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. 2021 Dec 6;25(12):10–11. [Article in German] doi: 10.1007/s00092-021-4758-0

Wir Schlafwandler

Elmar W Gerharz 92151869001,, Andreas J Gross 92151869002
PMCID: PMC8645348

Die Menschheit habe mehr Kontrolle über das Coronavirus als sie denkt, sagt Mike Ryan. Der oberste Krisenmanager der WHO sieht Europa trotzdem vor einem dunklen Winter, weil viele Regierungen zu langsam handelten. Wir blicken besorgt in deutsche Lande.

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Der höchstrangige britische General, Sir Nick Carter, wurde am 13. November von der "Times of London" mit der Einschätzung zitiert, das Risiko eines akzidentellen, also durch ein Missverständnis ausgelösten Krieges mit Russland sei dieser Tage höher als in Zeiten des kalten Krieges. Als sei dieser Umstand für sich allein nicht alarmierend genug, schickt sich die vierte Welle der Corona-Pandemie an, zumindest in Deutschland eine Höhe und Wucht zu entfalten, die unser Gesundheitssystem vor die größte Herausforderung seit Beginn der Seuche stellen könnte. Und obwohl diese Entwicklung von seriösen Wissenschaftlern bis ins Detail vorhergesagt wurde, besteht allenthalben eine eigentümlich ausgefranste Nonchalance, die an das umstrittene Werk des australischen Historikers Christopher Clarke erinnert: In "Die Schlafwandler" beschreibt dieser den Weg Europas in den Ersten Weltkrieg als kollektives Versagen und relativiert damit - sehr stark verkürzt dargestellt - die Alleinschuld Kaiserdeutschlands.

Die unterschätzte Gefahr

Selten - und hier liegt die Parallele zum Jetzt - wurde eine Gefahr von einer Gesellschaft im Ganzen so unterschätzt wie in der aktuellen Situation. Das spezifisch deutsche Pech dabei sind gleich zwei Umstände: Zum ersten verliefen Pandemie und Bundestagswahlkampf quasi vollständig zeitgleich. Das hatte die unselige Konsequenz, dass alle Maßnahmen nicht nur streng sachorientiert, sondern immer auch mit bangem Schielen auf die stimmungsschwankende Wählerschaft ergriffen wurden. Zum zweiten fällt die Zuspitzung der Situation gerade in eine Phase völliger Kopflosigkeit Deutschlands mit einer geschäftsführenden Kanzlerin, die sich langsam ausschleicht, einem Gesundheitsminister, der irgendwann einfach so das Auslaufen der epidemischen Notlage ankündigte, und einem möglichen Ampel-Bündnis, das mit dem kategorischen Ausschließen eines erneuten Lockdowns seine Handlungsfähigkeit ohne Not in dramatischer Weise eingeengt und den Boden für den ersten Wortbruch einer künftigen Regierung bereitet hat.

Die Gemengelage zur Auffrischungsimpfung ("Booster") ist beim Schreiben dieses Texts erschreckend unübersichtlich, klare Handlungsanweisungen liegen nicht vor; man hat den Eindruck, jeder agiere auf eigene Faust. Selbst die zum Dante-Jahr passende apokalyptische Formulierung von RKI-Chef Lothar Wieler, es sei "fünf nach zwölf", scheint nicht wirklich verfangen zu haben.

Während man sich beim Besuch der Oper einem gewissenhaften, mehrstufigen 2G-Check unterziehen muss, ist die Interpretation der Covid-Regeln in Gastronomie und Einzelhandel vielerorts eher freidemokratisch "Kubicki-esk". Dass zum Karnevalsauftakt in Köln alle parat stehen "wenn et Trömmelche jeht", und an den Weihnachtsmärkten festgehalten werden soll, ist zwar nur allzu menschlich, wird der Lage bei "nüchterner" Betrachtung aber nicht gerecht.

Verdrängung und Provokation

Die durchgängige Unterschätzung der Bedrohung ist dabei weniger ein Erkenntnisproblem als vielmehr Ergebnis einer der mächtigsten Coping-Strategien, die der Mensch als Individuum und im Verbund zur Verfügung hat: der Verdrängung. Sich den ubiquitär verfügbaren Fakten zu entziehen, gelingt angesichts des medialen Trommelfeuers nur noch ausgewählten Profifussballern.

Ganz anders als bei dem Jungspund Joshua Kimmich liegt die Sache allerdings bei dem neuerdings daherschwurbelnden Hochglanz-Philosophen Richard David Precht. Hier wie bei der ähnlich medienaffinen Sarah Wagenknecht beobachtet man eine süffisant selbstgefällige Lust an der Provokation, die zuweilen schwer zu ertragen ist.

Wo sich unser Schicksal entscheidet

Dass Frank Ulrich Montgomery, der sich gerne Weltärzte-"Chef" nennen lässt, eingangs der Pandemie das Tragen von Masken diskreditiert hat und jetzt mit unglücklichen Formulierungen wie der "Tyrannei der Ungeimpften" die Stimmung eher anheizt, ist wenig hilfreich. Wie sehr viel lieber sähe man etwa die unprätentiöse Chefin der Charité-Intensivstationen, Claudia Spies, in den Talkshows: Spies fliegt nach einem Auftritt zurück nach Berlin, um sich am gleichen Abend noch um ihre Patienten zu kümmern; sie weiß, wovon sie spricht! Dort entscheidet sich nämlich unser Corona-Schicksal: auf den Intensivstationen!

Der unkalkulierbare Faktor

Der Laie geht irrigerweise davon aus, dass die intensivmedizinischen Bettenkapazitäten eine über die Zeit konstante Größe wären, die man nach Belieben der Lage anpassen könne. Die Zahl zu belegender Betten hängt aber im Wesentlichen vom unkalkulierbaren "human factor" ab, der Verfügbarkeit von hochqualifiziertem Personal also.

Dass die Arbeitsverhältnisse dort mit zunehmender Pandemiedauer immer unerträglicher werden und wir am Ende froh sein können, dass überhaupt noch Menschen bereit sind, diese physisch und mental außergewöhnlich verschleißende Belastung auf sich zu nehmen, wird leider völlig außer Acht gelassen. Dass Ärzte und medizinisches Personal darüber hinaus wegen ihrer Impftätigkeit angefeindet und bedroht werden, sollte uns alle betroffen machen. Wir müssen aufwachen, bevor wir an das Ende des Dachfirsts gelangen!

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Elmar W. Gerharz, Email: elmar.gerharz@t-online.de

Andreas J. Gross, Email: an.gross@asklepios.com


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