Das durch die Pandemie geschaffene Umfeld hat, unabhängig von den Folgen einer SARS-CoV-2-Infektion, zu erheblichen Herausforderungen für die psychische Gesundheit geführt. Mangelnde Routinen, Aktivitäten, Beziehungen und soziale Möglichkeiten gefährdeten die Stabilität, zusätzliche Stressoren verschlechterten die psychische Gesundheit weiter. Bestimmte Gruppen waren und sind noch immer besonderen Belastungen ausgesetzt: Beschäftigte im Gesundheitswesen sind mit Gefahr, emotionalem Druck und körperlichem Stress konfrontiert; Ältere sind von ihren Netzwerken abgeschnitten; immungeschwächte Menschen und Familien von kleinen Kindern können nicht zu einem normaleren Leben zurückkehren; Schüler vermissen Klassenzimmer und Freunde. "Schwachstellen" bei Einzelpersonen und Gemeinschaften wurden in der Pandemie deutlicher sichtbar. Die unzähligen Berichte über Depressionen, Ängste, Suizidalität, Drogenmissbrauch, häusliche Gewalt und Konflikte überraschen daher nicht.
Gehirnnebel durch VID-19
Dazu kommen die neuropsychiatrischen Folgen einer SARS-CoV-2-Infektion. Die direkten Einflüsse des Virus auf das Zentralnervensystem, kombiniert mit der Immunreaktion, führen zu unterschiedlichen klinischen Manifestationen. Dazu tragen auch die verschiedenen Virusstämme, die zahlreichen Impfstoffe mit Auffrischimpfungen und die unterschiedlichen Impfraten bei. Bei einigen Betroffenen können während einer akuten VID-19-Infektion signifikante neurologische und psychologische Symptome auftreten, wie Depressionen, Angstzustände und kognitive Defizite. Viele beschreiben einen "Gehirnnebel" ("brain fog"), der durch reduzierte Aufmerksamkeit, verminderte Problemlösefähigkeit, eine gestörte exekutive Funktion und Entscheidungsfindung gekennzeichnet ist. Noch vor Fieber oder Husten kann auch ein Delir bei älteren Erwachsenen auf VID-19 hinweisen. Stimmungsschwankungen, Verwirrung und Psychosen können auf eine unerkannte, sich langsam entwickelnde Hypoxie zurückzuführen sein. Allerdings gibt es Hinweise darauf, dass eine frühe Behandlung mit dem Antidepressivum Fluvoxamin in ausreichender Dosierung die Schwere des Verlaufs bei Infizierten positiv beeinflussen kann.
Long-VID interdisziplinär betrachten
Einige Patientinnen und Patienten berichten über länger anhaltende Symptome nach einer VID-19-Infektion, die allgemein als postakute Folgeerscheinungen und bei Bestehen über mehr als vier Wochen als Long-VID bezeichnet werden. Nicht selten werden Präventionsmaßnahmen gegen SARS-CoV-2 mit dem Syndrom begründet. Häufige Symptome sind Depressionen, Angstzustände, kognitive Beeinträchtigungen, Schlafstörungen, Kopfschmerzen und sensomotorische Beschwerden; führend ist aber die chronische Müdigkeit. Dr. Wolfgang Hausotter beschäftigt sich in dieser Ausgabe (Seite 28-32) intensiv mit dem Phänomen und den Herausforderungen in der interdisziplinären Diagnostik und Therapie. So sind die pathophysiologischen Vorgänge nach wie vor Gegenstand der Forschung. Erste Ergebnisse zu Biomarkern von Long-VID wie serologische Parameter und die "Handgriffstärke" liegen aber bereits vor. Solche objektivierbaren Größen sind für das unspezifische Syndrom wichtig. So ergab eine Studie aus dem Jahr 2021, dass 50 % der Long-VID-Erkrankten die Infektion durchlaufen hatten. Für die anderen 50 % konnte dies nicht nachgewiesen werden. Bislang wird symptomatisch therapiert. Unsicher bleibt, ob die gegen die akute VID-19-Infektion wirksamen Substanzen und Impfstoffe auch bei chronischen Verläufen helfen.
Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen bei der Lektüre des Artikels über chronische Erschöpfungssyndrome und natürlich der gesamten Ausgabe!
Ihr

