Eine COVID-19-Impfung ist bei Patienten mit Multipler Sklerose (MS) sicher und wirksam, der Immunschutz hängt aber auch von der bestehenden Immuntherapie ab. Ein Positionspapier der Fachgesellschaften ECTRIMS und EAN erläutert, was bei welchen Patienten zu beachten ist.
Die gute Nachricht lautet: Sämtliche zugelassenen COVID-19-Vakzinen sind für MS-Patienten geeignet, auch für solche unter krankheitsmodifizierenden Therapien (disease modifying therapies, DMT). Es gibt keine Hinweise darauf, dass damit andere Risiken verbunden sind als für die übrige Bevölkerung, und dies gilt auch für die neuen mRNA-Impfstoffe.
"In der Praxis sind bisher keine spezifischen Warnzeichen bei MS-Patienten mit mRNA-Vakzinen aufgetaucht", berichtete Dr. Mauricio Farez von der Kinderneurologiestiftung FLENI in Buenos Aires anlässlich des aktuellen Kongresses der europäischen MS-Gesellschaft ECTRIMS. "Da immunkompromittierte Patienten und solche mit Immunmodulatoren von klinischen Studien jedoch ausgeschlossen worden sind, ist eine fortgeführte Überwachung auf immunbezogene Nebenwirkungen bei MS-Patienten aber weiterhin nötig", erläuterte Farez weiter.
Generell gebe es keine spezifischen Kontraindikationen für MS-Patienten. Bei den seltenen Nebenwirkungen sei, wie bei anderen Personen, auf Myokarditiden unter mRNA-Vakzinen sowie auf immunvermittelte Thrombembolien unter Vektorvakzinen zu achten.
Sorgen um ein erhöhtes Risiko für Krankheitsschübe müssen sich MS-Patienten ebenfalls nicht machen - Farez verwies hierzu auf zwei beim Kongress vorgestellte Studien, nach denen die Schubrate nach der Impfung ähnlich hoch ist wie davor oder wie bei ungeimpften MS-Kranken. Solche Erkenntnisse sollen nun auch in ein gemeinsames Positionspapier der beiden europäischen Fachgesellschaften ECTRIMS und EAN einfließen.
Normale Immunresponse unter Basistherapeutika
Neurologen der Fachgesellschaften sehen bislang auch keine Hinweise darauf, dass einer der Impfstoffe für MS-Kranke besser geeignet ist als die anderen. Allerdings erkennen sie Unterschiede bei der Immunogenität in Abhängigkeit von der DMT. So wird davon ausgegangen, dass Patienten unter Basistherapeutika wie Interferone, Glatirameracetat, Dimethylfumarat und Teriflunomid durch die Impfung ähnlich gut vor der Erkrankung geschützt sind wie Personen ohne eine MS beziehungsweise unbehandelte MS-Kranke - sofern sie normale Lymphozytenwerte aufweisen. Sind diese Werte jedoch zu gering, könne dies die Immunresponse abschwächen.
Die Experten raten daher dazu, die Lymphozytenzahl vor der Impfung zu bestimmen. Als wenig sinnvoll wird hingegen ein allgemeines Screening der Antikörpertiter nach der Impfung erachtet, da die Titer für den Immunschutz nicht allein aussagekräftig seien: Zahlreiche Patienten zeigen trotz einer B-Zell-Schwäche noch eine gute T-Zell-Response.
Unter Natalizumab sehen die Neurologen der beiden Gesellschaften ebenfalls eine weitgehend unbeeinträchtigte Immunresponse auf die COVID-19-Impfungen. Bei Patienten nach einer Behandlung mit Alemtuzumab sei vor allem in den ersten sechs Monaten nach einem Therapiezyklus von einer geschwächten Immunantwort auszugehen. Haben die Betroffenen jedoch beide Therapiezyklen hinter sich und es konnte eine vollständige Immunrekonstitution erzielt werden, gehen die Experten von einer normalen Immunresponse aus.
Nutzen von Booster-Impfungen noch unklar
Für MS-Patienten mit Cladribin ergebe sich aus Studien eine weitgehend normale Immunantwort, wenn die letzte Behandlung mindestens vier Monate zurückliegt, so Farez, dagegen erreichten die meisten Patienten unter Fingolimod keine protektiven Antikörpertiter. Ähnliches gelte für CD20-Antikörper wie Ocrelizumab, wenn die letzte Infusion weniger als drei Monate zurückliegt. Am effektivsten sei hier eine Impfung frühestens drei Monate nach der letzten und spätestens vier bis sechs Wochen vor der nächsten Infusion. Immerhin gebe es Hinweise auf eine gute T-Zell-Immunität bei MS-Patienten mit CD20-Antikörpern.
Bei S1P-Modulatoren wie Fingolimod sei es bislang noch unklar, welche Schutzwirkung nach der Impfung bestehe. Im Zweifelsfall sei eine abgeschwächte Immunresponse aber auch hier besser als überhaupt kein Schutz. Aufgrund der Impfung die bestehende Therapie abzusetzen, sieht der Neurologe kritisch: Dann bestehe ein hohes MS-Rebound-Risiko. Im schlimmsten Fall erlitten die Patienten noch ungeimpft einen Schub, benötigten Kortikoide und hätten damit, wenn sie sich in dieser kritischen Phase infizieren würden, ein besonders hohes Risiko für einen schweren COVID-19-Verlauf.
Zum Nutzen von Booster-Impfungen bei MS-Patienten lasse sich bislang wenig sagen, so Farez, entsprechend gebe es hierzu noch keine konkreten Empfehlungen. Für MS-Kranke mit bestehender oder überstandener COVID-19 gelten die üblichen Empfehlungen: keine Impfung während der Erkrankung, aber einige Zeit danach, wenn sich die Patienten wieder gut erholt haben. Für Schwangere sowie Kinder und Jugendliche mit MS sehen die Neurologen ebenfalls die gleichen Regeln vor wie für die übrige Bevölkerung.
Das Positionspapier soll, sobald veröffentlicht, regelmäßig aktualisiert werden, erläuterte Farez.
37. Congress of the European Committee for Treatment and Research in Multiple Sclerosis (ECTRIMS); ECTRIMS-EAN Session, 13.-15.10.2021

