Werte Leserinnen!
Werte Leser!
Der heiße Sommer ist vorbei, und jetzt, Mitte September, packen wir schon die Wintermäntel aus. Die Energie- und Heizkostenexplosion bestimmt die Tagespolitik, und nicht zu Unrecht sorgen sich viele Österreicher*innen über die finanziellen Belastungen der nächsten Monate und Jahre. Interessant zu bemerken ist, dass die Berichterstattung über die nach wie vor anhaltende COVID-19 Pandemie deutlich abgeflacht ist; man hat sich also an deren Koexistenz gewöhnt.
COVID-19 und Influenza
Erst in den letzten Wochen hat der US-amerikanische Präsident Biden das Ende der Pandemie in den USA verkündet, vermutlich nicht zur Freude seiner beratenden Wissenschaftler. Denn es ist zu erwarten, dass die Neuinfektionen im Herbst und Winter wieder deutlich steigen werden. Auch muss man mit dem Auftreten neuer Varianten rechnen, deren biologisches Verhalten unabsehbar ist. Zusätzlich beunruhigend ist, dass wir mit einem starken Influenzajahr rechnen müssen, wie uns das Beispiel Australien gezeigt hat. Und dann haben wir noch die Affenpocken, die es allerdings noch nicht (ganz) in den medialen Mainstream geschafft haben.
Laut Robert Koch Institut hat die Impfung nach wie vor eine hohe Schutzwirkung vor einem schweren COVID-19 Krankheitsverlauf durch die Omikron-Variante. Allerdings sind in Österreich nur etwa 57 % der Bevölkerung grundimmunisiert (d. h. 3 Impfdosen; Quelle: BMSGPK). Seit kurzem sind auch in Österreich angepasste (auf Omikron BA.1 bzw. BA.4/5), bivalente mRNA-Impfstoffe erhältlich.
Eine rezente Studie im New England Journal of Medicine (NEJM) zeigte, dass der angepasste Impfstoff von Moderna höhere Antikörper-Titer gegen Omikron induzierte als der Originalimpfstoff, speziell bei Personen, die vorher nicht mit Omikron infiziert waren [1]. Es ergaben sich keine zusätzlichen Sicherheitssignale. Abzuwarten bleibt, ob diese Impfstoffe tatsächlich effektiver symptomatische Infektionen mit Omikron-Varianten verhindern bzw. die Infektiosität infizierter Personen senken können. Optimistisch mag einen stimmen, dass Personen mit durchgemachter Omikron BA.1/BA.2-Infektion deutlich besser gegen die BA.5 Variante geschützt sind, als Personen mit Infektionen durch nicht-Omikron-Varianten [2]. Eine stetige Anpassung der Impfstoffe erscheint daher sinnvoll, ähnlich wie bei der Influenza.
Eine stetige Anpassung der Impfstoffe erscheint sinnvoll
Positiv zu vermerken ist auch, dass potente antivirale Medikamente jetzt breit zugänglich sind und auch gut zu wirken scheinen. Zum Beispiel zeigte eine rezente Studie, dass der Proteasehemmer Nirmatrelvir signifikant Hospitalisierungsrate und Todesfälle bei Omikron-Infizierten senken konnte [3]. Dies traf speziell auf über 65-Jährige zu, während jüngere Personen keinen Benefit erfuhren.
Zwischenzeitlich gab es mediale Besorgnis über sogenannte Rebound-Phänomene bei Nirmatrelvir–Ritonavir behandelten Personen, d. h. das neuerliche Auftreten von erhöhter Viruslast und sogar von Symptomen nach anfänglicher Verbesserung. Allerdings zeigen Vergleichsstudien, dass Rebounds auch bei Plazebo-behandelten Patient*innen in einem ähnlichen (und insgesamt sehr geringen Prozentsatz) vorkommen [4]. Frühe antivirale Medikation bei älteren Personen und Risikopatienten ist daher zu empfehlen.
Frühe antivirale Medikation bei älteren Personen und Risikopatienten ist zu empfehlen
Eine andere Frage ist natürlich auch, wie sich derartige Therapien auf Langzeitfolgen der SARS-CoV‑2 Infektion auswirken. Risikofaktoren für den breiten Symptomenkomplex von „Long-Covid“ inkludieren weibliches Geschlecht, Zugehörigkeit zu einer ethnischen Minderheit, Rauchen, Fettleibigkeit und eine Reihe anderer Ko-Morbiditäten, wie etwa COPD, Fibromyalgie und neuro-psychiatrische Konditionen (z. B. Depression) [5].
Da die Pathogenese von „Long-Covid“ weiterhin im Dunklen liegt, ist die Frage der effektiven Prävention durch antivirale Medikation derzeit allerdings nicht zu beantworten. Hier werden vermutlich noch Jahre vergehen, bis man weiß, ob und wie man „Long-Covid“ verhindern kann.
Affenpocken: Demographische und klinischen Charakteristika
Bezüglich Affenpocken erscheinen zunehmend Publikationen zu demographischen und klinischen Charakteristika der Infektion [6], welche im Wesentlichen mit den in meinem letzten Editorial beschriebenen Symptomen und Zeichen ident sind. Genauere phylogenomische Analysen liefern interessante Daten zur Evolution des Affenpockenvirus. So gehört das für den Ausbruch 2022 verantwortliche Virus zum Clade 3 der monkeypox Viren (MPXV).
Glücklicherweise lösen MXPV Clade 3‑Viren mildere Verläufe aus als Clade 1‑Viren, bei denen man eine bis zu 10-prozentige Mortalität bei Infizierten findet. Das 2022 MXPV bildet eine eigene Sublinie (B.1) in Clade 3, am nächsten verwandt mit Viren, die einen großen endemischen Ausbruch in Nigeria 2017–2018 verursachten [7].
Die nächsten Monate werden zeigen, ob das Affenpocken-Virus im menschlichen Wirt weiter mutiert
Man spekuliert, dass der derzeitige Ausbruch daher von einem einzelnen Ursprung ausgeht [7]. Allerdings findet man Zeichen beschleunigter Evolution von MXPV 2022, was für Orthopoxviren ungewöhnlich ist [7]. Das könnte die humane Adaptation des Virus fördern, und zu einer erhöhten Übertragbarkeit führen. Die nächsten Monate werden zeigen, ob das Virus im menschlichen Wirt weiter mutiert und sich Klinik und Transmissibilität verändern.
Entwicklungen in der Dermatologie
An dieser Stelle möchte ich wieder auf einige Entwicklungen in der Dermatologie aufmerksam machen. Eine kürzlich im NEJM publizierte, nicht-randomisierte Phase 2 Studie zur neo-adjuvanten Therapie resezierbarer Plattenepithelkarzinome (SCC) der Haut Stadium II–IV zeigte ein komplettes pathologisches Ansprechen bei 51 % (40/79) der Patient*innen (mit anderen Worten, im OP-Präparat dieser Patient*innen zeigten sich keine viablen Tumorzellen)[8].
Bei 87 % der Patient*innen traten unerwünschte Wirkungen auf (sowohl Therapie-induziert oder unabhängig davon). Hochgradige Nebenwirkungen waren allerdings selten. Diese Studie bestätigt das gute Ansprechen von kutanen SCC auf Immuncheckpoint-Inhibitoren, die in der Zukunft sicher vermehrt im adjuvanten und neo-adjuvanten Setting eingesetzt werden.
Neuer Ansatz in der Therapie des SLE
Einen neuen Ansatz zur Therapie des Systemischen Lupus erythematosus (SLE) ist der monoklonale Antikörper Litifilimab, der gegen das blood dendritic cell antigen 2 (BDCA2) an plasmazytoiden dendritischen Zellen (PDC) gerichtet ist. PDC produzieren Typ I Interferone, welche in der Pathogenese des SLE involviert sind.
Eine randomisierte Phase II Studie an 132 SLE-Patient*innen über 24 Wochen zeigte nun, dass Litifilimab zu einer höheren Reduktion der Zahl geschwollener und schmerzhafter Gelenke führte [9]. Allerdings ergab sich kein Vorteil in der Behandlung von Hautbeteiligungen im Vergleich zu Plazebo. Nebenwirkungen betrafen das Auftreten viraler Infektionen, wie etwas H. zoster, in beiden Gruppen. Auch wenn die Resultate dieser Studie auf den ersten Blick nicht spektakulär erscheinen, stellt Litifilimab möglicherweise eine interessante Steroid-sparende Alternative in der Therapie des SLE in der Zukunft dar.
In dieser Ausgabe von hautnah finden Sie cutting-edge Beiträge zu folgenden Themen:
Gregor Holzer präsentiert einen Überblick zur Therapie der atopischen Dermatitis (AD) mit Janus-Kinase (JAK) Inhibitoren. Diese Medikamente blockieren Signalstransduktionswege wichtiger Zytokine, die in der Pathogenese der AD involviert sind. Derzeit sind drei orale JAK-Inhibitoren zugelassen, die sich im klinischen Ansprechen anderen zur Verfügung stehenden Therapien als überlegen gezeigt haben. Die Verwendung von JAK-Inhibitoren wird der Biologikatherapie der AD gegenüber gestellt.
Christina Ellersdorfer und Kollegen präsentieren ein Update zum oralen Lichen planus, einer für betroffene Patient*innen sehr unangenehmen, weil schmerzhaften, Erkrankung der Mundschleimhaut. Da der orale Lichen planus eine fakultative Präkanzerose darstellt, sind die differentialdiagnostische Abklärung, das Monitoring und die Therapie sehr wichtig. Die Pathogenese der Erkrankung ist, obwohl wahrscheinlich immun-mediiert, nach wie vor unklar. Diskutiert werden klinisches Bild, diagnostische Kriterien sowie topische und systemische Therapieansätze für diese chronische Erkrankung.
Teresa Bangerl und Wolfram Hötzenecker diskutieren den Lichen sclerosus et atrophicus (LSA), eine vorwiegend im Anogenitalbereich auftretende chronisch-entzündliche Dermatose. Ähnlich wie beim Lichen planus ist die Pathogenese nicht geklärt, obwohl das Immunsystem sicher den treibenden Faktor darstellt. Die Erkrankung kann im Kindes- und Erwachsenenalter auftreten, wird aber oft erst spät erkannt. Da der LSA schwerwiegende Komplikationen im Genitalbereich hervorrufen kann, muss er entsprechend therapiert werden.
Ich wünsche Ihnen viel Spaß beim Lesen dieser Ausgabe von hautnah.
Hochachtungsvoll, Ihr
Wolfgang Weninger
Interessenkonflikt
W. Weninger erhielt Vortrags- und/oder Beratungshonorare von Sanofi.
Footnotes
Hinweis des Verlags
Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral.
Literatur
- 1.Chalkias S, et al. A bivalent omicron-containing booster vaccine against Covid-19. N Engl J Med. 2022 doi: 10.1056/NEJMoa2208343. [DOI] [PMC free article] [PubMed] [Google Scholar]
- 2.Malato J, et al. Risk of BA.5 infection among persons exposed to previous SARS-CoV-2 variants. N Engl J Med. 2022;387(10):953–954. doi: 10.1056/NEJMc2209479. [DOI] [PMC free article] [PubMed] [Google Scholar]
- 3.Arbel R, et al. Nirmatrelvir use and severe Covid-19 outcomes during the omicron surge. N Engl J Med. 2022;387(9):790–798. doi: 10.1056/NEJMoa2204919. [DOI] [PMC free article] [PubMed] [Google Scholar]
- 4.Annaliesa SA, et al. Nirmatrelvir-Ritonavir and viral load rebound in Covid-19. N Engl J Med. 2022;387(11):1047–1049. doi: 10.1056/NEJMc2205944. [DOI] [PMC free article] [PubMed] [Google Scholar]
- 5.Subramanian A, et al. Symptoms and risk factors for long COVID in non-hospitalized adults. Nat Med. 2022;28(8):1706–1714. doi: 10.1038/s41591-022-01909-w. [DOI] [PMC free article] [PubMed] [Google Scholar]
- 6.Girometti N, et al. Demographic and clinical characteristics of confirmed human monkeypox virus cases in individuals attending a sexual health centre in London, UK: an observational analysis. Lancet Infect Dis. 2022;22(9):1321–1328. doi: 10.1016/S1473-3099(22)00411-X. [DOI] [PMC free article] [PubMed] [Google Scholar]
- 7.Isidro J, et al. Phylogenomic characterization and signs of microevolution in the 2022 multi-country outbreak of monkeypox virus. Nat Med. 2022;28(8):1569–1572. doi: 10.1038/s41591-022-01907-y. [DOI] [PMC free article] [PubMed] [Google Scholar]
- 8.Gross ND, et al. Neoadjuvant Cemiplimab for stage II to IV cutaneous squamous-cell carcinoma. N Engl J Med. 2022 doi: 10.1056/NEJMoa2209813. [DOI] [PMC free article] [PubMed] [Google Scholar]
- 9.Furie RA, et al. Trial of anti-BDCA2 antibody Litifilimab for systemic lupus erythematosus. N Engl J Med. 2022;387(10):894–904. doi: 10.1056/NEJMoa2118025. [DOI] [PubMed] [Google Scholar]
