Wir wollen es schon genau wissen. Wenn der Kauf eines neuen oder gebrauchten Autos ansteht zum Beispiel. Leistung, Hubraum oder Akkukapazität, Beschleunigung von 0 auf 100 km/h, CO2 und Stickoxide, Laufleistung und vieles mehr. Und natürlich, von welcher Firma das Auto unseres Begehrens kommt. Alle diese Angaben benötigen wir für eine Kaufentscheidung.
Geht es um unsere Gesundheit, teilt sich die Welt in zwei Gruppen. Die eine will es eben ganz genau wissen: Wie heißt die diagnostizierte Krankheit, woher kommt sie, wie kann sie behandelt oder gar geheilt werden? Bei jedem verschriebenen Medikament wird die Fachinformation im Detail studiert und das eigene Selbst genauestens auf das Vorhandensein der aufgeführten Beschwerden überprüft. Die andere, weitaus größere Gruppe, fragt nicht viel, hört von den Ärzten die Diagnose, nimmt die verschriebenen Medikamente und kennt auf Nachfrage nicht einmal deren Namen. Aber sie haben sich in der Regel impfen lassen.
Wir können uns an die ersten Piekser nicht erinnern, denn die sind im Säuglings- oder Kleinkindalter erfolgt. Erinnern können wir uns an Reiseimpfungen und die Älteren an die Pockenimpfung in der Schule, Narbe inklusive. Und wir haben auch die Diskussion verfolgt, ob jetzt die Impfung gegen FSME für alle zu empfehlen ist, da die übertragenden Zecken jetzt in von ihnen touristisch bisher nicht besiedelte Gegenden wie Schleswig-Holstein gelangen. Und wir beginnen zu vergessen, wie wahr der Slogan "Schluckimpfung ist süß, Kinderlähmung ist grausam" einmal war. Ganz brav sind wir, was die saisonale Grippeimpfung angeht, und gehen jedes Jahr zum Betriebs- oder Hausarzt und lassen uns eben impfen, weil es schützt.
Aber weder unsere Eltern noch wir als Eltern haben bei den Säuglings-, Klein- kind- und allen sonstigen Impfungen inklusive der gegen Grippe je gefragt, von welchem Hersteller der Impfstoff kam und was da eigentlich in uns hineingespritzt wurde. Wir haben das genommen, was da war und was der Arzt unseres Impfvertrauens verwendete. Unwohlsein am Tag danach? Kein Thema, kann ja vor- kommen, ist ja eine Impfung, da sollte das Immunsystem gerne reagieren.
BioNTech, Moderna, AstraZeneca oder Johnson & Johnson? Vektorbasierter Impf- stoff oder mRNA-Vakzine? Wie oft wird die Impfung durchgeführt, wirkt sie gegen alle Varianten? Vom RKI oder der STIKO empfohlen? Fragen, die sich vor dem Jahr 2020 kaum einer bei der Grippe- oder einer anderen Impfung je gestellt hat. RKI, STIKO - den meisten bis dato unbekannt.
Die Coronapandemie und Dr. Google haben jeden Bürger zu seinem eigenen Impfexperten gemacht und der möchte mitreden. Alles, was nach der ersehnten Impfung am Körper und im Geist anders war, wurde nicht nur in den sozialen Medien jedem Bürger sofort kundgetan. Negative Meldungen überwiegen die positiven. "Good news are bad news and bad news are good news", wie der erfahrene Journalist weiß. Dass jeder der vier Impfstoffe vor COVID-19 schützt, wird zur Nebensache.
Noch nie waren Impfstoffe so schnell verfügbar, so gut und wissenschaftlich so transparent und so diskutiert, wie die gegen das Coronavirus. Im Herbst steht die saisonale Grippeimpfung an. Dann wissen wir sicher alle genauestens, welche Impfstoffe von welchem Hersteller kommen, und diskutieren intensiv über Adjuvanzien und attenuierte Viren. Oder wir lassen uns einfach impfen, so wie früher.
Prof. Ulrich Mrowietz .
von der Universitätshautklinik in Kiel hat eine ungewöhnliche Leidenschaft. Er liebt es zu schreiben: hochverdichtete Gedankensplitter, im Mittelpunkt der Mensch - genauer: das, was ihn zum Menschen macht, das "Humane". Mit dieser Fokussierung und dieser Sichtweise ist Mrowietz einem Eugen Roth nicht unähnlich. Der dermatologische Blick einmal ganz anders als üblich.

