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editorial
. 2022 Apr 28;170(5):375–378. [Article in German] doi: 10.1007/s00112-022-01462-3

Aktuelle Projekte der versorgungsorientierten pädiatrischen Forschung

Current projects in healthcare-oriented pediatric research

Fred Zepp 1,, Reinhard Berner 2, Gesine Hansen 3, Reinhold Kerbl 4
PMCID: PMC9047620  PMID: 35505832

„Jeder Mensch sollte im Krankheitsfall bestmöglich und sicher behandelt werden. Aber welche Leistungen helfen im Alltag wirklich? Und sind diese auch wirtschaftlich vertretbar? Dies herauszufinden ist Aufgabe der Versorgungsforschung“ (https://www.gesundheitsforschung-bmbf.de/de/versorgungsforschung-9447.php), so beschreibt das Bundesministerium für Bildung und Forschung seine Forschungsinitiativen im Sektor Öffentliches Gesundheitswesen.

Darunter ordnen sich Schlagworte ein, wie „wissenschaftlich gesicherte Erkenntnisse für den Versorgungsalltag, transferorientierte Versorgungsforschung, Strukturaufbau, Kooperationsnetze, Nachwuchsgruppen, Register für Versorgungsforschung, natürlich auch Versorgungsforschung stärken und über allem, Patientinnen und Patienten im Mittelpunkt“. Dies alles sind wichtige Ziele, und wie weit wir in Deutschland und Österreich davon entfernt sind, viele dieser wichtigen Ziele tatsächlich zu erreichen, haben uns die zurückliegenden 24 Monate der Coronapandemie deutlich und oft auch schmerzhaft vor Augen geführt. Jahrzehntelange Versäumnisse, die Strukturen des Öffentlichen Gesundheitswesens adäquat auszustatten, dem medizinisch-wissenschaftlichen Fortschritt anzupassen und moderne Informationserfassung, -verarbeitung und -auswertung sicherzustellen, sind offensichtlich geworden. Zwei Jahre nach Beginn der durch das „severe acute respiratory syndrome coronavirus 2“ (SARS-CoV-2) ausgelösten Pandemie haben wir unverändert nur begrenzte Erkenntnisse über die epidemische Ausbreitung des Virus und die sich daraus ableitende Krankheitslast. Wir wissen nicht, wie viele Menschen Infektionen und wie viele tatsächlich Krankheiten entwickeln, und sind auch nicht in der Lage, die Belastung unserer medizinischen Versorgungsstrukturen tagesgenau oder auch nur in der Rückschau repräsentativ zu beschreiben.

Fragen wie diese können nur beantwortet werden, wenn wir den medizinischen Versorgungsalltag genau kennen und aus klinischer Sicht beschreiben und evaluieren können. Daher ist es von großer Bedeutung, die Strukturen, die Organisation und Steuerung und natürlich auch Aspekte der Finanzierung der Krankenversorgung und Gesundheitserhaltung genau zu untersuchen. Welche Leistungen werden in Kliniken und Praxen eingesetzt? Wie und wann stehen sie zur Verfügung, und, v. a., wie erfolgreich sind medizinische Interventionen? Nur mit diesem Wissen können bestehende Strukturen verbessert und Innovationen implementiert werden.

Gerade in der Pädiatrie ist die sorgfältige Überprüfung der medizinischen Versorgung unerlässlich

Schon immer hat die Monatsschrift Kinderheilkunde wichtigen versorgungsmedizinischen Fragenstellungen eine Stimme gegeben. Seit 10 Jahren haben wir regelmäßig ein ganzes Leitthemenheft der versorgungsorientierten pädiatrischen Forschung gewidmet. Wir freuen uns sehr, dass wir mit dieser Ausgabe der Zeitschrift erneut Projekte der Versorgungsmedizin zentral in der Monatsschrift Kinderheilkunde darstellen können. Besonders sind wir dem Springer Medizin Verlag dankbar, dem Thema in diesem Jahr einen erweiterten Umfang einzuräumen und die Veröffentlichung von 7 wertvollen Beiträgen zu ermöglichen. Für die vorliegende Ausgabe haben wir Versorgungsforschungsprojekte aus den Bereichen Infektiologie, Endokrinologie und Entwicklungsneurologie ausgewählt.

Infektiologie

Reinhard Bornemann und Roland Tillmann berichten über die Entwicklung der Antibiotikaverordnungen im ambulanten pädiatrischen Sektor in Bielefeld in den Jahren 2015–2018. Der rationale Einsatz von Antibiotika ist die entscheidende Voraussetzung, um die Entwicklung bakterieller Resistenzen zu verhindern. Notwendige Handlungsimpulse entstehen aber erst aus einer sorgfältigen Analyse. Mithilfe des Antibiotic-Stewardship(ABS)-Projekts „AnTiB“ wurde das Verordnungsverhalten der ambulant tätigen Bielefelder Pädiaterinnen und Pädiater in den Jahren 2015–2018 ausgewertet. Die Studie zeigt eine hohe Varianz der Verordnungsmuster einzelner Ärztinnen und Ärzte. Mögliche Ursachen werden diskutiert, mit dem Ziel, Verordnungskonzepte im Sinne von ABS zu modifizieren und zu standardisieren. Die Studie zeigt nicht zuletzt auch, wie Kinder- und Jugendärzte aus der Praxis heraus Themen der Versorgungsforschung aufgreifen und wertvolle Impulse geben können.

Die Arbeit von J. Holstiege et al. beschäftigt sich ebenfalls mit ambulanten Antibiotikaverordnungen bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Die vom Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung ausgewerteten bundesweiten krankenkassenübergreifenden Arzneiverordnungsdaten (gesetzlich Krankenversicherte) belegen im Zeitraum von 2010 bis 2019 eine erfreuliche Abnahme der Antibiotikaverordnungsraten bei Kindern und Jugendlichen um fast 50 %. Wie schon in der Untersuchung aus Bielefeld fallen hierbei starke regionale Unterschiede auf, die sich nicht durch Unterschiede in der Patientenpopulation oder im Erkrankungsspektrum ausreichend erklären lassen.

U. Marcus und N. Beck untersuchen die Wirksamkeit von Maßnahmen zur Verhinderung von Mutter-Kind-Übertragungen des humanen Immundefizienzvirus (HIV) in Deutschland für den Zeitraum 1999–2016. Trotz großer Fortschritte in der Prävention der vertikalen Virusübertragung sind die Erfolge aus Sicht der Autoren infolge mangelhafter Umsetzung der bekannten wirksamen Maßnahmen noch unzureichend. Insbesondere ein fehlendes HIV-Testangebot für die Schwangere war die Hauptursache für Mutter-Kind-HIV-Übertragungen bei bis 2007 geborenen Kindern. Weitere Probleme entstehen im Zusammenhang mit mütterlicher Migration und Zugangsbarrieren zum Versorgungssystem.

Endokrinologie

Die Versorgung von Kindern und Jugendlichen mit Diabetes mellitus in Deutschland im Vergleich zu Belgien, Österreich und der Schweiz steht im Zentrum der Arbeit von W. Marg et al. Die Auswertung gibt Einblick in die aktuelle Versorgungssituation und diskutiert, wie Innovationen in der Diabetestherapie in Anbetracht der sich verändernden Arbeitsbedingungen der stationären und ambulanten Versorgung zukünftig implementiert werden können. Die Autoren plädieren für eine kontinuierliche und nachhaltige Versorgung aller Diabetespatienten auf höchstem Qualitätsniveau unabhängig von örtlichen oder nationalen Gegebenheiten.

Entwicklungsneurologie

P. Ronniger et al. untersuchen die Differenzierungsfähigkeit des Sprachstandserhebungstests für Kinder im Alter zwischen 3 und 5 Jahren (SET 3–5) in Bezug auf Alter, Bildungsniveau der Mutter und elterlich eingeschätzte Auffälligkeiten im Bereich Grammatik und sprachlicher Hintergrund. Die Mittelwerte von Kindern mit von den Eltern beobachteten grammatikalischen Auffälligkeiten bei gleichzeitig besuchter Sprachtherapie von Kindern von Müttern mit einem niedrigen Bildungsniveau und von bilingualen Kindern lagen in allen sprachlichen Untertests signifikant unter denen der Vergleichsgruppe.

Im Verlauf der Pandemie haben psychische Krankheitsbilder bei Kindern und Jugendlichen signifikant zugenommen. U. Wässerle et al. haben sich der Frage gewidmet, ob die Inzidenz von Anorexia nervosa während der Coronapandemie gestiegen ist. Dazu haben die Autoren die Behandlungszahlen von Kindern und Jugendlichen mit Essstörungen und insbesondere mit Anorexia nervosa in der Klinik für Kinder und Jugendliche St. Elisabeth in Neuburg a. d. Donau ausgewertet. Aus Sicht der Autoren können anorexietypische Denk- und Verhaltensmuster, ausgelöst durch Lockdownmaßnahmen im Rahmen der Pandemie, als dysfunktionale Bewältigungsstrategien gewertet werden, um Kontrollverlustwahrnehmung zu kompensieren, aber auch, um Depressions- und Angstgefühle besser bewältigen zu können.

Schulschließungen und Abstandsregelungen im Rahmen der Pandemiemaßnahmen haben das Freizeitverhalten von Kindern und Jugendlichen nachhaltig beeinflusst. J. Hansen et al. untersuchen in diesem Kontext die Wirksamkeit eines schulbasierten „Peer-to-peer“-Programms („Net-Piloten“) zur Prävention von exzessiver Mediennutzung bei Kindern im Alter von 12 Jahren. Die Studie belegt, dass durch die primärpräventive Intervention bei Schülern nicht nur ein höheres Wissen über gesundheitliche Nachteile exzessiver Mediennutzung, sondern auch eine Verringerung der Nutzungszeiten von Computerspielen erreicht werden kann. Durch den Einsatz schulbasierter Programme kann einer exzessiv-dysfunktionalen Mediennutzung offensichtlich erfolgreich vorgebeugt werden.

Symptome einer Autismus-Spektrum-Störung manifestieren sich häufig bereits während des Kleinkindalters und persistieren in unterschiedlicher Ausprägung oft über die gesamte Lebensspanne. Johannes Hofer und Johannes Fellinger befassen sich mit Früherkennungskonzepten für das komplexe Krankheitsbild, insbesondere auch im Hinblick auf die Abgrenzung gegenüber kognitiven Entwicklungsstörungen, Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätssyndrom und Sprachstörungen. Die Autoren plädieren für die flächendeckende Nutzung von evidenzbasierten, effektiven Frühinterventionsmodellen, identifizieren diesbezüglich aber noch deutliche Defizite im deutschsprachigen Raum.

Resümee

Sehr verehrte Leserinnen und Leser, wir hoffen, Sie sind mit uns der Meinung, dass die Auswahl der instruktiven Projekte aus der pädiatrischen Versorgungsforschung erneut die Breite und Vielfalt unseres Faches eindrucksvoll zeigen kann. Die Beiträge unterstreichen die Bedeutung einer sorgfältigen Überprüfung der medizinischen Versorgung gerade auch von Kindern und Jugendlichen; sie zeigen Chancen und Defizite auf, und v. a. belegen sie, dass es sich in besonderem Maße lohnt, in die Gesundheit zukünftiger Generationen zu investieren.

Interessenkonflikt

F. Zepp, R. Berner, G. Hansen und R. Kerbl geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Footnotes

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