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. 2022 Aug 1;23(4):16–17. [Article in German] doi: 10.1007/s15202-022-4942-4

COVID-Folgen halten Neurologie in Atem

Thomas Müller 1,
PMCID: PMC9340673

Beim diesjährigen Kongress der European Academy of Neurology (EAN) stand einmal mehr die Auseinandersetzung mit den Auswirkungen der COVID-19-Pandemie im Zentrum zahlreicher Vorträge und Poster. Darüber hinaus wurde wie immer das ganze Spektrum der Neurologie abgedeckt. So haben sich Forschende mit der Frage befasst, ob und wie sich eine Ernährungsumstellung auf den Verlauf der MS auswirkt.

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Schweden: ein Zehntel mehr Alzheimer-Todesfälle zu Pandemiebeginn.

Die COVID-19-Pandemie hat die Versorgung Demenzkranker in Schweden erheblich beeinträchtigt: Es wurden deutlich weniger Demenzerkrankungen neu diagnostiziert, gleichzeitig ist die Mortalität Demenzkranker drastisch gestiegen - vor allem bei Männern.

Schweden ist zu Beginn der COVID-19-Pandemie seinen eigenen Weg gegangen: Während der Rest Europas im Lockdown zu Hause saß, trafen sich die Schweden nach wie vor in Kneipen und Restaurants, gab es kaum Einschränkungen und Vorschriften. Lediglich Empfehlungen zum Maske tragen und Abstand halten, zu denen niemand verpflichtet war. Zwar blieb eine Katastrophe wie in Norditalien oder New York aus, aber die COVID-19-bedingte Mortalität war in den ersten Monaten teilweise zehnfach höher als in den Nachbarländern Norwegen und Finnland, und betraf zumeist ältere Menschen, häufig solche in Pflegeheimen, die mangels Schutzmaßnahmen ein besonders hohes Infektionsrisiko trugen. Entsprechend wurde auch die Versorgung Demenzkranker erheblich beeinträchtigt, erläuterte der Geriater und Professor Bengt Winblad vom Karolinska-Institut in Stockholm auf dem Kongress der europäischen Neurologengesellschaft EAN in Wien.

Winblad präsentierte Ergebnisse einer Untersuchung, nach der die Zahl der Demenzdiagnosen im ersten Pandemiejahr in Schweden drastisch zurückgegangen ist, und zwar abhängig von der SARS-CoV-2-Inzidenz. Normalerweise werden in Schweden mit seinen 10,5 Millionen Einwohnern jährlich etwa 24.000 neue Demenzdiagnosen gestellt. Diese Zahl war in den fünf Jahren vor der Pandemie weitgehend unverändert, lediglich bei den über 75-Jährigen deutete sich eine sinkende Zahl von jährlichen Diagnosen an. Im Pandemiejahr ging die Zahl der Demenzdiagnosen in allen Altersgruppen erheblich zurück - bei den über 75-Jährigen um rund ein Drittel, unter den jüngeren Erkrankten waren es etwa 20 %. Winblad erklärt sich dies zum einen mit der Vorsicht vieler älterer Patientinnen und Patienten, die in der ersten Welle Arztbesuche vermieden, zum anderen wurden viele Ärzte aus der geriatrischen Versorgung zur Betreuung COVID-19-Kranker abgezogen. Solche Effekte ließen sich an der Inzidenz festmachen: In Hochinzidenzregionen brach die Zahl der Demenzdiagnosen teilweise um 40 % ein.

Erhöhte Mortalität auch bei Demenzkranken ohne COVID-19

Belastbare Daten gibt es mittlerweile auch zur Sterberate unter Demenzkranken. In den ersten sechs Monaten lag diese bei Männern um 8,6 % höher als erwartet, bei Frauen blieb sie hingegen relativ konstant. Bezogen auf Personen speziell mit einer Alzheimer-Diagnose, das waren rund zwei Drittel der Demenzkranken, ergab sich hingegen ein anderes Bild: Die Sterberate war hier unter Männern in den ersten sechs Monaten des Jahres 2020 um 13,5 %, bei Frauen um 9,1 % und insgesamt um etwa 10 % erhöht.

Winblad wies darauf hin, dass sich die gesteigerte Mortalität nicht allein durch SARS-CoV-2-Infekte erklären lässt, es starben auch vermehrt Demenzkranke ohne Infektion. Dies führt der Geriater wiederum auf den pandemiebedingten Mangel an Ärzten und Pflegekräften zurück. So wurden Fachkräfte aus Pflegeeinrichtungen zur Versorgung COVID-19-Kranker in Kliniken abgezogen. In den Pflegeeinrichtungen habe man als Folge versucht, weniger oder nicht ausgebildetes Personal einzustellen. Gleichzeitig ging die Zahl der Arztbesuche in den Einrichtungen deutlich zurück. Dies habe die Qualität der Versorgung offenbar erheblich beeinträchtigt. Solche Effekte seien vor allem in Großstädten zu beobachten gewesen, weniger in ländlichen Regionen, hier habe es einen geringeren Personalwechsel in den Einrichtungen gegeben.

Die erhöhte Mortalität unter Demenzkranken ließ sich auch in den weiteren Pandemiewellen beobachten, sagt Winblad, sie liege derzeit noch etwa 4-5 % über dem präpandemischen Niveau. Die Pandemie habe offensichtlich bis heute zu einer anhaltenden Verschlechterung der Versorgung von Demenzkranken geführt.

8th Congress of the European Academy of Neurology (EAN). Wien und virtuell, 25-28.6.2022. Oral Presentation COVID-19, OS1007. Bengt Winblad: The COVID-19 pandemic has caused large disruptions to dementia mortality, care, and diagnosis in Sweden during 2020.


Articles from DNP – Die Neurologie & Psychiatrie are provided here courtesy of Nature Publishing Group

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