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. 2021 Oct 21;18(10):48–49. [Article in German] doi: 10.1007/s11298-021-2177-x

Ein Blick über die Grenzen

Ivo Grebe 1,
PMCID: PMC8516484  PMID: 34667464

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

Flutkatastrophe in NRW, Afghanistan-Krise und schließlich die Bundestagswahl - der Sommer 2021 hatte es in sich und mit seinen Ereignissen zum Teil die Grenzen unserer Vorstellungskraft gesprengt. Gesundheitspolitische Visionen oder strukturelle Veränderungen sind von der neuen Regierung nicht zu erwarten - im Gegenteil. Die neue Koalition macht dort weiter, wo die alte aufgehört hat und muss sich mit den Problemen der Digitalisierung, der Umsetzung einer neuen GOÄ und den Defiziten der ambulanten hausärztlichen Versorgung auf dem Land auseinandersetzen. Auch das Thema Grenzen wird eine zentrale Bedeutung einnehmen. Seien es die Grenzen finanzieller Mittel, die wegen hoher Staatsverschuldung während der Covid-19-Pandemie unweigerlich Einfluss auf gesundheitspolitische Entscheidungen haben werden. Oder die Sektorengrenzen, zu deren Überwindung nahezu alle Parteien in ihren Wahlprogrammen mehr oder weniger konkrete Vorschläge haben - was davon umgesetzt wird, bleibt abzuwarten.

Die Sommermonate sind daneben klassische Reisemonate und bestens geeignet, Grenzen zu überwinden und neue Einblicke oder Erkenntnisse zu generieren. Dies kann durch eine Phantasiereise gelingen, wobei ich mir ausmale, wie die ideale hausärztliche Versorgung in Stadt und Land aussieht. Wie es endlich gelingen kann, dabei die Rolle der Internisten zu stärken und bei allen Politiker*innen landauf landab Verständnis dafür gefunden zu haben, dass Internistinnen und Internisten ein integraler Bestandteil der ambulanten Grundversorgung sind.

Bisweilen aber ist es hilfreich, physisch die Grenzen unseres Staates zu überwinden und sich in anderen Ländern umzuschauen, zum Beispiel bei einer Reise in die Schweiz.

Die kleine Alpenrepublik mit seinen knapp 9 Millionen Einwohnern ist nicht EU-Mitglied, erkennt aber die meisten EU-Abschlüsse und Weiterbildungen in der Medizin an. Jeder kennt die Anzeigen aus dem Deutschen Ärzteblatt, in denen Stellen an Krankenhäusern (Spital) oder in der ambulanten Versorgung ausgeschrieben sind. Während meines Schweiz-Aufenthaltes stand ich eines Tages vor einem größeren Bürogebäude, in dem mehrere Fachärzte mit ihren Praxen untergebracht waren, vom Neurologen über den Chirurgen bis zum Allgemeininternisten. Ja richtig, auf dem Schild stand tatsächlich "Facharzt für Allgemeine Innere Medizin." Ein kurzer Blick in die Seite des SWIF (Schweizerisches Institut für ärztliche Fort- und Weiterbildung) bestätigte das Vorhandensein dieses Facharztes, der nach 5-jähriger Weiterbildung erworben werden kann. Nach dreijähriger Basisweiterbildung Innere Medizin kann man sich entweder für die internistische Spitallaufbahn oder den Weg in die hausärztliche Versorgung entscheiden, ein Teil der Weiterbildung kann ambulant abgeleistet werden. Für die ambulante Tätigkeit ist der Erwerb der Zusatzbezeichnung Geriatrie möglich, das ist alles. Einen Facharzt für Allgemeinmedizin gibt es nicht.

Die Schweizer Ärztekammer hat sich damit über Gedankengrenzen in den Köpfen hinweggesetzt und Fakten geschaffen. Die hausärztliche Versorgung wird von Internisten übernommen, Punkt. Ein kontroverser Diskurs über die ärztliche Kompetenz in der Primärversorgung ist beendet, man hat erkannt, dass die allgemeine Innere Medizin als Fachgebiet die Bedürfnisse in der Grundversorgung umfassend abdeckt. Das ist eine klare Ansage, die ich gerne in mein Gepäck für die Heimreise lege.

Multimorbidität und Überalterung der Gesellschaft mit den daraus resultierenden Folgen und Problemen der medizinischen Versorgung stellen alle westlichen Industrienationen vor große Herausforderungen. Daher ist es naheliegend, dass auch wir in unserem Land lösungsorientiert an die Aufgabe herangehen und unsere Energie nicht weiter mit sinnlosen Grabenkämpfen um die Führungsposition in der hausärztlichen Versorgung verschwenden. Eine kürzlich vom BDI durchgeführte Mitgliederbefragung hat dazu eindeutige Ergebnisse geliefert: Nahezu zwei Drittel der Befragten würden in ihrer Praxis ambulante internistische Weiterbildung anbieten, wenn diese analog zu der Allgemeinmedizin finanziell gefördert wird.

Die Forderung an die Politik muss daher lauten: Es sollten so schnell wie möglich Voraussetzungen geschaffen werden, dass Internisten*innen gleichberechtigt und vollumfänglich bei der Nachbesetzung von Hausarztsitzen Berücksichtigung finden und eine geförderte ambulante Weiterbildung für Internisten implementiert wird. Nur so lassen sich die Nachwuchsprobleme im hausärztlichen Bereich zeitnah lösen und im Schulterschluss mit den Fachärzten die Herausforderungen einer qualifizierten Grundversorgung zukunftssicher meistern.

Grenzen sind dazu da, damit wir sie überwinden - Internistinnen und Internisten stehen bereit, Grenzen in den Köpfen von Funktionären und Politikern zu öffnen und so ihren Beitrag für eine gute medizinische Versorgung als Hausärzte zu leisten.

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Dr. med. Ivo Grebe

Vorsitzender der AG Hausärztliche

Internistinnen und Internisten des BDI


Articles from CME (Berlin, Germany) are provided here courtesy of Nature Publishing Group

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