Die Beziehung zwischen Bildung und Gesellschaft ist eine wechselseitige: Bildung ist eine notwendige Grundlage für die Identität, den Bestand und die Weiterentwicklung einer Gesellschaft; andererseits ist Bildung eine Reflexion der Gesellschaft, die im Sozialisationsprozess vermittelt wird.
Dabei spielen soziale Vorgänge wie Mobilität und Stratifizierung, Reproduktion, Wandel, Entwicklung eine wesentliche Rolle, und das Ergebnis ist ebenfalls abhängig von sozialen Faktoren wie Geschlecht, Rasse, Ethnizität und sozioökonomischen Bedingungen. Sozialisation, ein lebenslanger Prozess, wird dabei von der Familie, der Gesellschaft, den Bildungseinrichtungen und den Medien unter bestimmten sozioökonomischen Bedingungen geleitet [1].
Wahrnehmung und Entwicklung gesellschaftlicher Prozesse sind dabei vor allem abhängig vom Bildungsgrad des Einzelnen, aber auch insgesamt von der Gesellschaft.
Nach der WHO-Definition ist Gesundheit nicht (nur) das Gegenteil oder die Abwesenheit von Krankheit oder Gebrechen, sondern ein „Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens“ (WHO 1946). Dieses ehrgeizige Ziel kann nur durch den Zusammenhalt möglichst vieler Mitglieder einer Gesellschaft erreicht werden. Einerseits, weil Gesundheit in der Wertepyramide einer Gesellschaft einen hohen Stellenwert einnehmen sollte, für den es auch eines entsprechenden Konsenses und entsprechender Ressourcen bedarf, andererseits, weil die sozioökonomischen Bedingungen in einer Gesellschaft auch die Grundlage für (die Förderung von) Gesundheit darstellen. Dies bedingt auch einen Konsens über die prinzipielle Chancengleichheit aller Mitglieder einer Gesellschaft.
Dass dies eine Utopie ist, zeigen das erhöhte Krankheitsrisiko ärmerer Bevölkerungsschichten und die Diskussion über Basiseinkommen und freien Bildungszugang. Nicht zuletzt sprechen die schlechteren Leistungsergebnisse der ärmeren Kinder während der Coronavirus-bedingten Schulschließungen eine klare Sprache. Auch die Folgen der Schulschließungen und Bewegungsbeschränkungen für die Kinder und Jugendlichen, verringerte Sozialisationschancen, vermehrte psychische Erkrankungen und Internetabhängigkeit sowie der praktische Verlust eines halben bis ganzen Schuljahres sprechen eine deutliche Sprache.
Unterschiede in Ernährung, Ressourcenverfügbarkeit, Wohnverhältnissen, Bildung, Arbeitsbedingungen, Finanzierung eines gesunden Lebensstils, Vorsorge, Behandlung und Behandlungsqualität auch kleinerer Probleme usw. wirken sich letztlich auf Lebenszufriedenheit, Gesundheitszustand und Lebenserwartung aus [1].
Insbesondere Menschen und vor allem Kinder mit besonderen Bedürfnissen haben schichtspezifisch unterschiedliche Lebensbedingungen, auch in einer pluralistischen sozial engagierten Gesellschaft. Es ist daher seit den Anfängen der Bewegung ein besonderes Anliegen der Politischen Kindermedizin, sich für Chancengleichheit in der Gesundheitsversorgung aller Kinder zu engagieren und gewollte und nicht gewollte Versäumnisse anzuprangern und zu ihrer Beseitigung beizutragen.
Dies ist der Hintergrund der 14. Jahrestagung der Politischen Kindermedizin [2], die am 19. und 20.11.2021 in Salzburg stattfinden wird. Wir hoffen auf ein reges Interesse an den Vorträgen, lebendige Diskussionen und eine klare Botschaft an die Politik, Chancengleichheit nicht zum „epitheton ornans“ verkommen zu lassen.
Interessenkonflikt
C. Popow gibt an, dass kein Interessenkonflikt besteht.
Footnotes
Hinweis des Verlags
Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral.
Literatur
- 1.Francois EJ. Building global education with a local perspective: an introduction to global higher education. NY: Palgrave Macmillan US; 2015. Education and society. [Google Scholar]
- 2.http://www.polkm.org/meetings/ann_meeting_21/salzb_21.pdf. Zugegriffen: 30.09.2021
