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. 2022 Apr 1;74(4):42–45. [Article in German] doi: 10.1007/s00058-022-2228-z

Momente der Ruhe genießen

Nicole Ruppert 1,
PMCID: PMC8970644  PMID: 35382216

SelfCare im Rahmen der "Wittener Werkzeuge" Pflegende sind damit beschäftigt, sich um andere zu sorgen, so dass sie häufig eigene Bedürfnisse aus dem Blick verlieren. Dies hat langfristig Auswirkungen auf die Gesundheit. Die SelfCare der "Wittener Werkzeuge", ein DoubleCare-Beratungsansatz für Pflegende, lenken die Aufmerksamkeit auf die Sorge für sich selbst.

Professionell Pflegende sind rund um die Uhr im Einsatz für andere Menschen. Dabei werden die Belastungen aufgrund von Personalmangel, Leistungsverdichtungen und Erwartungshaltungen immer größer. Hinzu kommen die seit gut zwei Jahren zusätzlichen Herausforderungen und Belastungen durch die COVID-19-Pandemie. Die Sorge um und für andere endet dabei für viele Pflegende nicht mit Dienstschluss, sondern wird im privaten Umfeld fortgesetzt. Um den an sie gestellten Ansprüchen gerecht zu werden, stellen Pflegende die Befriedigung ihrer eigenen Bedürfnisse sowie die Sorge und Pflege ihrer selbst hinten an oder vernachlässigen sie vollständig. Dieses Verhalten wirkt sich langfristig negativ auf die eigenen Kraftreserven und die eigene Gesundheit aus. Die Auswirkungen sind vielfältig und betreffen sowohl Körper, Geist und Seele. In der Folge kann es sein, dass Betroffene keinen anderen Ausweg für sich sehen, als den Beruf zu verlassen. Die Gründe für das Vernachlässigen der Sorge um sich selbst sind sehr vielfältig. Einer ist, dass Pflegende glauben, die Sorge um sich selbst könne von anderen als Selbstverliebtheit ausgelegt werden. Dabei ist die Selbstfürsorge in mehreren Ländern ein wesentlicher Bestandteil in den Ethikkodizes für Pflegende.

Für sich selbst Sorge tragen

Schon länger gibt es verschiedenste Angebote von Arbeitgebern, Krankenkassen etc., die zur Selbstpflege anregen und sie fördern sollen wie Sport- oder Entspannungsangebote, Kurse zu Achtsamkeit und Mediation oder Resilienz. Diese Angebote sind aber nicht für alle Personen geeignet, da sie z.B. nicht den Interessen entsprechen oder durch den zeitlichen Rahmen nicht zu den Lebensumständen passen. Dennoch ist richtig und erforderlich, Pflegende zu ermutigen für sich selbst Sorge zu tragen und darauf zu achten, dass es ihnen gut geht. Denn nur wenn es mir selbst gut geht, kann ich gut für andere sorgen. Dies ist ein Grund für die Entwicklung der SelfCare als eine Säule der "Wittener Werkzeuge - ein DoubleCare Beratungsansatz für die Pflege", deren Entstehungsgeschichte zum näheren Verständnis kurz dargestellt wird.

"Wittener Werkzeuge" - von der Pflege für die Pflege

Die Intention der Entwicklergruppe am Department für Pflegwissenschaft der Universität Witten/Herdecke unter der Leitung von Angelika Zegelin und Günter G. Bamberger war, Pflegenden ein geeignetes Kommunikations- und Beratungskonzept an die Hand zu geben, welches die Besonderheiten des pflegerischen Alltags berücksichtigt. Nach der Sichtung verschiedener Beratungskonzepte stellte sich wiederholt heraus, dass diese sich für den Einsatz im Pflegealltag nur sehr begrenzt oder gar nicht eignen. Die Schwierigkeit ihrer Übertragung basiert hauptsächlich auf Voraussetzungen, unter denen die Beratungs- und Gesprächssituationen entstehen und stattfinden. Anders als im Pflegekontext werden die Gespräche in anderen Beratungsfeldern im Voraus geplant und terminiert, bestehen aus länger dauernden Sitzungen in geschützter, ungestörter Umgebung sowie im Idealfall aus mehreren Folgeterminen.

Die fünf Modalitäten der Kommunikation

Gespräche und Beratungsanlässe im Kontext der Pflege entstehen dagegen eher ungeplant, sind vielfach einmalig, finden an ungewöhnlichen bzw. ungeeigneten Orten (z.B. Patiententoilette, Flur), während anderer Tätigkeiten, wie der Körperpflege und zu den unterschiedlichsten Tageszeiten (auch gerne nachts) statt - also immer dann, wenn Pflegende für Ratsuchende "greifbar" sind. Dies sind aber oftmals gerade die Momente, in denen die Pflegenden weder Zeit noch "den Kopf" haben, sich gedanklich auf das Gespräch einlassen zu können bzw. zu wollen, beispielsweise weil gerade wichtige andere Aufgaben erledigt werden müssten. Auch haben sie keine Gelegenheit, sich thematisch, inhaltlich und mental auf das Gespräch vorzubereiten.

Daraufhin startete die Suche nach geeigneten Instrumenten, die Pflegenden helfen, in diesen Situationen adäquat agieren zu können. Orientiert wurde sich dabei an den fünf Modalitäten der Kommunikation, die aus der phänomenologischen Betrachtung von Gesprächen und Beratungssituationen abgeleitet wurden. Jedem dieser Modalitäten wurde ein "Werkzeug" zugeschrieben. Schnell wurde deutlich, dass gute Begegnungen und Gespräche nur dann möglich sind, wenn es auch den Pflegenden gut geht und sie auf sich Acht geben. Die logische Konsequenz in der Entwicklung der "Wittener Werkzeuge" war, sich nicht nur einseitig auf die Patienten*innen (PatientCare) zu fokussieren, sondern auch die Pflegenden selbst (SelfCare) mit in den Blick zu nehmen, also ein DoubleCare-Ansatz (Abb. 1). Da Pflege nicht allein, sondern im Team geleistet wird, vervollständigte die Säule der TeamCare das Konzept.

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SelfCare im Pflegealltag

Bei näherer Betrachtung der Werkzeuge wird deutlich, dass obwohl jedes für sich steht, sie eng mit den anderen verwoben sind, alle sich gegenseitig beeinflussen oder bedingen. Deshalb müssen auch nicht alle Werkzeuge beherrscht und angewendet werden. Zielführender ist es, das wurde auch in den Seminaren deutlich, sich auf das oder die Lieblings-Werkzeug/e zu konzentrieren, die den eigenen Fähigkeiten und Interessen oder einer gewünschten Kompetenzerweiterung entgegenkommen. Die fünf SelfCare-Werkzeuge sind den Modalitäten sehen, hören, fühlen, sprechen und tun zugeordnet.

Sehen - Selbstachtung ("sich selbst im Blick haben"): Bei der Selbstachtung geht es darum, sich auf sich selbst zu besinnen, in sich hineinzuschauen; zu reflektieren, sowohl sich selbst, als auch die eigene Rolle die im jeweiligen Kontext eingenommen wird. Dies hilft beispielsweise darauf zu achten, sich nicht etwas zuzumuten, was nicht sein muss, aber auch wahrzunehmen, welche Fähigkeiten vorhanden sind und darauf stolz zu sein.

Hören - Intuition ("auf die innere Stimme achten"): Intuition ist das wohlbekannte Bauchgefühl, welches als unbewusst gilt, aber aus dem Zusammenspiel von Wissen und (Gefühls-)Erfahrung resultiert. Je mehr Erfahrungen gemacht wurden und je öfter, umso mehr werden internalisiert und umso mehr kann der eigenen Intuition getraut werden.

Fühlen - Selbst-Spürung ("bei sich sein - authentisch sein"): Selbst-Spürung bedeutet sich selbst wahrzunehmen - was fühle ich, wie geht es mir damit, sowohl körperlich, geistig und seelisch. Ein gutes Training ist im Alltag kurz innezuhalten, um sich seiner momentanen Tätigkeit bewusst zu werden. Dies fördert auch das Gespür für die eigenen Grenzen und kann beispielsweise hilfreich in Gesprächen sein, mit unangenehmen Menschen. Wird dieses Gefühl bewusst wahrgenommen, kann auch bewusst gegengesteuert werden, damit die eigenen Gefühle die Situation nicht negativ beeinflussen.

Sprechen - Selbstermutigung ("sich positiv instruieren"): Die Selbstermutigung ist das bewusste Selbstgespräch. Zum Beispiel helfen Mantras oder Tagesmottos, die vor herausfordernden Situationen laut ausgesprochen werden. Hilfreich ist es auch, positive Erfahrungen parat zu haben, die einen erinnern, dass man der Situation schon gewachsen war. Neigt jemand zu grüblerischen Gedanken, kann ein laut ausgesprochenes "Stopp" ein bewusstes Zeichen setzen. Und warum sich nicht selbst ermutigen, indem Freunde gebeten werden, eine Rückmeldung zu einer Situation zu geben, von der ich später zehren kann?

Tun - Selbststärkung ("sich selbst Gutes tun"): Die Selbststärkung fordert auf, nach Quellen zu suchen, die Kraft für die Bewältigung neuer Herausforderungen im (Pflege-)Alltag geben. Dies können Hobbys sein, die in der Freizeit ausgeübt werden. Aber auch im Pflegealltag kann man kurze Momente nutzen, um Kraft zu schöpfen. So kann es der Weg durch das Treppenhaus sein, um einen kurzen Moment der Ruhe zu genießen, das kurzes Betrachten eines Bildes auf dem Stationsflur oder der Blick aus dem Fenster auf den Sonnenuntergang. Und wie wäre es mit einem Lachen? Für jeden Menschen gibt viele kleine Kraftquellen, es ist an der Zeit sie sich bewusst zu machen und gezielt einzusetzen.

Die oben genannten Beispiele bilden eine gute Basis für den Einstieg in die Thematik. Um sich aber ein Werkzeug zu eigen zu machen, kann es hilfreich sein, es mit einem eigenen Motto zu versehen und nach weiteren Aspekten zu suchen, die ihm eine individuelle Bedeutung geben, um es dann mit Leben zu füllen. Im besten Fall fördert eine intensive Beschäftigung mit den "Wittener Werkzeugen" eine humanistische und solidarische Haltung. In diesem Sinne wirken die Werkzeuge der SelfCare nicht nur auf die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit, sondern in der Folge auch auf die Kommunikation und Interaktion mit Patienten, Kollegen und dem privaten Umfeld.

Von der SelfCare zur TeamCare

Die TeamCare vervollständigt den Ansatz der "Wittener Werkzeuge". Anders als bei der Patient- beziehungsweise SelfCare wurden von der Entwicklergruppe keine Werkzeuge vorgegeben. Mögliche Benennung und inhaltliche Ausgestaltung der TeamCare-Werkzeuge wurden diskutiert, gestalteten sich aber schwierig. Die Gruppenarbeit zur TeamCare in einem weiteren Seminar der "Wittener Werkzeuge" verdeutlichte die Heterogenität der Teams, die Haltungen und Beziehungen, die diese prägen sowie die Interessen bzw. Themen, sowohl fachlich als auch zwischenmenschlich, die sie bewegen. Es stellte sich heraus, dass die Wittener Werkzeuge eine hervorragende Grundlage bildeten, die Teams in einen konstruktiven Austausch zu bringen und somit die Teamentwicklung voran zu treiben. Am Ende hatte jede Gruppe ein auf ihre Bedürfnisse ausgerichtetes Werkzeug vorliegen. Die Seminararbeit war der Anfang für die Entwicklung eines einrichtungsspezifischen TeamCare-Konzepts, welches in Gemeinschaftsarbeit entstand und kontinuierlich weiterentwickelt wird (Langner 2021).

Dies zeigt eindrücklich, wie durch SelfCare gestärkte Pflegende einerseits zur Weiterentwicklung ihres Teams beitragen und auf der anderen Seite von der Teamentwicklung profitieren.

Pflege einfach machen.

Die "Wittener Werkzeuge" sind mehr als nur ein DoubleCare Beratungsansatz für die Pflege. Sie geben Impulse, die dazu anregen, selbst Strategien für die Kommunikation und Interaktion mit anderen im Pflegealltag zu entwickeln.

Die bewusste Auseinandersetzung mit den "Wittener Werkzeugen" lehrt Pflegende, auch sich selbst in den Blick zu nehmen, darauf zu achten, was sie denken oder fühlen und wie sie sich auf die Begegnung mit anderen einlassen.

Pflegende, die sich um sich selbst sorgen, geben immer auch positive Impulse in das Team. Ebenso kann ein konstruktives, wertschätzendes Miteinander im Team das Selbstwertgefühl jeder einzelnen Person positiv beeinflussen.

Die "Wittener Werkzeuge" sind individuell anpassbar und kleine, kontinuierlich durchgeführte Übungen können langfristig zu einer Verhaltens- und Haltungsänderung führen.

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