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. 2022 Oct 4;23(5):79–81. [Article in German] doi: 10.1007/s15202-022-5532-1

Zwischen Frust und Fachkräftemangel

Die Verdrossenheit der Ärzteschaft steigt − und das bereits bei der künftigen Generation

Hauke Gerlof 1,
PMCID: PMC9529332

Dauerbaustelle Digitalisierung, immer mehr Bürokratie, und die Liste nimmt noch kein Ende: Niedergelassene Ärzte haben manchen Grund, unzufrieden zu sein. Wie sich bei einer Diskussionsveranstaltung um die Gesundheitspolitik zeigte, versucht die Politik gegenzusteuern − zum Beispiel durch eine Entbudgetierung von Honoraren.

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Es herrscht zwar noch kein Mangel an Bewerbern um Studienplätze im medizinischen Bereich, aber die Unzufriedenheit der Ärzte im Beruf nimmt spürbar zu. Gleichzeitig wachsen die Befürchtungen, dass die Anzahl der jungen Nachrücker am Ende womöglich nicht ausreichen wird, um die aktuelle Versorgungssituation weiter aufrechtzuerhalten.

Zu diesen Ergebnissen kommt die Studie "Inside Heilberufe" der Deutschen Apotheker- und Ärztebank (apoBank) im Frühjahr [1]. Demnach bereitet der drohende Fachkräfte- und Ärztemangel den befragten Heilberuflern berufs- und altersgruppenübergreifend am meisten Sorgen (Abb. 1), gefolgt vom stetig zunehmenden bürokratischen Aufwand. Die Frage, wie das Gesundheitswesen künftig finanziert werden kann und soll, scheint den Befragten dagegen deutlich weniger Kopfzerbrechen zu bereiten. Für die Studie wurden insgesamt 500 Personen aus Heilberufen, darunter je 100 Haus-, Fach- und Zahnärzte, Apotheker sowie Medizinstudierende befragt.

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Die Sorge um den Ärztemangel trieb auch die Teilnehmenden an dem gesundheitspolitisch orientierten apoTalk-Spezial "Wachsende Unzufriedenheit beim Arztberuf - Kann Politik gegensteuern?" um. Einer der Gesprächsteilnehmer war Dr. Max Tischler, Sprecher des Bündnisses "Junge Ärzte", der analysierte, dass die Unzufriedenheit in der Praxis tatsächlich hoch sei, sich aber trotzdem nichts ändere.

Zu viel Bürokratie, zu wenig Budget

Der Dermatologe und Allergologe Tischler führte an, dass sich der bürokratische Aufwand im Vergleich zu der Zeit, als seine Eltern beruflich als Ärzte aktiv waren, stark erhöht habe. "Wir sind viel über den Patienten beschäftigt, nicht mehr so viel am Patienten." Und das ökonomische Korsett sei relativ "eng geschnürt"; insbesondere Gesprächsleistungen seien schlecht vergütet.

Nicht zuletzt müssten sich Ärzte mit digitalen Prozessen herumschlagen, die "überhaupt nicht an die Arbeitswirklichkeit angepasst" seien. "Aber der Beruf ist und bleibt wahnsinnig abwechslungsreich", hielt Tischler zugute. Außerdem seien der Sinn der Tätigkeit und das gesellschaftliche Ansehen der Ärzte unverändert hoch.

Sowohl Tischler als auch Augenarzt und MVZ-Gründer Dr. Daniel Krause wiesen darauf hin, dass die Ärzte der jungen Generation eher Teamplayer seien, die gerne mit Kollegen zusammenarbeiten und auch offen für die Delegation von Leistungen seien. "Ärzte müssen nicht alles selbst machen, sondern können als Supervisor mit den Gesundheitsfachberufen zusammenarbeiten", erklärte Tischler. Das sei vor allem in der Diagnostik der Fall. Krause hob hervor, dass die Klinik für Teamplayer durchaus "ein Stück weit schön" sein könne, "aber wer nicht Chefarzt ist, hat nicht so viele Möglichkeiten, etwas zu verändern, wie in der Praxis".

Er selbst sei eher weniger ein Teamplayer, hielt Haus- und Landarzt Lars Schläpfer, der aus der Schweiz zugeschaltet war, dagegen. Das habe sich im Laufe seines langen Berufslebens herausgestellt. Schläpfer zeigte sich zudem vor allem mit der Regelung in der Schweiz zufrieden, nach der er als Landarzt keiner Budgetierung unterliegt. Eine Situation, von der manche seiner deutschen Kollegen sicherlich träumen.

Koalition will die Budgetierung anheben

"Es wird eine Anhebung der Budgetierung der hausärztlichen Honorare geben", hakte hier die Bundestagsabgeordnete und Pädiaterin Nezahat Baradari von der SPD ein. Die Koalition werde versuchen, dieses Versprechen aus dem Koalitionsvertrag einzuhalten, auch wenn es angesichts der aktuellen Lage bei den Krankenkassen schwerfalle. Vor allem müsse die Koalition eine bedarfsgerechte Finanzierung für die Praxen auf dem Land in die Wege leiten. "Sonst werden diese Gebiete mehr und mehr absterben", fürchtet Baradari. Sie hofft auf eine Umsetzung des Fachkräfteeinwanderungsgesetzes nach der COVID-19-Pandemie. "Ohne qualifizierte Migration von Menschen mit gleichwertigen Abschlüssen werden wir es nicht schaffen", ist die Bundestagsabgeordnete überzeugt.

Ärztefamilien: Viel Stress bremst Nachahmer

Was Hänschen im Elternhaus lernt, das setzt Hans anschließend gerne auch im Berufsleben um. Das zeigt sich immer wieder in Ärztefamilien, in denen zumindest ein Teil der Kinder nicht nur den Beruf der Eltern wählt, sondern - wenn Vater, Mutter oder auch beide Eltern selbstständig sind - auch den Weg in die Niederlassung gehen.

Beim apoTalk bestätigte sich dieses Bild: Sowohl der Dermatologe Dr. Max Tischler als auch der Ophthalmologe Dr. Daniel Krause stammen aus Ärztefamilien und bekamen bereits als Kinder im Gespräch am Mittagstisch teilweise mit, welche Probleme ihre Eltern beschäftigten.

Bei Baradari ist es mit einer ihrer Töchter hingegen anders gelaufen. "Der Stresslevel ist unheimlich hoch", so Baradari. Auch noch am Abend nach Praxisschluss habe sie mit ihrem Mann häufig 20 bis 30 Anfragen von Krankenkassen, Gutachten, Gerichtsanfragen und Ähnliches mehr abarbeiten müssen. Die Quittung bekamen die Eltern, als eine der beiden Töchter "trotz Super-NC" und bestandenen Medizinertests am Ende doch nicht Medizin studieren wollte. "Ich kann die jüngere Generation verstehen, wenn sie sagen, dieses Leben möchten wir nicht leben. Wir möchten nachhaltig leben, mit unseren Familien sozial umgehen", kommentierte Baradari diese Entscheidung. Und: "Wir müssen uns nach den Wünschen der jüngeren Generation richten."

Nachgefragt.

"So viele Ärzte waren noch nie berufstätig in Deutschland"

Die Zahl der Ärzte im ambulanten Bereich steigt, trotzdem drohen Versorgungsengpässe. Wie das sein kann, erläutert apoBank-Spezialist Daniel Zehnich im Interview.

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Herr Zehnich, die Einkommenschancen für niedergelassene Ärzte sind nach wie vor gut, Risiken begrenzt. Dennoch scheinen wir in einen Ärztemangel in der ambulanten Medizin hineinzusteuern. Woran liegt das?

Daniel Zehnich: Es ist richtig, dass die Arbeit in einer eigenen Praxis nach wie vor durchaus attraktiv ist. Sie macht ökonomisch Spaß, liefert viel Gestaltungsspielraum rund um den eigenen Arbeitsplatz, und mit Familie und Privatleben ist sie in der Regel auch gut vereinbar - wenn nicht sogar besser als in der Anstellung. Trotzdem sinkt die Anzahl der Praxen kontinuierlich, sei es durch Schließungen oder Zusammenlegungen.

Nun sagt allein die Anzahl an Arztpraxen noch nicht viel über die ärztliche Versorgungssituation aus. Die entscheidende Größe ist dagegen, wie viele Ärzte im ambulanten Bereich insgesamt tätig sind und in welchem zeitlichen Umfang sie für die Versorgung zur Verfügung stehen. Tatsächlich ist die Anzahl an Köpfen in den letzten fünf Jahren um knapp 8 % gestiegen - dabei ist vor allem die Anstellung in einer Praxis für immer mehr Ärzte attraktiv.

Die Herausforderung für die medizinische Versorgung ist so gesehen keine Folge des Ärztemangels, denn so viele Ärzte wie heute waren noch nie berufstätig in Deutschland. Sie ergibt sich vielmehr aus der demografischen Entwicklung, da immer mehr Menschen mit zunehmendem Alter immer mehr medizinische Versorgung benötigen. Dieser steigende Behandlungsbedarf einer Gesellschaft des langen Lebens stellt uns aktuell vor die Frage: Wie finden wir ausreichend Ärzte sowie qualifiziertes Fachpersonal für Praxen und medizinische Einrichtungen, um auch in Zukunft eine hochwertige Versorgung zu gewährleisten?

Reicht der Zuwachs an angestellten Ärzten auch in Praxen und MVZ aus, um den drohenden Mangel auszugleichen?

Zehnich: Viele Mediziner sind heutzutage nicht mehr dazu bereit, lange Arbeitszeiten und viele Überstunden auf sich zu nehmen. Die Lebensentwürfe verändern sich und sehen weniger Beruf und mehr Privatleben vor. Dieser gesellschaftliche Trend führt auch in der Ärzteschaft dazu, dass mehr Köpfe nötig sind, um freie Stellen zu besetzen und das effektive Versorgungsangebot konstant zu halten. Da die medizinische Versorgung bereits jetzt an ihre Grenzen stößt, ist zu befürchten, dass die Schere zwischen Angebot und Nachfrage wohl in Zukunft noch weiter auseinanderklaffen wird.

Wo sehen Sie als Bank, für die Existenzgründungen von Heilberuflern eines ihrer Kerngeschäfte sind, Ihre Aufgabe in dieser Situation?

Zehnich: Zunächst möchte ich betonen, dass zwar die Gesamtzahl an Praxen in Deutschland kontinuierlich sinkt, doch die Zahl der ärztlichen Existenzgründungen stabil bis leicht steigend geblieben ist. Unsere Aufgabe als Bank ist vor allem, eine solide Beratung und unternehmerische Unterstützung anzubieten. Aus langjähriger Erfahrung wissen wir, dass viele Vorbehalte bezüglich der Niederlassung in Gesprächen ausgeräumt werden können und dass Risiken in Wahrheit gar nicht so groß sind, wie sie im Vorfeld wahrgenommen werden. Wir unterstützen aber nicht nur bei der Niederlassung, sondern begleiten auch die wirtschaftliche Entwicklung der Praxis, bieten Dienstleistungen für eine Optimierung sowie beraten ganzheitlich und lebenslang in allen Finanzfragen. Auch auf den Trend zu größeren Praxisstrukturen haben wir reagiert und bieten Ärzten mit großen BAG oder MVZ Begleitung durch spezialisierte Beraterinnen und Berater.

Ist der Strukturwandel hin zu größeren Einheiten aufzuhalten? Oder anders gefragt: Was kann junge Ärzte dazu bewegen, doch den Weg in die Niederlassung zu gehen?

Zehnich: Die neuen Strukturen und Gebilde entstehen nicht zuletzt deshalb, weil sie den Bedürfnissen der nachwachsenden Generation entsprechen. Es geht nicht darum, alle zur Niederlassung zu bewegen, sondern darum, die passende berufliche Option für jeden Einzelnen zu finden und anzubieten. Es gibt unterschiedliche Präferenzen, wie jemand einen Heilberuf ausüben möchte, und diese ändern sich je nach Lebensphase auch im Verlauf der Jahre. Gerade vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels brauchen wir Organisations- und Betriebsmodelle, die den unterschiedlichen Vorstellungen der Ärzte entsprechen. Aber auch die Patienten formen den Gesundheitsmarkt und nutzen verschiedene Versorgungsformen: Während für den einen das große interdisziplinäre Angebot von Vorteil ist, bevorzugt die andere die langfristige und enge Betreuung in der Hausarztpraxis um die Ecke. Deshalb ist aus meiner Sicht eine solche Vielfalt sehr gut.

Das Interview führte Hauke Gerlof.

Literatur

  • 1.Deutsche Apotheker- und Ärztebank (Hrsg.). Inside Heilberufe III - Werte, Ziele, Wünsche. 2022; https://go.sn.pub/eIgk5v. Letzter Zugriff am 12.7.2022

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