Die Frage, ob künstliche Hüftgelenke in Zukunft auch ambulant eingesetzt werden, wird in der Fachwelt kontrovers diskutiert. Was halten Sie von "Hip to go"?
Prof. Dr. Andreas Halder: Der Trend in der Medizin geht in Richtung Ambulantisierung. Das betrifft auch Therapien, für die das vor Jahren undenkbar war. Auch Behandlungskonzepte zur schnelleren und besseren Heilung nach Hüft- oder Kniegelenkersatz finden in Deutschland zunehmend Anwendung. Diese sogenannten Fast-Track oder auch Rapid Recovery genannten Konzepte haben zum Ziel, die Patientinnen und Patienten nach einem chirurgischen Eingriff schneller fit zu machen. Damit wird die Komplikationsrate gesenkt und die Dauer des Krankenhausaufenthaltes verkürzt.
Woher kommt dieser Trend?
Halder: Anfang der 1990er-Jahre forcierte der dänische Allgemeinchirurg Henrik Kehlet in Kopenhagen diese Entwicklung und half, die Verweildauer in den Krankenhäusern des Landes nach Hüft- oder Kniegelenk-ersatz auf zwei Tage zu senken; bei uns sind es durchschnittlich noch 7,2 Tage.
Was ist erforderlich, damit eine ambulante Behandlung erfolgreich ist?
Halder: Neben schonender Operation und Narkose ist ein besonderes Blut- und Schmerzmanagement erforderlich. Weiterhin ist die interdisziplinäre Zusammenarbeit aller beteiligten Berufsgruppen erforderlich. Unsere Pflegerinnen und Pfleger müssen hochqualifiziert sein und dafür kontinuierliche Schulungen zum Behandlungsprogramm erhalten. Pflegekräfte sollten eine wichtige Rolle in der präoperativen Klinik, der frühen postoperativen Phase und der Nachsorge nach der Entlassung spielen.
Für wen ist der ambulante Einsatz eines künstlichen Hüftgelenks von Vorteil?
Halder: Den ambulanten Eingriff begrüßen vor allem jüngere und berufstätige Patientinnen und Patienten. Studien zeigen, dass dieser bei etwa 15 % ohne Zunahme von Komplikationen oder Wiederaufnahmen durchführbar ist. Aber er ist auch im Interesse der Krankenkassen, deren finanzielle Mittel durch die COVID-19-Pandemie aufgebraucht sind und die sich dadurch Kosteneinsparungen erhoffen. So fordert der GKV-Spitzenverband, die Ambulantisierung in Deutschland voranzubringen, damit unnötige stationäre Krankenhausaufenthalte und die damit verbundenen Risiken für die Betroffenen vermieden werden können.
Wo gibt es gute Vorbilder dafür und was können wir von ihnen lernen?
Halder: In den USA und Kanada ist der ambulante Gelenkersatz schon lange etabliert. Neue Studien aus diesen Ländern haben jedoch gezeigt, dass im Falle bestehender schwerer Nebenerkrankungen nach einer ambulanten totalen Hüft- und Knieprothese mehr Komplikationen auftreten, als nach einer Entlassung nach einem ein- bis zweitägigen Krankenhausaufenthalt. Deshalb müssen präoperativ und vor Entlassung die Fälle identifiziert werden, bei denen das Risiko einer Komplikation oder Wiederaufnahme besteht und die dann geplant länger stationär bleiben.

Kann jede Klinik auf ambulantes Operieren umstellen?
Halder: Nein, nicht jede kann das. Ein Fast-Track-Behandlungskonzept muss etabliert sein und im Rahmen eines kurzen stationären Aufenthaltes bereits gut funktionieren. Dann kann man sich bei ausgewählten Patientinnen und Patienten an das ambulante Operieren des Gelenkersatzes wagen. Es gilt: erst besser, dann schneller!
Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Swetlana Meier, Berlin, Öffentlichkeitsarbeit DGU/DGOU
Mehr Informationen: www.dgou.de/presse
Quellen
Wainwright TW, Jakobsen DH, Kehlet H. The current and future role of nurses within enhanced recovery after surgery pathways. Br J Nurs. 2022 Jun 23;31(12):656-9
TW Wainwright, SG Memtsoudis, H Kehlet. Fast-track hip and knee arthroplasty ... how fast? Br J Anaesth. 2021 Feb;126(2):348-9
