote |
|---|---|---|---|
| in Millionen Personen | in Prozent | ||
| 2014 | 56,6 | 13,9 | 19,7 |
| 2015 | 55,9 | 13,4 | 19,3 |
| 2016 | 55,7 | 13,8 | 19,9 |
| 2017 | 55,9 | 14,2 | 20,2 |
| 2018 | 55,7 | 14,7 | 20,9 |
| 2019 | 55,5 | 15,1 | 21,4 |
| 2020 | 55,4 | 15,2 | 21,5 |
Solches Nichtwissen ist aber deutlich ungleich verteilt. Das zeigen auch Erfahrungen von Praktikern. So hat Makler Fritzsche festgestellt, dass gesunde Akademiker bei Gruppenverträgen, die ihnen über die Firma angeboten werden, "nicht zugreifen". Sie kauften lieber auf dem freien Markt, weil sie eben wissen, dass sie dort sehr gute Konditionen erhalten. Markus Schad von der Per Secura Versicherungs- & Immobilienvermittlungs-GmbH aus Schwaig bei Nürnberg stellt fest: "Wer in einer sozial höheren Schicht aufwächst, hat die Chance, frühzeitig zur einer BU-Absicherung zu kommen." Diese Kunden und ihre Eltern würden weitgehend dem Prototyp des mündigen Verbrauchers entsprechen. Doch zahlenmäßig sei diese Gruppe in der Minderheit. Das belegt Schad mit seinen Erfahrungen aus der kollektiven Altersvorsorge. "Wenn wir über Betriebsrenten in der Chefetage oder im gehobenen Management reden, ist das 'Ob' überhaupt keine Frage. Es geht nur noch um das 'Wie' und die Höhe." Hier werde sofort erkannt, dass diese Altersvorsorge durch Förderung hoch attraktiv sei. "Wenn wir dann in die Belegschaft gehen und beispielsweise mit dem Gabelstaplerfahrer, also mit dem Arbeiter aus den unteren Lohngruppen, sprechen, erleben wir haarsträubende Storys zur richtigen Geldanlage." Da habe dann ein Kumpel einen Freund an der Hand, bei dem es 30 Prozent Rendite gebe. "Bei dem oft sehr geringen Finanzwissen kommt aus diesem Personenkreis kaum einer auf die Idee, eine Berufsunfähigkeits-Versicherung abzuschließen." Nicht nur das Einkommen sei somit sehr ungleich verteilt, das gelte leider auch für das Wissen über die Wichtigkeit und Bedeutung von Versicherung. Nach Einschätzung von Makler Zubcic müsste gerade bei jungen Leuten viel mehr Vorarbeit zum Ausbildungsbeginn geleistet werden. "Hier könnten Schule, Betrieb und auch die Bundesagentur für Arbeit einen höheren Beitrag leisten", so der Vermittler. Immerhin: "Im Zuge der Corona-Pandemie hat sich jedoch nicht nur die Sensibilität für die finanzielle Absicherung der eigenen Zukunft erhöht. Auch die Bereitschaft zur Absicherung des eigenen Einkommens ist deutlich gestiegen", stellt der Nürnberger Vermittler Weber fest. Selbst Arbeitnehmer mit jahrelanger persönlicher Erfolgswelle dürften nun erkannt haben, dass diese Welle eines Tages aus gesundheitlichen Gründen auf einen Wellenbrecher treffen kann.

Vorhandene Reserven für fehlende Rente
Hier könnte sich nun die Chance ergeben, die BU-Versicherung zumindest für Risikogruppen, die sie bezahlen können, auf eine angemessene Höhe zu bringen. Die sieht Guido Lehberg, Geschäftsführer von Lehberg Finanzdienstleistungen, kompromisslos bei 100 Prozent des Nettoeinkommens. Nur so könne man den zusätzlichen Bedarf an Krankenversicherungsbeiträgen decken und habe außerdem noch Reserven, um die fehlende Rente der gesetzlichen Rentenversicherung auszugleichen. Beschränkt ist man dann aber auf Anbieter, die eine Absicherung in Höhe einer 70-prozentigen Brutto-BU-Rente zulassen. Das schlägt Lehberg grundsätzlich allen Kunden vor - ganz gleich, welchen Beruf und welche Vorerkrankung sie haben.
Dass die derzeitig am Markt abgesicherten Renten viel zu niedrig sind, sieht auch das Ratinghaus Morgen & Morgen. So liegt die durchschnittlich versicherte BU-Rente bei 950 Euro. Hier wirft der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) regelrechte Nebelkerzen, indem er 2020 darauf verwies, dass der Anteil der Verträge mit einer versicherten Barrente von jährlich mehr als 10.000 Euro in den vergangenen Jahren auf einen Anteil von 49 Prozent gestiegen ist. Nicht nur, dass diese Zahl, die nicht in weitere Kohorten unterteilt wird, wenig aussagekräftig ist, wäre selbst ein Schnitt deutlich über 10.000 Euro schon für Facharbeiter viel zu wenig. "Eine Senkung der Rente höhlt den Versicherungsschutz aus und schmälert die Wirkung der BU als Absicherung der Lebensstellung", warnt BU-Experte Lehberg und rät zur Grundfähigkeitsversicherung.
Mittlerweile steht die Grundfähigkeitsversicherung (GF) ganz oben auf der Liste der BU-Alternativen. Fast jeder zweite Versicherungsmakler vermittelt mittlerweile "regelmäßig" GF-Policen, wie die Studie "Arbeitskraftabsicherung 2021" von Asscompact feststellt. Das frühere Manko - fehlender Schutz bei psychischen Erkrankungen - wird immer öfter durch bessere Tarife oder zusätzliche Bausteine aufgehoben. So hat beispielsweise Christina Jasmer, Geschäftsführerin des Versicherungsmaklers Proma und Vorständin des Bundesverbandes Deutscher Versicherungsmakler (BDVM), für einen jungen Handwerker eine GF-Police bei der Swiss Life mit den Zusatzbausteinen geistige Leistungsfähigkeit, eigenverantwortliches Handeln, Schizophrenie und schwere Depressionen abgeschlossen. Das ist wichtig. Denn die Statistik von Morgen & Morgen zeigt, dass in jeder Altersstufe die Nervenkrankheiten das größte Risiko für die Berufsunfähigkeit darstellen.
Für die vereinbarte Rente von 1.500 Euro pro Monat beträgt die Prämie des beispielhaft dargestellten Handwerkers monatlich 89 Euro. Das ist bezahlbar. Zum einen hat der Handwerker nun einen Schutz, der ungefähr 80 Prozent des Nettoeinkommens entspricht. Zum anderen läuft die Versicherung bis zum möglichen gesetzlichen Rentenstart mit 67 Jahren. Viele BU-Policen bieten solche Laufzeiten gar nicht an oder sind dann unermesslich teuer.
Alle Tarife leisten, wenn Wahrnehmung verloren geht
Wie gut der Schutz der GF mittlerweile geworden ist, zeigt eine aktuelle Marktübersicht der "Stiftung Warentest" (siehe Tabelle auf Seite 16). So leisten alle Tarife, wenn die Wahrnehmung oder Kommunikation verloren geht. Wer nicht mehr sehen, hören oder sprechen kann, erhält die vereinbarte Rente. Zusätzlich gilt dies bei den Angeboten der R+V Versicherung für Riechen, Schmecken und Tasten. Versichert ist auch der Verlust von Bewegung. Wer also seine Arme nicht mehr bewegen oder nicht mehr gehen kann, hat Schutz. Das gilt auch für den Gebrauch der Hand sowie die Fähigkeiten Heben und Tragen, Knien und Bücken, Sitzen, Stehen und Treppensteigen. Einige Tarife haben den Schutz erweitert und leisten auch dann schon, wenn die Fingerfertigkeit verloren geht, also keine Tastatur bedient werden kann oder das Schreiben unmöglich ist.
Mittlerweile gibt es zudem viele GF-Policen, die den Verlust geistiger Fähigkeiten absichern. Meist gibt es aber nur Schutz, wenn das eigenverantwortliche Handeln nicht mehr gegeben ist. Mehrleistungen gibt es, wenn zusätzlich schwere psychische Erkrankungen wie Depression, Schizophrenie oder Psychose abgesichert sind. Wer nicht mehr Auto fahren oder öffentliche Verkehrsmittel nutzen kann, hat vielfach einen Anspruch auf Rentenzahlung. Das gilt fast immer auch dann, wenn der Versicherte pflegebedürftig wird.
Tarif soll Arbeitsschutz bezahlbarer machen
Demgegenüber hat der kleine Münchener Verein eine Innovation entwickelt, die zwischen GF und BU liegt und Arbeitskraftschutz "bezahlbarer" machen soll. Der Tarif "Deutsche Handwerker BU Aktiv" leistet bei jeder Krankheit und bei jedem Unfall, wie ein BU-Vollschutz. Doch die Leistung ist eingeschränkt, wenn die Berufsunfähigkeit nicht durch einen Unfall oder eine "Erkrankung oder Verletzung der Gelenke, Bänder, Sehnen und Muskeln oder der Wirbelsäule und der sie umgebenden Strukturen" ausgelöst wird. In allen übrigen Fällen der Berufsunfähigkeit zahlt der Versicherer nur 50 Prozent der versicherten Rente.
Die Beratung sollte nach Vorschlag der Assekuranz immer mit dem Top-Schutz starten. "Falls sich der Kunde diesen Schutz nicht leisten kann oder will, kann als Alternative die Aktiv-Variante angeboten werden", so der Münchener Verein. Natürlich muss der Kunde darauf hingewiesen werden, dass in einigen Fällen nicht die volle BU-Rente gezahlt wird.Umfassende Beratung bleibt folglich das A und O einer Arbeitskraftsicherung. Einen "Werkzeugkasten" für Vermittler hat Makler Lehberg entwickelt. Hier will er seinen Kollegen vermitteln, wie sie ihre Kunden für die BU-Versicherung begeistern können (elopage.com/s/die-profi-strategie/der-bu-profikurs). Der Kurs kostet für die Lifetime-Lizenz aber stolze 348 Euro.
Wer schon sicher im Vermittlungsgespräch ist, der kann auf die "Stiftung Warentest" verweisen, sie hat die Vermittler mit ins Boot genommen (Finanztest 5/2021). Dort wird eine Expertenberatung empfohlen. "Oft ist es sinnvoll, sich von Profis beraten zu lassen, etwa von einem Versicherungsmakler oder einem unabhängigen Versicherungsberater - der Bundesverband hilft bei der Suche (bvvb.de)", rät "Finanztest". Aus Fairnessgründen hätten die Verbraucherschützer in diesem Fall wohl auch den zweiten Berufsverband erwähnen sollen, den BDVM. Besonders, da er mit 856 Mitgliedern deutlich größer als der bvvb sein dürfte.

Kein leichtes Unterfangen, BU-Versicherung zu erhalten
Grundsätzlich unterscheiden die Verbraucherschützer nicht so richtig zwischen den Berufsträgern. So verweist "Finanztest" auf eine selbst entwickelte Checkliste im Netz, mit der Tarife geprüft werden können (test.de/bu-checkliste, mit Flatrate kostenlos). Das umfangreiche und komplexe Formular sollte der Kunde mit seinem "Versicherungsvermittler" durchgehen. Von Maklern oder Beratern wird hier nicht mehr gesprochen. Bei der "gemeinsamen" Beantwortung der Risikofragen werden dann der Versicherungsvertreter und Versicherungsmakler erwähnt. Trotzdem zeigt der Beitrag an vielen Stellen auf, wie schwer es ist, eine BU-Versicherung abzuschließen. So relativiert die Stiftung ihre eigene Untersuchung - in der von 71 dargestellten Tarifen 35 ein "sehr gut" erhalten - damit, dass sie anmerkt, dass Theorie und Praxis beim Abschluss einer BU-Versicherung "manchmal" auseinanderklaffen würden.
Versicherer prüfen Kundenrisiko genau
Längst nicht alle bekämen den umfassenden Schutz, den sie wünschen. Der Grund dafür: Versicherer prüfen das Risiko der Kunden genau und beurteilen dieses durchaus unterschiedlich. Bei Vorerkrankungen, Risiko-Berufen oder gefährlichen Hobbys raten die Verbraucherschützer dazu, mehrere Versicherer anzuschreiben, weil es bei den Gesellschaften eine unterschiedliche Risikoeinschätzung gebe. Dass solche Anfragen besser anonym erfolgen, damit es nicht Probleme über das Hinweis- und Informationssystem der Versicherungswirtschaft (HIS) gibt, wird aber nicht thematisiert. Sehr umfangreich stellt der Beitrag hingegen dar, wie Kunden sicher ihre Gesundheitsfragen beantworten können, indem sie die Patientenakte vornehmlich bei ihren Ärzten anfordern sollten. Erläutert wird zudem, wie man die Diagnosen prüft (Online-Entschlüsselung icd-code.de).
In diesem Zusammenhang loben die Verbraucherschützer die Bedingungen der Swiss Life und Nürnberger. Hier dürften irrtümliche Risikoeinschätzungen und fehlerhafte Patientendokumentationen von Ärzten beziehungsweise Krankenhäusern nicht zulasten des Versicherten gehen. Diese Aussage verwundert. Denn wer als Versicherter - wenn auch viel zu spät - nachweist, dass die Diagnose falsch war, sollte bei jedem Versicherer fair behandelt werden. Diese Regelung ist dann auch Stein des Anstoßes für den Versicherungsmakler Helberg. In einem BlogBeitrag verweist er darauf, dass zumindest die Nürnberger in ihren Bedingungen den Beweis der Fehldiagnose vom Kunden verlangt.
Wer die Kriterien festlegt, legt die Reihenfolge fest
Zudem sieht Helberg die Analyse der "Stiftung Warentest" kritisch, da die Gewichtung der Testkriterien nicht aufgedeckt würde. Helberg moniert: "Wie immer und bei jedem Test, Rating und Ranking von BU-Versicherungen gilt jedoch: Wer die Kriterien festlegt, legt die Reihenfolge fest." Insofern könne man ganz vortrefflich über die Testsieger und ihre Reihenfolge streiten. "Allein: Nachvollziehen kann man die Testergebnisse wegen der Intransparenz von 'Stiftung Warentest' nicht", so der Makler.
Trotzdem lobt er die Verbraucherschützer auch: "Verglichen mit den Falschaussagen, Fehlern und verhängnisvollen Tipps für Verbraucher und Verbraucherinnen der vergangenen Jahre, stellt der Artikel eine deutliche Verbesserung dar. Vielleicht ist es sogar der beste Artikel, den ich bislang von "Finanztest" zum Thema BU gelesen habe." Helbergs Fazit fällt dann aber doch etwas spöttisch aus: "Ohne den eigentlichen Test wäre der Artikel in 'Finanztest' bestimmt nützlich."
Kompakt.
Corona sensibilisiert Kunden für die Berufsunfähigkeits-Versicherung.
Die umfassende Beratung bleibt der Schlüssel zum Erfolg.
Der Grundfähigkeitenschutz wird als Alternative salonfähig.
Uwe Schmidt-Kasparek
ist freier Autor in Düsseldorf.
