Originalpublikation
Hickman C, Marks E, Pihkala P et al (2021) Climate anxiety in children and young people and their beliefs about government responses to climate change: a global survey. Lancet Planet Health. 2021 Dec;5(12):e863–e873. 10.1016/S2542-5196(21)00278-3. PMID: 34895496.
Hintergrund.
Das Thema „Klimawandel“ ist insbesondere in (sogenannten) sozialen Medien allgegenwärtig und beschäftigt v. a. auch unsere Jugend. Die dargestellten Szenarien sind besorgniserregend bis erschreckend und werden von der Generation Z mit Sorge um ihre Zukunft sehr konsequent beobachtet. Daraus resultierende Sorgen und Ängste bedingen vielfach auch eine psychische Beeinträchtigung unserer Jugendlichen. Diese wird wiederum von den Erwachsenen sehr wohl wahrgenommen, aber nur bedingt objektiviert. Eine rezente in Lancet Planetary Health erschienene Publikation hat nun untersucht, welche Beeinträchtigung Jugendliche durch das Thema „Klimawandel“ erfahren, und ob dafür geografische Unterschiede bestehen.
Methodik.
Die im Mai und im Juni 2021 durchgeführte Erhebung erfolgte in 10 Ländern (Australien, Brasilien, Finnland, Frankreich, Indien, Nigeria, Philippinen, Portugal, England, USA). In jedem Land wurden 1000 Jugendliche im Alter von 16 bis 25 Jahren befragt, sodass insgesamt die Ergebnisse von 10.000 Befragten in die Analyse einflossen. In dieser wurde erhoben, welche Bedenken bezüglich des Klimawandels bei den Jugendlichen bestehen, ob eine geografische Abhängigkeit besteht, und wie die nationalen Bestrebungen in Relation dazu eingeschätzt werden.
Ergebnisse.
Im Durchschnitt aller Länder waren 59 % der Befragten sehr oder extrem besorgt über die Auswirkungen des Klimawandels, 84 % waren zumindest mäßig besorgt. Mehr als 50 % berichteten bezüglich emotionaler Qualitäten, dass sie „traurig, ängstlich, zornig, kraftlos, hilflos“ seien und sich „schuldig fühlten“. Über 45 % der Befragten gaben an, dass die Sorge um den Klimawandel ihr tägliches Leben negativ beeinflusst und auch Funktionseinschränkungen bedingt. 75 % sind sehr besorgt über ihre Zukunft, und 83 % haben den Eindruck, dass der Mensch seinen Planeten vernachlässigt hat. Die Maßnahmen der Regierungen werden großteils als schlecht oder unzureichend eingestuft; viele beklagen „Verrat“ an der Menschheit und (Selbst-)„Aufgabe“.
Im Vergleich der 10 teilnehmenden Länder zeigte sich, dass die negative Einschätzung auf den Philippinen am höchsten ist; dies wird von den Autoren mit den dort bereits realen Naturkatastrophen wie Überflutungen, Sturmereignissen etc. begründet. Den geringsten Anteil extrem oder sehr besorgter Jugendlicher weist Finnland mit „nur“ 44 % auf.
Diskussion.
Das Triple COVID-19-Pandemie, Klimakrise und neuerdings Ukrainekrieg stellt eine beträchtliche Belastung für die gesamte Bevölkerung dar; Jugendliche sind für das Thema „Klimawandel“ überdurchschnittlich vulnerabel. Die Erhebung bei 10.000 Jugendlichen in 10 verschiedenen Ländern zeigt, wie sehr die Sorge um den Klimawandel und dessen Konsequenzen unsere Kinder und Jugendlichen betrifft und betroffen macht. Die Auswirkungen auf die seelische Gesundheit, aber auch auf somatische Funktionen und kognitives Leistungsvermögen sind ernst zu nehmen und müssen Eingang in präventive und resilienzfördernde Maßnahmen finden. Aktivitäten wie „Fridays for Future“ können eine mögliche Coping-Strategie darstellen, gleichzeitig aber auch Ängste und Sorgen weiterverstärken. Es muss daher auch Aufgabe der Kinder- und Jugendmedizin sein, sich diesem Thema adäquat und insbesondere auch wissenschaftlich zu widmen. Immerhin geben 39 % der Jugendlichen an, aus Sorge um die Klimaveränderungen und deren Konsequenzen evtl. keine eigenen Kinder haben zu wollen. Und 39 % geben auch an, dass ihre Sorgen und Bedenken nicht ernst genommen oder gänzlich ignoriert würden. Die Autoren fassen daher auch zusammen, dass neben den Klimaschutzmaßnahmen auch weitere Forschung zu den Problemen und der Wahrnehmung Jugendlicher nötig ist und man diesen mit Hoffnung gebenden Botschaften und Empathie entgegenkommen müsse. Und sie zitieren am Ende ihres Manuskripts folgendes Individualstatement aus der Befragung:
„I don’t want to die. But I don’t want to live in a world that doesn’t care about children and animals.“
Interessenkonflikt
R. Kerbl gibt an, dass kein Interessenkonflikt besteht.
Footnotes
QR-Code scannen & Beitrag online lesen
