Emissionen zur Förderung von Wohnraum, Bildung und Gesundheit liegen voll im Trend. Das große Interesse spiegeln regelmäßige Überzeichnungen. Auch hierzulande nähern sich Finanzinstitute dem Thema an.
Die Corona-Pandemie wirbelt den Markt für nachhaltige Anleihen durcheinander. Derzeit eilt das Segment von einem Emissionsrekord zum nächsten. Wöchentlich platzieren Schuldner Beträge in zweistelliger Milliarden-US-Dollar-Höhe bei Investoren. Viele Banken verdienen als Teil eines Emissionskonsortiums kräftig mit. Erst auf den zweiten Blick werden Veränderungen innerhalb der Anlagekategorie sichtbar. Dominierten bislang Green Bonds das Geschehen, werden nun immer häufiger Social Bonds nachgefragt, im Deutschen auch Sozialanleihen genannt. Deren Emissionsvolumen betrug 2020 gut 163 Milliarden US-Dollar. Informationen des Datendienstleisters Refinitiv zufolge entspricht dies dem Zwölffachen des Vorjahres und mündet in regelmäßig hohen Überzeichnungen der Emissionen.
Dass es Nachhaltigkeitsanleihen in mehreren Ausprägungen gibt, ist selbst manchem Experten unbekannt. Die International Capital Market Association (ICMA) unterscheidet mittlerweile zwischen Green und Social Bonds sowie Mischformen wie beispielsweise Substainability-linked Bonds. Bei den grünen Schuldtiteln finanziert das Geld der Anleger ausschließlich Umweltprojekte, etwa den Bau von Windparks. Mit Sozialanleihen wiederum unterstützen Investoren Projekte, die einen gesellschaftlichen Mehrwert liefern. Die Mischformen zielen sowohl auf Umwelt- als auch auf Sozialaspekte ab. Die Projekte, in die der Emissionserlös der Social Bonds fließt, sollen beispielsweise gezielt Menschen mit begrenztem Bildungszugang, mit Behinderungen, finanziell Bedürftigen oder Flüchtlingen zugutekommen. So bieten die Papiere Investoren eine Möglichkeit, Renditeaussichten und Wertvorstellungen miteinander in Einklang zu bringen. Seit Anfang 2020 emittierten supranationale Organisationen wie die Weltbank und die Europäische Investitionsbank (EIB) zahlreiche Social Bonds mit Covid-19-Bezug. Die Geldmittel sollen etwa für den Ausbau von Krankenhäusern verwendet werden.
Impf-Bonds sind im Kommen
Die Europäische Union (EU) ist innerhalb weniger Wochen zu einem der größten Emittenten von Sozialanleihen aufgestiegen. Gleich bei der ersten Emission im Oktober kam ein Ordervolumen von 233 Milliarden Euro zusammen. Damit war die Emission vielfach überzeichnet. Das Gesamtvolumen der Zwei-Tranchen-Emission mit zehn- und 20-jährigen Laufzeiten betrug 17 Milliarden Euro. Bei weiteren vier Emissionen war die Orderflut zwar nicht mehr ganz so hoch, das Investoreninteresse soll dennoch sehr gut gewesen sein.
Johannes Hahn, EU-Kommissar für Haushalt und Verwaltung, bekräftigte anlässlich der Begebung einer Sozialanleihe im März: "Die Ausgabe von sicheren und nachhaltigen Anleihen (…) ist ein zentrales Element unserer Bemühungen, die Erholung in der EU zu unterstützen und unserer Wirtschaft und den Menschen weiterhin eine helfende Hand zu reichen." Laut eigenen Angaben hat die EU bisher Erlöse aus der Emission von Sozialanleihen in Höhe von 62,5 Milliarden Euro erzielt. Das Geld sei an 16 Mitgliedsländer geflossen, um dort vor allem Programme für Kurzarbeitergeld zu finanzieren. 2021 will die EU durch die Ausgabe solcher Sozialanleihen weitere 25 Milliarden Euro aufbringen.
Als Emittent von Social Bonds in den Startlöchern steht der Europäische Stabilitätsmechanismus ESM. Bereits im vergangenen Jahr wurde ein Rahmenwerk für deren Ausgabe geschaffen. Wenn EU-Staaten im Rahmen des Pandemic-Crisis-Support-Mechanismus Kreditlinien beim ESM beantragen und in Anspruch nehmen, wird es künftig zu einer entsprechenden Sozialanleihe-Emission kommen. Im laufenden Jahr erwartet die Akteure an den Bondmärkten eine neue Art von Social Bonds. So genannte Impf-Bonds, sollen in ärmeren Staaten der Welt die Impfprogramme etablieren.
Verzinsung entscheidend für die Attraktivität
Derzeit gibt die Pandemie den Sozialanleihen Anschub. Abzuwarten bleibt, ob sich das Segment dauerhaft am Markt etabliert. Andererseits gibt es genug soziale Projekte mit Kapitalbedarf. Im Dezember 2020 gab die französische Großbank Crédit Agricole ihr Debüt in Sachen Social Bonds. Die Investoren bekamen das Papier mit siebenjähriger Laufzeit mit einem Zinsaufschlag von 60 Basispunkten gegenüber der Benchmark-Anleihe. Der Titel war eine Milliarde Euro schwer. Zeichnungswünsche gingen in Höhe von 2,25 Milliarden Euro ein.
In Deutschland haben Institute bereits Erfahrung mit Sozialanleihen. Unter anderem hatte die bayrische Landeshauptstadt München im Frühjahr 2020 eine "Stadtanleihe" zur Finanzierung günstigen Wohnraums begeben. Und 2019 emittierte die Deutsche Kreditbank (DKB), eine Tochtergesellschaft der Bayerischen Landesbank (Bayern LB), zwei soziale Pfandbriefe. Diese Papiere richteten sich eher an Privatanleger. Weil die Konditionen für Pfandbriefe aber aufgrund der allgemeinen Zinssituation "eher unattraktiv" sind, so ein Sprecher der DKB auf Anfrage, plant die Bank derzeit keine weitere besicherte Anleihe. Denn so viel steht fest: Pfandbriefe mit ihrem doppelten Ausfallschutz gelten als so sicher, dass ihr Zinscoupon bei null oder sogar noch darunter liegt. Grundsätzlich will das Institut künftig nur noch nachhaltige Anleihen begeben. Nach der Emission eines Green Bonds im Februar, der bereits dem Entwurf des EU Green Bond Standards entspreche, plane das Geldhaus für institutionelle Anleger eine weitere Sozialanleihe noch in diesem Jahr.
Kompakt.
Institutionen wie EU, EIB und bald ESM emittieren lebhaft Sozialanleihen.
Die Nachfrage internationaler Investoren nach Social Bonds ist enorm.
Geschäftsbanken dringen langsam in dieses neue Segment vor.
Schaffung von Arbeitsplätzen beispielsweise durch Mikrofinanzierung
Aktuell verleiht die Corona-Krise dem Thema ordentlich Schwung.

