Der Antikörper Ravulizumab gegen Komplementfaktor C5 verbessert signifikant die Alltagsfunktion von Patienten mit Myasthenia gravis. Ein Vorteil: Er muss in der Erhaltungstherapie nur alle zwei Monate verabreicht werden.
Seit 2017 ist mit Eculizumab in Deutschland ein Medikament gegen den Komplementfaktor C5 auch bei therapierefraktärer generalisierter Myasthenia gravis (MG) zugelassen, und zwar bei Patienten mit Antikörpern gegen den Acetylcholinrezeptor. Möglicherweise werden die Therapieoptionen bald um ein weiteres C5-Medikament erweitert: Auf dem virtuellen Kongress der US-amerikanischen Neurologengesellschaft AAN wurden Daten der Phase-III-Studie CHAMPION MG mit dem langwirksamen Antikörper Ravulizumab vorgestellt. Dieser ist bisher als intravenöse Infusion zur Therapie bei paroxysmaler nächtlicher Hämoglobinurie (PNH) und atypischem hämolytisch-urämischem Syndrom (aHUS) zugelassen, scheint den aktuellen Daten zufolge aber auch gegen MG zu wirken. Unterschiede im Vergleich zu Eculizumab gibt es etwa bei der Anwendung: Ravulizumab muss in der Erhaltungstherapie statt alle zwei Wochen lediglich alle zwei Monate verabreicht werden, erläuterte Professor Tuan Vu vom Morsani College of Medicine in Tampa.
An der Phase-III-Studie mit Ravulizumab nahmen 175 MG-Patienten teil. Diese waren im Schnitt 56 Jahre alt und seit etwa zehn Jahren erkrankt. Etwa die Hälfte hatte eine moderate Muskelschwäche (Klasse III), die meisten der übrigen eine milde (Klasse II) und wenige auch eine sehr schwere (Klasse IV). Der Wert nach der patientenbestimmten Funktionsskala "Myasthenia Gravis Activities of Daily Living" (MG-ADL, maximal 24 Punkte) erreichte zu Beginn im Schnitt 10 Punkte, der Wert des von Ärzten bestimmten Scores "Quantitative Myasthenia Gravis" (QMG, maximal 45 Punkte) lag im Mittel bei 15 Punkten.
Deutliche Unterschiede bereits nach einer Woche
Rund die Hälfte der Patienten erhielt den Antikörper über 26 Wochen hinweg, die übrigen bekamen Placeboinfusionen. Behandelt wurde nach einer Aufdosierungsphase mit bis zu 3.600 mg alle acht Wochen.
Als primären Endpunkt hatten die Studienärzte Veränderungen beim MG-ADL gewählt. Mit Ravulizumab fiel der Wert bis zum Studienende im Schnitt um 3,1 Punkte, mit Placebo um 1,4 Punkte, der Unterschied war statistisch signifikant. Zudem erreichten mehr Patienten mit dem Antikörper eine Reduktion um mindestens 3 Punkte (57 % vs. 34 %). Deutliche Unterschiede zwischen Verum- und Placeboarm zeigten sich bereits nach einer Woche.
Auch nach der Ärztebewertung mit dem QMG ergaben sich signifikante Unterschiede: Der Wert fiel mit Ravulizumab um 2,8 und mit Placebo um 0,8 Punkte. Eine Reduktion um mindestens fünf Punkte schafften 30 % mit dem Antikörper, dies gelang aber nur 11 % unter Placebo.
Bei acht Patienten mit dem Antikörper, aber 14 unter Placebo benötigten die Ärzte eine Therapieeskalation.
Ernste unerwünschte Wirkungen sahen die Ärzte um Vu bei 23 % mit Ravulizumab und 16 % unter Placebo, wobei sich kein klares Muster ergab. Im Verumarm starb ein Patient an COVID-19, ein weiterer an einer Hirnblutung. In der Placebogruppe gab es keine Todesfälle.
American Academy of Neurology (AAN) 2022 Annual Meeting Virtual Experience, 24.-26.4.22 PL3 Clinical trial Plenary Session. Tuan Hoang Vu: Efficacy and Safety of Ravulizumab, a Long-acting Terminal Complement Inhibitor, in Adults with Anti-acetylcholine Reception Antibody-positive Generalized Myasthenia Gravis: Results from the Phase 3 CHAMPION MG Study
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