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. 2022 Mar 15;70(3):219–221. [Article in German] doi: 10.1007/s15011-022-4912-3

Pandemie zeigt keinen Einfluss auf Arbeitsengagement

Studie untersucht Corona-Auswirkungen auf ambulante Pflegekräfte

Mario Gehoff 1,
PMCID: PMC8920571

HAMBURG - Ob Lockdowns oder die 3G/2G/2G-plus-Beschränkungen der letzten Monate: Jede dieser Maßnahmen verändert auch das Wohlbefinden der Menschen. Immer mehr Studien weisen darauf hin: Angst, Stress und Depressionen nahmen seit Beginn der Coronapandemie zu. Gilt das auch für die Beschäftigten im Gesundheitswesen? Eine aktuelle Studie der Universitäten Frankfurt/Main und Hamburg beschäftigt sich mit dieser Frage.

Stress ist kein erstrebenswerter Zustand. Stress beeinträch- tigt die psychische Gesundheit und in der Folge auch die körperliche. Unter Stress ist der Körper im Daueralarmzustand, dauerhafter Stress lässt die eigene Stressreaktion immer weiter eskalieren. Immer kleinere Reize genügen dann, um eine erneute, noch stärkere Stressreaktion auszulösen. Der Daueralarm zehrt an den Ressourcen. Muskelanspannungen und Bluthochdruck, die unmittelbaren Reaktionen auf Stress, bleiben sehr lange bestehen, mit Langzeitfolgen für beispielsweise das Herz-Kreislauf-System. Mitunter folgen auch Unruhe und Erschöpfung, Schlafstörungen, depressive Zustände sowie Anpassungs- und Angst- störungen.

Schlafstörungen und seine Folgen sind dabei noch besonders zu betrachten. Denn was so harmlos klingt, ist eine biologische Notwendigkeit. Schlaf hat eine lebenswichtige Rolle. Durch zu wenig oder schlechten Schlaf leidet die Erholfunktion. Das beeinträchtigt beispielsweise schnell die neurokognitiven Fähigkeiten, also die Informationsver- arbeitung im Gehirn. Langzeitgedächtnis und Aufmerksamkeitsspanne verschlechtern sich, man kann sich schlechter konzentrieren, reagiert langsamer und eventuell auch reizbarer. So werden Aufgaben mitunter nachlässiger und weniger gründlich erledigt.

Auch kann das Immunsystem, wenn es dauerhaft zu wenig Schlaf bekommt, Krankheitserreger weniger gut bekämpfen. Mittlerweile hat die Forschung belegt, dass zu wenig oder schlechter Schlaf ebenfalls zu schweren psychischen Erkrankungen wie Depressionen führen kann.

Treffen kann es auch Menschen, die selbst tagtäglich dafür da sind, kran- ken Menschen zu helfen: Medizinische Fachangestellte, Krankenschwestern und andere Angehörige des Gesundheits- und Krankenpflegepersonals. Seit dem Ausbruch der SARS-CoV-2-Pandemie ist insbesondere das Krankenpflegepersonal einer doppelten Belastung durch bereits bekannte berufliche und neue pandemiebedingte Stressfaktoren aus- gesetzt. Als Teil der ärztlichen Teams stehen sie an vorderster Front im Kampf gegen das Virus und halten quasi nebenbei die Patientenversorgung aufrecht. Dabei machen pandemiebezogene Sorgen und Bedenken sowohl im Berufs- als auch im Privatleben nicht vor ihnen halt. Auch ist aus früheren Pandemien bekannt, dass während dieser Phasen das Stressempfinden erhöht sein kann.

Darüber hinaus zeigen Studien, dass sich bestimmte Stressfaktoren durch die Pandemie stärker auf den ambulanten Bereich auswirken als auf den statio- nären. Genannt werden kann hier zum Beispiel eine mangelhafte persönliche Schutzausrüstung, die Belastung durch zusätzliche Hygiene- und Schutzmaßnahmen oder das erhöhte Infektions- risiko. Auch die übermäßig starke Arbeitsbelastung durch die Pandemie, nicht nur durch das Mehr an Patienten, sondern beispielsweise auch, weil Kol- legen aufgrund von Krankheit oder Quarantäne fehlen, erhöhen Stress und Erschöpfung. Dies, so legen einige aktuelle Pandemiestudien nahe, senkt das Arbeitsengagement.

Die meisten der verfügbaren Studien, die sich mit dem Belastungserleben von Pflegekräften während epidemischer oder pandemischer Zustände befassen, beziehen sich jedoch nur auf den stationären Bereich. Die pandemiebedingten Sorgen, Befürchtungen und Belastungen für den deutschen ambulanten Bereich sind jedoch weitestgehend ungeklärt.

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In ihrer Querschnittsstudie * untersuchen Bernburg et al. entsprechend das Stressempfinden, die Schlafqualität, die pandemiebedingten Sorgen und Bedenken sowie das Arbeitsengagement von ambulant tätigen Pflegekräften während der anhaltenden Pandemie. Die Rekrutierung der Online-Fragebogen-Studie erfolgte über mehrere Kanäle, unter anderem auch durch Aufrufe in sozialen Netzwerken.

Insgesamt 607 Menschen riefen die Fragebogenseite im Zeitraum Mai 2020 bis Mai 2021 auf. Jeder Zweite (52 %) brach die Umfrage vorzeitig ab, nur 28 % der Teilnehmer füllten die Fragebögen vollständig aus. Der verwendete Fragebogen wurde auf Basis bereits etablierter Instrumente wie der Perceived Stress Scale (PSS), dem Pittsburgh Sleep Quality Index (PSQI) oder Fragebögen zu pandemiebezogenen Bedenken aus früheren Pandemien entwickelt. Ergänzend kamen soziodemografische und arbeitsplatzbezogene Items hinzu.

Von den 166 Teilnehmern mit einem komplett ausgefüllten Fragebogen waren zwei Drittel (66 %) weiblich. Mit 32 % stellt die Gruppe der 30-39-Jährigen den Großteil der Teilnehmer, gefolgt von den 50-59-Jährigen (27 %) und den 40-49- Jährigen (24 %). Mehr als die Hälfte der Teilnehmer gab an, einen Realschul- abschluss zu haben (51 %), knapp 39 % besuchten ein (Fach-)Gymnasium. Mehr als jeder Zweite war zum Zeitpunkt der Umfrage verheiratet oder in einer ein- getragenen Lebenspartnerschaft (60 %). Der Großteil der Befragten war weniger als fünf Jahre ambulant tätig (28 %). Die große Mehrheit hatte einen unbefristeten Arbeitsvertrag (90 %) und das Verhältnis von Vollzeit zu Teilzeit war fast ausgeglichen (52 % vs. 48 %). Darüber hinaus gaben 36 % an, in leitender Position tätig zu sein. Allerdings wird nicht festgehalten, was dies genau meint.

* Bernburg M et al. Stress Perception, Sleep Quality and Work Engagement of German Outpatient Nurses during the COVID-19 Pandemic. Int J Environ Res Public Health 2022; 19: 313

Mehr Stress

Alles in allem gaben 51 % der Teilnehmer an, dass ihr Leben seit dem Ausbruch der SARS-CoV-2-Pandemie eher oder viel stressiger geworden ist. Allerdings trafen auch 24 % keine wertende Aussage an dieser Stelle; 25 % sahen eher oder überhaupt keine Stresszunahme. Mithilfe der PSS-Items konnten die Forscher ermitteln, dass die Hälfte der Teilnehmer ein eher niedriges oder allenfalls moderates Stressniveau hatte. Nur bei knapp einem Drittel kann von einem erhöhten Stresserleben ausgegangen werden.

Eher guter Schlaf

Rund 19 % gaben an, dass sich ihr Schlafverhalten seit Pandemiebeginn deutlich verschlechtert hat. Weitere 28 % meinten, ihr Schlafverhalten habe sich eher verschlechtert. Somit stellte jedoch mehr als die Hälfte (52 %) keinen Unterschied vor/nach Pandemiebeginn fest. Hinsichtlich der wahrgenommenen Schlaf- qualität gaben 58 % der Teilnehmer an, in den letzten vier Wochen gut geschlafen zu haben (weitere 4 % sogar sehr gut). Abgeglichen mit dem PSQI gehen die Wissenschaftler davon aus, dass zwar die Mehrheit der Befragten eine gute bis sehr gute Schlafqualität hatte, aber gleichzeitig auch 38 % seit Pandemie-Ausbruch schlechter schliefen.

Tendenziell starker Arbeitseinsatz

Zwei Drittel gaben an, bei der Arbeit oft oder immer voll engagiert zu sein (66 %). Das lässt Raum für 33 %, die manchmal, selten oder nie mit vollem Elan bei der Arbeit sind und im Nachklang zu 42 % der Teilnehmer führen, die manchmal, selten oder nie von ihrer Arbeit angetan sind. Darüber hinaus hatten aber auch 42 % das Gefühl, ziemlich oft oder immer in ihrer Arbeit aufzugehen, während 21 % das Gegenteil angaben. Zusammenfassend halten die Forscher aber fest: Die Arbeit der Mehrheit der Teilnehmer zeichnet sich auch während der Pandemie aus durch viel Elan, hohe Einsatzbereitschaft und ein moderates Aufgehen in der Tätigkeit.

Ein wenig besorgt

66 % sagten aus, sie seien aufgrund der Pandemie besorgt. Dabei hatten die meis- ten Angst, ihre Familien oder ihre Verwandten anzustecken (71 %), sich selbst oder die eigene Familie vom sozialen Umfeld abgeschnitten zu sehen (62 %) oder sich bei der Arbeit selbst anzustecken (66 %). Rein auf ihre Arbeit bezogen, verteilten sich die Befürchtungen recht gleichmäßig: 54 % der Teilnehmer gaben an, sie würden sich am meisten Sorgen über das Ansteckungsrisiko machen, 45 % waren besorgt über den Einfluss der Pandemie auf ihren Arbeits- alltag.

Insgesamt war der durchschnittliche Grad der Sorge eher niedrig moderat. Interessanterweise zeigten sich rund 60 % der Teilnehmer relativ unbesorgt über die gesundheitlichen Folgen einer Infektion mit COVID-19, wohingegen eine Minderheit von 10 % sehr besorgt war.

Die Studienkohorte ist natürlich recht übersichtlich und auch nicht repräsentativ. Auch fehlen Vergleiche wie zum Beispiel mit der Normalbevölkerung und bleiben Fragen offen, beispielsweise auf welche Arbeitsressourcen die Teilnehmer zurückgreifen können. Trotzdem lassen sich drei wichtige Punkte aus dieser Studie mitnehmen. Der erste Punkt war bereits vor der Studie klar, sollte aber im Praxisalltag immer wieder vor Augen geführt werden: Das hohe Infektionsrisiko der Coronaviren ist nicht nur ein physisches Gesundheitsrisiko, sondern auch ein psychisches. Damit hat es besonders weitreichende Auswirkungen auf die Gesundheit jeglichen medizinischen Personals.

Die Studie zeigt auch, dass die Pan- demie das Stressniveau nur moderat erhöht, sich aber gleichzeitig nicht auf die Schlafqualität und das Arbeitsengagement negativ auszuwirken scheint. Auf lange Sicht betrachtet muss aber auch festgehalten werden, dass natürlich mit jedem weiteren Pandemie-Monat die Gefahr größer wird, dass vor allem auch der Arbeitseinsatz sinkt. Zudem müssen die Sorgen und Nöte gerade dieser stark belasteten Berufsgruppe erst wahr- und dann auch ernstgenommen werden.

Es sollte darüber nachgedacht werden, wie schon jetzt das Arbeitsengagement und auch die Prävention vor beispielsweise psychischen Erkrankungen stärker gefördert werden kann. Auch die Idee der Studienautoren, einen speziellen niederschwellig erreichbaren psychologischen Notfalldienst einzurichten, könnte helfen, vermehrtes negatives Stresserleben und negative psychische Gesundheitsfolgen während der Pandemie einzudämmen.

Und zu guter Letzt zeigt die Studie: Gerade in dynamischen Zeiten wie diesen muss an einem Strang gezogen werden. Diese Versorgungsstudie bezieht sich nicht speziell auf die Dermatolo- gie. Überhaupt ist der Einsatzbereich der Teilnehmer nicht klar umrissen. Die Umfrage liefert aber wichtige Erkenntnisse und ein tieferes Verständnis für die Stresswahrnehmung jeglichen Gesundheits- und Pflegepersonals und steht damit exemplarisch in einer Reihe mit anderen Studien zu ähnlichen Fragen, die in den letzten Monaten zu tendenziell ähnlichen Ergebnissen kamen. Und die damit auch den Blick einmal weg von den zu vielen an COVID-19 Erkrankten lenkt auf eine Berufsgruppe, die an vorderster Front gegen das Virus ankämpft.

Mario Gehoff.

Wissenschaftlicher Projektmanager

Institut für Versorgungsforschung in der Dermatologie und bei Pflegeberufen

Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf

Martinistr. 52

20246 Hamburg

E-Mail: cvderm@uke.de


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