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. 2022 Dec 19:1–7. [Article in German] Online ahead of print. doi: 10.1007/s00113-022-01268-8

Schockraumpatienten vor und während der COVID-19-Pandemie

Trauma emergency room cases before and during the COVID-19 pandemic

Data from an alpine trauma center

R Mayr 1,, A Iltchev 1, A Bonatti 1, B Forstner 1, J Fritz 2, E Gassner 3, R Arora 1
PMCID: PMC9761024  PMID: 36534361

Abstract

Introduction

The COVID-19 pandemic had a strong impact on the work of trauma medical teams. The aim of the study was to compare the trauma emergency room (TER) incidence and trauma mechanisms before and during the pandemic at a level I trauma center.

Objective

The TER incidence before and during the pandemic should be assessed to be prepared for future pandemics or new COVID-19 outbreaks.

Material and methods

Medical charts from all TER patients from March 2019 to February 2021 were analyzed. The incidence and trauma mechanisms of the 12 months before and the 12 months during the pandemic were compared. The trauma distribution and severity were described by the AIS and ISS, and the patients’ country of residency was noted.

Results

The TER cases decreased from 694 before the COVID-19 pandemic to 477 cases during the pandemic (Incidence rate 0.69). The strongest decrease in trauma cases was noted in sports injuries (0.55), followed by suicide attempts (0.63), traffic accidents (0.71) and leisure accidents (0.76). The rate of patients with severe injuries (ISS ≥ 16) was comparable with 40% before the pandemic and 44% during the pandemic. Foreign residency of TER patients shifted from 37% before the pandemic to 16% during the pandemic. The number of foreign patients was significantly reduced during the pandemic (257 vs. 77).

Discussion

The TER incidence significantly decreased during the pandemic due to the imposed lockdowns during the peak winter tourism season. The rate of foreign TER patients changed during the pandemic, while the rate of severely injured patients remained stable.

Keywords: Corona, Injury, Accident, Incidence, Severety

Einleitung

Die COVID-19-Pandemie veränderte das Leben auf der ganzen Welt und hatte starke Auswirkungen auf die Arbeit von traumatologischen Teams. Mit den ersten registrierten Fällen in Wuhan beginnend, verbreitete sich das Virus weltweit [19]. Auf der ganzen Welt hatten die nationalen Gesundheitsbehörden Schwierigkeiten, das Virus einzudämmen, weshalb viele Länder Ausgangssperren einführten. Diese reichten von harten Lockdowns bis hin zum Lockdown light und hatten dementsprechend unterschiedliche Einschränkungen der Bevölkerungsaktivität. Italien hatte den 1. nachgewiesenen Fall in Europa am 20.01.2020 [17]. Als Nachbarland hat Österreich kurz darauf am 25.02.2020 seinen 1. Fall gemeldet. Daraufhin hat die österreichische Regierung im folgendem Jahr 3 landesweite harte Lockdowns verhängt. Während des 1. Lockdowns (16.03.2020 bis 13.04.2020) reduzierte das Land die Bevölkerungsaktivität und die sozialen Kontakte drastisch, indem es den nichtversorgungsrelevanten Handel und Tourismus (einschließlich der Skigebiete) schließen ließ. Mit dem 14.04.2020 öffneten einige wenige Geschäfte wieder bis hin zu einer schrittweisen Wiedereröffnung des restlichen Handels und Tourismus im Sommer 2020. Der 2. Lockdown (03.11.2020 bis 07.12.2020) ähnelte dem ersten. Der Handel wurde vor den Weihnachtsferien wiedereröffnet. Gastronomie, Tourismus und Handel waren für die 3. Lockdownperiode (26.12.2020 bis 07.02.2021) geschlossen. Die Skigebiete wurden jedoch am 24.12.2020 geöffnet [3]. Während dieser Zeit wurden immer wieder Ein- bzw. Durchreiseverbote verhängt. Diese wurden zwischendurch gelockert und teilweise auch vollständig aufgehoben, v. a. zu Hauptsaisons [2].

Mehrere Studien berichteten über einen starken Rückgang von Traumata, Unfällen und Notaufnahmen während der COVID-19-Pandemie [12, 13, 16, 20]. Traumamechanismen veränderten sich ebenfalls während der Pandemie, da weniger Sportunfälle auftraten [12, 20]. Anderen Mechanismen, wie Suizidversuche, wurde in der bisher veröffentlichten Literatur wenig Beachtung geschenkt. Eine Studie von Maleitzke et al. war eine Ausnahme bei einer kleinen Gruppe von untersuchten Patienten [12]. Bei Veränderungen der Mechanismen könnte daher eine Veränderung des Traumagrads festgestellt werden. Während eine Studie aus der Schweiz einen signifikanten Rückgang des Grades von März 2019 bis April 2019 und im Laufe des Jahres 2020 berichtete, zeigte eine Studie aus Italien [8] umgekehrt keine Veränderung des Traumagrads durch die COVID-19-Pandemie von September 2019 bis November 2019 vs. Februar 2020 bis Mai 2020. Da das Reisen während mehrerer Perioden der Pandemie eingeschränkt war, gab es eine Veränderung bei der Anzahl der Touristen. Dies könnte auch die Verteilung von Traumapatienten verändert haben, wurde aber noch nicht berichtet.

Nach Kenntnis der Autoren haben sich noch keine Studien auf Schockräume (SR) während der Pandemie konzentriert. Dies würde einen Überblick über die Veränderung potenziell schwerer Traumafälle geben, die während der Pandemie auftraten.

Ziel der Studie ist die Beobachtung der Auswirkungen der COVID-19-Pandemie auf das Aufkommen von Schwerverletzten im Sinne der SR-Inzidenz vor und während der Pandemie in einem Traumazentrum der Stufe I. Zunächst wurde die Hypothese aufgestellt, dass die Zahl der SR-Fälle während der Pandemie im Vergleich zum Vorjahr deutlich zurückgegangen ist. Die 2. Hypothese war, dass sich die Traumamechanismen von SR-Patienten während der Pandemie veränderten.

Methodik

Die Krankenakten aller Patienten, die vom 01.03.2019 bis 28.02.2021 im SR der Universitätsklinik für Orthopädie und Traumatologie Innsbruck aufgenommen wurden, wurden retrospektiv erfasst. Der Zeitraum vom 01.03.2019 bis 29.02.2020 lag vor dem Ausbruch der COVID-19-Pandemie in Österreich (PRÄ-COVID). Es wurde mit dem Zeitintervall während der Pandemie von 01.03.2020 bis 28.02.2021 verglichen (während COVID). Nicht primär traumatische Fälle, die in andere Abteilungen (z. B. Herzchirurgie, Innere Medizin) verlegt wurden, wurden von der Analyse ausgeschlossen. Die Traumamechanismen wurden in folgende Gruppen eingeteilt: Freizeitunfälle, Arbeitsunfälle, Suizidversuche, Verkehrsunfälle und Sportverletzungen. Verletzungen wurden mit dem Abbreviated Injury Scale (AIS) klassifiziert, und der Injury Severity Score (ISS) wurde für jeden Patienten berechnet [7]. Patienten mit einem ISS ≥ 16 wurden als Schwerverletzte definiert [6]. Das Heimatland der Patienten wurde ebenfalls erfasst.

Gemäß den örtlichen Vorschriften sollten Patienten in den SR verlegt werden, wenn sie sich mit mindestens einem der folgenden Symptome oder Verletzungsmechanismen vorstellen: systolischer Blutdruck < 90 mm Hg nach Trauma, penetrierende Verletzung des Rumpfes oder Halses, Schussverletzung Oberkörper oder Nacken, Glasgow Coma Scale (GCS) < 9, Atemwegsnotfall oder Intubation nach einem Trauma, > 2 Brüche langer Röhrenknochen, Thoraxtraumata, Beckenbruch, Amputation proximal von Händen und Füßen, Wirbelsäulenverletzung mit neurologischer Störung, offenes Schädel-Hirn-Trauma (SHT), Brandverletzung > 20 % Körperfläche oder > 2b, Sturz aus > 3 m Höhe, Verkehrsunfall mit Frontalkollision und Autoeinbruch > 50 cm, Tod oder Herausschleudern eines Autoinsassen, plötzlicher Geschwindigkeitsabfall > 30 km/h, Verkehrskollision mit Fußgänger oder Motorrad oder Verlegung von einem externen Krankenhauses mit denselben Symptomen bzw. Mechanismen.

Patienten mit schweren Verletzungsmechanismen oder Anzeichen multipler Verletzungen wurden einer Ganzkörper-CT unterzogen. Patienten mit isolierten Kopfverletzungen wurden mit CCT- und HWS-CT-Scans untersucht.

Die Schockräume wurden von Fach- bzw. Oberärzten der Unfallchirurgie und Anästhesie geführt, welche alle einen ATLS-Kurs besucht haben. Klinikintern gab es zusätzlich eine SOP, welche sich an die S3-Leitlininen und ATLS-Guidelines anlehnen.

Die Studie wurde von der lokalen Ethikkommission genehmigt.

Die statistische Analyse wurde mit IBM Statistics SPSS 27 (Armonk, NY, USA) durchgeführt. Kontinuierliche Daten werden mit dem Median (25–75 % IQR) beschrieben und unter Verwendung des Mann-Whitney-U-Tests verglichen. Kategorische Daten wurden unter Verwendung des Exakten Fisher-Tests verglichen. Unterschiede in der Anzahl der Patienten (Inzidenzraten) zwischen dem 01.03.2019 und dem 29.02.2020 (vor COVID) und vom 01.03.2020 bis zum 28.02.2021 (während COVID) wurden mithilfe des exakten Poisson-Tests (auch bekannt als c‑test) geprüft [18]. Das Signifikanzniveau wurde auf p < 0,05 festgelegt.

Ergebnisse

Die Gesamtzahl der SR-Fälle sank von 694 im Jahr vor der COVID-19-Pandemie auf 477 im Jahr während der Pandemie (Inzidenzrate 0,69, p < 0,01). Beide Gruppen waren von der Alters- und Geschlechterverteilung vergleichbar (PRÄ-COVID vs. Pandemie: Alter 43,6 ± 24 vs. 44,9 vs. 23,6 Jahre, p = 0,39; weiblich: 179 (26 %) vs. 123 (26 %) p = 1,0). Die SR-Inzidenz pro Monat vor und während der Pandemie ist in Abb. 1 dargestellt. Während der 1. und 3. Lockdown-Phase gingen die SR-Fälle im Vergleich zum gleichen Zeitraum ein Jahr zuvor signifikant zurück (p < 0,001; Tab. 1). Die SR-Inzidenz-Rate war für alle 3 Lockdown-Phasen signifikant niedriger im Vergleich zur Lockdown-freien Sommerzeit (Lockdown 1: p < 0,001, Lockdown 2: p = 0,003, Lockdown 3: p < 0,001, Durchschnitt Lockdowns 1–3 vs. Sommerzeit: p < 0,001). Die Lockdown-freie Sommerzeit während der Pandemie war mit derselben Zeitperiode vor Pandemie vergleichbar (332 vs. 203 SR in 184 Tage, p = 0,128).

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Tage Periode SR-Patienten
2019/2020 PRÄ-COVID (n)
SR pro Tag 2019/2020 SR-Patienten
2020/2021 während COVID (n)
SR pro Tag 2020/2021 p-Werta
1. Lockdown 29 16.03.–13.04 58 2,0 14 0,5 < 0,001
2. Lockdown 34 03.11.–06.12 33 1,0 35 1,0 0,904
3. Lockdown 44 26.12.–07.02 107 2,4 34 0,8 < 0,001

aPoisson-Test: Analyse von Unterschieden in der Verteilung von SR-Fällen zwischen PRÄ-COVID- und während COVID-19-Zeiträumen

Die Verteilung der Traumamechanismen ist in Tab. 2 angegeben. Der stärkste Rückgang der Patienten wurde bei Sportverletzungen festgestellt, gefolgt von Suizidversuchen, Verkehrsunfällen und Freizeitunfällen. Traumata durch lokale Sommersportarten wie Fahrradunfälle, Gleitschirmfliegen und Klettern haben im Vergleich zum Vorjahr deutlich zugenommen. Die Zahl der Arbeitsunfälle hat sich diesbezüglich nahezu nicht verändert.

PRÄ-COVID, n (%) Während COVID, n (%) Inzidenzrate p-Werta Total, n
Freizeitunfälle 239 (34%) 183 (38%) 0,76 0,173 422
Abstürze 163 134 0,82
Fahrzeug/Sport 26 4 0,15
Verbrennungen 13 14 1,08
Ertrinken 5 3 0,6
Unfälle mit Tieren 4 8 2
Holzarbeiten 2 4 2
Andere 24 16 0,67
Suizidversuche 19 (3%) 12 (2,5%) 0,63 0,855 31
Arbeitsunfälle 53 (7%) 50 (10%) 0,94 0,094 103
Abstürze 25 22 −0,88
Fahrzeuge 8 0 0
Holzarbeiten 4 10 2,5
Unfälle mit Einklemmen 2 4 2
Maschinenunfälle 1 6 6
Andere 13 8 0,62
Verkehrsunfälle 137 (20%) 97 (20%) 0,71 0,824 234
Autos 56 34 0,61
Motorräder 42 31 0,74
Fußgänger 23 20 0,87
Fahrräder 14 10 0,71
Andere 2 2 1
Sportunfälle 246 (35%) 135 (28%) 0,55 0,011 381
Ski/Snowboard 170 37 0,22
Mountainbike 18 20 1,11
Andere Fahrräder 7 27 3,86
Paragleiten 7 13 1,86
Klettern 6 8 1,33
Rennrad 6 3 0,5
E‑Bike 3 5 1,67
Rodeln 1 8 8
Andere 28 14 0,5
Total: 694 477 0,69 <0,001 1171

aExakter Fisher-Test: Analyse von Unterschieden in der Verteilung von Traumamechanismen zwischen PRÄ-COVID und während COVID. Die Gesamtzahlen wurden unter Verwendung des Poisson-Tests verglichen

Die Schwere der Verletzung und die verletzten Regionen sind in Tab. 3 angegeben. Während der Pandemie zeigte sich ein signifikant höherer ISS im Vergleich zum Jahr vor der Pandemie. Die Rate der Patienten mit schweren Verletzungen (ISS ≥ 16) war jedoch zwischen beiden Gruppen vergleichbar (PRÄ-COVID vs. während COVID, 280 (40 %) vs. 211 (44 %), p = 0,27). Der mediane ISS pro Monat vor und während der Pandemie ist in Abb. 2 dargestellt. Die AIS-Werte waren zwischen beiden Gruppen vergleichbar.

PRÄ-COVID Während COVID p-Werta
n Median
(25–75 IQR)
n Median
(25–75 IQR)
ISS 694 16 (6–26) 477 17 (9–29) 0,016
AIS
Kopf 343 3 (2–5) 239 4 (2–5) 0,4
Gesicht 116 3 (1–4) 112 3 (1,25–3) 0,896
Hals 11 2 (2–4) 8 3,5 (2–4) 1
Wirbelsäule 181 3 (2–3) 121 3 (2–3,5) 1
Thorax 201 3 (2–3) 149 3 (2–3) 1
Abdomen 125 3 (2–3) 51 3 (2–3) 1
Obere Extremität 147 2 (2–3) 142 2 (2–3) 1
Untere Extremität 166 3 (2–3) 126 3 (2–4) 1

aMann-Whitney-U test: Analyse um die Mediane der ISS Werte und AIS Skala PRÄ-COVID und während COVID zu vergleichen

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Die Zahl der SR-Patienten aus Österreich ging während der Pandemie nicht signifikant zurück (437 vs. 400, p = 0,213). Allerdings war die Zahl der ausländischen Patienten während der Pandemie signifikant reduziert (257 vs. 77, p < 0,001; Tab. 4).

n (%) p-Werta
PRÄ-COVID Während COVID
Österreich 437 (63) 400 (84) < 0,01
Deutschland 135 (19) 45 (9) < 0,01
Niederlande 34 (5) 4 (1) 0,3
Vereinigtes Königreich 12 (2) 1 (0,2) < 0,01
Italien 10 (1) 6 (1) 1
Andere 66 (9,5) 21 (4) 0,3
Total 694 (100) 477 (100)

aExakter Fisher-Test: Zur Analyse der Unterschiede der Herkunftsländer PRÄ-COVID und während COVID

Diskussion

Es wurde über die Inzidenz und Traumamechanismen von SR-Patienten vor und während der COVID-19-Pandemie in einem Level-I-Traumazentrum berichtet. Während der Pandemie wurde insgesamt ein Rückgang der SR-Patienten, insbesondere mit weniger Sportunfällen und weniger ausländischen Patienten, beobachtet. Die Quote der Schwerverletzten hat sich nicht verändert.

Das untersuchte Krankenhaus stellt ein Level-I-Traumazentrum in einer alpinen Region mit einem starken Anstieg an Traumapatienten in den Wintermonaten aufgrund des Wintertourismus dar. Dies zeigte sich an den höheren SR-Zahlen in den Wintermonaten Dezember bis Februar 2019. Die Zahl der SR-Patienten ging mit dem 1. harten Lockdown in Österreich (01.03.2020 bis 13.04.2020) mit etwa −76 % im Vergleich zum gleichen Zeitraum im Jahr 2019 stark zurück (58 vs. 14 Patienten). Ein ähnlicher Trend wurde in einem Level-II-Traumazentrum in den Vereinigten Staaten von Amerika beobachtet, das von Februar 2020 bis März und April 2020 einen Rückgang der Traumafälle um insgesamt −57 % meldete [10].

Während des 1. Lockdowns in Österreich kam es in Tirol, Österreich, zu einem Bevölkerungsrückgang um insgesamt 30 % aufgrund abwesender Touristen und ausländischer Studenten [11]. Krösbacher et al. [11] analysierten Notrufe vom 15.03.2020 bis 15.05.2020 und verglichen sie mit den Daten desselben Zeitraums 2017–2019 in Tirol, Österreich. Sie meldeten −26,4 % (2937 vs. 2161) Anrufe aufgrund von Verkehrsstörungen.

Während des 1. Lockdowns in Deutschland (16.03.2020 bis 19.04.2020) ist die Zahl der Notfälle in Berlin im Vergleich zum gleichen Zeitraum im Vorjahr (16.03.2019 bis 19.04.2019) um −37,1 % zurückgegangen, gleich wie ein Rückgang von −34,9 % bei Verkehrsunfällen [12]. In Barcelona haben Nuñez et al. [13] berichtet, dass in den ersten 20 Tagen der Pandemie nur ein Viertel der Traumafälle gemeldet wurde, im Vergleich zu anderen ähnlichen übereinstimmenden Zeiträumen. In einem Bericht aus der Schweiz berichten Halvachizadeh et al. [9] einen allgemeinen Rückgang von −31,2 % bei Traumapatienten in Zürich vom 01.03.2020 bis 15.04.2020, verglichen mit dem gleichen Zeitraum vor der COVID-19-Pandemie im Jahr 2019 [9].

In Tirol, Österreich, stieg nach Öffnung der Geschäfte am 14.04.2020 die Zahl der Notrufe wieder an und war mit der Zahl der Notrufe vor der Pandemie vergleichbar [11].

In der vorliegenden Studie wurde die Inzidenz von SR-Patienten ein Jahr vor und während der Pandemie verglichen. Die Gesamtzahl der aufgenommenen Patienten ging um 31 % zurück (Inzidenzrate 0,69) mit einer starken Veränderung bezüglich der Heimatländer der SR-Patienten während der Pandemie. Die Rate der SR-Patienten mit ausländischem Wohnsitz ging aufgrund der Reise- und Tourismusbeschränkungen deutlich zurück. Der stärkste Rückgang der Inzidenz wurde in den Wintermonaten festgestellt, die mit den Lockdowns im Winter und dem starken Rückgang der sportlichen und touristischen Aktivitäten korrespondierten. In der Universitätsklinik Innsbruck werden im Winter viele Schneesportverletzungen behandelt. Der größte Rückgang an Sportverletzungen wurde diesbezüglich bei Ski- und Snowboardverletzungen beobachtet. Interessanterweise wurden während der Pandemie mehr Rodelverletzungen beobachtet. Rodeln war beliebter, weil andere Sportarten (z. B. Skifahren, Skitourengehen) während der Pandemie im Winter nicht erlaubt waren. Des Weiteren wurde während der 2. Lockdown-Phase (03.11.2020 bis 06.12.2020) im Vergleich zum Vorjahr kein signifikanter Rückgang der SR-Patienten beobachtet. Dies kann man durch die geringere Touristenzahlen und Freizeitaktivität der Bevölkerung zu dieser Jahreszeit in Tirol erklären [4].

Zusätzlich zeigt sich eine Steigerung der Sommersportverletzten im Vergleich zu 2019. Nachdem in den Lockdown-Phasen viele Aktivitäten eingeschränkt wurden, hat dies dazu geführt, dass die Familie gestärkt wurde und viel zusammen unternommen wurde. Somit wurden neue Sportarten ausprobiert, und es kam vermutlich kompensatorisch zu vermehrter Sportaktivität, was natürlich zu vermehrten Unfällen geführt hat [14]. Es konnte gezeigt werden, dass auch während einer Pandemie und Lockdown-Phasen nahezu täglich mit SR-Patienten an einem Traumazentrum zu rechnen ist und dementsprechende Traumateams und Ressourcen zur Verfügung stehen müssen.

Bei den Arbeitsunfällen zeigt sich eine nahezu gleichbleibende Zahl. Dies kann durch eine offizielle Statistik der Allgemeinen Unfallversicherungsanstalt (AUVA) nicht bestätigt werden. Es wird ein Rückgang von rund 23,3 % von 2019 auf 2020 beschrieben, welcher am ehesten durch Kurzarbeit und Homeoffice verursacht wurde [1].

In der vorliegenden Studie zeigten SR-Patienten während der Pandemie einen medianen ISS-Wert von 17 (IQR 9–29), während der mediane ISS-Wert von Patienten vor der Pandemie 16 (IQR 6–26) betrug. Auch wenn dieser Unterschied in den ISS-Werten eine statistische Signifikanz erreichte, sollte beachtet werden, dass die Rate schwer verletzter Patienten (ISS ≥ 16) zwischen den beiden Gruppen vergleichbar war. In einer Studie aus der Schweiz berichten Halvachizadeh et al. einen signifikant niedrigeren ISS-Score (Mittelwert = 10,5 ± 4,4) während der COVID-19-Pandemie im Vergleich zu Patienten im gleichen Zeitraum vor der Pandemie (Mittelwert = 15,3 ± 9,2) [9]. Guidici et al. [8] zeigten in der Lombardei, Italien, fast keinen Unterschied im ISS-Score, als sie den COVID-19-Zeitraum (Median = 13, 16–24 = 22,9 %, > 24 = 20,7 %) mit einem gleich langen Zeitraum im Herbst 2019 verglichen (Median = 14, 16–24 = 19,4 %, > 24 = 25,3 %). In der vorliegenden Studie waren die AIS-Werte vor und während der Pandemie vergleichbar. In den Niederlanden beschrieben Van Aert et al. [20] die meisten Verletzungen an den oberen Extremitäten (50 %) und den unteren Extremitäten (ca. 30 %) als AIS-Regionen mit nahezu gleichen Zahlen vor und während der Pandemie.

Eine Zunahme von psychiatrischen Erkrankungen oder Suiziden kann aufgrund von sozialer Isolation während Lockdown-Zeiten oder Pandemiekrisen gewertet werden. In der vorliegenden Studie wurde im Jahr der Pandemie ein Rückgang der SR-Fälle nach Suizidversuchen beobachtet. Unsere Ergebnisse stimmen mit den Daten des österreichischen Statistischen Bundesamtes (Statistik Austria) überein, das für das Jahr 2020 (1068) im Vergleich zum Jahr 2019 (1113) eine leicht zurückgehende Zahl an Suiziden meldete [5]. Daten aus Japan zeigten eine gesunkene Suizidrate zwischen Februar 2020 und Juni 2020, gefolgt von einem Anstieg der Suizidraten, insbesondere bei Frauen [15]. Daher sind die weiteren Auswirkungen der Pandemie auf die Suizidraten noch unbekannt.

Zur Vorbereitung für kommende Pandemien kann man sich mithilfe der berichteten Zahlen eine frühzeitige Anpassung der Personaleinteilung und Dienstpläne an die reduzierte Patientenzahl orientieren. Saisonale Schwankungen der Patientenzahl sollten dabei in Betracht berücksichtigt werden, wie z. B. die 2. Lockdown-Phase zeigte. Um Ansteckungen und Personalausfälle möglichst zu minimieren, wäre eine Aufteilung in Teams (z. B. alternierende Besetzung) sinnvoll.

Nach Kenntnis der Autoren ist dies die 1. Studie, die sowohl über die SR-Inzidenz als auch über Traumamechanismen vor und während der Pandemie berichtet. Die Haupteinschränkung der Studie ist ihr retrospektives Design. Traumadiagnosen wurden gesammelt und nach ihren Krankenakten mit potenziell fehlenden Diagnosen klassifiziert. Diese Studieneinschränkung betrifft jedoch alle Patienten für beide Zeiträume – vor und während der COVID-19-Pandemie.

Als Limitation kann man die eingeschränkte Vergleichbarkeit der Stadt und Umgebung Innsbruck mit anderen Trauma Level-I-Centern beschreiben. Am ehesten bestehen deutliche Unterschiede aufgrund des Tourismuszentrums und der Nähe zu Wintersportzentren. Da die Codierung des AIS und ISS durch Studenten am Ende der Ausbildung durchgeführt wurden, kann man dies ebenfalls als Limitation ansehen.

Fazit für die Praxis

Die Schockraum(SR)-Inzidenz ging während der Pandemie durch die verhängten Lockdowns während der Winterhochsaison signifikant zurück. Dadurch kam es in dieser Phase zu einem entlastenden Effekt auf die Krankenhausversorgung. Die Quote der Schwerstverletzten blieb hingegen stabil. Somit sind ein ausreichendes Traumateam und eine ausreichende Traumaversorgung auch während einer Pandemie essenziell.

Acknowledgments

Funding

Für die Durchführung dieser Studie wurden keine Mittel erhalten.

Einhaltung ethischer Richtlinien

Interessenkonflikt

R. Mayr, A. Iltchev, A. Bonatti, B. Forstner, J. Fritz, E. Gassner und R. Arora geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Zustimmung zur Teilnahme und zur Veröffentlichung: Die Daten werden anonym verwendet, und es war keine Zustimmung der Patienten in dieser retrospektiven Studie erforderlich. Die Studie wurde von der lokalen Ethikkommission genehmigt. Auf eine ethische Genehmigung wurde von der lokalen Ethikkommission der Medizinischen Universität Innsbruck im Hinblick auf den retrospektiven Charakter der Studie verzichtet, und alle Verfahren wurden routinemäßig durchgeführt.

Footnotes

R. Mayr und A. Iltchev haben zu gleichen Teilen zu dieser Arbeit beigetragen.

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Literatur


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