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editorial
. 2021 Dec 14;56(6):255–257. [Article in German] doi: 10.1007/s00608-021-00946-x

Jahresrückblick 2021 – Jahresausblick 2022

Review of 2021—Outlook for 2022

Reinhold Kerbl 1,
PMCID: PMC8669231  PMID: 34924627

graphic file with name 608_2021_946_Figz_HTML.jpgIch hätte mir vor einem Jahr nicht gedacht, dass Corona ein weiteres Mal den Inhalt meines mittlerweile traditionellen Jahresrückblicks bestimmen würde. Tatsächlich ist es anders gekommen, und wir stehen nunmehr seit fast zwei Jahren im Bann von SARS-CoV‑2. Nach wie vor wird im öffentlichen, aber auch im medizinischen Bereich fast alles dieser Pandemie untergeordnet, und das Starren auf Inzidenzzahlen ist weiterhin Alltag. Die Konzentration vieler Ressourcen auf die Pandemie führt leider weiterhin dazu, dass es in vielen medizinischen Sach‑, Struktur- und Organisationsfragen keinen wirklichen Fortschritt gibt. Beispiele dafür sind der Mutter-Kind-Pass, die pädiatrische Primärversorgung sowie dringend notwendige Verbesserungen im psychosozialen Bereich.

Daher könnte mein Jahresrückblick eigentlich sehr kurz ausfallen. Wenn ich trotzdem auf einige medizinische und gesundheitspolitische Aspekte eingehe, dann vor allem in der Absicht aufzuzeigen, dass spätestens im Jahr 2022 wieder neue Akzente gesetzt werden müssen.

COVID-19 – eine „Infodemie“ im Rahmen der Pandemie

Noch nie zuvor wurde in so kurzer Zeit ähnlich viel zu einem bestimmten Thema publiziert wie zu Corona. Anfang September 2021 fanden sich in Pubmed unter dem Stichwort COVID-19 bereits über 170.000 Publikationen!

Viele dieser Publikationen sind von fraglichem Wert, viele wurden überschnell publiziert und so manche Publikation musste auch wegen fehlerhafter Designs, nicht nachvollziehbarer Ergebnisse oder schlechter Statistik zurückgenommen werden. Die Flut an Berichten macht es auch unmöglich, einigermaßen die Übersicht zu behalten, sodass man nur sehr streng selektierte Literatur im Volltext lesen kann.

Die Österreichische Gesellschaft für Kinder und Jugendheilkunde (ÖGKJ) hat frühzeitig auf diese Entwicklung reagiert und auf ihrer Homepage www.paediatrie.at einen COVID-Button eingeführt. Über diesen können ausgewählte aktuelle Informationen abgerufen werden. Dazu zählen rezente Publikationen, diverse Empfehlungen, aber auch offene Briefe an die politisch Verantwortlichen. Aus verständlichen Gründen ist der COVID-Button seit vielen Monaten die am häufigsten angeklickte Subseite der ÖGKJ-Homepage.

COVID und Schulen

Die Rolle von Kindern und Jugendlichen in der Transmission von SARS-CoV‑2 wird seit Beginn der Pandemie kontrovers diskutiert. Bedauerlicherweise wurden immer wieder Schülerinnen und Schüler als die Treiber der Infektion bezeichnet und Schulen oft vorschnell geschlossen. Die daraus resultierenden negativen Konsequenzen wie Bildungsdefizit, Gewichts- bzw. Body-Mass-Index-Zunahme, Verlust motorischer Fertigkeiten, vor allem aber auch soziale Defizite sind unübersehbar und könnten für unsere Kinder und Jugendlichen beträchtliche Langzeitkonsequenzen haben. Nunmehr besteht glücklicherweise Einigkeit, dass Schulschließungen nur in extremen Ausnahmesituationen in Betracht kommen dürfen; seitens des Bildungsministeriums wurden dafür recht klare Richtlinien festgelegt. Diese nehmen richtigerweise auch Bezug nicht nur auf Inzidenzzahlen, sondern auch auf die klinische Situation (insbesondere Intensivbettenbelegung) und andere regionale Gegebenheiten.

COVID und Kinderimpfungen

Auch dieses Thema wird erwartungsgemäß sehr heftig, oft emotional und manchmal militant diskutiert. Die ÖGKJ hat sich bezüglich der Empfehlung von COVID-Impfungen frühzeitig festgelegt und diese gemeinsam mit dem Nationalen Impfgremium (NIG) und dem Gesundheitsministerium empfohlen. Seitens der ÖGKJ wurde auch ein Elternbrief verfasst, der – unter anderem über die Schulen – seriöse Informationen an die Elternschaft bringen soll. Die Rolle der Kinderärztinnen und -ärzte in Aufklärung und Beratung, aber auch bei der Durchführung von Immunisierungen steht dabei außer Zweifel.

Mutter-Kind-Pass

Weiterhin völliger Stillstand herrscht leider bei der Weiterentwicklung und Neuumsetzung des Mutter-Kind-Passes. Nachdem 2011 von Bundesminister Stöger die Mutter-Kind-Pass-Kommission nicht weiter verlängert wurde und in den Jahren 2015–2017 eine Facharbeitsgruppe zukünftige Inhalte für den Mutter-Kind-Pass vorgeschlagen hatte, wurde 2018 eine Steuerungsgruppe ins Leben gerufen. Diese hat allerdings im Mai 2019 (!!!) zuletzt getagt, sodass seither nur minimale – fast ausschließlich formale – Anpassungen im Mutter-Kind-Pass erfolgt sind. Verschiedene Wechsel im politischen Bereich, aber auch in der Sektionsbesetzung des Gesundheitsministeriums haben vermutlich zu diesem Dauerstillstand beigetragen. Es steht außer Zweifel, dass nunmehr die Umsetzung neuer Inhalte (Beispiel psychosoziale Versorgung), die Neustrukturierung des Mutter-Kind-Passes, die Umsetzung als elektronisches Dokument, vor allem aber auch die Anpassung der Mutter-Kind-Pass-Honorare (seit 1994 nicht valorisiert!) höchste Dringlichkeit haben. Leider blieben mehrere Terminanfragen der ÖGKJ an die Familienministerin zu letztem Punkt bis dato unbeantwortet.

Primärversorgung

Weitgehender Stillstand besteht bedauerlicherweise auch im Bereich der Primärversorgung. Immer mehr Paragraph-2-Kassenfacharztstellen bleiben unbesetzt und in Pension gehende Pädiaterinnen und Pädiater finden keine Nachfolgerinnen und Nachfolger für ihre Ordinationen. Dieses Defizit betrifft vor allem den ländlichen Bereich, mittlerweile aber auch Großstädte wie Wien und Linz. Besonders prekär ist die Situation im Bundesland Niederösterreich, wo ein Drittel der pädiatrischen Kassenfacharztstellen unbesetzt ist.

Einige regionale Initiativen versuchen, dieser bedauerlichen Entwicklung entgegenzuwirken, insbesondere durch Kooperationen zwischen Krankenanstalten und niedergelassener Pädiatrie. Solche Modelle finden sich zum Beispiel in Kirchdorf (Oberösterreich), Dornbirn (Vorarlberg), Mödling (Niederösterreich) und in der Obersteiermark (Operation Bergdoktor). Neues Denken bei den gesundheitspolitisch Verantwortlichen (Landesrätinnen und -räten, Gesundheitsfonds, Krankenkassen, Dachverband, Krankenanstalten und anderen) wird nötig sein, um langfristig eine dezentrale pädiatrische Grundversorgung zu gewährleisten.

Pädiatrische Spezialisierungen

Pädiatrische Spezialisierungen sind für die Pädiatrie in ihrer Gesamtheit ebenso wichtig wie die pädiatrische Basisversorgung. Im Jahr 2021 wurden weitere drei der insgesamt 12 pädiatrischen Spezialisierungen umgesetzt (Nephrologie, Pneumologie, Rheumatologie). Von der Österreichischen Ärztekammer und dem Gesundheitsministerium bestellte Spezialisierungskommissionen sichten laufend die Spezialisierungsanträge von Kolleginnen und Kollegen sowie die Anträge von Krankenanstalten auf Akkreditierung als Spezialisierungsstätte. Immer wieder ergeben sich dabei beträchtliche Hürden (nicht ausreichende Fallzahlen, schlechte Dokumentation bzw. Nachweisbarkeit durchgeführter Leistungen, administrative Probleme), deren Beseitigung oft einen enormen zeitlichen und administrativen Aufwand erfordern. Die Verankerung und Sicherung der einzelnen Spezialisierungen ist aber letztlich für das Sonderfach Kinder- und Jugendheilkunde von großer Bedeutung, auch im Kampf gegen die Abqualifizierung als „kleines Fach“.

www.kindermedika.at

Seit vielen Jahren wird die Etablierung einer pädiatrischen Arzneimitteldatenbank angestrebt – im Jahr 2021 ist dies endlich gelungen. Unter der Leitung von Prof. Male (Medizinische Universität Wien) wurde in Zusammenarbeit mit einer holländischen Datenbank ein Informationssystem erstellt, das derzeit die etwa 250 in Österreich am häufigsten verwendeten Kindermedikamente umfasst. In dieser Datenbank findet man Angaben zu Indikationen, Einschränkungen, aber auch altersgemäße Dosierungen. Durch dieses Informationssystem soll die Medikation bei Kindern und Jugendlichen weiter verbessert und größtmögliche Sicherheit in der Verschreibung hergestellt werden. Erfreulicherweise hat sich der Dachverband bereit erklärt, dieses Informationssystem zumindest über die nächsten Jahre zu finanzieren und in seine Betreuung zu übernehmen. Damit kann ein Fortbestehen dieser wichtigen Datenquelle zumindest für die nächsten Jahre gewährleistet werden.

Fortbildungen und Tagungen

Nach der Jahrestagung 2020 in Innsbruck wurden fast alle Präsenzveranstaltungen Lockdown-bedingt abgesagt. Manche davon wurden in den virtuellen Raum verlegt, andere entfielen gänzlich (Pädiatrietage Obergurgl, Pädiatrischer Frühling Schloss Seggau und andere). Viele Kolleginnen und Kollegen haben die entfallenen Präsenzfortbildungen durch Online-Veranstaltungen kompensiert. Es besteht aber Einigkeit, dass Präsenzveranstaltungen durch Videomeetings nur bedingt ersetzbar sind, insbesondere wenn diese einen praktischen Teil umfassen (zum Beispiel Sonografiekurse). Es ist zu hoffen, dass es in nächster Zeit zu keinen gravierenden Einschränkungen der Fortbildungsangebote mehr kommen wird, auch weil nur dadurch letztlich die fachliche Qualifikation hergestellt werden und aufrechterhalten bleiben kann.

Ausblick auf 2022

Ein Ausblick auf 2022 ist deshalb schwer, weil die von Virologen, Systemanalytikern und Komplexitätsforschern gelieferten Prognosen wiederholt falsch waren und somit auch für 2022 keine verlässliche Prognose über den weiteren Verlauf der Pandemie möglich ist. Es bleibt zu hoffen, dass die Impfungen gegen das SARS-CoV-2-Virus ihre derzeit gute Wirksamkeit behalten, die Pandemie limitieren und damit das Coronavirus letztlich jenen Platz bekommt, der ihm zusteht: EINES von VIELEN Viren.

Dann werden hoffentlich auch andere Erkrankungen und Probleme wieder die ihnen zustehende Aufmerksamkeit bekommen, Veranstaltungen stattfinden, Kinder in die Schule gehen können und dringende Anliegen wie Mutter-Kind-Pass oder die Neuordnung der Kinderrehabilitation vorangetrieben werden können.

Danksagung

Wie jedes Jahr bedanke ich mich abschließend bei der Chefredakteurin der Pädiatrie und Pädologie, Frau Dr. Lessky-Höhl. Unermüdlich bemüht sie sich um qualitativ hochwertige Beiträge zu aktuellen und wichtigen pädiatrischen Themen, und dankenswerterweise gelingt es ihr immer wieder, hochqualifizierte Autorinnen und Autoren trotz knapper Ressourcen für Beiträge zu gewinnen. Auch diesen möchte ich sehr herzlich danken – sie gewährleisten die anhaltend hohe Qualität von Pädiatrie und Pädologie.

Schließlich gilt mein Dank der geneigten Leserschaft, die uns als Verantwortlichen Anreiz ist für die Fortsetzung unserer Arbeit. Ich ersuche Sie, uns auch weiterhin die Treue zu halten.

Mit den besten Wünschen für 2022

Ihr

Reinhold Kerbl

Interessenkonflikt

R. Kerbl gibt an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Footnotes

Hinweis des Verlags

Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral.


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