Skip to main content
Springer Nature - PMC COVID-19 Collection logoLink to Springer Nature - PMC COVID-19 Collection
. 2021 Oct 28;64(12):1551–1558. [Article in German] doi: 10.1007/s00103-021-03444-4

Ambulante kinder- und jugendärztliche Versorgung während der COVID-19-Pandemie unter besonderer Berücksichtigung der Inanspruchnahme von Früherkennung und Impfungen

Outpatient pediatric care during the COVID-19 pandemic with special emphasis on screening examinations and immunizations

Sandra Mangiapane 1,, Linda Zhu 2, Mandy Schulz 2
PMCID: PMC8553108  PMID: 34713309

Abstract

Background

The COVID-19 pandemic has greatly changed the utilization of ambulatory medical care. Studies indicate that this also includes a decrease in pediatric prevention services.

Aim

The aim of the study was to determine how the utilization of pediatric prevention services, in particular screening examinations and immunizations, developed over the course of the first pandemic wave until the end of September 2020 compared with the years 2015 to 2019.

Materials and methods

A data analysis based on nationwide statutory medical claims data from the first quarter of 2015 to the third quarter of 2020 was conducted. All treatments of patients aged 0 to 17 years were included and the quarterly case numbers compared on an annual basis. By considering trends and seasonality, preventive and curative treatment cases were modelled as a time series and compared to their expected values.

Results and discussion

No decreases in the quarterly numbers of screening examinations or immunizations were observed in 2020. In contrast, the number of curative pediatric cases decreased significantly in the second and third quarters of 2020 compared with the same periods of the previous years. Since there was no drop in the number of screening examinations, it should be assumed that the health problems addressed in this framework are detected in a timely manner despite the COVID-19 pandemic. However, since screenings do not cover all age groups, further investigation should be conducted to determine the health consequences of the observed decrease in curative cases.

Keywords: Screening examination, Immunization, Children, COVID-19 pandemic, Utilization

Einleitung und Hintergrund

Die COVID-19-Pandemie hat die vertragsärztliche Versorgung im Jahr 2020 stark verändert. Auf Basis von Abrechnungsdaten der Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) konnte gezeigt werden, dass die ambulanten Fallzahlen mit Beginn der ersten Pandemiewelle und den damit verbundenen Kontaktbeschränkungen ab Anfang März 2020 deutlich einbrachen. Ab Ende Mai 2020 normalisierten sich die Fallzahlen zunächst und gingen dann einhergehend mit der zweiten Pandemiewelle und der erneuten Verschärfung der Kontaktbeschränkungen ab Anfang November 2020 ein weiteres Mal zurück [1]. Auch die kinder- und jugendärztliche Versorgung war von dieser Entwicklung betroffen. So lagen hier die Fallzahlen im zweiten Quartal 2020 zeitweise 35 % unter den Vorjahreswerten [1]. Dieser Trend konnte international und auch im stationären Bereich beobachtet werden [24]. Eine Ad-hoc-Analyse einer gesetzlichen Krankenkasse konnte in diesem Zusammenhang erkennen, dass die Zahl der Krankenhausfälle bei Kindern und Jugendlichen im Frühjahr 2020 um 41 % sank und dass es nach dem ersten Lockdown vermehrt zu komplizierten Verläufen bei chronischen Erkrankungen von Kindern in Krankenhäusern kam [4]. Befragungs- und Registerstudien im Bereich der Diabetologie weisen zudem darauf hin, dass Kinder und Jugendliche mit Beginn der Pandemie verspätet ärztlich vorgestellt wurden und es infolgedessen zu höheren Raten von Ketoazidosen kam [5, 6]. Daneben zeigt sich, dass die mit der Pandemie verbundenen Infektionsschutzmaßnahmen, wie z. B. Schul- und Kitaschließungen und Kontaktreduktionen, massive Auswirkungen auf die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen haben [7, 8]. Vor diesem Hintergrund ist es essenziell, dass pandemiebedingte Folgen für die gesundheitliche Entwicklung von Kindern und Jugendlichen rechtzeitig erkannt werden.

Gemäß den Richtlinien des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA; [9, 10]) haben gesetzlich krankenversicherte Kinder und Jugendliche Anspruch auf Untersuchungen zur Früherkennung von Krankheiten, die ihre körperliche, geistige oder psychosoziale Entwicklung gefährden (U1 bis U9 sowie spezielle Früherkennungsuntersuchungen und J1). Diese umfassen auch die Aufklärung über Impfungen und andere Präventionsmaßnahmen, wobei die U4 und die U5 i. d. R. auch mit einer Grundimmunisierung kombiniert werden. Die in den G‑BA-Richtlinien aufgeführten Früherkennungsuntersuchungen sind an feste Zeitfenster gebunden. Im März 2020 beschloss der G‑BA allerdings, dass die Zeitfenster für die Untersuchungen U6 bis U9 im Zuge der Pandemie überschritten werden können. Studien weisen darauf hin, dass die Inanspruchnahme der Früherkennungsuntersuchungen im Zeitraum von März bis Mai 2020 zunächst deutlich zurückging, bereits ab Juni aber wieder anstieg [1, 11]. Da von diesem Rückgang insbesondere die U6 bis U9 betroffen waren [11], ist zu vermuten, dass von der vom G‑BA eingeräumten Möglichkeit der Terminverschiebung Gebrauch gemacht wurde. Für eine detaillierte Untersuchung ist jedoch eine längere Zeitreihe erforderlich.

Ziel der vorliegenden Studie ist es zu ermitteln, wie sich die Inanspruchnahme der verschiedenen Früherkennungsuntersuchungen und Impfungen sowie die sonstige Inanspruchnahme der kinder- und jugendärztlichen Versorgung während des Zeitraumes erstes bis drittes Quartal 2020 (Beginn bis Abklingen der ersten Pandemiewelle) im Vergleich zu den Vorjahreszeiträumen der Jahre 2015 bis 2019 entwickelt haben.

Methoden

Studientyp und Datengrundlage

Es wurde eine Sekundärdatenanalyse im Zeitraum erstes Quartal 2015 bis drittes Quartal 2020 durchgeführt.

Als Datengrundlage wurden die dem Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (Zi) vorliegenden bundesweiten vertragsärztlichen Abrechnungsdaten gemäß § 295 des Fünften Buchs Sozialgesetzbuch (SGB V) verwendet. Diese umfassen die anonymisierten Abrechnungsfälle aller rund 73 Mio. Versicherten der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) in Deutschland aus der vertragsärztlichen Versorgung.

Einschlusskriterien

Als Grundgesamtheit wurden alle Versicherten eingeschlossen, für die im Beobachtungszeitraum mindestens ein ambulanter Behandlungsfall abgerechnet wurde und die in mindestens einem der betrachteten Datenjahre 0 bis 17 Jahre alt waren. Da in der verwendeten Datengrundlage nicht das Geburtsdatum, sondern lediglich das Geburtsjahr der Versicherten enthalten ist, erfolgte die Ermittlung des Alters über die Differenz aus betrachtetem Datenjahr und Geburtsjahr.

In die Studienpopulation wurden alle Versicherten der Grundgesamtheit aufgenommen, für die im Beobachtungszeitraum mindestens ein Behandlungsfall bei einem Facharzt bzw. einer Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin abgerechnet wurde. Für die Analysen wurden im Weiteren nur Behandlungsfälle betrachtet, bei denen die Versicherten zum Abrechnungszeitpunkt jünger als 18 Jahre alt waren.

Früherkennungsuntersuchungen und Impfungen

Als Früherkennungsuntersuchungen wurden alle kinder- und jugendärztlich abgerechneten Behandlungsfälle betrachtet, in denen mindestens eine der in Tab. 1 aufgeführten Gebührenordnungspositionen (GOP) abgerechnet wurde. Als Impfungen wurden alle Fälle gekennzeichnet, in denen mindestens eine mit den für Impfungen spezifischen Ziffern 89 beginnende GOP abgerechnet wurde.

GOP Bezeichnung (reguläres Zeitfenster) Maßnahmen
01712

U2

(3. bis 4. Lebenstag)

Untersuchung von Organen, Sinnesorganen und Reflexen
01713

U3

(4. bis 5. Lebenswoche)

Prüfung der altersgemäßen Entwicklung der Reflexe, der Motorik, des Gewichts und der Reaktionen, Untersuchung der Organe und der Hüften, Abfrage des Trinkverhaltens
01714

U4

(3. bis 4. Lebensmonat)

Untersuchung der Organe, Sinnesorgane, Geschlechtsorgane und der Haut, von Wachstum, Motorik und Nervensystem
01715

U5

(6. bis 7. Lebensmonat)

Untersuchung der Organe, Sinnesorgane, Geschlechtsorgane und der Haut, von Wachstum, Motorik und Nervensystem
01716

U6

(10. bis 12. Lebensmonat)

Kontrolle der geistigen Entwicklung, der Sinnesorgane und der Bewegungsfähigkeit
01717

U7

(21. bis 24. Lebensmonat)

Test der sprachlichen Entwicklung, Feinmotorik und Körperbeherrschung
01723

U7a

(34. bis 36. Lebensmonat)

Frühzeitige Erkennung von Sehstörungen und sonstigen Auffälligkeiten
01718

U8

(46. bis 48. Lebensmonat)

Intensive Prüfung der Entwicklung von Sprache, Aussprache und Verhalten, um eventuelle Krankheiten und Fehlentwicklungen im Vorschulalter gezielt behandeln zu können
01719

U9

(60. bis 64. Lebensmonat)

Prüfung der Motorik und Sprachentwicklung, um eventuelle Krankheiten und Fehlentwicklungen vor dem Schuleintritt zu erkennen und zu heilen
01720

J1

(14. bis 15. Lebensjahr)

Untersuchung auf Störungen und Verhaltensauffälligkeiten, die schon in einem frühen Stadium einer Behandlung/Beratung zugeführt werden können bzw. von Bedeutung sind für die soziale Integration des Jugendlichen, um Fehlentwicklungen in der Pubertät zu verhindern und um individuell auftretende gesundheitsgefährdende Verhaltensweisen frühzeitig zu erkennen (z. B. Rauchen, Alkohol- und Drogenkonsum). Außerdem Überprüfung des Impfstatus
Zusatzuntersuchungen
01707

Erweitertes Neugeborenenscreening

(48. bis 72. Lebensstunde)

Entnahme von Venen- oder Fersenblut zum Screening auf Hypothyreose, adrenogenitales Syndrom (AGS), Biotinidasemangel, Galaktosämie, Phenylketonurie (PKU) und Hyperphenylalaninämie (HPA), Ahornsirupkrankheit (MSUD), Medium-Chain-Acyl-CoA-Dehydrogenase-Mangel (MCAD), Long-Chain-3-OH-Acyl-CoA-Dehydrogenase-Mangel (LCHAD), Very-Long-Chain-Acyl-CoA-Dehydrogenase-Mangel (VLCAD), Carnitinzyklusdefekte, Glutaracidurie Typ I (GA I), Isovalerianacidämie (IVA), Tyrosinämie Typ I, schwere kombinierte Immundefekte (SCID)
01703

Pulsoxymetrie

(2. bis 4. Lebenstag)

Screening auf kritische angeborene Herzfehler mittels Pulsoxymetrie
01705

Neugeborenenhörscreening

(Spätestens 3. Lebenstag)

Messung otoakustischer Emissionen und/oder Hirnstammaudiometrie (AABR)
01706

Kontroll-AABR

(Bis zur 12. Lebenswoche)

Kontroll-AABR nach vorangegangenem auffälligen Befund
01709

Mukoviszidosescreening

(Bis zum 28. Lebenstag)

Serielle Kombination von 2 biochemischen Tests auf immunreaktives Trypsin (IRT) und pankreatitisassoziiertes Protein (PAP) und einer DNA-Mutationsanalyse
01722

Hüftsonographie

(4.–5. Lebenswoche)

Hüftsonographie zur Untersuchung auf Dysplasien

GOP Gebührenordnungspositionen

Quelle: G‑BA

Kurative Fälle

Als kurative Fälle wurden alle kinder- und jugendärztlich abgerechneten Behandlungsfälle betrachtet, in denen weder eine der in Tab. 1 aufgeführten GOP noch eine mit den Ziffern 89 beginnende GOP abgerechnet wurden.

Statistische Analysen

Berichtet werden in erster Linie die absolute Anzahl an Behandlungsfällen sowie deren relative Veränderung im Vergleich zu den Vorjahren. Zur Abschätzung, ob in den 3 betrachteten Quartalen des Jahres 2020 signifikante Abweichungen in der Inanspruchnahme zu den Quartalen der Vorjahre vorlagen, wurde eine Zeitreihenanalyse durchgeführt. Hierbei handelt es sich um die Modellierung der statistischen Abhängigkeit der quartalsbezogenen Anzahl von Behandlungsfällen als zeitlich geordnetes metrisches Merkmal von der Zeit. Zur Anwendung kamen Trend-Saison-Modelle, die anhand der unterjährigen Zeitwerte des Beobachtungszeitraums sowohl den zeitabhängigen Trend als auch die in den Daten vorliegende Saisonalität modellieren. Anhand der berechneten Modellparameter kann für den Beobachtungszeitraum die angepasste bzw. erwartete Inanspruchnahme inklusive der dazugehörigen 95 %-Konfidenzintervalle den beobachteten Werten gegenübergestellt werden. Dieser Vergleich wurde separat für alle, für präventive und für kurative Behandlungsfälle vorgenommen und grafisch dargestellt, wobei der Fokus auf potenziellen Unterschieden zwischen angepassten und beobachteten Inanspruchnahmen in den ersten 3 Quartalen des Jahres 2020 lag. Die statistische Analyse wurde mit der Funktion „Zeitreihenmodellierung“ (Methode Expert Modeler) in IBM SPSS Statistics, Version 26 durchgeführt.

Ergebnisse

Grundgesamtheit und Studienpopulation

Die Grundgesamtheit umfasste n = 18.516.556 Versicherte (0 bis 17 Jahre), von denen n = 14.462.453 Kinder und Jugendliche (78 %) mindestens einmal im Zeitraum von 2015 bis zum dritten Quartal 2020 kinder- und jugendärztlich behandelt und somit in die Studienpopulation aufgenommen wurden. Die Verteilung der eingeschlossenen Versicherten ist Tab. 2 zu entnehmen. Erkennbar ist, dass sich die Anzahl der in Arztpraxen betreuten Kinder und Jugendlichen (alle Arztpraxen, unabhängig von der Fachrichtung) von 2015 bis 2018 jährlich um rund 200.000 erhöht hat und 2019 leicht zurückging. Gleichzeitig wuchs der Anteil der kinder- und jugendärztlich betreuten Kinder und Jugendlichen bis 2019 jährlich um 1 % an, wobei die Betreuungsintensität ebenfalls zunahm (2,16 Fälle/Person in 2015 vs. 2,23 Fälle/Person in 2019). Da für das Jahr 2020 nur die Daten der ersten 3 Quartale zur Verfügung standen, kann über die weitere Entwicklung bezüglich der Grundgesamtheit und der Studienpopulation noch keine Aussage getroffen werden. Die deutlich niedrigere Betreuungsintensität (1,65 Fälle/Person) gibt aber bereits Hinweise auf einen Rückgang der kinder- und jugendärztlichen Fallzahlen im Jahr 2020.

Jahr Grundgesamtheit
(Anzahl Kinder und Jugendliche in ärztlicher Behandlung)
Studienpopulation
(Anzahl Kinder und Jugendliche in kinder- und jugendärztlicher Behandlung)
Anzahl kinder- und jugendärztlicher Fälle Anzahl kinder- und jugendärztlicher Fälle pro Person in der Grundgesamtheit
2015 11.436.890 8.269.080 (72 %) 24.715.868 2,16
2016 11.630.572 8.529.221 (73 %) 25.452.513 2,19
2017 11.803.102 8.746.894 (74 %) 25.707.524 2,18
2018 11.975.323 9.017.422 (75 %) 26.224.469 2,19
2019 11.917.302 9.076.218 (76 %) 26.542.301 2,23
2020 (Q1–3) 11.170.118 8.375.538 (75 %) 18.447.673 1,65

Q1–3 erstes bis drittes Quartal

Quelle: Bundesweite vertragsärztliche Abrechnungsdaten

Gesamtentwicklung

Die Gesamtfallzahlen (Summe aus präventiven und kurativen Fällen) stiegen zunächst jährlich bis 2019 stufenweise an, wobei die kurativen Fälle deutlicher saisonalen Schwankungen unterlagen als die präventiven Fälle (Maximum jeweils im ersten Quartal, Minimum jeweils im dritten Quartal; Abb. 1). Im weiteren Verlauf zeigte sich dann bei den kurativen Fällen und damit einhergehend bei der Gesamtfallzahl im zweiten und geringfügig auch im dritten Quartal 2020 ein deutlicher Rückgang gegenüber den Vorjahren. Dementsprechend sind in der Zeitreihenanalyse deutliche Abweichungen zwischen beobachteten und angepassten Fallzahlen zu erkennen, wobei die beobachteten Werte im zweiten Quartal des Jahres 2020 außerhalb des 95 %-Konfidenzintervalls der angepassten Werte liegen (Abb. 1, kurative Behandlungsfälle). Eine ähnliche Abweichung ist bei den präventiven Fällen mit Modellierung der Zeitreihe nicht zu beobachten (Abb. 1, präventive Behandlungsfälle).

graphic file with name 103_2021_3444_Fig1_HTML.jpg

In Tab. 3 sind die Anzahlen präventiver Behandlungsfälle getrennt nach Früherkennungsuntersuchungen und Impfungen angegeben. Die Fallzahlen bei den Früherkennungsuntersuchungen stiegen im Zeitraum 2015 bis 2020 um 10 % und bei den Impfungen um über 20 % gegenüber 2015 an.

Anzahl Behandlungsfälle Relative Veränderung zu 2015 (%)
Q1 Q2 Q3 Q4 Q1 Q2 Q3 Q4
Früherkennungsuntersuchungen
2015 1.093.937 1.076.141 1.128.144 1.110.616 100 100 100 100
2016 1.080.666 1.158.102 1.162.830 1.136.268 99 108 103 102
2017 1.182.687 1.135.690 1.215.084 1.180.878 108 106 108 106
2018 1.180.743 1.210.663 1.226.417 1.211.986 108 113 109 109
2019 1.216.542 1.175.361 1.265.274 1.216.164 111 109 112 110
2020 1.201.934 1.214.268 1.295.560 k. A. 110 113 115 k. A.
Impfungen
2015 1.143.702 1.378.628 1.298.674 1.294.158 100 100 100 100
2016 1.085.170 1.392.876 1.350.266 1.310.334 95 101 104 101
2017 1.214.029 1.425.165 1.425.043 1.360.396 106 103 110 105
2018 1.193.656 1.519.744 1.435.547 1.456.826 104 110 111 113
2019 1.319.581 1.641.994 1.635.985 1.611.163 115 119 126 124
2020 1.393.094 1.663.488 1.660.524 k. A. 122 121 128 k. A.

Q1, Q2, Q3, Q4 erstes, zweites, drittes, viertes Quartal

Quelle: Bundesweite vertragsärztliche Abrechnungsdaten

Inanspruchnahme der verschiedenen Früherkennungsuntersuchungen

Die quartalsweisen Veränderungen der Fallzahlen pro Früherkennungsuntersuchung sind Abb. 2 sowie Tab. 4 zu entnehmen. Ein Rückgang der Inanspruchnahme von Früherkennungsuntersuchungen konnte auf der Quartalsebene für 2020 nicht festgestellt werden – auch nicht bei denen, für die der G‑BA bezüglich ihres Zeitfensters eine Ausnahmeregelung getroffen hatte. Vielmehr ist bei einigen Früherkennungsuntersuchungen im zweiten und dritten Quartal 2020 sogar eine Zunahme gegenüber dem Vorjahr zu beobachten. Dies betrifft insbesondere die U2 und die zugehörigen speziellen Früherkennungsuntersuchungen wie das erweiterte Neugeborenenscreening, das Mukoviszidosescreening und die Pulsoxymetrie sowie die U7a, die U8 und die U9. Nur bei der J1 ist in allen 3 Quartalen des Jahres 2020 ein leichter Rückgang gegenüber 2019 festzustellen.

graphic file with name 103_2021_3444_Fig2_HTML.jpg

2019 2020 Relative Abweichung (%) Absolute Abweichung
Erweitertes Neugeborenenscreening Q1 6691 6906 3 215
Q2 6883 10.653 55 3770
Q3 7959 10.604 33 2645
Pulsoxymetrie Q1 7274 7586 4 312
Q2 7371 10.975 49 3604
Q3 8311 11.018 33 2707
Neugeborenenhörscreening Q1 4115 4180 2 65
Q2 4100 5212 27 1112
Q3 4879 5375 10 496
Kontroll-AABR Q1 478 483 1 5
Q2 466 589 26 123
Q3 559 630 13 71
Mukoviszidosescreening Q1 328 371 13 43
Q2 331 592 79 261
Q3 410 533 30 123
Hüftsonographie Q1 116.493 122.167 5 5674
Q2 116.397 120.708 4 4311
Q3 135.239 134.149 −1 −1090

Q1, Q2, Q3 erstes, zweites, drittes Quartal; AABR automatisierte Hirnstammaudiometrie

Quelle: Bundesweite vertragsärztliche Abrechnungsdaten

Diskussion

Die COVID-19-Pandemie und die damit einhergehenden Kontaktbeschränkungen haben die Inanspruchnahme der vertragsärztlichen Versorgung stark verändert [1]. Bisherige Untersuchungen geben Hinweise darauf, dass es zu Beginn der Pandemie zeitweise auch zu Einbrüchen bei kinderärztlichen Präventionsleistungen wie Früherkennungsuntersuchungen gekommen ist [1, 11].

Diese Hinweise konnten im Rahmen der vorliegenden, den Zeitraum vom ersten bis zum dritten Quartal (Beginn bis Abklingen der ersten Pandemiewelle) umfassenden Studie nicht bestätigt werden: Weder bei den Früherkennungsuntersuchungen noch bei den Impfungen wurde ein Fallzahlrückgang im Vergleich zu den Vorjahren beobachtet. Somit ist anzunehmen, dass sich die in vorherigen Untersuchungen aufgezeigten temporären Rückgänge bei Früherkennungsuntersuchungen im weiteren Verlauf des Jahres 2020 ausgeglichen haben. Lediglich bei der J1 setzt sich der seit Jahren erkennbare Trend einer sinkenden Inanspruchnahme fort und somit war diese im Jahr 2020 vermutlich nicht pandemiebedingt [13, 14]. Demgegenüber lassen die deutlichen Zunahmen bei der U2 und den zugehörigen Zusatzuntersuchungen vermuten, dass die hier bereits in den letzten Jahren einsetzende Leistungsverlagerung vom Krankenhaus in die Arztpraxis [14] durch die Pandemie weiter verstärkt wurde.

Die Betrachtung der gesamten kinderärztlichen Versorgung zeigt, dass die Anzahl kurativer Fälle entgegen der Entwicklung bei den präventiven Fällen insbesondere im zweiten Quartal 2020 deutlich zurückgegangen ist. Eine Ursache dafür könnte der Rückgang von Infektionskrankheiten sein [15, 16], der vermutlich aus Schul- und Kitaschließungen und dem Einhalten der AHA + L-Regeln (Abstand halten, Hygiene beachten, Alltag mit Maske und Lüften) resultiert. Aber auch die Angst vor Ansteckungen könnte ursächlich für weniger Praxisbesuche gewesen sein. So gaben knapp 30 % der Eltern in einer Umfrage in den USA im September 2020 an, dass sie mindestens einmal einen Arzttermin für ihr Kind aus Angst vor einer Ansteckung abgesagt hatten [2].

Dabei scheint die Verzögerung von Arztbesuchen teilweise bereits Folgen zu haben. Wie oben bereits beschrieben, weisen Befragungs- und Registerstudien im Bereich der Diabetologie darauf hin, dass Kinder und Jugendliche mit Beginn der Pandemie verspätet vorgestellt wurden und es infolgedessen zu höheren Raten von Ketoazidosen gekommen ist [5, 6]. Daneben zeigt sich, dass die mit der Pandemie verbundenen Maßnahmen, wie z. B. Schul- und Kitaschließungen und Kontaktreduktionen, massive Auswirkungen auf die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen haben [7, 8]. So ergab die COPSY-Studie (CORona und PSYche) des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf, dass 71 % der befragten Kinder und Jugendlichen im Alter von 7 bis 17 Jahren sich durch die Pandemie belastet fühlten. 2 Drittel von ihnen gaben eine verminderte Lebensqualität und ein geringeres psychisches Wohlbefinden an. Vor der COVID-19-Pandemie war dies nur bei einem Drittel der Kinder und Jugendlichen der Fall [7].

Limitationen

Für die vorliegende Studie wurden anonymisierte vertragsärztliche Abrechnungsdaten verwendet, die originär für die Zwecke der Abrechnung gegenüber den KVen und nicht für die Zwecke der Versorgungsforschung erhoben wurden. Dies führt zu einigen Limitationen. So war es z. B. aufgrund fehlender Angaben zu den Geburtsmonaten nicht möglich, die jeweiligen Zeitfenster für die Früherkennungsuntersuchung eines Kindes zu ermitteln. Auch konnten nur Kinder und Jugendliche betrachtet werden, die im Beobachtungszeitraum mindestens einmal einen niedergelassenen Arzt bzw. eine Ärztin aufgesucht hatten. Folglich konnten keine altersspezifischen Inanspruchnahmeraten berechnet und nur Fallzahlentwicklungen dargestellt werden. Auch war es dadurch nicht möglich zu untersuchen, ob es trotz der in den ersten drei Quartalen 2020 gegenüber dem Vorjahreszeitraum stabilen bzw. leicht erhöhten Fallzahlen bei den Früherkennungsuntersuchungen möglicherweise doch zu versäumten Terminen gekommen ist und es ggf. eine Zunahme anspruchsberechtigter Kinder gab, die einen sonst detektierbaren Fallzahlrückgang ausgeglichen haben könnten. Leider gibt es keine öffentliche Statistik, aus der die altersgenaue Entwicklung der Versichertenanzahl in der Altersgruppe der unter 18-Jährigen hervorgeht. Aus der KM6-Statistik [17, 18] lässt sich aber zumindest erkennen, dass sich die Versichertenzahl in der Altersgruppe der unter 15-Jährigen von 2019 auf 2020 lediglich um rund 122.000 Versicherte erhöht und die Anzahl der Versicherten in der Altersgruppe 15–19 Jahre um rund 50.000 verringert hat. Von daher dürfte es eher unwahrscheinlich sein, dass allein die Veränderung der Versichertenzahl die Entwicklung bei den Früherkennungsuntersuchungen in den ersten drei Quartalen 2020 verursacht hat. Da ausschließlich Abrechnungsdaten der KVen verwendet wurden, fehlen darüber hinaus Fälle, die im Rahmen von Selektivverträgen über andere Wege abgerechnet wurden. Sofern sich deren Umfang in den betrachteten Zeitspannen unterscheidet, kann dies zu geringfügigen Verzerrungen der Ergebnisse geführt haben.

Schlussfolgerungen

Zusammenfassend bleibt festzuhalten, dass Früherkennungsuntersuchungen und Impfungen auch in Pandemiezeiten offensichtlich unverändert wahrgenommen werden. Somit kann davon ausgegangen werden, dass die in ihrem Rahmen adressierten Gesundheitsprobleme auch während der Pandemie rechtzeitig erkannt werden. Da die Früherkennungsuntersuchungen jedoch nicht alle Altersgruppen abdecken, sollte weiter untersucht werden, welche gesundheitlichen Folgen der in der Zeitreihenanalyse im zweiten und dritten Quartal 2020 beobachtete Rückgang bei den kurativen Fällen nach sich zieht.

Acknowledgments

Danksagung

Die Autorinnen danken dem Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte e. V. (BVKJ) für die inhaltliche Unterstützung bei der Erstellung der Arbeit.

Einhaltung ethischer Richtlinien

Interessenkonflikt

S. Mangiapane, L. Zhu und M. Schulz geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Für diesen Beitrag wurden von den Autoren keine Studien an Menschen oder Tieren durchgeführt. Da im Rahmen der Studie ausschließlich anonymisierte Abrechnungsdaten verwendet wurden, war entsprechend der Leitlinie Gute Praxis Sekundärdatenanalyse (GPS [12]) keine Prüfung durch eine Ethik-Kommission und keine Einverständniserklärung von Patienten erforderlich.

Literatur


Articles from Bundesgesundheitsblatt, Gesundheitsforschung, Gesundheitsschutz are provided here courtesy of Nature Publishing Group

RESOURCES