Liebe Kolleginnen und Kollegen,
intensivneurologische Syndrome und Erkrankungen sind häufig und ihr Verständnis ist von erheblicher Bedeutung für die intensivmedizinische Behandlung und das Outcome. Vaskuläre oder traumatische Hirnerkrankungen bedürfen dabei mit Abstand am häufigsten intensivmedizinischer Behandlung, weshalb diese inzwischen recht gut bekannt ist.
Intensivneurologische Symptome und Erkrankungen sind häufig
Sie halten nun ein Schwerpunktheft von Der Nervenarzt zur Neurointensivmedizin in den Händen, in dem Erkrankungen, Syndrome oder ganze Intensivbereiche behandelt werden, die nicht primär aus diesen Gebieten kommen, sondern infektiologische, inflammatorische, metabolische, pharmakologische oder multifaktorielle Funktionsstörungen des Gehirns betreffen. Hier liegt zumeist nicht eine per Bildgebung darstellbare Läsion des Nervensystems vor, und die klinische bzw. labor-/liquor-/funktionsdiagnostische Zuordnung stellt mitunter eine erhebliche Herausforderung dar. Gleichwohl sind auch bei diesen teils selteneren und spezielleren Erkrankungen die Patienten von dauerhafter Behinderung oder gar Tod bedroht, sodass die zeitnahe Stabilisierung und Therapie von großer Wichtigkeit sind. Die Erfolgsaussichten bei nicht wenigen der behandelten Störungen sind aber bei frühem Erkennen, konsequenter Intensivmedizin und der richtigen Kombination aus kausaler und symptomatischer Therapie sehr gut. Die Artikel dieses Hefts kommen von ausgewiesenen Experten aus den Fächern Neurologie, Psychiatrie und Neuropädiatrie.
Die ersten beiden Beiträge geben einen Überblick über die Intensivmedizin zweier spezieller Kohorten neurologischer Patienten. Dass Kinder keine kleinen Erwachsenen sind, ist (hoffentlich) hinlänglich bekannt. Ebenso ist die pädiatrische Neurointensivmedizin eine sehr spezielle Disziplin, deren Charakteristika nicht zwanglos aus der (Neuro‑)Intensivmedizin der Erwachsenen abgeleitet werden können. Bruns et al. machen den Beginn mit einer Übersichtsarbeit zur Behandlung neurologisch kritisch erkrankter Kinder. Dabei zeigen sie, wie sich die Krankheitsbilder von denen Erwachsener unterscheiden und welche Arbeitstechniken von Bedeutung sind, eingebunden in ein multidisziplinäres Setting.
Die Infektion mit SARS-CoV‑2 hat gerade zu Beginn der Pandemie für Patienten mit schweren COVID-19-Verläufen eine Intensivtherapie erfordert. Diese hat auch neurologische Manifestationen bzw. Komplikationen mit sich gebracht, die anfangs jedoch nicht gut verstanden, kategorisiert und v. a. hinsichtlich ihrer Häufigkeit, Verteilung und Bedeutung wenig belastbar dargestellt waren. Dimitriadis et al. fassen die Neurointensivmedizin bei COVID-19 und ihre erhebliche Bedeutung für das Outcome und die Langzeitfolgen zusammen und basieren hier auf größere und robustere Kohortenstudien wie auch auf die eigenen Daten aus der PANDEMIC-Studie zu neurologischen Manifestationen bei COVID-19-Intensivpatienten in Deutschland.
Zwei weitere Beiträge behandeln fächer- und stationsübergreifend wichtige Syndrome, die prinzipiell jeden Intensivpatienten betreffen können. Das Delir, früher fälschlicherweise als „Durchgangssyndrom“ bezeichnet, ist mitnichten nur vorübergehend, sondern hinterlässt bei den meisten Patienten erhebliche neurokognitive Langzeitfolgen, dazu ist es mit einem wesentlich längeren Intensivaufenthalt, sehr hohen Mehrkosten, aber vor allem gesteigerter Intensivstationsmorbidität und -mortalität assoziiert. Angesichts des Umfangs und der Bedeutung des Themas behandeln Haußmann et al. die deliranten Syndrome in zwei Teilen: Teil I befasst sich mit Pathophysiologie, Definitionen, Erkennung und Monitoring, Teil II mit der Behandlung.
Nicht nur in der Psychiatrie, sondern auch in den Notaufnahmen und auf Intensivstationen begegnet man akuten katatonen Zuständen, die von Karl et al. bearbeitet wurden. In ihrer Übersicht werden die Diagnostik und Therapie katatoner Zustände beschrieben, die bei stationär behandelten psychiatrischen Patienten recht häufig sind, aber auch durchaus bei neurologischen Patienten auftreten können. Über die Behandlung mit Lorazepam stellen die Autoren den Stellenwert der Elektrokonvulsionstherapie (EKT) als Notfallbehandlung dar.
Schließlich werden zwei Entitäten von Hirnfunktionsstörungen vorgestellt, die nicht selten zu spät erkannt und behandelt werden und einer komplexen Intensivtherapie bedürfen. Brämer et al. geben einen umfassenden Überblick zu den Autoimmunenzephalitiden, einer Gruppe inflammatorischer Hirnerkrankungen, die erst in den letzten 10 Jahren entdeckt und zunehmend besser charakterisiert wurden. Die zügige Diagnose und oft lange und komplexe immunmodulatorische und ggf. intensivmedizinische Therapie sind für die oft jungen Patienten entscheidend, ihr Outcome kann dann exzellent sein.
Die Detektion und Behandlung eines Status epilepticus auf der Intensivstation werden von Reindl et al. dargestellt. Die Erkennung kann oftmals herausfordernd sein, wenn die Diagnose nicht klinisch gestellt werden kann. Hier kommen naturgemäß dem EEG und dem EEG-Monitoring entscheidende Bedeutungen zu – auch in der Therapieeskalation. Dabei wird der Bogen gespannt vom Initialstadium des Status epilepticus bis zum superrefraktären Stadium. Für die Behandlung gilt dabei die Devise „time is brain“ und „treat to target“.
Wir wünschen Ihnen eine spannende Lektüre!
Ihr Prof. Dr. Julian Bösel
Ihr Prof. Dr. Rainer Kollmar
Interessenkonflikt
J. Bösel und R. Kollmar geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.
Footnotes
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Contributor Information
Julian Bösel, Email: mail@julian-boesel.de.
Rainer Kollmar, Email: rainer.kollmar@mail.klinikum-darmstadt.de.
