Epileptische Anfälle bei COVID-19-Patienten deuten nicht unbedingt auf eine ungünstige Prognose. Enzephalitis-bedingte Anfälle gehen sogar mit einem relativ günstigen Verlauf einher.
Bei schwerkranken COVID-19-Patienten sind epileptische Anfälle keine Seltenheit - hohes Fieber, Organausfälle und damit verbundene neurologische Schäden können auch zu Krampfanfällen führen. Umgekehrt gehen epileptische Anfälle aber nicht immer mit einem schweren Verlauf einher. Eine Metaanalyse von Fallserien und Kasuistiken kommt zu dem Schluss, dass rund die Hälfte der Anfälle bei Patienten auftreten, die nicht kritisch erkrankt sind. Rund zwei Drittel der Patienten mit erstmals während einer SARS-CoV-2-Infektion auftretenden Anfällen überstehen die Erkrankung daher recht gut, erläuterte Christina Jageka von der Wayne State School of Medicine in Detroit auf dem virtuellen Kongress der US-amerikanischen Neurologengesellschaft AAN.
Die Ärzte um Jageka haben in der Literatur 105 Berichte zu 176 COVID-19-Kranken mit ersten epileptischen Anfällen gefunden. Die Betroffenen waren im Schnitt 48 Jahre alt, rund die Hälfte zeigte einen schweren Verlauf - solche Patienten mussten intubiert und beatmet werden. Die Schwerkranken waren im Schnitt älter (52 vs. 42 Jahre), bekamen häufiger Steroide und wiesen eine höhere Sterberate auf (28 % vs. 3 %) als weniger schwer Erkrankte, auch mussten sie länger stationär behandelt werden (4 vs. 2 Wochen).
Was die Anfälle betraf, so entwickelten Schwerkranke häufiger einen kortikalen Myoklonus (32 % vs. 13 %) und epilepsietypische EEG-Veränderungen (56 % vs. 43 %), aber ähnlich oft einen Status epilepticus (30 % vs. 29 %), zudem waren bei ihnen seltener Liquorauffälligkeiten zu sehen (bei 40 % vs. 48 %). Eine Enzephalitis diagnostizierten die Ärzte häufiger bei leicht Erkrankten (61 % vs. 43 %).
Insgesamt konnten die Ärzte bei jedem Zweiten eine neurologische Ursache der Anfälle diagnostizieren: 47 Patienten hatten eine Enzephalitis, 18 einen ischämischen Infarkt, 14 eine Hirnblutung und acht ein Hirnödem.
64 % der Patienten erreichten ein gutes Ergebnis ohne bleibende Schäden, neue funktionelle Defizite oder Pflegebedürftigkeit. Dies betraf nur 32 % mit schwerem, aber 89 % mit weniger schwerem COVID-19-Verlauf. Anfallsmerkmale wie kortikaler Myoklonus und Status epilepticus hatten hingegen nach Berücksichtigung diverser Begleitfaktoren keinen signifikanten Einfluss auf den Ausgang. Interessanterweise ging eine Enzephalitis überproportional häufig mit einem günstigen Verlauf einher (Odds Ratio 6,1). Die plausibelste Erklärung: Oft dürfte eine Autoimmunreaktion die Ursache sein; diese ist jedoch nicht an die Schwere von COVID-19 gekoppelt und lässt sich häufig gut behandeln.
American Academy of Neurology (AAN) 2022 Annual Meeting Virtual Experience, 24.-26.4.22 S3 Abstracts of Distinction. Cristina Jageka: Meta-analysis of 175 Patients with COVID-19 and Seizures, Status Epilepticus, or Cortical Myoclonus: An Individual Patient Data Analysis

