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editorial
. 2022 Mar 22;36(2):67–69. [Article in German] doi: 10.1007/s00398-022-00497-8

„Science diplomacy“ ein gescheiterter Traum?

Science diplomacy a failed dream?

Armin Welz 1,
PMCID: PMC8938721  PMID: 35340398

Es fällt schwer, in dieser Zeit ein für eine wissenschaftliche Fachzeitschrift übliches Editorial zu verfassen. Daher erlauben Sie mir heute zunächst einige abschweifende Gedanken. In der schon fast in den Hintergrund gedrängten Krise einer Pandemie, die mit vielen schweren Verläufen einherging, haben sich die Wissenschaft und ihre international eingeübte Kooperation in herausragender Weise bewährt. Wissenschaftlern/Wissenschaftlerinnen gelangen die Entdeckung und biologische wie genetische Charakterisierung des auslösenden Erregers SARS-CoV 2 in kürzester Zeit. Dies war wiederum die Grundlage für die unerwartet schnelle Entwicklung verschiedenster wirkungsvoller Impfstoffe, denen wir heute verdanken, dass wir auf diese Krise nun deutlich entspannter blicken können. Leider wird die Problematik der Pandemie gerade von einer weiteren Krise abgelöst, zu deren Lösung die Wissenschaft deutlich weniger wird beitragen können.

Wissenschaft bekennt sich zur Suche nach der Wahrheit oder der bestmöglichen Annäherung an diese bei wertneutralem Diskurs. Die potenzielle Widerlegbarkeit von Hypothesen ist nach Karl Popper gerade Grundbedingung wissenschaftlichen Arbeitens. Auch ist die Wissenschaft immer auf internationalen Austausch angelegt. Somit ist die Mehrzahl der Wissenschaftler/Wissenschaftlerinnen in dieser Herangehensweise an Probleme geübt. Insofern sehe ich es als kleines positives Zeichen in dieser Zeit, dass am 24.02.2022 auf dem Blog des russischen Astrophysikers Boris Stern ein offener Brief, unterschrieben von mehreren 100 russischen Wissenschaftlern, gegen den Krieg in der Ukraine publiziert wurde. Der russische Text findet sich unter https://trv-science.ru/2022/02/we-are-against-war [1], die deutsche Übersetzung ist unter https://scilogs.spektrum.de (Tagebücher der Wissenschaft, 25.02.2022, von Markus Pössel [2]) nachzulesen. Beide Quellen werden auch in einer Stellungnahme des Präsidenten der Max-Planck-Gesellschaft zur Ukraine-Krise zitiert. Auch berichteten die Washington Post und andere, dass sich ein russischer Diplomat und Klimaforscher auf einer Schaltkonferenz des Weltklimarats für das Vorgehen seiner Regierung entschuldigt habe: „Lassen Sie mich im Namen aller Russen, die diesen Konflikt nicht verhindern konnten, eine Entschuldigung aussprechen“ [3]. Dies zeigt eigentlich deutlich, dass über die Wissenschaft wertvolle Brücken erhalten werden können. Es verwundert, dass über diese Vorgänge in Presse und Medien allenfalls Randnotizen erscheinen. Ich persönlich würde es bedauern, wenn sich die Stimmung verfestigte, jetzt auch den Abbruch jeglicher wissenschaftlichen Kooperationen mit russischen Forschern/Forscherinnen zu fordern und ein gänzliches Scheitern der „science diplomacy“ zu postulieren. Ich persönlich begrüße, dass dies nicht von allen großen Wissenschaftsorganisationen unwidersprochen bleibt. Unter anderem die ESA hält vorerst an Kooperationen mit Russland bei großen Programmen wie ISS und ExoMars fest. Davon unbenommen bleiben die von den meisten Wissenschaftlern/Wissenschaftlerinnen unserer westlichen Welt befürworteten notwendigen und von den verantwortlichen Regierungen klug gewählten ökonomischen Sanktionsmaßnahmen als Reaktion auf eine mit nichts zu rechtfertigende militärische Aggression.

Natürlich bin ich mir bewusst, dass beim Lesen dieser Zeilen bereits andere Voraussetzungen gegeben sein mögen als bei deren Abfassung. Ich wünsche mir „bessere“.

Wissenschaft bekennt sich zur Suche nach der Wahrheit

Jetzt aber doch noch zur Tagesordnung: Die vorliegende Ausgabe enthält u. a. zwei aus Hamburg stammende Artikel zur Therapie von Mitralklappenerkrankungen. Hier könnten verschiedene Therapieansätze, offen chirurgisch und kathetertechnisch interventionell, konkurrieren. Dass sie das nicht tun, sondern sich zum Wohle der Patienten/Patientinnen ergänzen, verdanken wir der obig beschriebenen Tatsache des eingeübten ergebnisoffenen wissenschaftlichen Diskurses. Dies schließt den Meinungsaustausch auf Fachtagungen ebenso ein, wie die konkurrenzfreie Besprechung von Befunden und erwartbaren auf den Einzelfall bezogenen Chancen und Risiken einzelner Therapieoptionen im Licht aktueller „peer reviewed“ überprüfter Studiendaten im kleinen Rahmen. Organisationsform ist das inzwischen in der Mehrzahl der Zentren mehr oder weniger umfassend etablierte „Heart Team“, ein Diskussions- und Besprechungsrahmen, an dem Kardiologen, Kardiochirurgen und Anästhesisten beteiligt sind. Ich habe diese Diskussionen in guter Erinnerung. In einzelnen Fällen schätzten wir auch den Rat der behandelnden niedergelassenen Kardiologen und Hausärzte, die zu diesen Besprechungen eingeladen wurden. Beide Arbeiten beschreiben die Bedeutung dieses „heart team approach“. Eine Studie konnte sogar einen Überlebensvorteil dieses Entscheidungsprozesses nachweisen. Ich denke, wir können uns durchaus über diese in der akademischen Medizin eingeübten Routinen freuen.

Wie immer enthält diese Fachzeitschrift Artikel zu verschiedenen Rubriken, deren Studium ich Ihnen herzlich empfehlen möchte. Deren Autoren werden mir verzeihen, nicht alle im Einzelnen hervorzuheben.

Abschließend möchte ich es nicht versäumen, Ihnen, werte Leserinnen und Lesern, ebenso Freude wie Wissensgewinn bei der Durchsicht dieser Ausgabe der Zeitschrift für Herz‑, Thorax- und Gefäßchirurgie zu wünschen.

Ihr

Prof. Dr. Armin Welz

Interessenkonflikt

A. Welz gibt an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Footnotes

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Literatur


Articles from Zeitschrift Fur Herz-, Thorax- Und Gefasschirurgie are provided here courtesy of Nature Publishing Group

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