Impfungen sind für MS-Patienten nicht nur in der Pandemie relevant: Eine Expertengruppe der beiden Gesellschaften ECTRIMS und EAN hat neue Empfehlungen erarbeitet. Der beste Impfzeitpunkt ist nach der MS-Diagnose oder vor einer immunsupprimierenden Therapie.
Die COVID-19-Pandemie hat einen wichtigen Punkt in Erinnerung gerufen: Der beste Schutz vor schweren Infektionen für MS-Patienten unter krankheitsmodifizierenden Therapien (DMT) sind rechtzeitige Impfungen. Und diese sollten möglichst kurz nach der Diagnose und noch vor Beginn einer DMT erfolgen, legten Experten auf dem Kongress der MS-Gesellschaft ECTRIMS nahe. Auch wenn MS-Kranke bereits DMT erhalten, sind die meisten Impfungen bei fast allen Patienten gut möglich, allerdings gibt es dann einige Punkte zu beachten. Orientierung bietet ein neues Konsensuspapier, welches eine Arbeitsgruppe der beiden Fachgesellschaften ECTRIMS und EAN erstellt hat. Auszüge wurden vorab auf dem aktuellen ECTRIMS-Kongress vorgestellt.
Kaum besondere Sicherheitsrisiken
Entwarnung geben die Experten bei der Sicherheit: Mit Ausnahme von Lebendimpfstoffen gehen von den bisher untersuchten Vakzinen für MS-Kranke keine anderen Risiken aus als für die übrige Bevölkerung, erläuterte Professorin Sandra Vukusic vom MS-Zentrum in Lyon in Frankreich. So gebe es keine belastbaren Hinweise, dass Impfstoffe eine MS auslösten oder eine bestehende MS durch neue Schübe und Behinderungen verschlimmerten. Viele Patienten, aber auch noch einige Behandler seien aufgrund solcher Befürchtungen mit Impfungen zurückhaltend.
Etwas schwieriger ist die Beurteilung der Effektivität. Zumindest für unbehandelte MS-Kranke sowie solche unter Interferonen und Glatirameracetat sehen die beiden Fachgesellschaften beim Immunschutz keine Nachteile im Vergleich zur übrigen Bevölkerung, unter allen übrigen DMT hingegen schon, und zwar abhängig vom Ausmaß der Immunsuppression: weniger bei Basistherapeutika wie Dimethylfumarat und Teriflunomid, stärker bei den moderat bis hochwirksamen Arzneien. Daher sollten Ärzte vor Beginn einer DMT den Impfstatus überprüfen und empfohlene Impfungen nachholen - im Zweifel können serologische Test über vorhandene Antikörpertiter Auskunft geben. Einige Patienten mit sehr aktiver Erkrankung können jedoch nach der Diagnose nicht lange auf eine wirksame DMT warten, hier habe die MS-Therapie Vorrang vor den Impfungen, so Vukusic. Die Impfungen müssten dann später nachgeholt werden, auch zum Preis einer möglicherweise geringeren Wirksamkeit.
Erhalten die Patienten bereits eine DMT und werden geimpft, sollten die Antikörpertiter ein bis zwei Monate nach der letzten Impfdosis bestimmt werden - bei ungenügender Response ist dann eine Booster-Impfung zu erwägen, erläuterte Dr. Susana Otero-Romero vom MS-Zentrum CEMCAT in Barcelona. Mit einem Booster ist es bei einer schlechten Immunantwort gegen Hepatitis B jedoch nicht getan, hier seien entweder eine höhere Impfdosis oder eine adjuvantierte Vakzine nötig.
Kontraindikation für Lebendimpfstoffe
Zu beachten ist auch die Kontraindikation für abgeschwächte Lebendimpfstoffe bei Patienten mit immunsupprimierenden DMT, zu denen die Spezialistin alle MS-Therapeutika mit Ausnahme von Interferonen und Glatirameracetat zählt. Bei einer besonderen Infektionsgefahr seien solche Impfstoffe für Patienten unter Natalizumab, Dimethylfumarat oder Teriflunomid noch zu rechtfertigen, unter S1P-Modulatoren, CD20-Antikörpern, Cladribin und Alemtuzumab jedoch möglichst ganz zu vermeiden. Erst nach einem Stopp solcher DMT und ausreichend Zeit für die Immunrekonstitution seien Lebendvakzinen wieder zu empfehlen.
Was die einzelnen Impfungen betrifft, raten die beiden Fachgesellschaften vor allem zum Schutz vor Influenza und Pneumokokken sowie Herpes zoster bei älteren MS-Kranken und solchen mit immunsupprimierenden DMT oder ausgeprägten Behinderungen. Gegen HPV und Hepatitis B sollte vor einer Therapie mit CD20-Antikörpern geimpft werden, Schwangeren wird zu einem Immunschutz gegen Diphtherie, Tetanus und Pertussis im dritten Trimester geraten, und für reisewillige MS-Kranke sind in der Regel nur die Lebendimpfstoffe gegen Gelbfieber und Typhus problematisch. Die ausführlichen Empfehlungen sollen in Kürze veröffentlicht werden.
37. Congress of the European Committee for Treatment and Research in Multiple Sclerosis (ECTRIMS); ECTRIMS-EAN Session; 13.-15.10.2021
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