Der Mensch ist einzigartig, seine Erkrankungen sind es auch: Auf dem diesjährigen Deutschen Kongress für Parkinson und Bewegungsstörungen stand deshalb die personalisierte Medizin im Vordergrund. Von Versorgungsproblemen in der Pandemie über Hautbiopsien zur Parkinson-Früherkennung bis hin zur Sportlerdystonie - wir haben einige Highlights für Sie zusammengefasst.
Parkinson-Kranke leiden besonders unter der Pandemie.
Weite Wege in spezialisierte Kliniken, weniger Komplextherapien, erhöhte Mortalität - die Pandemie stellt Parkinson-Kranke in Deutschland vor besondere Herausforderungen.
Immer mehr ältere Menschen, immer mehr Parkinson-Kranke - der Bedarf nach Parkinson-Spezialisten und auf Morbus Parkinson spezialisierte Zentren nimmt auch in Deutschland stetig zu. Die Versorgungsstrukturen halten jedoch nicht überall mit dem wachsenden Bedarf Schritt. Die Betroffenen müssen daher gerade bei stationären Aufnahmen oft weite Wege in Kauf nehmen, was zu zusätzlichen Hürden für einen Klinikaufenthalt führt, berichtete Prof. Dr. Lars Tönges vom St.-Josef-Hospital in Bochum auf dem virtuellen Kongress für Parkinson und Bewegungsstörungen. Gerade in der COVID-19-Pandemie machten sich solche Versorgungsdefizite bemerkbar. So brach im Laufe der ersten Welle die Zahl der stationär versorgten Parkinson-Kranken um bis zu 70 % ein, unter anderem, weil Komplextherapien oder Einstellungen auf eine intensivierte Medikamenten- und Pumpentherapie schlicht nicht mehr angeboten wurden. Selbst über die ersten fünf Monate verteilt, ergab sich im Jahr 2020 noch ein Minus von etwa 30 % bei den Klinikaufnahmen. Die Zahl der stationären Komplextherapien war dabei einer Auswertung zufolge in den ersten fünf Monaten 2020 verglichen mit der Vorjahresperiode um mehr als die Hälfte zurückgegangen - von 7.900 auf rund 3.300, bei den Pumpentherapien ergab sich mit minus 75 % ein noch stärkerer Rückgang.
Nach dem ersten Lockdown stiegen die Behandlungszahlen zwar wieder etwas, erreichten aber nicht mehr das Niveau vor der Pandemie.
Patienten kommen oft zu spät in eine Klinik
Dies führte dazu, dass phasenweise nicht die Grunderkrankung Parkinson-Betroffener, sondern vor allem eine SARS-CoV-2-Infektion klinisch behandelt wurde. "Uns ist aufgefallen, dass solche Patienten auch schwerer an Parkinson erkrankt waren als noch im Vorjahr", erläuterte Tönges. Er vermutet, dass die besonders ausgeprägten Versorgungsdefizite in der Pandemie mit zur erhöhten Sterblichkeit von infizierten Parkinson-Kranken beigetragen haben. So war die altersadjustierte Kliniksterblichkeit mit 35 % fast doppelt so hoch im Vergleich zu stationär behandelten COVID-19-Kranken ohne Parkinson.
Eine weitere Klinikdatenanalyse des Teams um Tönges ergab für die zweite Welle im Winterhalbjahr 2021/2022 tendenziell sogar noch eine etwas höhere Klinikmortalität als in der ersten. Unabhängig von einer COVID-19-Erkrankung fanden die Neurologen für Parkinson-Patienten ebenfalls eine erhöhte Sterblichkeit - um etwa 20 %. Tönges vermutet, dass die Betroffenen oft einfach zu spät eine Klinik aufgesucht haben.
Wie der Neurologe erläuterte, sind die Hürden für eine Klinikaufnahme in vielen Landkreisen Deutschlands offenbar recht hoch. In einigen werden deutlich mehr als 100 Parkinson-Kranke auf 100.000 Einwohner im Jahr stationär behandelt, in anderen sind es weniger als 25. Dies führe dazu, dass in vielen Landkreisen fast alle Parkinson-Patienten für einen stationären Aufenthalt in Nachbarkreise gehen müssten. "Die Patienten und ihre Angehörigen müssen oft weite Strecken fahren", sagte Tönges. Zum Teil liege das an spezialisierten Zentren, die sich in einigen Regionen herausgebildet haben. Dies sei zunächst positiv, da bei einem hohen Patientenvolumen auch von einer höheren Behandlungsqualität auszugehen sei, es führe aber auch zu einer gewissen Versorgungsheterogenität in Deutschland. Wichtig sei daher, in Landkreisen ohne solche Zentren ambulante Kompensationsformen zu etablieren und die ambulanten Strukturen besser mit den spezialisierten Kliniken zu vernetzen, damit dort auch wirklich all die Patienten behandelt werden können, die eine spezielle stationäre Parkinsontherapie benötigen.
Deutscher Kongress für Parkinson und Bewegungsstörungen, 24.-26.3.2022. Symposium S-14, Perspektiven der Integrierten Versorgung & Parkinson-Netzwerke. Lars Tönges: Trends der stationären Versorgung von Parkinson-Patienten in Deutschland

