Infektionen der oberen Luftwege Bei älteren Menschen sind sie bedrohlich und entwickeln sich oft zu Lungenentzündungen. Die Letalität ist deutlich erhöht, die Sterblichkeit steigt sogar schon ab einem Alter von 50 Jahren.
Die Lebenserwartung in der westlichen Welt hat sich im Laufe der letzten Jahrzehnte deutlich erhöht. Beispielsweise stieg die Zahl der über 67-Jährigen in Deutschland zwischen 1990 und 2018 von 10,4 Millionen auf 15,9 Millionen an und der Anteil der Älteren wird weiter anwachsen. Infektionserkrankungen bedrohen im Alter Gesundheit und Leben. Sie rechtzeitig zu erkennen und adäquat zu behandeln sowie sie durch geeignete vorbeugende Maßnahmen wie Hygiene und Impfungen zu verhindern, sind deshalb von großer Bedeutung. Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt, dass Impfungen gegen Grippeerreger, aber auch gegen Pneumokokken ab dem 60. Lebensjahr erfolgen sollen. Impfungen gegen die Coronaviren SARS-CoV-2 sind vor allem für Ältere dringend geboten.
Atemwegsinfektionen und Schutzmechanismen
Die allermeisten Atemwegsinfektionen werden von Viren, einige auch von Bakterien ausgelöst. Bei Atemwegsinfektionen spielen die Schleimhäute als Schutzbarrieren eine wichtige Rolle. Die Schleimhäute produzieren ein Sekret (Mucus), das sie wie ein Schutzfilm überzieht, feucht hält und Fremdpartikel wie Bakterien und Viren aufnimmt. Der Schleim enthält antibakterielle Substanzen wie Enzyme (z.B. Lysozym) und Defensine. Außerdem können Immunglobuline und Interferone als Signalstoffe für eine Virusvermehrung anwesend sein. Flimmerhärchen, die sich wellenartig bewegen, können Fremdpartikel abtransportieren. Der hochspezialisierte Selbstreinigungsmechanismus der Schleimhäute wird mukoziliäre Clearance genannt. Zusätzlich erschwert, ähnlich wie im Darm, ein stabiles Mikrobiom aus nicht-pathogenen Mikroorganismen in den Atemwegen, sogar in der Lunge, das Eindringen und die erfolgreiche Vermehrung von Krankheitserregern.
Infizierte Patienten verbreiten die Erreger durch Niesen und Husten über die Luft, in wenigen Fällen durch Berührungen von Personen oder mit Krankheitserregern kontaminierte Gegenstände. Besonders in der kalten Jahreszeit steigen die Infektionsraten bisweilen explosionsartig an. Verschiedene Faktoren begünstigen den Ausbruch von Atemwegsinfektionen. Beispielsweise halten sich Menschen häufiger in geschlossenen Räumen auf, in denen sie Krankheitserregern in hohen Konzentrationen exponiert sein können. Außerdem sorgt die Heizung im Winter für trockene Luft in den Innenräumen. Wenn die Schleimhäute dadurch austrocknen, können Erreger wesentlich leichter über die Atemwege eindringen.
Atemwegsinfektionen im Alter
Die Schleimhäute werden mit zunehmendem Alter trockener und die Aktivität der Flimmerhärchen nimmt ab. Die Schleimhäute können sich zudem schlechter regenerieren, sodass der Abtransport von Fremdkörpern durch die Flimmerhärchen erschwert ist. Dadurch steigt das Risiko, dass Erreger in den Atemwegen haften bleiben, die Schleimhaut schädigen und in den Körper gelangen.
Aufgrund der eingeschränkten Funktionsreserve der Lunge kommt es bei alten Menschen frühzeitiger zu Tachypnoe (gesteigerte Atemfrequenz). Häufiger können sich Infektionen der oberen Luftwege zu Pneumonien entwickeln. Die Letalität der bakteriellen Pneumonien liegt bei Personen, die 90 Jahre und älter sind, etwa bei 25%. Allgemein steigt die Sterblichkeit bei Lungenentzündungen sogar schon ab einem Alter von 50 Jahren deutlich an. Die Pneumonie ist in Westeuropa die häufigste tödlich endende Infektion bzw. Folge einer Infektion.

Die Diagnose ist oft schwierig
Während die typischen Anzeichen einer Lungenentzündung Fieber, Husten, Auswurf und Thoraxschmerzen sind, verläuft die Infektion im Alter oft atypisch. Fieber kann völlig fehlen. Eine Pneumonie kann sich als Desorientiertheit oder in Halluzinationen äußern. Nicht selten bleiben allgemein Infektionen bei Senioren lange ohne oder mit geringen Symptomen und werden daher oft zu spät diagnostiziert. Bei alten Patienten mit einer unerklärten raschen Verschlechterung ihres Zustands muss immer auch an das mögliche Vorliegen einer Infektion gedacht werden. Eine Erhöhung der Leukozytenzahl findet in weit fortgeschrittenem Alter oft nicht statt. Das C-reaktive Protein gilt jedoch auch im Alter als ein Indikator für eine systemische Infektion mit Bakterien.

Bei den nachfolgenden Erregern von Atemwegsinfektionen sind ältere Menschen deutlich öfter oder zumindest stärker betroffen als jüngere.
Coronaviren: COVID-19 wird durch ein neuartiges Coronavirus verursacht, das den Namen SARS-CoV-2 (Severe Acute Respiratory Syndrome - Coronavirus Type 2) erhielt. Das Virus verursacht, wie andere Coronaviren auch, überwiegend milde Erkältungs-krankheiten, es kann aber manchmal schwere Lungenentzündungen hervorrufen. Die Erbinformation von Coronaviren besteht genau wie bei Influenzaviren aus RNA und Coronaviren besitzen das größte bekannte Genom aller RNA-Viren. Sie können somit eine große Zahl eigener Gene für die Vermehrung in menschlichen Zellen nutzen. SARS-CoV-2 vermehrt sich in allen humanen Zellen, die ACE2-Proteine in der Zellmembran besitzen, die für das Eindringen in die Zelle notwendigen Andockstellen.

Schon zu Beginn der Pandemie durch den neuen Virus SARS-CoV-2 wurde die virale Gensequenz aufgeklärt. Mit ihrer Hilfe war es möglich, einen PCR-Test zu entwickeln, der dazu dient, die Anwesenheit dieser Viren in den oberen Atemwegen nachzuweisen, und damit indirekt die Infektion eines Menschen. Auffällig bei der Übertragung von SARS-CoV-2 sind das Auftreten von sogenannten superspreading events, Ereignissen, bei denen eine einzige infektiöse Person eine hohe Anzahl an Menschen ansteckt.
Die Erkrankung ist ein eindrucksvolles Beispiel für eine Virusinfektion mit dramatischer Zunahme der Letalität bei den über 80-Jährigen. Viele dieser Personen weisen Risiken wie ein hohes Alter oder Vorerkrankungen auf. Schwerwiegende Verläufe der Krankheit und Sterbefälle nehmen schon bereits ab einem Alter von 50 Jahren deutlich zu (Abb. 1).

Influenzaviren: Die für die Grippe verantwortlichen Viren, die Influenzaviren, tauchen Jahr für Jahr auf, bisweilen in besonders aggressiver Form und breiten sich dann binnen kurzer Zeit weltweit aus. Die Grippe führt in regelmäßigen Abständen zu Epidemien und Pandemien mit Millionen von Todesfällen. In den nördlichen Ländern mit gemäßigtem Klima kommt es fast regelmäßig in den Wintermonaten von Dezember bis April zu Grippewellen. Während dieser saisonalen Grippewelle infizieren sich in Deutschland zwischen 2 und 14 Millionen Menschen an der Influenza, wobei jedoch nicht jeder Infizierte Symptome aufweist. Grippeviren bestehen aus einer großen Zahl von Stämmen, die sich in ihren Antigenen aus zwei verschiedenen Proteinen der Virenhülle unterscheiden. Sie sind es, die eine spezifische Immunabwehr auslösen. Die Viren vermehren sich, je nach Variante, auch in Vögeln oder Schweinen und können auf den Menschen überspringen. Dass immer wieder neue Grippeerreger auftreten, gegen die der Körper keine Immunität besitzt, liegt daran, dass Influenzaviren die Zusammensetzung und das Aussehen ihrer Oberflächenproteine im Laufe der Zeit stark variieren. Influenzaviren können ähnlich wie Coronaviren über die Atemwege und die Lunge hinaus weitere Organe angreifen, wie den Herzmuskel, das Gehirn, Niere und Leber.
Bakterielle Pneumonieerreger: Der häufigste Auslöser einer Lungenentzündung heißt Streptococcus pneumoniae. Die auch Pneumokokken genannten Bakterien sind für 20 bis 40% der ambulant erworbenen Pneumonien verantwortlich. Pneumokokken besitzen eine Kapsel, eine voluminöse Schleimschicht aus Polysacchariden. Diese Kapsel schützt die Bakterienzelle und erschwert die Phagozytose, die direkte Aufnahme ins Zellinnere durch Fresszellen wie Makrophagen. Sie verhindert auch, dass Antikörper und Antibiotika an die Zellwand bzw. in die Zelle gelangen.
Bei fast der Hälfte der Bevölkerung ist dieser Keim unbemerkt schon lange Zeit vorher vorhanden. Pneumokokken besiedeln die Schleimhäute im Nasen-Rachen-Raum, ähnlich wie das Bakterium Haemophilus influenzae, das als Erreger von Pneumonien ebenfalls gefürchtet ist. Häufig kann es bei einer Primärinfektion durch Influenzaviren zu einer Sekundärinfektion, einer bakteriellen Superinfektion der Lunge kommen. Eine Infektion durch Influenzaviren schwächt die Immunabwehr gegen Bakterien, sodass bereits eine geringe Dosis an Pneumokokken ausreicht, um eine Lungenentzündung auszulösen.
Legionellen: Unter den Legionellen, die schwere Pneumonien hervorrufen können, ist vor allem Legionella pneumophila zu nennen. Die Legionellose wird auch Legionärskrankheit genannt und ist eine schwere Erkrankung, die fast ausschließlich bei älteren Personen auftritt. Im Gegensatz zu anderen Atemwegserregern findet bei Legionellen eine Übertragung von Mensch zu Mensch nicht statt. Legionellen sind Bakterien, die sich in warmem Wasser aufhalten und dort vermehren. Sie gelangen auf natürlichem Weg in die Wasseraufarbeitungssysteme und ins Trinkwasser. Es kann beispielsweise zu Legionellen-Infektionen kommen, wenn beim Duschen oder beim Wasseraustritt aus Hähnen kleine Wassertröpfchen (Aerosole) entstehen, die hohe Konzentrationen dieser Bakterien enthalten.
Pflege einfach machen.
Atemwegsinfektionen können sich im Alter leicht zu Lungenentzündungen entwickeln. Als Erreger der Primärinfektion treten oft Viren wie Influenza- und Coronaviren auf.
Bakterien wie Pneumokokken oder Legionellen können gerade bei Älteren eine oft tödliche verlaufende Pneumonie als Superinfektion auslösen.
Aufgrund der hohen und noch steigenden Lebenserwartung der Menschen wird sich die Problematik der gesundheitlichen Gefährdung älterer Menschen durch diese Infektionen deutlich ausweiten.
Infektionen im Alter sind oft schwer und komplikationsreich. Sie können lange asymptomatisch oder symptomarm verlaufen und werden deshalb oft zu spät diagnostiziert.
