Psychische Störungen im Kindes- und Jugendalter sind sehr häufig; sie stellen einen Schrittmacher für die Entwicklung weiterer psychischer Störungen dar und reduzieren die Lebensqualität der Kinder, Jugendlichen und deren Familien (Kim-Cohen et al. 2003; Celebre et al. 2021; Merikangas et al. 2010). Zudem manifestieren sich psychische Störungen mehrheitlich bereits im Kindes- und Jugendalter (Solmi et al. 2021). Dagegen steht, dass nur ca. jedes fünfte Kind oder Jugendliche mit einer psychisch beeinträchtigen Störung eine adäquate professionelle Behandlung erhält (Hintzpeter et al. 2014), und dies, obwohl Psychotherapie wirksam ist (Weisz et al. 2017).
In den 5 Beiträgen dieses Schwerpunkthefts zu Kindern und Jugendlichen werden Aspekte der psychotherapeutischen Versorgung, Resilienz und Erhebung anhand von Originalarbeiten und Übersichtsarbeiten vorgestellt.
Ein Grund für die geringe Inanspruchnahme von Psychotherapie kann in einer geringen mentalen Gesundheitskompetenz („mental health literacy“) liegen. Die Übersichtsarbeit von Edelmann et al. (2022) hat die Förderung der mentalen Gesundheitskompetenz im Jugendalter aufgegriffen. Sie gehen dabei den Fragen nach, welche Evidenzen es für die Förderung der mentalen Gesundheitskompetenz im Jugendalter im schulischen Setting gibt, und wie sich die praktische Umsetzung in Deutschland gestaltet.
Im Beitrag von Pfeiffer et al. (2022) geht es ebenfalls um die Verbesserung der mentalen Gesundheitskompetenz, im Sinne einer Wissensvermittlung durch eine Aufklärungsbroschüre für Jugendliche. Im Rahmen der Studie wurde die Informationsbroschüre „Normal? Was ist das schon!“ zum Thema Psychotherapie entwickelt und evaluiert. Ziel der Broschüre ist, durch Wissensvermittlung Barrieren zur Inanspruchnahme von Psychotherapie zu reduzieren und dadurch die Bereitschaft zur Aufnahme einer Psychotherapie zu steigern. Die Ergebnisse konnten dann auch zeigen, dass das Wissen zu diesem Thema signifikant zunahm.
Da die COVID-19-Pandemie zu einer deutlichen Zunahme psychischer Auffälligkeiten, insbesondere bei Jugendlichen, geführt hat (Ravens-Sieberer et al. 2021), sind auch die Wartezeiten für eine Behandlung drastisch angestiegen. Nicht nur wirkte sich die Pandemie auf Kinder, Jugendliche und deren Familie aus, sondern auch auf das gesamte Versorgungssystem, wie Psychotherapeut:innen. Dies ist Inhalt des Artikels von Plötner et al. (2022). In einer Online-Umfrage haben 324 Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut:innen teilgenommen. Diese wurden zur psychischen Situation von Kindern und Jugendlichen sowie zu ihrer psychotherapeutischen Versorgung im Vergleich von vor und während der COVID-19-Pandemie erfragt. Wie erwartet, hat sich die psychische Verfassung der Patient:innen häufig verschlechtert, und die psychotherapeutische Versorgung wurde insofern erschwert, dass sich die Wartezeiten auf einen Therapieplatz und auch die Dauer der Therapien drastisch verlängert haben.
Die Ausbildung von Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut:innen ist Thema des Beitrags von Schwarz und In-Albon (2022). Dabei liegt der Fokus auf der Supervision in der Ausbildung, insbesondere Themen der Supervision und Einflussfaktoren. Verbesserungsbedarf zeigte sich insbesondere beim Einsatz von Video und anderen aktiven Techniken in der Supervision.
Im Übersichtsartikel von Kaurin und Kolar (2022) geht es um den Einsatz von ambulantem Assessment in der klinischen Kinder- und Jugendpsychologie. Interventionen müssen stetig verbessert werden, beispielsweise durch Individualisierung der Therapie an den Alltag von Kindern, Jugendlichen und deren Familien. Um dies entsprechend gestalten zu können, braucht es ein besseres Verständnis des Verhaltens und Erlebens in alltäglichen Situationen von Kindern und Jugendlichen, unter Berücksichtigung von Kontext und dynamischen Prozessen.
Das Kindes- und Jugendalter ist eine vulnerable Zeit für die Entwicklung psychischer Störungen, die dann häufig persistieren. Es ist daher essenziell, zum einen psychische Störungen besser zu verstehen, zum anderen Präventions- und Therapiemöglichkeiten sowie deren Umsetzung stetig weiterzuentwickeln und zu verbessern. Dazu soll dieses Schwerpunktheft anregen.
Landau, im Juli 2022
Prof. Dr. Tina In-Albon
Interessenkonflikt
T. In-Albon gibt an, dass kein Interessenkonflikt besteht.
Footnotes
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Literatur
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