Fragestellung: Welcher Zusammenhang besteht zwischen sozialer Isolation und Einsamkeit mit depressiven Symptomen und was sind die Auswirkungen von Resilienz bei älteren Menschen während des ersten COVID-19-Lockdowns in Deutschland?
Hintergrund: Aus den Maßnahmen zur Eindämmung der COVID-19-Pandemie ergibt sich ein erhöhtes Risiko der sozialen Isolation und Einsamkeit. Der Zusammenhang zwischen Einsamkeit und schlechter psychischer Gesundheit ist gut belegt. Ein Fokus vieler Studien war der Zusammenhang mit depressiven Symptomen. Für soziale Isolierung ist die Beweislage weniger klar. Nur wenige Studien untersuchten den Zusammenhang von sozialer Isolation und Einsamkeit mit depressiven Symptomen bei älteren Menschen. Ein weiterer Faktor, der mit depressiven Symptomen infolge der COVID-19-Pandemie assoziiert sein kann, ist Resilienz.
Patienten und Methodik: Die Daten wurden im April 2020 erhoben. Die Stichprobe ist Teil einer Querschnittstudie von USUMA, einem Sozialforschungsinstitut in Deutschland. Anhand der Datenbank des Arbeitskreises Deutscher Markt- und Sozialforschungsinstitute e. V. (ADM) wurden die Haushaltsstichproben zufällig gezogen. Die Auswahl der zu befragenden Person im Haushalt erfolgte ebenfalls zufällig (Kish-Selection-Grid). Von den 1.863 kontaktierten Personen nahmen 1.005 (54 %) an dem computergestützten, standardisierten Telefoninterview teil. Die Teilnehmenden waren mindestens 65 Jahre alt. Die subjektiv empfundene Einsamkeit wurde anhand der University of California, Los Angeles Loneliness Scale (UCLA-3) erfasst. Soziale Isolation wurde definiert als allein lebend und ohne direkte Kontakte in der letzten Woche. Resilienz wurde anhand der Brief Resilience Scale (BRS) und depressive Symptome anhand der Depressionsskala des Brief Symptom Inventory (BSI-18) erfasst.
Ergebnisse: Einsam und nicht sozial isoliert zu sein (β = 0,276; p < 0,001) sowie einsam und sozial isoliert zu sein (β = 0,136; p < 0,001) waren mit höheren Depressionssymptomen assoziiert. Hierbei war der Einfluss einsam und nicht sozial isoliert zu sein auf den Depressionswert höher als der Einfluss einsam und sozial isoliert zu sein. Isoliert, aber nicht einsam zu sein, war nicht mit Depressionssymptomen assoziiert. Weitere Prädiktoren höherer Depressionswerte waren ledig (β = 0,113; p < 0,001), geschieden (β = 0,059; p = 0,046), verwitwet (β = 0,191; p <0,001) oder besorgt wegen COVID-19 zu sein (β = 0,089; p = 0,005) sowie sich durch Quarantänemaßnahmen eingeschränkt zu fühlen (β = 0,083; p = 0,004). Mit geringeren Depressionssymptomen assoziiert waren hingegen Quarantänemaßnahmen zu unterstützen (β = -0,061; p = 0,035) sowie normale (β = -0,203; p < 0,001) und hohe Resilienz (β = -0,308; p < 0,001).
Schlussfolgerungen: Die Autoren folgern, dass die subjektive emotionale Bewertung der sozialen Situation während des Lockdowns (das Gefühl der Einsamkeit) relevanter zu sein scheint als der objektive Zustand (soziale Isolation). Die Stärkung von Fähigkeiten zur Bewältigung der Pandemie kann insbesondere für ältere Menschen, die sich einsam fühlen, eine unterstützende Strategie im Hinblick auf die psychische Gesundheit sein.
Müller F, Röhr S, Reininghaus U et al. Social Isolation and Loneliness during COVID-19 Lockdown: Associations with depressive symptoms in the german old-age population. Int J Environ Res Public Health 2021; 18: 3615
Kommentar von Christine Strobel, Emmendingen.
Gefühl der Einsamkeit, nicht objektive soziale Isolation, zählt
Anhaltende pandemiebedingte Belastungen machen die Identifikation von Risikogruppen einer beeinträchtigen seelischen Gesundheit bedeutsam. Die Autoren der vorliegenden Arbeit zeigten für ältere Menschen während des ersten COVID-19-Lockdowns in Deutschland bei Einsamkeitsgefühlen, nicht jedoch bei sozialer Isolation, Zusammenhänge mit depressiven Symptomen. Geringere depressive Symptome wurden beim Vorliegen von Resilienz gefunden. Hieraus ergibt sich bei präventiven Maßnahmen seelischer Erkrankungen während der Pandemie ältere Menschen einzuschließen, die über Einsamkeitsgefühle berichten. Fähigkeiten zur Bewältigung der psychischen Belastungen der Pandemie sollten hierbei trainiert werden. Die vorliegende Studie liefert einen interessanten Querschnitt einer besonderen Risikogruppe der COVID-19-Pandemie. Die Auswahl der Stichprobe erfolgte zufällig. Unklar bleiben die Gründe der Nichtteilnahme von 46 % der kontaktierten Personen sowie der Einfluss vorbestehender psychischer Erkrankungen. Die Studie fokussierte die Frühphase der Pandemie nach im Schnitt 28 Tagen COVID-19-Lockdown in Deutschland. Weiterführende Forschung zum Verlauf der Zusammenhänge nach nun knapp zwei Jahren Pandemie wird benötigt.
Dr. rer. nat. Christine Strobel, Emmendingen.
Klinik für Alterspsychiatrie und Psychotherapie, Zentrum für Psychiatrie, Emmendingen
E-Mail: c.strobel@zfp-emmendingen.de
